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| Reihe | Nautilus Flugschrift |
|---|---|
| Themen | Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Essays |
| ISBN | 9783960545088 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 07.09.2026 |
| Größe | 20.8 x 12.5 cm |
| Verlag | Edition Nautilus GmbH |
| Übersetzung | Nadine Püschel |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Edition Nautilus GmbH info@edition-nautilus.de |
Aus dem Märchen vom Rotkäppchen haben wir vor allem die Warnung vor dem unbekannten Fremden draußen im Wald in unsere kollektive Vorstellung übernommen. Dabei haben sich Charles Perrault und die Brüder Grimm große Mühe gegeben, im Text Hinweise wie Kieselsteine zu verstreuen, um uns auf den rechten Weg zu führen. Doch etwas in uns wehrte sich, eine kollektive Verleugnung, und so besiegelten wir die Fehlinterpretation und verschlossen die Türen unserer Häuser. Spulen wir also zurück: Warum ist diese Großmutter so »verrückt« nach ihrer Enkelin? Warum verrät das Kind dem Wolf so bereitwillig deren Adresse? Und wer versteckt sich wirklich unter der Decke? Ein als Oma verkleideter Wolf – echt jetzt?! Durch ein Netzwerk von Geschichten, in denen auf verschlungenen Waldwegen Sigmund Freud, Virginia Woolf, Neige Sinno und David Lynch auftauchen, seziert Lucile Novat das Märchen und rückt ein wirkmächtiges Tabu ins Licht: Die größte Gefahr für Kinder lauert im Haus, in der Familie. Im Anhang des Buches können sich die Leser*innen selbst durch einen Märchenplot spielen und erleben, wie es ist, nicht mehr aus dem Wald zu finden. »Ein brillanter Essay.« Les Inrockuptibles
| Reihe | Nautilus Flugschrift |
|---|---|
| Themen | Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Essays |
| ISBN | 9783960545088 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 07.09.2026 |
| Größe | 20.8 x 12.5 cm |
| Verlag | Edition Nautilus GmbH |
| Übersetzung | Nadine Püschel |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Edition Nautilus GmbH info@edition-nautilus.de |
Gerlinde Pölsler in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 37)
Sind Sie mit der Sendung „Aktenzeichen XY“ aufgewachsen? Oder gehören Sie zur jüngeren Generation, in der besonders Mädchen einen Bogen um Kastenwägen machen? In beiden Fällen sind Sie wahrscheinlich mit der Botschaft groß geworden: Die Gefahr lauert da draußen, in Form des fremden Mannes, der Kinder entführt und vergewaltigt. Zuhause dagegen, hinter verschlossener Tür, da ist es sicher. Dass es so nicht ist, daran erinnert in Österreich gerade der Fall des Kabarettisten Günther Paal.
Diesen Glauben umzustoßen, dazu ist die französische Literaturwissenschaftlerin und Mittelschullehrerin Lucile Novat angetreten. In „Dass ich dich besser fressen kann. Rotkäppchen revisited“ interpretiert sie das Märchen radikal neu. Ihr Erstling mit dem Originaltitel „De grandes dents: Enquête sur un petit malentendu“ („Große Zähne. Untersuchung eines kleinen Missverständnisses“) bescherte der damals 33-Jährigen vor zwei Jahren in ihrer Heimat mehr als 10.000 verkaufte Bücher und zahlreiche Medienauftritte. Dass ihr das mit dem unpopulären Thema Inzest und familiärem Missbrauch gelang, verdankt sich ihrer prägnanten Schreibe und dem ätzenden Humor, den sie selbst bei diesem Thema einzubringen vermag.
„Rotkäppchen“, glaubt Novat, „lehrt uns, dass die Gefahr nicht draußen im Wald lauert, sondern drinnen im Haus.“ Weniger vor fremden Wölfen müsse man sich hüten als „vor den Wölfen der Verwandtschaft. Dass man weniger riskiert, wenn man querfeldein streunt, als wenn man zu einem Familienmitglied ins Bett schlüpft.“
Der Wolf, der sich im Märchen als Großmutter verkleidet hat, sei in Wahrheit einfach die Großmutter selbst (oder ein anderer Verwandter). Die Wolfsgestalt stehe lediglich für das Raubtierverhalten. Und das „Verschlingen“ des kleinen Rotkäppchens meine dessen sexuellen Missbrauch.
Allerdings werden Omas äußerst selten zu Missbraucherinnen – wie erklärt Novat diesen Widerspruch? In der französischen Version des Märchens, argumentiert sie, werde das Rotkäppchen fast genauso oft mit dem Maskulinum bezeichnet wie mit dem Femininum. Außerdem sage der Wolf/die Großmutter in mündlich überlieferten Fassungen, ihr behaarter Körper komme vom Alter: „Letztlich steht hier die Dichotomie Kind/Erwachsene*r stärker im Vordergrund als die Geschlechterdichotomie.“
Wenn die Autorin schon mit den Altvorderen abrechnet, stößt sie auch gleich andere Autoritäten vom Sockel: Sigmund Freud zum Beispiel. Der habe sich zwar schon was getraut, „als er aus der österreichischen Bourgeoisie heraus seinen Ödipuskomplex aufstellte – kleine Jungen, die in ihre Mama verliebt sind, das muss man schon breitbeinig vertreten können.“
Wie verheerend sich (familiärer) Missbrauch auswirkt, das habe aber auch Freud verleugnet. Dabei besuchte er in Paris die Vorführungen des berühmten Professors Charcot, der seine Hysteriepatientinnen vor Publikum präsentierte. Freud hörte den Frauen in ihrem „Delirium“ genau zu: Sie alle sprachen von sexueller Gewalt. Doch statt die richtigen Schlüsse zu ziehen – dass sie über Erlebtes gesprochen hätten –, interpretierte er es als Ausdruck verdrängten Begehrens (der Töchter nach ihrem Vater). Novat: „Ein historischer Reinfall.“
All die Missversteher wollten bloß das Unerträgliche nicht sehen. Auch der Sozialanthropologe Claude Lévi-Strauss habe geirrt, als er das Inzestverbot als grundlegenden Schritt sah, „in dem sich der Übergang von der Natur zur Kultur vollzieht“. Tatsächlich sei das Inzesttabu weniger ein Verbot, Inzest zu vollziehen, als ein Verbot, darüber zu sprechen, wie die Anthropologin Dorothée Dussy richtig erkannt habe: „Das Inzestverbot als das Fundament der Gesellschaft darzustellen, bringt diejenigen, die Inzest erleben, taktvoll zum Schweigen, denn niemand erträgt die Vorstellung, außerhalb der Gesellschaft zu stehen.“
Dabei passiert das Unerträgliche viel öfter, als wir glauben wollen. Die Unabhängige Kommission zu Inzest und sexueller Gewalt gegen Kinder in Frankreich (CIIVISE) kam 2023 auf rund 130.000 Fälle sexueller Gewalt in der Familie pro Jahr. Nur acht Prozent der pädokriminellen Übergriffe würden von Unbekannten verübt, in allen anderen Fällen kennt das Opfer den Täter.
Nach und nach kommt auch heraus, dass die Autorin eine persönliche Geschichte zum Thema hat: Ihre Mutter wurde wohl von einem Familienmitglied missbraucht, konnte sich das aber nie richtig eingestehen. Wie immer, wenn Autoren Höchstpersönliches über identifizierbare Personen in ihre Bücher packen, fühlt sich das unangenehm an. Ob das Outing mit der Mutter abgesprochen war, bleibt offen.
Ansonsten ließe sich noch herummäkeln, dass die Interpretationen der Autorin auch nur eine Möglichkeit von mehreren darstellen: Wer weiß schon, ob in der Genese des Märchens – das Charles Perrault um 1695 erstmals niederschrieb, bevor es die Brüder Grimm übernahmen – nicht doch auch die Warnung vor dem fremden Verführer steckt? Genauso gut ließe sich anmerken, dass „da draußen“ natürlich auch Gefahren lauern.
Angesichts von Novats Gesamtleistung erscheint das aber beinah kleinlich. Immerhin hat sie erreicht, dass die Franzosen (wieder) über sexuelle Übergriffe in der Familie sprechen (müssen). Vielleicht hat sie Opfer ermutigt, endlich darüber zu reden.
Falsch liegt sie daher mit ihrem letzten Absatz, in dem sie die Leser direkt anspricht: Gern „könnt ihr […] meiner Theorie den Bauch aufschlitzen und die Stellen herausschneiden, an denen ihr Anstoß genommen habt […]. Dieser hysterische Korpus ist es gewöhnt, durchlöchert zu werden. Wenn alles so zugeht wie immer, werdet ihr die ganze Angelegenheit vergessen haben, noch bevor er sich humpelnd wieder aufrichtet.“
Nein, werden wir nicht.
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