
Ein Roman wie ein Schwalbenflug
Thomas Leitner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 8)
Der Fluss floss in beide Richtungen. Die Strömung verlief von Nord nach Süd, doch der Wind kam meist von Süd und schob die kräuselnde Oberfläche des grün-bronzenen Wassers in die entgegengesetzte Richtung. Dieser scheinbar unmögliche Widerspruch faszinierte Morag noch immer.“
Selten gibt der erste Satz so prägnant die Tonalität eines Buches wieder, führt so sicher in seine Thematik ein: Eine Schriftstellerin sitzt in ihrem Zimmer für sich allein, mit Blick auf den Fluss. Sie ist 47 Jahre alt, und in diesem Moment, gerade als die Tochter sie verlassen hat, ziehen die Stationen von Leben und Arbeit an ihr vorbei.
Margaret Laurence befand sich in der gleichen Situation wie ihre Protagonistin. Bewegte Zeiten liegen hinter ihr: Aufgewachsen in einem Provinznest der Prärie des kanadischen Mittelwestens, verlässt sie frühestmöglich die kärgliche Idylle, studiert, heiratet 1947 einen Wasserbauingenieur. Gemeinsam gehen die beiden nach Afrika. Laurence beginnt, sich mit der Kolonialgeschichte und der lokalen Sprache zu beschäftigen. Bald übersetzt sie Lyrik aus dem Somalischen und schreibt eigene Erzählungen. Zurück in Kanada (diesmal an der Westküste, Vancouver) trennt sich das Paar, und Margaret zieht für einige Jahre mit den beiden Kindern nach London. Anlässlich der endgültigen Rückkehr in das Heimatland erwirbt sie ein altes Farmhaus im Gebiet des Lake District.
In der Zwischenzeit hat sich Laurence als Autorin etabliert. Die ersten drei Teile ihrer „Manawaka“-Serie, drei lose zusammenhängende Romane, angesiedelt in einer fiktiven an ihre Jugendzeit erinnernden Präriestadt, fand bei Publikum wie Kritik ungeteilte Zustimmung. „Glücklichere Tage“ erscheint 1974 und sollte in Verschränkung der Themen der vorangegangenen Bücher zu ihrem Opus magnum werden. Mit diesem überforderte sie zwar ihre Leserschaft, die Fachwelt aber war sich über den literarischen Stellenwert des dichten Textes einig. Danach wird sie bis zum Freitod nach einer Krebsdiagnose nur mehr Kinderbücher veröffentlichen.
Auch wenn „Glücklichere Tage“ weit davon entfernt ist, ein Schlüsselroman zu sein, sind Parallelen zwischen der Protagonistin Morag und der Autorin unübersehbar. Beide werden früh zu Waisen und wollen möglichst schnell der trostlosen dörflichen Enge entfliehen. Mit dem Studium an der Universität Winnipeg gelingt ihnen der Absprung.
Es bleibt allerdings eine kurze Zwischenstation. Morags Ehemann, ein zunächst verständnisvoll fördernder Literaturdozent, entpuppt sich als Repräsentant einer traditionell-paternalistischen Ordnung. Die Schreibversuche seiner Frau tut er als putzige Kindereien ab und will sie „nach seinem Bilde“ formen (wobei ihm jemand wie Doris Day als Role Model vorzuschweben scheint).
Es gelingt Morag, aus diesem Käfig auszubrechen. Sexuelle Verwirklichung und Erfüllung des Kinderwunschs findet sie dank eines Jugendfreunds. Skinner war ein Außenseiter im Dorf. Er ist Angehöriger einer sozial geächteten Schicht, die abschätzig Métis genannt wird und bei der es sich um Nachfahren frankophoner Pelzhändler und Frauen der First Nations handelt. Die Frage weiblicher Selbstbestimmung und die Probleme einer ethnisch gemischten Bevölkerung durchziehen als roter Faden den Roman.
Morags Ziehvater, der verachtete Müllfahrer des Dorfes, stammt von den schottischen Siedlern ab, die es im späten 18. Jahrhundert auf der Flucht vor der Hungersnot nach Kanada verschlagen hatte. Die heute anerkannten Métis hingegen waren mit der Besitznahme des Landes durch die englische Krone und die Verlagerung der Jagdgründe nach Westen in Gegenden abgedrängt worden, wo sie mit den schottischen Einwanderern in Konflikt gerieten. Während in Morags Gedächtnis Heldensagen und dudelsackbegleitete Balladen nachklingen, sucht deren Tochter, inspiriert von Songs ihres Vaters Skinner, nach den Wurzeln von dessen Familie.
Ein weiteres Thema des Romans sind Reflexionen über das Schreiben als Arbeit. Wenn Morag den Lesern das Gefühl vermittelt, dass es ein mühevoller Prozess des Erinnerns und Gestaltens ist und eine gehörige Portion Einsamkeit erfordert, vermeint man die Autorin selbst sprechen zu hören. Tatsächlich gelingen auch ohne hochmögende Vergleiche wunderbare Bilder. Der eingangs zitierte Absatz fährt so fort: „Der Frühnebel hatte sich gelichtet, und die Morgenluft war erfüllt von Schwalben, die so tief über den Fluss schossen, dass ihre Flügel manchmal das Wasser streiften, um sich dann wieder in die Höhe zu schrauben.“
In Kanada zählt Margaret Laurence neben Alice Munroe und Margaret Atwood zu den Klassikerinnen der Moderne. Im deutschen Sprachraum ist sie im Vergleich mit den Genannten weitgehend unbekannt. Der Eisele Verlag hat in den letzten Jahren die ersten drei Teile der „Manawaka“-Serie in neuer Übersetzung herausgebracht und schließt dieses nicht hoch genug einzuschätzende Unternehmen nun mit „Glücklichere Tage“, das erstmals auf Deutsch erscheint, ab.
Der Originaltitel „The Diviners“ – er bedeutet so viel wie „Wahrsager“ oder „Wünschelrutengänger – wäre wesentlich schwerer mit dem Inhalt in Einklang zu bringen, und Übersetzerin Monika Baark hat mit der Überschrift des letzten Kapitels eine gute Titelwahl gefunden. Auch sonst trifft sie den Ton des Romans sehr genau, lässt die zitierten Balladen und Gedichte zum Teil unübersetzt stehen. Ihre Leistung trägt entschieden zum ungeschmälerten Lesevergnügen bei. Und das Nachwort von Helene Bukowski betont die gelassene Schönheit der Naturbeschreibungen – Birdwatcher werden davon begeistert sein!



