Gut bei Gegenwind

96 Seiten, Taschenbuch
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Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Anthologien (nicht Lyrik)
ISBN 9783950375107
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 20.03.2014
Größe 210 x 148 mm
Verlag Simone Philipp
Herausgegeben von Anton Christian Glatz, Simone Philipp
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Kurzbeschreibung des Verlags

Gut bei Gegenwind - ein Anthologie, entstanden im Rahmen von einer Workshopreihe zum Kreativen Schreiben in der Justizanstalt Graz-Karlau

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Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Anthologien (nicht Lyrik)
ISBN 9783950375107
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 20.03.2014
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Verlag Simone Philipp
Herausgegeben von Anton Christian Glatz, Simone Philipp
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FALTER-Rezension

Gedichte auf Freigang

Tiz Schaffer in FALTER 26/2014 vom 25.06.2014 (S. 45)

Herbert T.* bezeichnet sich selbst als "21er". Der 59-Jährige wurde nach dem Paragrafen 21.2 des Strafgesetzbuches verurteilt, als geistig abnormer Rechtsbrecher, der allerdings zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig war. Über seine Straftat, diese "ganz arge Geschichte", möchte er nicht reden. Seit vier Jahren sitzt er dafür bereits in der Justizanstalt Graz-Karlau und hat wohl noch weitere neun vor sich. Beim Besuch des Falter in der Haftanstalt erweckt Herr T. einen reflektierten, gebildeten und sanftmütigen Eindruck – er besuchte in jungen Jahren die Wiener Akademie der bildenden Künste als Gasthörer, dem damaligen Professor Rudolf Hausner, einem Phantastischen Realisten, reiste er auch ins Ausland hinterher. "Herr T., Sie sind eine Klette", wird Hausner einmal zu ihm sagen.
Das Malen hat Herbert T. auch im Gefängnis nicht aufgegeben. "Der Phantastische Realismus hat sich zur Tapetenmalerei entwickelt. Ich bin zurückgekehrt zum klassischen Surrealismus, allerdings in fotorealistischer Darstellungsweise. Und ich nehme auch Anleihen an mittelalterlichen Malern wie Hieronymus Bosch." Herr T. leitet den Malkurs in der Karlau. Zuletzt ist er auch unter die Schriftsteller gegangen. "Gut bei Gegenwind" nennt sich die im Eigenverlag erschienene Publikation, für die er eine Kurzgeschichte und Gedichte verfasst hat – das Ergebnis eines in der Karlau abgehaltenen Workshops zu literarischem Schreiben. Die beiden Grazer Autoren Simone Philipp und Anton Christian Glatz haben in sieben Einheiten zu je zwei Stunden versucht, den teilnehmenden Häftlingen theoretische, aber auch praktische Grundlagen der Dichtkunst zu vermitteln.

Elf Häftlinge haben teilgenommen, sieben von ihnen haben der Anthologie schließlich unter Synonymen wie Alpha, Le Fou oder Clavigo Druckreifes beigesteuert. "Wir sind respektvoll mit den stilistischen Eigenheiten umgegangen", erzählt Glatz. Es wurde also sehr zurückhaltend in die Texte eingegriffen. Und gerade in ihrer Unbehauenheit vermitteln die Kurzgeschichten, die anekdotischen Erzählungen und die Gedichte einen eigenwilligen Charme. Es ist deutlich spürbar, wie um den poetischen Ausdruck gerungen wird – nicht selten wirkt das etwas zu sehr gewollt, mitunter gelingt aber durchaus Stattliches. "Das persönliche Profil zu erhalten war uns wichtiger, als nivellierend einzugreifen. Die Leute sollten sich ja in den Texten wiederfinden", so Glatz.
In den erzählerischen Miniaturen mit oft autobiografischer Grundierung geht es etwa um Tanzabende, lang zurückliegende Nächte in der Disco, einmal um einen recht misslungenen Urlaub in der Dominikanischen Republik, skurril sind die Verhandlungen einer Hausvertretung rund um die Anbringung eines Blitzableiters. Allerdings sind die literarischen Versuche, wie man es sich von Texten aus dem Knast vielleicht erwarten könnte, keinesfalls hard-boiled. Auch an ihrer derzeitigen Situation haben sich die Häftlinge kaum abgearbeitet.
Herr T. sagt: "Der Verlust der Freiheit ist etwas so Schreckliches, dass man sich gar nicht damit auseinandersetzen und darüber schreiben mag." Nur hin und wieder schimmert Unheilvolles durch. So schreibt Le Fou, auch ein "21er", in der letzten Strophe seines Gedichts "Rage": "Oft ein Mann an Liebe denkt, / Doch zuletzt der Schwanz ihn lenkt. / Kurz der Polizeibericht / Von Affekt und Mord dann spricht." Und einmal verleiht auch Herr T. unter dem Pseudonym Animax seiner Verzweiflung Ausdruck: "Keine Freiheit / Angehalten auf unbestimmte Zeit / Rechtlosigkeit verletzt / Lauter Gitter macht entsetzt / Aus dunklen Zellen / Unsre Stimmen gellen." Die Anfangsbuchstaben des jeweiligen Verses ergeben zusammen das Wort "Karlau". Wer mehr über den Gefängnisalltag erfahren möchte, ist natürlich besser beraten, die Anstaltszeitung Der Insider zu lesen, die quartalsmäßig erscheint. Einige ihrer Mitarbeiter haben auch am Workshop teilgenommen.

Wie Herr T., der beim Insider für Bildbearbeitungen zuständig ist. Er freut sich schon auf den kommenden Literatur-Workshop im Herbst, nicht zuletzt, weil er mit dem Umfang seiner Beiträge für "Gut bei Gegenwind", die er mit der Hand geschrieben hat, nicht ganz zufrieden war. "Ich hab eher ein bisserl wenig produziert, weil ich zu lang zum Denken gebraucht habe und dann nicht mehr rechtzeitig dazu gekommen bin, es zu Papier zu bringen." Nun hat er sich vorgenommen, einen Science-Fiction-Roman zu schreiben. Wie der Plot aussieht, das weiß der Bewunderer des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem schon: "Es geht um Bergbau im Weltraum. Mit Raumschiffen werden Asteroiden angeflogen, ein riesiger Diamant wird abgebaut. Aber es kommt zu eigenartigen Vorfällen mit Strahlungsfeldern. Es stellt sich heraus, dass sie eine Lebensform sind. Meine Überlegung ist, dass es ja tatsächlich sein könnte, dass Leben existiert, das wir gar nicht als solches erkennen. Ein Außerirdischer könnte so fremdartig sein, dass wir den Verstand verlieren, wenn wir ihn nur sehen." In den Gängen der Karlau riecht es bereits nach Mittagessen, und Herr T. sagt mit leisem Bedauern: "Jetzt ist das Gespräch wohl schon zu Ende, oder?"

*Name von der Redaktion geändert

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