
"Ich glaub', 'ne Dame werd' ich nie"
Gerhard Stöger in FALTER 52/2025 vom 24.12.2025 (S. 42)
Der amerikanische Film wird nicht zustande kommen", prophezeite Carroll Richter 1950. "Der europäische wird dir wieder zu einem großen Namen verhelfen, wenn auch mit Skandalaspekten, Angriffen, Intrigen. Ich würde trotzdem raten, ihn anzunehmen." Richter war Astrologe, seine Kundschaft Hildegard Knef, deren Geburtstag sich am 28. Dezember zum hundertsten Mal jährt. Kennengelernt hat die deutsche Schauspielerin, Sängerin und Autorin ihn durch die Filmdiva Marlene Dietrich, die längst in den USA heimisch geworden war. Jenem Land, in das Knef 1948 ging, um Karriere in Hollywood zu machen.
Es endete mit einem Bauchfleck: Unmittelbar vor Drehbeginn des Films, zu dem Knef den Astrologen befragt hatte, kam ihre kurze Affäre mit einem Nazi-Funktionär heraus, was sie den Job kostete. Die Schauspielerin war zu diesem Zeitpunkt mit einem amerikanischen Juden verheiratet, den sie als Besatzungssoldaten in Berlin kennengelernt hatte; seine Eltern verachteten die junge blonde Frau aus dem Täterland als "Schickse".
Die erste Liebe ein Nazi, die zweite ein Jude: Es sollte nicht die einzige Ambivalenz in Knefs Leben bleiben. Sie war tough und verletzlich zugleich und ein emanzipiertes Role Model, das mit dem Begriff "Femininismus" nichts anfangen konnte. Vom ersten US-Abenteuer brachte sie die amerikanische Staatsbürgerschaft mit, Freundschaften zu Marlene Dietrich und zu Carroll Richter, die beide wichtige Vertraute werden sollten, und gute Geschichten.
Aufgeschrieben hat sie Knef in "Der geschenkte Gaul", das 1970 als erstes mehrerer autobiografischer Bücher erschien. Es verkaufte sich millionenfach, wurde in viele Sprachen übersetzt und auch in den USA zum Bestseller. Die New York Times schrieb, das Buch erinnere an Kriegsandenken wie leere Patronenhülsen oder entschärfte Granaten. "Aber es ist weder leer noch entschärft, es explodiert uns ins Gesicht."
Die prominente Empfehlung auf der Coverrückseite lieferte der Schriftsteller Henry Miller, einer von vielen prominenten Freunden und Bekannten der Künstlerin: "Dies ist kein Buch, sondern ein höchst lebendiges, tief erschütterndes menschliches Dokument. Knefs Gedächtnis ist phänomenal, ihr Humor gnadenlos."
"Der geschenkte Gaul" beginnt mit einer Liebeserklärung an den Großvater, ihre wichtigste männliche Bezugsperson als Kind -der Vater war wenige Monate nach Knefs Geburt jung und unerwartet gestorben, der Stiefvater lediglich wohlgelitten. "Er hatte noch alle 32 Zähne, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte", fällt die Autorin mit der Tür ins Haus. "Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich."
Später behandeln Dutzende Seiten die letzten Kriegswochen, die die 19-jährige Jungschauspielerin 1945 in Berlin als Teil des "Volkssturms" erlebt, verkleidet als Soldatin, an der Seite des deutlich älteren Nazi-Filmfunktionärs, mit dem sie liiert war. "Nimm mich mit oder erschieß mich", habe sie ihm gesagt. "Ich warte nicht, bis sie kommen, mich vergewaltigen, mich erschlagen." Verstörend lesen sich ihre Erinnerungen, erschütternd, berührend, erschreckend. Der Tonfall gehetzt, die Schilderung extrem lebendig, gleichzeitig ein wenig diffus. Wo Fakten enden und der Fiebertraum des Horrors beginnt, bleibt offen.
Klar ist die Haltung: Hier schreibt eine, die um ihr Leben kämpft; eine, die zwar aus Deutschland kommt, die Nazi-Ideologie aber nicht teilt; eine jener vielen, denen Hitler die Jugend gestohlen und prägende Jahre versaut hatte. Knef wurde so zu einer Stimme derer, die keine aktiven Täter waren, aber auch nicht im Widerstand.
Am Beginn der Karriere stand die Schauspielerei: Hauptrolle im ersten deutschen Film nach 1945; erster deutschsprachiger Nachkriegsfilmstar; die erste Skandalnudel des Landes (eine kurz entblößte Brust im Film "Die Sünderin" sorgte 1951 für massive Entrüstung und Millionen Kinobesucher).
Knef reüssierte auch auf der Bühne - und eroberte im zweiten Anlauf doch noch die USA. Cole Porter, das amerikanische Komponisten-Genie, hatte ihr die Hauptrolle im Musical "Silk Stockings" gegeben, für die sie in knapp 500 Aufführungen am New Yorker Broadway gefeiert wurde. Die Berlinerin hatte zwar die für ihre Heimatstadt typische "Schnauze", als Sängerin sah sich Knef aber nicht.
Im Unterschied zu Porter, der so den Boden für ihre zweite große Karriere bereitete: In den Sixties stieg Knef zur gefeierten Chansonette auf. Anfangs noch mit Texten, die man ihr auf den Leib geschrieben hatte; gebettet in Musik, die Easy-Listening-Jazz, Walzer und Foxtrott mischte. Fernab gängiger Schlager-Lieblichkeit, aber doch recht konventionell. Im Zentrum stand von Beginn an diese tiefe, ausdrucksstarke Stimme, die nicht exaltierte Technik auszeichnete, sondern vielmehr die Autorität der Lebenserfahrung sowie jenes lakonische Achselzucken, das häufig mitschwang.
Bald textete Knef selbst, und die Musik wurde mutiger. Auch ihr bekanntestes Chanson stammt aus eigener Feder. "Mit 16 sagte ich still, ich will, will groß sein, will siegen, will froh sein, nie lügen", hebt sie zur gediegenen Orchesterbegleitung an. "Mit 16 sagte ich still, ich will, will alles oder nichts." Gleich darauf folgt der berühmte Refrain: "Für mich soll's rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen. Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten."
42 Jahre alt war die Sängerin zum Zeitpunkt der Aufnahme, hinter ihr lag ein Leben, das mit dem Wort "turbulent" nur andeutungsweise beschrieben ist. Erschüttert zeigt sie sich davon kein bisschen, "ich will, ich will", heißt es ganz am Ende.
Gut 100 Songtexte stammen aus Knefs Feder. Das kürzlich erschienene Buch "Ich möchte am Montag mal Sonntag haben" versammelt den Großteil, kommentiert und gewürdigt von Kolleginnen und Kollegen jüngerer Pop-Generationen. Deutsch, so lautet eine weit verbreitete Erzählung, sei durch die Nazizeit eine verdorbene Sprache gewesen, nach 1945 nur in der Realitätsflucht und dem Liebes-Tralala des Schlager denkbar. Erst in den frühen 1970ern haben die Band Ton Steine Scherben und der Musiker und Wortakrobat Udo Lindenberg Wege gefunden, Deutsch ohne Bauchweh singbar zu machen.
Für Rockmusik mag das stimmen, für deutsche Popkultur ganz allgemein war Knef die große Pionierin. Gedruckt verlieren ihre Texte nichts an Witz, Kraft, Klugheit und Poesie. Um flüchtige Liebschaften kann es da ebenso gehen wie um grundlegende Fragen des Menschseins; die Drogenaffinität der Sixties führte zu faszinierenden "Spiralen der Erinnerung" und Fragen wie jener, ob Wolken alt werden; und ging es anderswo ungebrochen um den Traum vom Glück, sang Knef "Das Glück kennt nur Minuten".
Immer wieder klang das eigene Leben in den Liedern an. "Von nun an ging's bergab" ist gleich überhaupt eine biografische Erzählung, gepresst in sieben launige Strophen. "Ich kam im tiefsten Winter zur Welt, hab dreimal genießt, mich müde gestellt. Der Vater war wütend, er wollt' einen Sohn, ich sah mich so um und wusste auch schon: Von nun an geht's bergab", lautet die erste. Die letzte knüpft an Kritik und Liebesentzug des Publikums an, geschildert in der Strophe davor. "Erst war ich beleidigt, dann war ich verstört, doch dann hat mich einer singen gehört", heißt es in lapidarer Selbstironie. "Ich hab ihn gewarnt, doch er sagte, ich muss, und damit begann der neue Verdruss. Es war nicht meine Schuld, ich bitte um Geduld."
"Ich möchte am Montag mal Sonntag haben" ist nicht das einzige Buch zu Knefs Hunderter. Der deutsche Journalist Christian Schröder hat mit "Für mich soll's rote Rosen regnen" eine kompakte Kurzfassung seiner umfangreichen Knef-Biografie von 2005 vorgelegt, die zwar ein bisschen nach Fastfood schmeckt, das wechselhafte Leben zwischen Höhenflügen und Abstürzen aber auch in der Kürze vermittelt.
Ganz anders nähert sich Moritz Stetter dem Leben und Werk der Künstlerin: Seine Graphic Novel "Die Knef" ist mit Liebe zum Detail gezeichnet, der Text, eine tolle Idee, verwendet nur Originalzitate; aus Büchern, Liedern, Interviews.
"Ich glaub','ne Dame werd' ich nie" sang Knef 1968. Das passte zu ihrer Hemdsärmeligkeit wie ihrer Nähe zum Boulevard. Von Krebserkrankung bis Schuldenfiasko, die Medien waren stets dabei. Knef verfügte über viele Talente, Sparsamkeit und vorausschauende Planung zählten nicht dazu. Hatte sie in jungen Jahren kein Geld, schlug sie sich irgendwie durch, hatte sie sehr viel, gab sie noch mehr aus.
Ein Widerspruch? Mitnichten. Knef mag keine Dame gewesen sein, eine schwäbische Hausfrau war sie noch weniger. Ab Mitte der 1970er rann die Karriere langsam aus; gesundheitliche Probleme gingen Hand in Hand mit dem Kampf gegen Medikamentensucht und Alkoholmissbrauch; sterben sollte Hildegard Knef letztlich 76-jährig an den Folgen ihres jahrzehntelangen Nikotinkonsums.
In jenen späten Jahren und Jahrzehnten spielte Knef alles, wofür man ihr Geld gab; oft B-bis C-Movies und seichten Fernsehschmus. "Das Geld geht, die Schande bleibt", lautete eines ihrer vielen Bonmots.
"Adel verpflichtet zu nichts" hieß, durchaus treffend, die Folge der TV-Serie "Ein Schloss am Wörthersee", in der sie 1990 als Gräfin Rutila von Greifenberg zu Greifenstein auftrat; 1997 wiederum buchte der Künstler Christoph Schlingensief Knef für den Auftakt seiner RTL-(Anti-)Talkshow "Talk 2000" und adelte die Knef damit als coole Alte.
"Als wir uns zum letzten Mal in ihrer Berliner Wohnung trafen, schien sie aufgeschwemmt von Medikamenten", erinnerte sich der deutsche Publizist Roger Willemsen 2005. "Aber ihr Gesicht war ganz Augen, und deren Strahlkraft hatte nicht gelitten. Es war immer noch jene Kühnheit, der mit Übermut gemischte Mutwillen darin, den sie zeigte, bevor sie etwas Entschiedenes formulierte."
Sachlich resümiert ihr Biograf Christian Schröder: "Hildegard Knef hat ein in vielerlei Hinsicht zerrissenes Leben geführt, und es waren mehr die Niederlagen als die Siege, die sie zur einer Identitätsfigur machten. Vor allem hat die Courage imponiert, mit der sie ihre Niederlagen wegsteckte und weiterkämpfte. Knefs Persönlichkeit, das macht einen wirklichen Star aus, überstrahlte alle Rollen, die sie in ihren Filmen und auf dem Theater gespielt hat."
Was bleibt, sind Mythen, Geschichten, einige durchaus sehenswerte Filme -und viele zeitlos schöne Lieder.
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