Der dümmste Krieg

Ein kurzer Weg nach Srebrenica
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Kurzbeschreibung des Verlags:

"Der dümmste Krieg" blickt 30 Jahre nach Ausbrauch der Konflikte in Jugoslawien in Essayform auf diese zurück und versucht zu ergründen where it all went wrong...

FALTER-Rezension

Kann man Srebrenica erklären?

Zeitgeschichte: Bogumil Balkansky legt eine beeindruckende Analyse des Kriegs in Ex-Jugoslawien vor

Wie erzählt man von einem Krieg, der vor 30 Jahren vor unserer Haustür begann und sich durch unvorstellbare Grausamkeiten, systematische Vergewaltigungen und ethnische Säuberungen auszeichnete, bis er im Sommer 1995 vor den Augen der Weltöffentlichkeit in den Völkermord von Srebrenica mündete? Wie erzählt man von einem Krieg, von dem man persönlich und familiär betroffen war, obwohl man nichts mit ihm zu tun haben wollte? Bogumil Balkansky ist mit seinem neuen Buch „Der dümmste Krieg. Ein kurzer Weg nach Srebrenica“ ein Bravourstück gelungen. In lakonischem Ton, der dem Thema nichts von seiner Dramatik nimmt, sondern es nur umso eindrücklicher macht, nähert er sich dem Geschehen und erzeugt ein intellektuell wie emotional nachvollziehbares Bild jenes Grauens, das die verschiedenen Volksgruppen im einstigen Jugoslawien in seinen Sog gezogen hat.

Im Mittelpunkt stehen die Protagonisten der Kroaten, Serben und bosnischen Muslime, angefangen bei den drei „Handlangern des Todes“ Slobodan Milošević, Franjo Tuđman und Alija Izetbegović, von denen nur Milošević für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden konnte. Tuđman und Izetbegović starben vor Fertigstellung der Anklagen des Den Haager Gerichtshofs. Von den Führern steigt der Autor Schritt für Schritt hinab in die Ebenen der Schlachtfelder, zu den „Hyänen des Krieges“, oft genug ehemalige Schwerverbrecher, die mit ihren Truppen eine Spur der Verwüstung und des Mordes durch die Dörfer und Städte der jeweils anderen zogen und dabei nur ein Ziel verfolgten: so viele „feindliche“ Dörfer zu verbrennen und so viele Angehörige anderer Volksgruppen zu massakrieren wie möglich. Željko Ražnatović, genannt Arkan, Gangster, Anführer der serbischen Freiwilligengarde; Mirko Norac, ehemaliger General der kroatischen Armee und später verurteilter Kriegsverbrecher; Jusuf „Juka“ Prazina, Gangster und paramilitärischer bosnischer Kriegsherr waren drei davon.

Dem Autor gelingt dabei es immer wieder, den Leser en passant aus dem Schrecken herauszureißen und zum Schmunzeln zu bringen. Etwa wenn er Radovan Karadžić als einen Mann beschreibt, den die Welt als Quadratschädel kennenlernt, „mit sorgfältig am Schweben gehaltener Stirntolle, einer tiefen Grube im Kinn, schweren Augenlidern und schlechtsitzenden Anzügen mit Krawatten, die zu anderen Anzügen auch nicht passen würden“.

Die vielleicht größte Stärke des Buches besteht darin, dass Balkansky nicht fragt, wer wann, wo und warum angefangen hat. Nicht weil es ihn nicht interessierte, sondern weil das Wann im Kontext historischer Erzählung meist nationalistisch determiniert ist: Wer hat wen zuerst gedemütigt, welche Rechnung war noch nicht beglichen worden, welche neue wurde gerade aufgemacht? Begann es 1991, 1990 oder während des Zweiten Weltkriegs 1941? Vielleicht aber auch 1908 mit der Bildung bosnischer „Schutzkorps“ während der Habsburger Herrschaft oder 1389 auf dem Amselfeld?

Was gilt als Beginn eines Krieges? Die ersten hasserfüllten Worte, die ersten Demonstrationen, die ersten Steinwürfe, der erste Schuss? Und welcher Schuss war der erste? Waren es jene Schüsse, die am Morgen des 31. März 1991, von serbischen Aufständischen abgegeben, den kroatischen Polizisten Josip Jovi im Nationalpark von Plitvice tödlich trafen? Oder war es der von kroatischer Seite weniger beachtete Schuss eines serbischen Nationalisten, der schon ein halbes Jahr zuvor Goran Alavanja tödlich traf, einen in der kroatischen Polizei dienenden Serben? Weniger beachtet, weil der Getroffene, unabhängig von der Uniform, die er trug, Serbe und nicht Kroate war? Balkansky stellt mit diesem Buch entscheidende Fragen: Warum haben sich so viele dem nationalen und/oder religiösen Taumel hingegeben und dabei jede Menschlichkeit aufgegeben? Und warum hat niemand den Hass und das Morden gestoppt, dem die ganze Welt zugesehen hat? Denn der Weg nach Srebrenica war nicht so kurz, wie der Untertitel des Buches nahelegt, und er war gut sichtbar.

Das letzte Stück des Weges nach ­Srebrenica zeichnet der Autor nach, indem er sich neuerlich den Protagonisten zuwendet: Da ist zunächst Naser Orić, ehemaliger Leibwächter Milošević’, der es zum muslimischen Kriegskommandanten von Srebrenica brachte. Unter seinem Kommando wurde die Umgebung von Srebrenica „serbenfrei“. Sein Gegenüber ist Ratko Mladić, ein Berufsoffizier, der den Völkermord von Srebrenica befehligte. Dazwischen der schwankende Oberst Thomas Karremans, niederländischer Leiter des UN-Dutchbat III der UNPROFOR, dessen Aufgabe darin bestand, die Bewohner von Srebrenica zu schützen.

Im entscheidenden Moment aber brachte Karremans nicht den Mut auf, dieser Aufgabe mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, notfalls auch Waffengewalt, gerecht zu werden. Statt der Drohung Mladić’, er werde auf die Blauhelme schießen lassen, mit einer Gegendrohung zu begegnen, ließ er die serbisch-bosnische Armee ungehindert die Checkpoints passieren. Noch am selben Abend sah man ihn mit Mladić Schnaps trinken, im erstürmten Srebrenica. Schließlich lieferte er sogar die muslimischen Übersetzer, Zivilisten unter Vertrag der UN, an ihre Mörder aus.

Balkansky stellt sich mit diesem Buch quer zur Logik der nationalistischen Erzählungen, die die Frage nach dem Anfang mit sich bringt, und offenbart mit seiner Analyse menschlicher Abgründe mehr über die Kriege im zerfallenden Jugoslawien, über Nationalismus, Hass, Machtgier und die dünne Wand, die uns von der Barbarei trennt, als die meisten Geschichtsbücher.

Heiko Heinisch in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 43)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783950465037
Ausgabe 1. Auflage 2021
Erscheinungsdatum 17.09.2021
Umfang 255 Seiten
Genre Belletristik/Historische Kriminalromane
Format Taschenbuch
Verlag redelsteiner dahimène edition
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