Keine Macht für Niemand

Ein Ton Steine Scherben Songcomic
Lieferbar ab Februar 2023
Kurzbeschreibung des Verlags:

»Allein machen sie dich ein!«, »Wir sind geboren, um frei zu sein!«, »Wir müssen hier raus!« – Kaum ein Album der deutschen Pop­geschichte hat so viele Parolen hervorgebracht, die von Tausenden Menschen auf Hunderten Demos skandiert wurden, wie »Keine Macht für Niemand«, der Klassiker der Agitrockband Ton Steine Scherben von 1972. Kaum zu glauben, dass das Album im Oktober 2022 bereits 50 Jahre alt wird. Neben damals tagesaktuellen Liedern wie dem »Rauch-Haus-Song« oder »Menschenjäger« finden sich zeitlose Klassiker wie »Schritt für Schritt ins Paradies« oder »Komm, schlaf bei mir«. Als Gesamtkunstwerk zwischen Agitprop, Liebeslied, Demoparolen und Bibelzitaten haben sie Musikgeschichte geschrieben. Anlässlich des Jubiläums haben wir elf Comiczeich­ner:innen gebeten, sich mit jeweils einem der Songs zu beschäftigen und ihn danach zu befragen, ob er für die heutige politische Weltlage noch Relevanz besitzt. Entstanden sind elf eigenwillige Interpretationen, die die vielen Facetten des Albums einfangen, das Parolenhafte wie auch das Zarte, die Kritik aber auch die Utopie.
Das Line-up: Kathrin Klingner (»Wir müssen hier raus«), Nicolas Mahler (»Feierabend«), Bianca Schaalburg (»Die letzte Schlacht gewinnen wir«), Sheree Domingo/Rahel Suesskind (»Paul Panzers Blues«) Reinhard Kleist (»Menschenjäger«), Mia Oberländer (»Allein machen sie dich ein«), Sascha Hommer (»Schritt für Schritt ins Paradies«), Daniela Heller (»Der Traum ist aus«), Jan Soeken (»Mensch Meier«), 18Metzger (»Rauch-Haus-Song«), Ulli Lust (»Keine Macht für Niemand«), Michael Jordan (»Komm, Schlaf bei mir«)

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FALTER-Rezension

Rebellischer Pop von zeitloser Strahlkraft

Politische Lieder sind schwierige Dinger, allzu oft stör' n erhobene Zeigefinger", lautet eine popkulturelle Bauernregel. Gleichzeitig ist der passende Soundtrack natürlich ein wichtiges Mittel, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen -um eingangs gleich den alten Polit-Popstar Karl Marx zu bemühen.
Songs, die mehr als nur unterhalten wollen, tappen tatsächlich oft in Fallen. Der Inhalt ist dann wichtiger als die Form, anstatt Lieder setzt es verknappte Referate mit Musikbegleitung. Vermeintliche Klarheit verkommt zu platter Parole, kluge Reflexion im Gegenzug zur voraussetzungsreichen Seminararbeit.

Der konkrete Anlass verpasst Protestliedern einen Zeitstempel und schreibt ihnen so ein Ablaufdatum ein. Oder natürlich das klassische Dilemma: Wer die Botschaft empfängt, stimmt ohnedies mit dem Sender überein, das sogenannte preaching to the converted also. Wobei Letzteres nicht unbedingt schlecht sein muss: Auch Überzeugte wollen Bestätigung, und bisweilen wollen sie ihre Bestätigung sogar tanzen.

"Keine Macht für Niemand", das im Oktober 1972 erschienene zweite Album der Berliner Umstürzler-Rockband Ton Steine Scherben, ist voller Parolen und in einzelnen Texten sogar anlassgebunden tagesaktuell. Und doch hat die Platte bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren.

Statt einer überteuerten Deluxe-Box voll unnötigem Schnickschnack liegt zum runden Geburtstag nun ein liebevoll gestalteter "Songcomic" vor, der die Platte Stück für Stück visuell aufbereitet. Erschienen im Mainzer Ventil-Verlag, der neuerdings verstärkt auch popkulturelle Graphic Novels produziert, zuletzt etwa zu Tocotronic und Fehlfarben.

Stilistisch facettenreich, liefern diverse Zeichnerinnen und Zeichner in "Keine Macht für Niemand" teils nahe an den Songtexten bleibende, teils aber auch freie Interpretationen der zwölf Lieder. So nutzt Bianca Schaalburg "Die letzte Schlacht gewinnen wir" etwa, um eigene Erinnerungen an die Straßenschlacht am 1. Mai 1987 in Berlin einzubringen.

"Man hat das Gefühl, die Fronten waren damals klarer und die Kämpfe einfacher", schreibt Reinhard Kleist in der Vorbemerkung zu dem von ihm illustrierten Lied "Menschenjäger" über die 70er-Jahre. "Das ist aber wohl ein naives Trugbild gewesen. Wir sind heute desillusionierter geworden. Die Träume sind aus."

Die hier so vielfältig ins Bild gesetzten Lieder wurden weit über das Jahr 1972 hinaus zum Soundtrack von Hausbesetzungen und Straßenschlachten, von basisdemokratischen Sitzkreisen und anarchistischen Aktionen. Vor allem aber zählt "Keine Macht für Niemand" bis heute zu den mitreißendsten, überzeugendsten und stärksten Popplatten deutscher Zunge. Rio Reiser - 1996 verstorbener Sänger, Texter und Posterboy des Aufbegehrens - fasste hier einen

Moment des gesellschaftlichen Aufbruchs und destillierte daraus in der Zeit verhaftete und doch zeitlos große Lieder. Seine Band lieferte die Musik dazu; recht konventionell rockig zwar, aber voll Dynamik und Wucht, zugleich auch an den richtigen Stellen zurückhaltend und leise.

Unter all den Parolen, die Ton Steine Scherben geliefert haben, ist "Keine Macht für Niemand", der Titel von Platte und Buch, die bekannteste - so verwirrend die doppelte Verneinung auch sein mag. Aber klar, gemeint war die anarchistische Utopie eines herrschaftsfreien Miteinanders, ein jeder nach seinen Bedürfnissen, eine jede nach ihren Fähigkeiten.

Das martialisch anmutende "Die letzte Schlacht gewinnen wir" wurde bereits erwähnt, der zugehörige Text schmeckt längst bitter: "Wir brauchen keinen starken Mann, denn wir sind selber stark genug", heißt es da, oder: "Aus dem Weg Kapitalisten, die letzte Schlacht gewinnen wir. Schmeißt die Knarre weg Polizisten, die rote Front und die schwarze Front sind wir."

"Allein machen sie dich ein", noch so ein Slogan-Songtitel, wirkt in Zeiten von Selbstoptimierung und Ellbogengesellschaft ebenfalls anders als in der aus linker Sicht hoffnungsfrohen Zeit nach 1968. Das Lied proklamiert solidarisches Miteinander, unterlegt von kämpferischer Musik. "Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren", verspricht die Band am Ende radikalen Wandel.

Der Hamburger Diskurspunk und Theatermacher Schorsch Kamerun - als Sänger der Goldenen Zitronen selbst Mitautor eines dicken Kapitels im Buch des deutschen Polit-Pop - hat das Lied heuer als eindringliche Ballade neu interpretiert, enthalten auf dem Debüt seiner Zweitband Raison. Die Ästhetik dieser Version legt nahe, dass das mit Organisation und Umbruch anno 2022 nichts wird. Was bleibt, ist die Sehnsucht danach.

Gerhard Stöger in Falter 45/2022 vom 11.11.2022 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783955751814
Erscheinungsdatum 01.10.2022
Umfang 128 Seiten
Genre Musik/Musikgeschichte
Format Hardcover
Verlag Ventil Verlag
Comic-Zeichnungen von Kathrin Klingner
Comic-Zeichnungen von Gunther Buskies, Jonas Engelmann, Nicolas Mahler, Bianca Schaalburg, Sheree Domingo, Suesskind Rahel, Reinhard Kleist, Mia Oberländer, Sascha Hommer, Daniela Heller, Jan Soeken, 18Metzger, Ulli Lust, Jordan Michael
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