Orchidee & Wespe

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wer wie Gael Foess schon mit elf Jahren einen schwunghaften Handel mit Läuseeiern betreibt und seinen Freundinnen Jungfrauenkapseln aufschwatzt, ist mindestens so einfallsreich wie geschäftstüchtig. Gael ist ein Adrenalin-Junkie, ehrgeizig, hochintelligent, so groß- wie kaltschnäuzig – und wild entschlossen, ein Leben ganz zu ihren eigenen Bedingungen zu führen. Ihre Eltern hat sie früh schon als untauglich befunden, sie und ihren labilen, künstlerisch begabten Bruder Guthrie angemessen großzuziehen.
Als Gaels Vater, ein Banker, Frau und Kinder während der Finanzkrise 2008 verlässt, droht die Familie unter die Räder zu kommen. Ihre Mutter, einst eine gefeierte Dirigentin, verliert ihren Lebensmut und ihre Position. Guthrie steht mit siebzehn plötzlich ohne Schulabschluss, aber mit Zwillingen da. Dass sie ein Opfer irgendwelcher Umstände werden sollen, damit will Gael sich nicht abfinden. Sie verlässt Dublin, lernt in der koksgeschwängerten Finanzwelt Londons ein paar wichtige Lektionen und landet schließlich in New York. Im Gepäck fünf Bilder ihres Bruders und eine bestechende, wenn auch nicht ganz legale Geschäftsidee …

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FALTER-Rezension

Spätkapitalismus und Entenbrust

Die Irin Caoilinn Hughes schickt ihre furchtlose junge Heldin ins Zentrum der Finanzkrise, wo sich diese nimmt, was sie will

Eine beeindruckende Geschäftsfrau ist Gael, die renitente Heldin aus Caoilinn Hughes Debütroman „Orchidee & Wespe“, bereits mit elf Jahren. Auf dem Schulhof möchte sie ihren Freundinnen „Jungfrauenkapseln“ andrehen. Gleich der erste Satz des Buches zeigt, mit wem wir es zu tun haben: „Es ist unser Recht, Jungfrauen zu sein, sooft wir wollen, sagte Gael zu den Mädchen, die sie umstanden wie Blütenblätter ein Pollenpaket.“ .

Gael Foess ist eine ambivalente Figur, klug, sprachgewandt und mutig, aber zugleich auch wahnsinnig gerissen. Um ans Ziel zu gelangen, schreckt sie nicht davor zurück, zu lügen und zu betrügen. Die 1985 in Galway, Irland geborene und heute in Neuseeland lebende Hughes, Jahrgang 1985, gehört zu jenen Autorinnen, die hinterfragen, wie Frauen gerne in Romanen dargestellt werden: Entweder sie haben ein Trauma zu überwinden oder sie suchen nach Mr. Right. Beides interessiert Hughes herzlich wenig.

„Orchidee & Wespe“ ist eben keine klassische Coming-of-age-Story. Die Protagonistin ist keine, die sich erst selbst entdecken muss. Im Grunde genommen ist die Figur von Anfang an fertig und entwickelt sich nicht weiter. Dafür passiert in der Welt, die sie umgibt, erstaunlich viel. Die Finanzkrise von 2008 zerstört nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Familien. Gaels Mutter, bis dahin eine erfolgreiche Dirigentin, verliert ihren Job und zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Der Vater, ein alerter Wirtschaftstyp, verlässt die Familie. Bruder Guthrie hat religiöse Eingebungen und epileptische Anfälle, die sich medizinisch nicht erklären lassen. Eigentlich leidet er an einer Persönlichkeitsstörung. Aber keiner bringt es übers Herz, ihm das zu sagen.

Die Handlung beginnt im Jahr 2002 und endet 2011. Kritik am Neoliberalismus zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, in dem Gael zuerst nach London und dann nach New York zieht, wo sie mitten in der Occupy-Wall-Street-Bewegung landet. Aber auch hier bleibt die Protagonistin schwer zu fassen. Sie ist ein Trickster und Manipulator, begegnet dem Zynismus dieser Jahre ihrerseits mit Zynismus.

Zu den Highlights des Buches zählt die Szene, in der sich Gael einen First-Class-Flug nach New York ergaunert und sich an einen älteren Herren heranmacht, der – „wegen seiner völlig abgetragenen Baseballkappe, seiner ungebügelten Hose“– offensichtlich reich ist.

Zwischen einem schier endlosen Menü mit Brust von der Gressingham-Ente, Shii­takepilzen, Ingwer-Consommé und süßem Wein aus der neuen Welt dreht sie ihm ein Gemälde ihres Bruders an, das dessen epileptische Anfälle festhält: „Keine Menschen, keine Landschaften, nur die Farbe – gar keine Farbe und zugleich sämtliche Farben – in einer Vorstellung von Raum, die auf einem anderen Verständnis davon beruht, wie der Körper in seiner Umgebung existiert.“

Gael weiß, wie dick man auftragen muss, um Kunst an den Mann zu bringen. In New York findet sie eine Galerie, die ihren Bruder ohne dessen Wissen groß herausbringt. Weil er bislang noch zu wenige künstlerisch relevante Anfälle hatte, lässt sie einige Gemälde fälschen.

„Ambition, Art and Late Capitalism“ umriss die Titelzeile zu einem Interview mit der Autorin die Themen des Romans. Dieser ist mitunter etwas zu lang und verquatscht geraten, aber man sieht dieser seltsamen Antiheldin trotzdem gerne dabei zu, wie sie sich einfach nimmt, was sie möchte, und dabei so schillernd ist wie Villanelle, die kaltblütige Psychopathin aus der TV-Serie „Killing Eve“.

One-Night-Stands (im strömenden Regen mit einem etwas begriffsstutzigen Ikea-Lieferanten) und Affären (mit ihrer neurotischen Mitbewohnerin, die eigentlich ziemlich gut zu ihr passen würde) initiiert die von einem unbändigen Freiheitswillen getriebene Gael natürlich selbst, um bald zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Von der Wirtschaftskrise hat sie gelernt: Man muss die Betrüger betrügen – Amoral als moralische Haltung.

Karin Cerny in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 12)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783958296466
Erscheinungsdatum 18.10.2019
Umfang 416 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Steidl GmbH & Co. OHG
Übersetzung Sarah Hickey, Hans-Christian Oeser
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