I Love Dick

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Kurzbeschreibung des Verlags:

»Besseres kriegt man zurzeit nicht zu lesen.«
Hannah Pilarczyk, Spiegel Online
Chris Kraus, eine gescheiterte Künstlerin, die unaufhaltsam auf die 40 zugeht, lernt durch ihren Ehemann den akademischen Cowboy Dick kennen. Dick wird zu ihrer Obsession. Völlig überwältigt von ihren Gefühlen schreibt sie zunächst eine Erzählung über ihr erstes Treffen, dann verfasst sie Briefe, die sie nicht abschickt, und auch Sylvère, ihr Mann, wird Teil dieses Konzept-Dreiers. Mal schreiben beide Dick gemeinsam, mal einzeln, doch während Sylvère irgendwann sein Interesse wieder verliert, verstrickt sich Chris immer mehr in die Abgründe ihrer eigenen Begierde. Chris Kraus hebt in ihrem mittlerweile in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzten und als Amazon-Serie verfilmten Roman die Grenzen zwischen Fiktion, Essay und Tagebuch auf und schuf damit gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein völlig neues Genre. Was die Autorin selbst als »Bekenntnis- Literatur« und »Phänomenologie der einsamen Mädchen« bezeichnet, ist weit mehr als das: Es ist der letzte große feministische Roman des 20. und der erste große Liebesroman des 21. Jahrhunderts.

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FALTER-Rezension

Ändere das Gender-Vorzeichen, und Stalking wird revolutionär

Auf gegensätzliche Weise nähern sich Chris Kraus und Katie Kitamura dem Drama asymmetrischen Begehrens

Es ist wohl die eigenartigste Karriere dieses Bücherfrühlings: Ein Buch, das im amerikanischen Original vor 20 Jahren erschienen ist, wird erstmals übersetzt und erwirbt sich sofort Kultstatus. Die Liste der Vormerkungen in öffentlichen Büchereien ist so lange, dass die Wartezeit über ein halbes Jahr beträgt.
Eines muss man dem Buch allerdings lassen: Es hat einen knackigen Titel. Wobei die Pointe an „I Love Dick“ darin besteht, dass es eben keine Hymne auf das männliche Geschlechtsorgan darstellt. Denn mehr noch als dem Schwanz gilt das Begehren dem Mann, der an diesem hängt, und der heißt eben Dick. Der Nachname wird – in der einzigen Geste der Diskretion, zu der sich die Autorin in diesem unverstellt autobiografischen Buch hat hinreißen lassen – verschwiegen.
Die Frau, die behauptet, diesen Dick zu lieben, ist die aus New York gebürtige Filmemacherin und Schriftstellerin Chris Kraus. Sie lernt das Objekt ihrer Begierde­ im Dezember 1994 in einer Sushi-Bar in Pasadena kennen, und zwar im Beisein ihres um 17 Jahre älteren Mannes Sylvère Lotringer. Der ist im Exporthandel französischer­ Theorie tätig und vercheckt die Produkte aus dem Hause Deleuze & Co an instabile amerikanische Studenten und Künstler, die mit dem Stoff nicht umgehen können und schnell abhängig werden. „Weil die beiden nicht mehr miteinander schlafen, erhalten sie ihre Intimität via Dekonstruktion aufrecht, d.h., sie erzählen einander alles.“

Nach der Frühstückskonversation über Brecht und Walter Benjamin sprechen die beiden also hauptsächlich darüber, dass sich Chris in Dick verliebt hat, ein Affekt, der auch auf Sylvère ausstrahlt. Gemeinsam schreibt das zölibatäre Paar Briefe an Dick, die schwülstig und hyperzerebral zugleich sind und in denen die Kommentare des Professorengatten von der Künstlerin gleich metareflexiv eingebettet werden: „Er denkt, dass der Brief zu literarisch sei, zu baudrillardisch.“
Weil die beiden aber Künstler und Intellektuelle sind, kann ihre Dick-Obsession nicht einfach eine private Leidenschaft bleiben, sondern muss produktiv gemacht werden: Sylvère überlegt, ob er die gemeinsamen Briefe als „Schritt in Richtung (…) konfrontative[r] Performance“ in sein Critical-Studies-Seminar einbauen soll, und Chris verfasst Erzählungen, die um Dick kreisen, sowie „80 Seiten unlesbare Korrespondenz in ungefähr zwei Tagen“. Immerhin hat die bilaterale diskursive Ménage-à-trois auch physisch handfeste Folgen: Sylvères Dick regt sich wieder, eine Gelegenheit, die das Ehepaar beim Schwanz zu packen weiß. Freilich bleibt der Gatte von Eifersucht nicht verschont, er ver­tschüsst sich zwischenzeitlich nach Europa und überlässt die Dick-Obsession schließlich seiner Frau.
In der Kohlenstoffwelt bezeichnet man das, was Chris Kraus betreibt, als „Stalking“. Der beträchtliche Aufwand, den die Autorin unternimmt und der die Grundlage für den Hype um ihr Buch bildet, besteht in einer genderpolitischen Rekontextualisierung, die ihre verhaltensauffällig gewordene Verliebtheit in eine Geschichte aufsässigen weiblichen Begehrens einschreibt, in dem die Selbstermächtigung zur Unverschämtheit (in jeder Hinsicht) die patriarchale Ordnung des Spätkapitalismus subvertiert. Oder so irgendwie halt.
Das beschert den Leserinnen und Lesern nicht nur einen wahren Wolkenbruch des Namedroppings (und selbstverständlich ist Kraus mit Intellektuellen wie Guat­ta­ri und Negri per Félix und Toni), sondern auch biografistische Abrisse der jüngeren Kunstgeschich­te, apokryphe Anmerkungen zur Theorie der Schizophrenie, abgeschmackte Metaphern und Vergleiche, Schwurbelprosa à la „[I]ch verspürte einen schizophrenen Reiz in unserer Konfluenz gemeinsamer Interessen“ sowie ein Hühnchenrezept.
Den seinerseits um Distanz bemühten­ Dick mit Briefen und Telefonanrufen zu behelligen ist nun keine desperate Reaktion mehr auf ein unerwidertes Begehren (auch wenn die beiden einmal Sex haben), sondern „scheint einen hochheiligen Zweck zu verfolgen, weil es schlicht nicht genug niedergeschriebene weibliche Unbändigkeit gibt. (…) Ich glaube, dass es sich bei der bloßen Existenz von sprechenden, paradoxen, unerklärlichen, schnodderigen, selbstzerstörerischen, doch in allererster Linie öffentlichen Frauen um das überhaupt Allerrevolutionärste auf der ganzen Welt handelt.“
Mutmaßt die Autorin selbst. Es könnte aber auch sein, dass es sich um eine pseudo­feministisch verbrämte und ziemlich kitschige Selbstanmaßung handelt.

Um Dreiecksverhältnisse und asymmetrisches Begehren geht es auch im jüngsten und dritten Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Katie Kitamura mit dem ebenfalls programmatischen Titel „Trennung“. Und der ist thematisch wie ästhetisch ein echtes Kontrastprogramm zu Kraus’ krawalliger Selbstentäußerung. Die Ich-Erzählerin scheint nämlich einigermaßen darauf bedacht zu sein, nichts von sich preiszugeben.
Schon den Umstand, dass sie und ihr Mann Christopher längst nicht mehr zusammen sind, haben die beiden – auf einvernehmliche Entscheidung hin – verschwiegen. Auch Christophers um ihren Sohn besorgte Mutter weiß nichts davon, als sie ihre Schwiegertochter anruft und dieser quasi den Auftrag erteilt, von London nach Griechenland zu fliegen. Der letzte Aufenthalt Christophers ist der Mutter – im Unterschied zur Protagonistin – bekannt: ein Hotel in der Mani, einem Landstrich auf dem Mittelfinger des Peloponnes.

Ein unterbuchtes Hotel in der Nebensaison in einem pittoresken Fischerdorf in einer eher schroffen Gegend. Mit großem Geschick und Subtilität etabliert Kitamura ein atmosphä­risch dichtes Setting, in dem die kleinsten Gesten Bedeutsamkeit erlangen. Das ist auch nötig, denn vorerst passiert nahezu nichts. Christopher, den endlich zur Scheidung zu drängen sie vorhatte, ist – im Unterschied zu seinen Habseligkeiten – nicht auf seinem Zimmer, sondern angeblich in einem Nachbarort. Seine Spuren indes weiß die nur noch nominelle Gattin, die mittlerweile mit jemand anderem zusammen ist, schnell zu entziffern: Ihr nicht mehr ganz junger, aber attraktiver und notorisch charmanter Mann hat noch nie etwas anbrennen lassen und ganz offensichtlich ein Gspusi mit einer jungen Hotelangestellten namens Maria unterhalten. Die Ich-Erzählerin scheint das weiter nicht zu kratzen, den ebenfalls im Hotel arbeitenden Stefano, der ganz offenkundig ebenfalls amouröse Ambitionen hat, sehr wohl.
Ruhig und reflexiv entfaltet „Trennung“ seine Themen, und weil man auf Seite 50 erfahren hat, dass Christopher, der noch nie einen wichtigen Menschen verloren hat, in Mani für ein Buch über die Klageweiber und damit „die Externalisierung der Trauer“ recherchiert, weiß man: Da muss noch was kommen! Tut es auch, und man kann über den Roman nicht schreiben, ohne diesen – Obacht! – zu spoilern: Als man Christophers Leiche findet, stellt sich heraus, dass er gewaltsam zu Tode gekommen ist.
Damit ist überraschenderweise ein Suspense-Motiv eingeschleust, aber obwohl der Roman naturgemäß an Dramatik gewinnt – die Eltern des Ermordeten erscheinen auf der Bildfläche –, wird kein Whodunnit daraus, und die Autorin bleibt ihrer Technik, alles über die Bande zu spielen, treu. „Trennung“, das nicht zuletzt die Frage aufwirft, wie man sich von jemandem trennt, den es nicht mehr gibt, lebt von der Präzision der Wahrnehmungen und Reflexionen der eigenartig opak bleibenden Protagonistin. Vor Prätention ist er nicht vollständig gefeit, manchmal tut der Roman schlauer, als er es nötig hätte. „Kostas beobachtete Maria und Stefano, Maria und Stefano beobachteten einander, die jeweiligen Blickrichtungen ergaben zusammengenommen beinahe eine geometrische Figur“, kann man dann lesen.
„Geometrisch ist es unmöglich, eine dreiköpfige Gruppe anders zu arrangieren als in einer geraden Linie oder einem Dreieck“, heißt es einmal bei Chris Kraus. Wo sie recht hat, hat sie recht.

Klaus Nüchtern in Falter 10/2017 vom 10.03.2017 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783957573643
Ausgabe 2. Auflage
Erscheinungsdatum 30.01.2017
Umfang 296 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
Übersetzung Kevin Vennemann
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