Das Jahr

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Tomas Espedals neues Buch beginnt an einem 6. April, dem Tag, an dem Petrarca seine Laura zum ersten Mal sah. Ausgehend von dieser unerfüllten Liebe, der Quelle für Petrarcas Liebesgedichte, geht Espedal der Frage nach, ob eine solch große, einzigartige Liebe, die alle Zeiten überdauert, heute noch möglich ist, ob sie überhaupt jemals möglich war. Gemeinsam mit seinem gebrechlichen Vater unternimmt er eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer und bemerkt erst dort, als der Vater aufzublühen scheint, dass er auch ihn bald verlieren wird. In der Liebe seines Vaters für seine verstorbene Mutter wie auch in seiner eigenen Liebe für Janne, die ihn bereits vor Jahren verlassen hat, erkennt Tomas etwas ähnlich Bedingungsloses und Andauerndes wie bei Petrarca. Am Ende waren sie dennoch alle allein. Nicht nur die Erfahrung einer so tiefen Liebe ist lebensverändernd, sondern auch deren Verlust. Wie ist es möglich, angesichts einer so umfassenden Erfahrung weiterzuleben wie bisher? Das Jahr ist Tomas Espedals bisher poetischstes Buch. Es handelt von den großen und einschneidenden Erfahrungen: Liebe, Verlust, Krieg, Tod, von Altern und Verzweiflung, von Stagnation und der ewigen Wiederholung des Immergleichen. Und von der Kraft der Literatur, die es vermag, uns durch die dunkelsten Zeiten zu retten.
»Ein Jahr kann ein ganzes Leben enthalten und es kann völlig leer sein.« - Tomas Espedal
»Tomas Espedal mag schmale Bücher schreiben und mit wenigen Sätzen auskommen. Literarisch ist er ein Schwergewicht.« - Christian Mückl, Nürnberger Zeitung

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FALTER-Rezension

Petrarca und die Regenschirme von Bergen

Bei der Aufarbeitung seines Liebesleids reüssiert Kurzprosaspezialist Tomas Espedal auch im Langgedicht

Am 6. April 2015 reist ein Mann mit dem Zug von Nizza nach Avignon, um von dort aus weiter nach Fontaine-de-Vaucluse zu wandern, wo Petrarca sich einst ein Haus bauen ließ, um in Ruhe schreiben zu können.

Der Tag ist nicht zufällig gewählt: Am 6. April 1327 sah Petrarca zum ersten Mal Laura, ihr Anblick genügte, dass er sich unsterblich in sie verliebte. Vergeblich allerdings, denn sie blieb ihm bis zu ihrem Tod – ausgerechnet am 6. April 1348 – unerreichbar. Die unerfüllte Liebe lieferte dem Dichter den Stoff zu den „Canzoniere“, einem Zyklus von 366 Gedichten, für jeden Tag des Jahres eines. Wer hinter dem Mann im Zug den großen norwegischen Autor Tomas Espedal vermutet, liegt sicher nicht falsch. Er hat sich Petrarca anvertraut, um eine Stimme für das Unglück seiner Liebe zu finden.

Diese Liebe war so lange glücklich, bis sich Janne von ihm trennte, um einen anderen zu lieben — einen Mann, den der Verschmähte nun mit rasender Eifersucht verfolgt, in Gedanken, aber auch ganz handgreiflich. Von Petrarca heißt es, er habe Laura überhaupt nur gesehen, Espedals dichterisches Alter Ego und Janne waren immerhin eine Zeitlang ein Paar. Wenn er sich an sie erinnert, drängen sich die visuellen Eindrücke in den Vordergrund – und verweisen in die Zeit Petrarcas: „und jetzt fiel mir auf wie besonders ihr Gesicht war / alt und jung die schweren muschelgleichen Augenlider / wie auf Holzschnitten aus dem 14. Jahrhundert“.

Nun also der Plan: für die Trauer um die verlorene Liebe – seine Frau Agnete war bereits früher gestorben – in einem Buch über „Das Jahr“ eine Form zu finden, freilich nicht ganz so artifiziell angelegt wie Petrarcas Sonette, Kanzonen und Sestinen. Die Trauer fließt dahin in einem Langgedicht, das in freien Versen die Monate von April bis Oktober festhält: Immer wieder die Erinnerung an Janne, die mit Laura verschmilzt, wenn er auf einem Holzschnitt des 15. Jahrhunderts eine Perlenkette zu entdecken glaubt, die er seiner Geliebten in Dubrovnik gekauft hat.

Ausgeklügelte lyrische Formen und elementare emotionale Erfahrungen erzeugen bei Petrarca eine Spannung – Espedal nutzt die lyrische Rede, um Bilder, Erinnerungen und Reflexionen frei von grammatikalischen und syntaktischen Regeln entfalten zu können.

In Hinrich Schmidt-Henkels Übersetzung entwickelt diese Suada einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, mal genervt, mal gerührt von all dem Leiden, das sich da über knapp 200 Seiten ergießt. Wenn man sich am Ende dabei ertappt, im Bücherregal nach dem Reclam-Bändchen mit Petrarcas „Canzoniere“ zu suchen, steht endgültig fest, dass Espedal mit diesem Formexperiment Großes gelungen ist. Und das, obwohl dieser Autor doch eigentlich als Meister der kleinen, reduzierten Form bekannt ist, der minimalistischen Prosa, die lieber ihren eigenen Zerfall riskiert, anstatt nach großen Bildern oder schwindelerregenden Effekten zu suchen.

Sechs Jahre vor der Klage über die verlorene Liebe, 2013, erschien in Norwegen ein Prosaband des Titels „Bergeners“, eine Hommage an die Bewohner von Espedals Heimatstadt Bergen. Es beginnt aber erst einmal in einem New Yorker Hotelzimmer, wo Janne dem Autor die bevorstehende Trennung ankündigt, die diesen schließlich auf den Spuren Petrarcas in die Vaucluse führen wird.

Espedal ist bereits international berühmt, auch als ewiger Antagonist zum Kraftlackel Karl Ove Knausgård und zum strahlenden Dag Solstad, er reist von einem Festival zum anderen, am Ende aber kehrt er immer wieder zurück nach Bergen, in Norwegen das Synonym für dauerverregnete Provinz. „Wisst ihr, warum die Bergener so viel dümmer sind als alle anderen Norweger? – Weil sie im Regen immer einen Regenschirm in der Hand haben und das Blut, das in den Kopf steigen müsste, sich in der rechten Hand sammelt.“

Was gibt es sonst aus Bergen zu berichten? Espedals kurze Prosastücke verorten sich über zwei Koordinaten: Menschen, die ihm nahestehen (und denen er die Texte widmet), und Orte, die er durch eine Magie der Namen beschwört. Die tiefe Vertrautheit mit der Stadt und ihren Menschen ist die Voraussetzung für eine ruhige, konzentrierte Beobachtung, für eine Kunst der schlichten Beschreibung, um Halt in der Welt zu finden: „Wir müssen die Wirklichkeit bewahren, indem wir sie nachahmen.“

Wer diese nur auf den ersten Blick recht anspruchslose Poetik ernst nimmt, wer auf rhetorische Effekte und metaphorische Kunststücke konsequent verzichtet, findet zu einer Prosa von besonderer Bildkraft: „An den Bäumen im Nygårdspark ist das Laub abgefallen und hat den Herbst auf den Boden gelegt. Eine aus Gelb und Rot gewebte feuchte Unterlage, es ist, als ginge man draußen auf einem Teppich.“

Solch kurze, konzentrierte Beschreibungen können noch weiter reduziert werden: durch lange Lücken in den Zeilen, als suche da jemand nach Worten oder müsse tief einatmen, bevor er weitersprechen kann, durch Leerzeilen, durch Absätze. Die Übergänge ins lyrische Register sind fließend. In Bergen und im Leben mit den Bergenern nähert sich der Erzähler dem archimedischen Punkt seines Sprechens. Aber als hätte er eine Scheu davor, diesen Punkt tatsächlich zu erreichen, treibt es ihn immer wieder fort. Auf den letzten Seiten steigt er im Askanischen Hof ab, einer in literarischen Kreisen sehr beliebten Adresse am Berliner Kurfürstendamm. Janne geht ihm nicht aus dem Kopf. Dies soll seine letzte Reise sein. Er will nur noch schlafen.

Tobias Heyl in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 24)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783957577733
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 06.09.2019
Umfang 196 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
Übersetzung Hinrich Schmidt-Henkel
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