Poetik der Biographie

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Kunst oder Wissenschaft? Historische Königsdisziplin oder Romane mit Fußnoten? Seit der Antike sind Biographien beliebt. Doch was sie sind und was sie leisten, ist umstritten, denn eine Poetik der Gattung wurde nie entwickelt. Nachdem sie selbst mehrere Biographien vorgelegt hat, wagt sich Angela Steidele nun daran, die inneren Gesetzmäßigkeiten jeder Biographie zu klären. Was passiert beim Suchen, Ordnen und Interpretieren der Quellen? Was veranlasst den Biographen zum Schreiben? Wie viel Autobiographie steckt in jeder Biographie? Erzählt die Biographie mehr von der Gegenwart als von der Vergangenheit? Ist sie überhaupt eine eigene Gattung? Nach Anne Lister. Eine erotische Biographie (2017) und Zeitreisen. Vier Frauen. Zwei Jahrhunderte, ein Weg (2018) schließt Angela Steidele mit dieser Poetik ihre Trilogie zum biographischen Schreiben ab.

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FALTER-Rezension

Ein Genre zwischen Realität und Fiktion

Biografie: Angela Steidele legt eine so persönliche wie theoretisch überzeugende Poetik der Biografie vor

Angela Steidele beginnt ihre kurze „Poetik der Biographie“ mit einer Anekdote. Beim Signieren ihres Buchs „Anne Lister. Eine erotische Biographie“ von 2017 versichert ihr ein Herr: „Wissen Sie, ich lese keine Romane, sondern nur Biogra­phien. Ich will sichergehen, dass auch stimmt, was ich da lese.“

Die Literaturwissenschaftlerin schluckt. Der Satz lässt sie nicht los. Bereits bei der Recherche zur Biografie der britischen Landbesitzerin und Tagebuchschreiberin Lister (1791–1840), die das Leben eines lesbischen Don Juan führte, hatte sie die Unentwirrbarkeit von Realität und Fiktion im Genre Biografie am eigenen Leib erlebt. Als sie versuchte, Listers letzte Reise von Norddeutschland über Skandinavien und Russland nach Georgien nachzuvollziehen, musste sie feststellen, dass nicht einmal die Natur gleichgeblieben war (nachzulesen in „Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg“, 2018). Mit dem nun vorliegenden dritten Band legt Steidele nach dem „Werkstück“ und dem Werkstattbericht eine Theorie des Genres vor, deren Lektüre so irritierend wie erhellend ist.

Sind Biografien die „Wahrheit“ über eine Person? Mitnichten. Das liegt nicht nur an der Arbeit von Biografen, die beim Suchen und Sammeln von Quellen nicht nur auswählen und damit interpretieren, sondern bisweilen auch Unliebsames verschwinden lassen oder Erwünschtes dazugedichtet haben.

Was unterscheidet die Biografie also vom Roman? Und warum schreiben Menschen überhaupt Biografien? Steidele lässt den Leser an einer Suchbewegung teilhaben, in deren Folge man nicht nur historisch Interessantes oder Amüsante erfährt, sondern auch eine Reihe von Thesen erhält, anhand derer es sich weiterdenken lässt.

„Jede Biographie“, lautet die erste, „basiert auf dem Verhältnis des Biographen und seinem Helden.“ Das bedeutet nicht nur, dass es kein Zufall ist, wen sich ein Biograf zum Porträtieren aussucht, sondern auch, dass die beiden in eine Art Dialog treten. Jede Biografie ist damit auch eine Autobiografie und spiegelt zuweilen die Zeit ihrer Entstehung mehr wider als jene, die sie beschreiben möchte.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren beide „Gesprächspartner“ männlich. Mit Anne-Kathrin Reu­lecke argumentiert Steidele sogar, dass die Biografie nicht nur ein Instrument des Patriarchats und somit des Ausschlusses von Frauen war, sondern sogar versuchte, eine männliche Genealogie in Unabhängigkeit von Frauen zu produzieren. Und Frauenbiografien? Werden praktisch immer von Frauen verfasst.

Im Poststrukturalismus seit den 1980er-Jahren waren Biografien als illusionäre Sehnsucht nach Sinn verschrien, erst ab der Jahrtausendwende erlebte das Genre eine Renaissance, die den Untertitel „Eine Biografie“ bald inflationär werden ließ. Nicht nur historische Persönlichkeiten, sondern auch Flüsse, Städte, der Mond und die Sonne, der Teufel und sogar Gott erhielten eine solche. Eigentlich sollte sie, scherzt die Autorin, ihr Buch „Die Biographie. Eine Biographie“ nennen.

Biografen sind nicht nur Forscher, sondern auch Manipulatoren – und Künstler. Sie erfinden ein Leben, das allerdings seinerseits schon erfunden wurde. Denn jeder Nachlass, seien es Briefe, Tagebücher oder Interviews, stellt bereits die Legende eines Ichs dar. „Biographien werden schon im Leben erfunden, oder schöner: Jeder ist sein eigener Biograph.“ Das gilt nicht nur für König Ludwig II. von Bayern, Madonna, Lady Gaga oder Karl Lagerfeld, sondern im Zeitalter der sozialen Medien für jeden.

Auch wenn Biografien nicht „die“ Wahrheit abbilden können, dürfen sie keine Unwahrheiten behaupten. Und obwohl Biografie und Roman „seit 250 Jahren miteinander flirten“, müssen sie anders als dieser ihre Quellen offenlegen und ihre Aussagen sowie ihre Entstehungsbedingungen nachvollziehbar machen. Sie laden zu kritischem Lesen ein und verlangen sogar strukturell danach.

„Souverän sitzt die Biographie zwischen allen Stühlen: zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen der Wissenschaft und der Kunst, zwischen dem Leben des Biographierten und dem der Biographin.“ Auf diese Weise lehren sie, schließt Steidele diese kritische Apologie ihres Genres ab, nicht nur die unglückliche Spaltung zwischen Sachbuch und Belletristik zu überwinden, sondern auch jene zwischen Körper und Geist.

Aber das interessiert den durchschnittlichen Biografien-Fan – so wie den eingangs beschriebenen Herrn – in der Regel nicht. Er will das pralle Leben. Und bekommt es auch.

Kirstin Breitenfellner in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 38)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheFröhliche Wissenschaft
ISBN 9783957578037
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 30.08.2019
Umfang 106 Seiten
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Format Taschenbuch
Verlag Matthes & Seitz Berlin
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