Ränder
Betrachtungen über Kunst und Wahnsinn

von Eugénie Paultre

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Jorinde Reznikoff
Vorwort: Jorinde Reznikoff
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die Erweiterung der Wirklichkeit

Psychologie: Bedrohlich und faszinierend zugleich: Drei Autoren leuchten den Abgrund des Wahnsinns aus

Wären unsere Sinnesorgane Computer, könnte man sagen, dass über zehn Millionen Bit pro Sekunde auf sie einprasseln. Entsprächen diese dann unserer Wahrnehmung? Von wegen! Bis zu unserem Bewusstsein dringt weniger als ein Promille dieser Informationsflut vor. Denn eine der größten Leistungen unseres Gehirns besteht darin, mutmaßlich irrelevante Informationen auszufiltern. Was für uns wichtig ist, wird durchgelassen und formt unsere Wirklichkeit – die Welt, die wir für wahr halten.

Schon dort, wo dieser Prozess reibungslos funktioniert, haben wir Billiarden Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen. Bei gesunden Menschen haben diese Welten zumindest so viel Gemeinsamkeit, dass man miteinander interagieren, zusammenarbeiten und auch über die Realität streiten kann – etwa bei politischen Fragen. Doch schon bei diesen kommen wir an die Grenzen der Schnittmengen der gemeinsamen Welten. Ist die Angst vor Überfremdung schon Verfolgungswahn? Das wesentliche Kriterium hierfür wäre Realitätsverlust – aber wessen Realität?

Die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit erkundet der Psychiater Achim Haug in seinen „Reisen in die Welt des Wahns“. Zum Beispiel bei der Schilderung von Tamaras Fall: Die kleinen Wesen, von denen die junge Frau bewohnt wird, fressen ihre Eingeweide auf und sprechen zu ihr. Tamara erlebt die Stimmen als real, als Geräusch in ihren Ohren, genauso wie die Gespräche mit Arbeitskolleginnen. „Woher nehmen wir die Sicherheit, dass manches real ist, das wir erleben, und manches nicht?“, fragt Haug. Den Unterschied zwischen einem Löwen, den man geträumt hat, und einem, der eine ganz reale Bedrohung darstellt, zu erkennen, sei immer schon existenziell gewesen, meint er, und „in einer ganz anderen Umwelt mit anderen Erfordernissen heute immer noch vital“.

Um diesen fassen zu können, muss unsere Wahrnehmung erst geschult werden. Beispielsweise erzählen unsere Eltern uns Märchen und erklären uns dann, dass es eben Märchen seien – und die Wirklichkeit anders aussähe. Die Erfahrung mit unseren Sinnesorganen bestätigt das Gelernte: Unsere Eltern haben uns erzählt, dass es keine Elfen gibt – und siehe da: Wir sehen keine Elfen.

Dabei sei Wirklichkeit immer auch ein gesellschaftlicher Konsens, wobei es „an den Rändern dieser kollektiven Gewissheiten zu Unschärfen kommt“, wie Haug anmerkt. Um an der gemeinsamen Welt teilhaben zu können, muss die Entwicklung der Wahrnehmung gut funktionieren – sowohl physiologisch auf der Ebene von Sinnesorganen, Hormonen und Neurotransmittern als auch im Sinne einer gesunden psychischen Entwicklung. Bei Tamara war es durch den plötzlichen Tod beider Eltern bei einem Unfall zu deutlichen Einbrüchen in dieser Entwicklung gekommen.

Fallbeispiele hautnah zu erzählen beherrscht der langjährige Chefarzt und Psychiatrie-Professor der Universität Zürich. Mit bildreichen Details werden Stimmungen spürbar und die eigenartige Gewissheit der Wahnwelten greifbar. Auch von Hannes erzählt er aus der Sicht des behandelten Arztes: Er kann sich als Einziger zwischen drei bewohnten Welten bewegen, die in Schichten übereinander existieren. Tobias hat sich in die Tochter des Teufels verliebt – leider nicht sehr glücklich, da er ein Abgesandter Gottes ist. Und bei Sabine sind sowohl ihr Mann als auch ihr Baby verschwunden und durch Doppelgänger ersetzt worden. Was Wahn aus medizinischer Sicht bedeutet, erklärt Haug zwischen den Episoden in Abstechern ins Reich der Wissenschaft. Dort erfahren wir, wie Wahnvorstellungen entstehen, wie Wahn diagnostiziert und wie er heute behandelt wird. Sanft führt Haug den Leser in eine Konfrontation mit heftigen Realitäten. Dass er sie gut erklären kann, beruhigt.

Je wahnhafter es wird, desto deutlicher zeigt sich die Grenze zwischen gesund und krank: Die Wirklichkeit des Wahnsinnigen funktioniert in unserer Welt einfach nicht, die Bewältigung des Alltags wird zur Überforderung, das Zusammenkommen mit anderen fast unmöglich. Die andere Welt liegt nicht mehr in einem Nachbarland, das sich bei Interesse auch mal bereisen lässt, auch nicht auf einem nahen Mond, der sich mit viel Aufwand noch erforschen lässt. Sie befindet sich auf einem weit entfernten Planeten.

Medizinisch gilt Wahn als Denkstörung und als Symptom verschiedener Krankheitsbilder. Nicht nur die Schizophrenie ist von Wahn gezeichnet, sondern auch Demenzerkrankungen oder schwere bipolare Störungen (die früher „manisch-depressiv“ hießen). Bei manchen Krankheitsverläufen werden die Bilder der Wahnwelt vom Patienten frei erfunden, dann gelten sie als Wahneinfälle. Wenn sie von verzerrten, aber nachvollziehbaren Wahrnehmungen gespeist werden, nennt man sie Wahnwahrnehmungen.

Anflüge davon kennen wir alle aus Situationen, wo sich die eigene Kontrolle über die Wahrnehmung verabschiedet: in Fieberfantasien oder wenn auf einer langen Autofahrt das übermüdete Gehirn in Nachtschatten seltsame Figuren zu erkennen glaubt.

Wie wenig tragfähig der Untergrund, auf dem wir stehen, tatsächlich ist, zeigt der Neuropsychologe A.K. Benjamin in seinem Buch „Into Madness“. So, wie er über seine Patienten schreibt, kann man sich mit jedem Einzelnen identifizieren: mit der mittelalten Frau, die nicht wahrhaben will, dass ihre Fehlleistungen mehr sind als „Schusseligkeit“, und die doch genau spürt, dass sich da etwas in ihrem Gehirn verändert; mit dem Jungen, der sich die Aufmerksamkeit seiner Eltern erobert, indem er sich mithilfe der elektrischen Eisenbahn Stromschläge versetzt.

Benjamin demonstriert auf diese Weise, was Einfühlungsvermögen bedeuten kann: In feinfühliger, bildreicher Sprache bietet er eine luzide, faszinierende Reise durch ein flirrendes Niemandsland zwischen Wahn und Wirklichkeit. Zunehmend mischen sich seine Falldarstellungen mit seiner eigenen Biografie. Eindrucksvoll verschwimmt zuletzt auch die Grenze zwischen Arzt und Patient. Denn Benjamin hat seinen eigenen Weg entlang der Ränder der allgemein akzeptierten Wirklichkeit zu gehen – und immer wieder auch jenseits davon, in Gefilden, die gemeinhin als psychische Störungen klassifiziert werden.

Dass das Eis, auf dem wir uns so sicher fühlen, dünn ist, haben Neurologen, Psychiater und Psychologen schon öfters kundgetan. Doch bislang waren es immer nur die anderen, die von ihnen beobachteten Patienten, die darin einbrachen. Sich selbst in der tiefen Welt verzerrter Wahrnehmung zu verlieren ist bekanntlich auch schon genügend Seelenfachleuten widerfahren. Das öffentlich zu machen und über sich selbst zu schreiben – nicht nur als Betroffenheitsliteratur, sondern als Fachbuch inklusive Erfahrungen aus erster Hand –, ist neu, mutig und aufschlussreicher als alles, was bisher über Welten abseits der allgemein akzeptierten Wirklichkeit geschrieben wurde. Liegt nicht auch darin eine Realitätsverzerrung, so zu tun, als könne die Verrückung der Wirklichkeit immer nur andere betreffen?

Aus den Tiefen ihrer Krankheit heraus berichtet auch Eugénie Paultre in „Ränder. Betrachtungen über Kunst und Wahnsinn“: „Ich habe außergewöhnliche Reisen in Raum und Zeit erlebt, überwältigende Labyrinthe, die so viele Weltanschauungen haushoch besiegen.“ Die französische Malerin und Dichterin ist von einer bipolaren Störung betroffen, wobei sie diese weniger zu erleiden scheint, als dass sie sich aktiv ein Paralleluniversum erschließt. „Ich habe keine Prinzipien, sondern folge meiner Inspiration“, erklärt Paultre und nimmt uns mit auf eine wenig vorhersehbare Reise durch Bilder aus ihrem Krankheitserleben von ungewohnter Tiefenschärfe, durch Psychologie, Philosophie und Kunst.

„Ich mag Intelligenz, die sich mit unbewusstem Denken vermählt“, meint sie und liefert mit ihrem eigenen Schreiben das beste Beispiel dafür. Sie berichtet von ersten Krisen und ihrem Staunen darüber, wie sich ihr Denken verselbstständigte – und über Gedanken, die sie nicht als ihre eigenen erkannte: „Als würden, sobald sich der Deckel meines Bewusstseins ein wenig anhebt, die Ungeheuer meines Unterbewusstseins in vollkommenster Unordnung hervorsprudeln.“ So entsteht eine plastische, lebendige, aber auch sachlich fundierte Innenansicht einer gemessen an ihrer Häufigkeit relativ schwach ausgeprägten Krankheit.

Wenn man das beim lesenden Nachvollziehen zeitweise aufkommende Bedürfnis nach mehr Struktur hintanstellt, wird man durch Einblicke in eine wenig bekannte Welt belohnt. Und schließlich sei diese von ihren Rändern aus am besten zu erfassen, meint die Autorin: „Es liegt Weisheit darin, sich an die Ränder des Geistes locken zu lassen, und, mithin, die Ränder der Gesellschaft, um nachzusehen, was die Welt alles zu offenbaren hat.“

Dass ein gewisses Maß an Wahnsinn sogar heilsam sein könne, untermauert die Autorin mit Zitaten von William Blake und dem Theater-Theoretiker Antonin Artaud.

Die Grenze zwischen Sachbuch und Literatur beginnt hier zu fließen. Und die Art, in der Paultre die Bilder ihrer Welt dicht und plastisch formt, trägt nicht nur romanhafte Züge, sie hat etwas zutiefst Lyrisches und erscheint damit neu und einzigartig.

Zugegeben: Die Lektüre dieser drei Werke erfordert manchmal ein bisschen Mut. Wer gar nicht wissen will, wie nahe die nächste Schwachstelle des „festen“ Bodens liegen kann, an der es hinunter geht ins Bodenlose, wer lieber in routinierter Gemütlichkeit schwelgt, sollte die Finger davon lassen.

Wer neugierig und couragiert genug ist, zu erforschen, was es jenseits der sogenannten Normalität zu entdecken gibt, sollte zugreifen. Denn zwei Dinge haben alle drei Berichte aus den Wahnwelten gemeinsam: Erstens vermögen sie aufgrund ihrer schonungslosen, präzisen Schilderungen zu faszinieren. Und zweitens erweitern sie die eigene Wahrnehmung um neue Facetten, um so fremde wie reiche Wirklichkeiten.

Andreas Kremla in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 34)


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