Slam, Oida!

15 Jahre Poetry Slam in Österreich
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Seit über 15 Jahren haben Mieze Medusa und Markus Köhle die Freude, Ehre und Arbeit, in Österreich die Poetry-Slam-Szene mitzugestalten. Wir waren also von Anfang an dabei, sind immer noch unterwegs und unfassbar glücklich darüber, wie groß, vielfältig und funkelnd die Szene unseres Landes ist.
In diesem Buch haben wir 42 Slamtexte ausgewählt, die einen bunten Querschnitt bieten. So schreiben wir: vom Wiener Schmäh, vom Leben am Land, von der Härte der Berge und Täler, von den Abenteuern einer Winkerkrabbe, von der Liebe, von Bobo-Verhipsterung und von Fragen, die uns gestellt werden: Wo kommst du her? Wer befreit unterdrückte Rufnummern? Wo siehst du dich in fünf Jahren?
Auch im Buch: Jede Menge Slamwissen. Hier werden wichtige Fragen beantwortet: Ab wann gehöre ich dazu? Ist der Wettbewerb nicht ein bisschen unfair? Kannst du mir 10 Tipps für meinen gelungenen Auftritt geben? Ja, darf man das? Ja, das darf man.

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FALTER-Rezension

Familie Slam und ihr Sturm aufs Wasserglas

Poetry-Slam bringt Dichtung auf die Bühne und wirbelt den Literaturbetrieb durcheinander. Die Szene erlebt seit Jahren einen Boom, doch nun droht die junge Kunstform am eigenen Erfolg zu ersticken

Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wo Markus Köhle auftritt, herrscht binnen weniger Minuten gute Stimmung. Wäre sein Leben anders verlaufen, wäre der 42-Jährige vielleicht ein witziger Skilehrer geworden, wie er in der Realität kaum anzutreffen ist. Seit gut 15 Jahren ist der gebürtige Tiroler Dreh- und Angelpunkt der österreichischen Poetry-Slam-Community, und weiß genau, welche Register er ziehen und welche Texte er auspacken muss, um die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.
Dass er bei seinen Auftritten neben Blödeleien und den für Slam typischen Wortspielen auch literaturhistorische Anspielungen und einen Hauch von experimenteller Lyrik in der Tradition der heimischen Avantgarde unterbringt, fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Was er mehrmals wöchentlich vor Publikum tut, nennt Köhle „Minnesang von heute“. Als Papa der heimischen Poetry-Slam-Szene wird der aus Nassereith stammende Autor und studierte Germanist und Romanist bisweilen bezeichnet. Nicht zuletzt von ihm selbst, und das nicht nur ironisch, sondern durchaus voll Vaterstolz.

Poetry Slam ist performative Bühnenpoesie und inzwischen auch in Österreich als Unterhaltungsabteilung des Literaturbetriebs erfolgreich etabliert. Alles begann 1984 in Chicago, als ein Dichter über das alte Problem nachsann, das fast alle Lyriker beschäftigt: Wie er seine Kunst unters notorisch uninteressierte Volk bringen kann. Marc Smith hatte damals die Idee, an bereits existierende Open-Mic-Abende in Lokalen anzudocken und diesen den Charakter eines freundschaftlichen Wettbewerbs zu verleihen.
Bei einem Poetry-Slam-Abend treten Autorinnen und Autoren an, um mit ihren Texten und ihrer Vortragskunst die Gunst der Zuhörer zu gewinnen. Bei den meisten Slams stimmen diese per Applaus ab, manchmal entscheidet auch eine Jury. Im Laufe der 1980er-Jahre entstanden in Chicago, San Francisco und New York verschiedene Slam-Formate: offene Abende, auf bestimmte Themen fokussierte Slams sowie Meisterschaften, bei denen jährlich die Besten des Fachs gekürt werden.
Langsam schwappte der literarische Vortragswettbewerb nach Europa über. Kleine Veranstalter luden Spoken-Word-Künstler aus den USA nach Deutschland ein, wo ab 1994 erste eigene Formate auftauchten. Als älteste einschlägige Veranstaltung hierzulande gilt der von Markus Köhle 2002 begründete „Bäckerei Poetry Slam“ (vormals: „Bierstindl Poetry Slam“) in Innsbruck. Die Anfänge waren familiär. Während er in Tirol werkelte, entwickelten in Wien Köhles Lebensgefährtin Mieze Medusa und seine Schwester Diana Köhle die Slam-Reihe Textstrom.
Die drei Pioniere haben zahlreiche Nachahmer. Ein Blick in die Falter:Woche zeigt, dass in Wien bereits fast täglich ein Slam stattfindet. Das Angebot reicht von „Wos host gsogt“, dem ersten regelmäßigen Dialekt-Slam im deutschsprachigen Raum, über den dem Erotischen gewidmeten „Rotlicht Poetry Slam“ oder den „Freispruch Poetry Slam“, bei dem die Teilnehmer auf der Anklagebank sitzen, bis zu Lesebühnen wie „Sinn & Seife“, die Slam ohne Wettbewerbs­charakter bieten.

Poetry-Slam hat die Literaturwelt durcheinandergewirbelt. Lange Zeit war die klassische Wasserglaslesung, bei der jemand aus seinem Buch vorliest, ohne vom Publikum groß Notiz zu nehmen, so gut wie die einzige Form der Livedarbietung von Literatur. Poetry-Slam ist mit seinem performativen Ansatz das Gegenteil davon. Insofern verwundert es nicht, dass die Leute in Scharen zu den Veranstaltungen strömen. Fast jeder Autor kann eine Geschichte erzählen, wie er einmal vor zwei oder drei Besuchern gelesen hat. Kommen zu einer Buchpräsentation 50 Gäste, ist das schon viel. Bei Poetry-Slam hingegen sind dreistellige Besucherzahlen die Regel. Der Grazer „Hörsaal Slam“, die derzeit größte Veranstaltung des Landes, zieht regelmäßig 600 bis 700 Fans an. Vom Literaturbetrieb wurde Slam lange nicht ernst genommen. Sehr oft musste Markus Köhle sich sagen lassen, dass das, was er macht, keine Literatur sei. Erst langsam findet ein Umdenken statt. Poetry-Slam und eine Karriere im traditionellen Literaturbetrieb schließen einander nicht aus, wie das Beispiel der schweizerisch-deutschen Lyrikern Nora Gomringer, die auf Slam-Bühnen begann und 2015 den Bachmann-Preis gewann, zeigt. Mittlerweile gibt es längst auch Slams in Literaturhäusern, die sich dadurch ein neues Publikum erhoffen.

Tatsächlich ist die Bühnenpoesie nicht nur eine Gaudi. Neben dem humoristischen bis klamaukigen Ansatz, der in Richtung Kabarett und Comedy weist, gibt es den lyrisch-performativen sowie den musikalischen Zugang mit einer Affinität zu Hip-Hop. Viele junge Kreative nutzen Slam, um sich erstmals auf der Bühne auszuprobieren, ziehen dann aber zu anderen Ausdrucksformen weiter. Der Teenager Nino Mandl, der später zu Der Nino aus Wien wurde, gehörte ebenso dazu wie Marco Michael Wanda, der in seiner Zeit als Sprachkunststudent eine Slam-Verhöhnung versuchte.
Poetry-Slam ist eine niederschwellige Kunstform. Jeder, der einen etwa fünf Minuten langen Text mitbringt, kann mitmachen. Schüchtis haben ein Problem, Rampensäue sind klar im Vorteil. Die neue Generation fällt aber ohnehin nicht durch ihre Gehemmtheit auf. „Die Jungen haben dadurch, dass sie sich ständig filmen, eine extreme Bühnenpräsenz“, erzählt Diana Köhle.
Allerdings klängen sie auch sehr ähnlich, manche würden nur Youtube-Videos von deutschen Slam-Stars nachahmen. Oft sei das Selbstbewusstsein bei weitem ausgeprägter als die Qualität der Texte. „Am interessantesten sind die Außenseiter und Nerds“, so die Veranstalterin. „Nur verschwinden die leider oft wieder.“
Im Moment befindet sich Poetry-Slam hierzulande an einem schwierigen Punkt. Zwar boomt die Szene seit Jahren und das Publikum wächst nach wie vor, doch es droht eine Vereinheitlichung und Verflachung. An sich zeichnet Slam in Österreich aus, dass er ein bisschen verschrobener und experimenteller daherkommt als in Deutschland. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich das durch die Einladungspolitik bei Veranstaltungen steuern, erzählen Markus Köhle und Mieze Medusa. Fehlt es jedoch an Vielfalt, wird es schwierig: „Inzwischen haben die Leute gewisse Hörgewohnheiten, wie ein Slam-Text klingen muss. Und wenn man was anderes macht, sind sie leicht verstört.“
Eine frische Brise spüren Köhle und Medusa beim langjährigen Format „Textstrom“, das kürzlich vom Rhiz in die Brunnenpassage übersiedelte. Denn dort ist das Publikum auf einmal nicht mehr nur weiß und studiert, sondern bunt und vielsprachig. Und beim feministischen „Flawless Slam“ im Kosmos Theater, bei dem auch ein Workshop angeboten wird, waren zuletzt viele Mädchen mit Kopftüchern dabei. In Deutschland existiert bereits eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „i,Slam“, der sich an die junge muslimische Community wendet. In Wien wird gerade an einem Ableger gebastelt.

Geld spielt derweil noch keine große Rolle, vom Slammen allein zu leben ist in Österreich fast unmöglich. Erfolgreiche deutsche Slammer können mit zwei, drei Texten pro Jahr so viele Bühnen bespielen, dass sie damit ihr Auslangen finden. Hierzulande ist Vielseitigkeit gefragt. Markus Köhle macht auch normale Lesungen und übernimmt Moderationen, ist Zeremonienmeister bei Slams und auch als Literaturexperte für die Alte Schmiede tätig.
Mieze Medusa hat neben der Slammerei bereits seit 2003 zusammen mit Tenderboy ein Hip-Hop-Projekt und tritt mit ihrer Kollegin Yasmin Hafedh alias Yasmo als Duo MYLF – Mothers You’d Like to Flow With auf. Romane und Lyrik schreiben sie und Köhle sowieso längst. Kürzlich haben sie die Anthologie „Slam, Oida! 15 Jahre Poetry Slam in Österreich“ herausgegeben.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Slammer auch noch in 15 Jahren auf der Bühne stehen. Poetry-Slam ist zwar, ähnlich wie Rock ’n’ Roll oder Hip-Hop, ein Fall für junge Leute. Aber auf den einmal erlebten Kick und den Applaus will halt auch niemand verzichten.

Sebastian Fasthuber in Falter 50/2017 vom 15.12.2017 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783954610983
Erscheinungsdatum 25.07.2017
Umfang 257 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag Lektora GmbH
Empf. Lesealter ab 14 Jahre
Herausgegeben von Mieze Medusa, Markus Köhle
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