Spiegelfeld, Band 3
Neun Minuten am 12. August 1099

von Christian Zillner

€ 23,00
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Verlag: Dornröschen-Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 7 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 42/2009

Österreich im Elferpack

"Spiegelfeld" von Christian Zillner macht eine Familiengeschichte zum Nationalepos in Versen

Christian Zillner hält es behutsam in seinen großen Händen. Es ist 13 mal 19 Zentimeter groß, 112 Seiten stark und das sechste einer Reihe. Der sechste Band in Österreichs Nationalepos, wie seine fünf Vorgänger gedichtet von ihm, Zillner. Jeder Band trägt eine Nummer, das ganze Epos heißt "Spiegelfeld" und ist benannt nach einem Adelsgeschlecht, dessen Geschichte erzählt wird. Soweit sie sich rekonstruieren lässt, sagt Zillner. Wo kein historisches Material da ist, erfindet oder erdichtet er es. Spiegelfeld ist auch ein schöner, sprechender Name für das Feld von Geschichten und Geschichte. Bilder in Bildern, Brechung in Brechung.
Im ersten Band treffen die Matse, Vorfahren der Spiegelfeld, im Jahr 907 auf der Burg des Grafen Montfort ein und sehen zum ersten Mal Glas. "Was ist das? / Glas aus der heiligen Stadt Rom. / Dort gibt es alles und alles ist glanzvoll. / Ich schau hindurch, als ob nichts wäre, / Und doch spür ich es. / Manchmal spiegelt es auch. Vor allem nachts / Wenn draußen die Finsternis herrscht und wir / Bei Kerzenschein sitzen. Glas / Lässt uns die Welt sehen, dann wiederum / Wirft es ein Bild unseres Inneren zurück (…) / Schon ist die Kerze im Glas! Bald / Könnt ihr euch selbst erkennen."
Ein durchaus anständiges Geschlecht, die Spiegelfelds, erzählt der Autor. Er lernte einen von ihnen bei der Produktion eines Buchs kennen. Als dieser Spiegelfeld einen unsäglichen Sager des FPÖ-Rechtsaußen John Gudenus im Parlament hörte, forderte er dessen Ausschluss aus einem Adelsklub, in dem sie beide verkehrten – andernfalls würde er selbst austreten. Offenbar einer, dem man vertrauen kann.
Ursprünglich trugen die Spiegelfelds das Projekt "ihrer" Familiengeschichte dem mittlerweile verstorbenen profil-Her­ausgeber und Verleger Hubertus Czernin an. "Ihr Wurschtel!", lachte der, von höherem Geblüt, und lehnte ab.

Etwas im Stil der "Buddenbrooks" von Thomas Mann hatte Zillner zunächst im Sinn gehabt, ehe es ihm unversehens anders wurde: ein Versepos, angelegt auf elf Bände. Nicht nur die Geschichte der Familie Spiegelfeld, die Geschichte eines gesamten Landes sollte daraus werden. Das fehlende österreichische Epos, nicht mehr und nicht weniger.
Zillners These: Ein kleines reiches Land unter Babenbergerherrschaft wurde unter den Habsburgern zu einem Reich und ist erst jetzt, in der Zweiten Republik, zu sich gekommen. Hitler war gewissermaßen der letzte Habsburger, und Zillner schenkt dem aufs Neue klein und reich gewordenen Ländchen sein versifiziertes Selbstbewusstsein.
Sieben Jahre lang war Zillner Redakteur, später Chef vom Dienst beim Falter und leitet seit neun Jahren die Abteilung Corporate Publishing im Falter Verlag. Job ist Job, sagt er. In seinem Zimmer steht in 16 Bänden der Neue Pauly, die berühmte Realencyclopädie der Antike neben Arno Schmidts "Zettels Traum" und Matthias Claudius' "Wandsbecker Boten". Auch zartfarbige Gemälde aus eigener Produktion hängen da. Und über dem Eingang prangt unsichtbar das Motto: "Ich arbeite für ein Unternehmen, in dem es auf der einen Seite die Sonnenwesen, die Schmetterlinge, gibt und auf der anderen Seite die Raupen der Nacht, ohne die es keine Schmetterlinge gäbe … Ich bin der Prince of Darkness. Mein Job ist es, Kohle heranzuschaffen."

Auch hier also ist Adel mit im Spiel, der des Verzichts. Der zitierte Satz Zillners fiel auf einer Tagung zur Magazinkultur in Österreich. Aber Zillner ist nicht wehleidig. Er hält von Autorschaft wenig und nennt sich nicht etwa Schriftsteller, sondern lapidar "Maler, Schreiber, Magazineur". Versemachen scheint ihm zu Recht ein hartes Brot. Breitenerfolg wird man damit gewiss nicht haben. Zillner sagt Sachen wie: "Wer sich wohlfühlen will, soll Romane lesen." In seinen Gedichtbänden opfert er der Furie der Erfolgsvermeidung.
Warum um alles in der Welt studiert so einer Theologie? Weil er sich im heimatlichen Dornbirn mit dem Zeichenprofessor zerstritt und ihm die Religionslehrerin besser gefiel. Solche Antworten gibt Zillner gern. Theologie als Verweigerung, damit konnte man schon wieder etwas vermeiden: die Gefahr einer Kunstkarriere.
Er hat dann seinen Doktor gemacht, über ein anderes Epos, die Odyssee. Odysseus bei den Kirchenvätern, damit landete er doch auf der Philosophie. Er hätte gleich ein Langgedicht daraus machen sollen, sagt er heute, da mehr als die Hälfte seines elfbändigen Unterfangens bereits vorliegt.
Im ersten Band schildert er eine neuntägige Fahrt im zehnten Jahrhundert. Im nächsten Jahrhundert, im nächsten Band, sind es neun dramatische Stunden auf der Insel Reichenau. Der dritte Band nimmt uns auf den ersten Kreuzzug von 1099 und beschreibt davon neun Minuten, der vierte handelt in neun Stationen nach dem Tod des letzten Babenbergers 1247, der fünfte beschreibt mit einem Sprung ins 20. Jahrhundert die neun Bundesländer und der sechste neun Monate aus der Pestzeit im Wien des Jahres 1349.
Zahlenmystik? Keine Details, sagt Zillner, Neun sei halt seine Glückszahl. Er verweise auf sein Geburtsdatum, den 19.9.1959. Und dass er das Epos auf elf und nicht auf zwölf Bände angelegt habe, sei auch kein Zufall. Was ist seine Absicht?

Jedem Band stellt Zillner ein Vorwort voran, in dem er nicht nur den Inhalt des jeweiligen Bands erläutert. Im zweiten Band zitiert er etwa den Patriarchen von Jerusalem, Arnulf von Choque und Rohes, der die Grabhüter, seine orthodoxen Glaubensbrüder foltern ließ, "um zu erfahren, wo sie Reliquien und Schätze vor den Muslimen verbargen". Und Zillner fragt: "Aber wie soll ich einen Patriarchen von schok und roh von der Taktik einer Großmacht trennen, die sich ‚shock and awe' nennt?"
Die Gegenwart bricht immer wieder ein in Zillners Geschichte, er erfindet die Geschichte neu, wenn es sein muss, mithilfe von Episoden, die ihm in der U-Bahn ein- oder auffallen. Der Zugang zu Spiegelfeld'schen Familienarchiven lässt, trotz Privataufzeichnungen und einer – wenn auch unvollständigen – Genealogie, viel zu viele Lücken offen. Mit Material aller Art, mit historischer Privatgelehrsamkeit und mit eigenen Erlebnissen werden sie geschlossen. Ohne Internet wäre so ein Unterfangen undenkbar. Quellenmaterial vor allem auf US-amerikanischen Universitätswebsites erleichtert die Recherche durch die Jahrhunderte. Und wenn Zillner in Vorstadtzügen reist, schreibt er. Schnellbahn ins nationale Selbstbewusstsein.
Zillner kombiniert seine oft gewaltigen, nicht selten gewalttätigen Bilder (es geht um Geschichte, also um Blut und Qual) mit einer dem jeweiligen Anlass und dem betreffenden Jahrhundert angemessenen Sprache. Eher kindlich zuerst, mitunter mittelhochdeutsch-alemannisch gemischt, im 20. Jahrhundert gern auch englisch, nimmt er uns auf Reisen in entlegene Zeiten, an merkwürdige Orte, wo dieses merkwürdige Etwas entstand, das wir trotz allem "Wir" nennen.

Dieses "Wir" entsteht aus Liebe und Mitgefühl, aber auch aus Betrug und List, Dreck und Gewalt. Über die Sanierung des Falter steht da zum Beispiel der harte Satz: "To rescue the idol / they killed the idea."
Klar, dass der Autor Ezra Pound bewundert. Wir bewundern ihn für das Wagnis dieser Dichtung, die Kraft seiner Imagination und die ästhetische Anstrengung der Gleichgültigkeit gegen sich selbst. Weniger bequem als ein Roman, gewiss, aufregende Lektüre allemal. Und ein optisches Vergnügen ist "Spiegelfeld" auf jeden Fall: Die Farben der typografisch schön gestalteten Bändchen erfreuen alle, die das ganze Paket in Händen halten. Beeile sich, eines zu bekommen, wer kann. Es gibt insgesamt nur 500 davon. Man wird sie demnächst sammeln.

Armin Thurnher in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Spiegelfeld, Band 1 (Christian Zillner)
Spiegelfeld, Band 2 (Christian Zillner)
Spiegelfeld, Band 4 (Christian Zillner)
Spiegelfeld, Band 5 (Christian Zillner)

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