Männer im Abseits

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Wiederentdeckung eines zeitlosen Humoristen
Emanuel ist 25, ein aufbrausender, gutherziger Tunichtgut und – fußballbegeistert! Mit seinem Vater teilt er eine winzige Wohnung, ein winziges Bett und die Liebe zum Verein Viktoria Žižkov. Seine Zeit verbringt er daher meist auf den Zuschauerrängen der Prager Fußballplätze, um seiner Mannschaft beizustehen oder Anhängern anderer Clubs gehörig die Meinung zu sagen. Doch selbst jemand wie er muss lernen, Verantwortung zu übernehmen und eventuell sogar eine Familie gründen …
Eine leichtherzige, ironische Erzählung voller verschrobener Charaktere und eine humorvolle Darstellung des Lebens der »einfachen Leute« im Prag der 1930er Jahre.
Karel Poláček gilt er als einer der bedeutendsten Humoristen Tschechiens. Er zeichnet sich aus durch die Darstellung der Probleme und Schwächen der einfachen Menschen im tschechisch-jüdischen Stadtmilieu wie auch die satirische Kritik von kleinbürgerlichem, engstirnigem Spießertum und gehobenen Schichten gleichermaßen. Seine Werke wurden mehrmals verfilmt und einige auch ins Deutsche übersetzt.

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FALTER-Rezension

Ein Schriftsteller im Abseits

Der Autor Karel Poláček war ein großer Chronist Tschechiens. Vor 75 Jahren wurde er von den Nazis ermordet

Sobald es ums Schreiben geht, wird der Mensch faul. „Nicht einmal einen Brief wollen die Leute schreiben“, notierte Karel Poláček in seinem Tagebuch, „da gehen sie lieber zum Zahnarzt.“ Und sechs Wochen später: „Ich habe bis heute keine Zeile geschrieben. Auf dem Balkon blühen die Brunnenkresse und die Saubohnen; und zwei Schildkröten genießen die Sonne.“

Mit diesem Eintrag vom 20. Juni 1943 enden die Aufzeichnungen des Schriftstellers. Zwei Wochen später werden Poláček und seine Gefährtin, die Juristin Dora Vaňáková, nach Theresienstadt deportiert. Im Oktober 1944 kommen sie nach Auschwitz, Dora wird sofort nach ihrer Ankunft vergast. Lange Zeit vermutete man mangels Unterlagen, dass Karel dasselbe Schicksal ereilt hätte, doch er wurde in ein Außenlager überführt und verfasste zu Weihnachten für seine Mitgefangenen sogar noch einen Theatersketch. Heute weiß man, dass der Autor vor 75 Jahren – wahrscheinlich am 21. Jänner 1945 – auf einem Todesmarsch ins oberschlesische Lager Gleiwitz II ermordet wurde.

Karel Poláček, geboren 1892 in Rychnov nad Kněžnou (Reichenau an der Kniesch­na), gilt in seiner Heimat als überragender Humorist und bedeutender Chronist des kleinstädtischen Lebens. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für linke, nationale und bürgerlich-intellektuelle Blätter wie Lidové noviny (Volkszeitung), war Gerichtsreporter und Kolumnist, dazu noch Drehbuchautor bei Prags führender Filmproduktion (AB Film) und veröffentlichte Bücher am laufenden Band: Erzählungen, Kinderbücher, Feuilletons und Romane, manchmal auch zwei in einem Jahr. Nur ein Bruchteil davon wurde auch ins Deutsche übertragen, doch wurden zuletzt immerhin zwei seiner Hauptwerke wiederaufgelegt („Männer im Abseits“, 1931) respektive neu übersetzt („Die Bezirksstadt“, 1936).

Kulturell sah Poláček sich als tschechischer Schriftsteller, zu seinem Judentum hatte er ein entspanntes Verhältnis. Vater Jindřich war ein wohlhabender kleiner Kaufmann, Mutter Zofia kümmerte sich um den Haushalt und half im Geschäft aus. Als tschechischsprachige, assimilierte Juden gehörten die Eltern einer Minderheit an, denn mehr als drei Viertel der jüdischen Bevölkerung von Mähren und Schlesien sprachen damals Deutsch – nicht zuletzt, weil das in der Mo­narchie den gesellschaftlichen Aufstieg erleichterte.

In seinen Romanen tauchen „jüdische Themen“ nur am Rande auf, jüdische „Typen“ jedoch finden sich darin zuhauf. So etwa Richard Natsche­radetz, einer der Protagonisten seines Fußballromans „Männer im Abseits“, der als glühender Anhänger des FC Slavia mehr als einmal in Kalamitäten gerät. Und wenn sein Verein sonntags auf der Hohen Warte gegen First Vienna spielt, lässt er die Verwandtschaft, die auf Besuch gekommen ist, einfach sitzen und fiebert am Radio mit. Was seinem Bruder Max willkommener Anlass ist, um wortreich das Verderben seines Volkes zu beklagen.

„‚Die früheren Juden‘, meditierte der berühmte Advokat, ‚die hatten eingefallene Brustkörbe und schmale Schultern. Sie mieden den Umgang mit Menschen und verbrachten ihre Abende im Familienkreis, wo sie sich dem Studium hingaben.‘ (...) ‚Und heute? Wehe!‘ rief Dr. Natscheradetz. ‚Wie sind die heutigen Juden? Wie ist unsere heutige Jugend? Man sieht sie auf Aschenbahnen laufen, kopfüber ins Wasser springen. Ihren Ehrgeiz erblickt sie darin, in Rekordzeit das Ziel zu erreichen. Was für Zeiten sind das!‘“

Das mag sich auch Poláček selbst gefragt haben. Berichten seiner Tochter zufolge hatte er durchaus auch seine kauzigen Seiten, so hasste er Fußball ebenso aufrichtig wie alle moderne Technik. Nicht einmal Telefon hatte er zu Hause.

„Männer im Abseits“ wurde unmittelbar nach Erscheinen verfilmt. Gleiches gilt für den noch im selben Jahr veröffentlichten Roman „Hráči“ (Spieler), den Poláček und der Regisseur Gustav Machatý für die Leinwand adaptierten und der Anfang 1932 als „Natsche­radetz, König der Kiebitze“ ins Kino kam. Der geizige Gschaftlhuber, der immer Recht behalten will und wegen jeder Lappalie vor Gericht geht, wurde in beiden Filmen vom tschechichen Superstar Hugo Haas verkörpert.

Poláček schrieb nur über Dinge, die er kannte, vermutet der Übersetzer Antonín Brousek im Nachwort zu „Die Bezirksstadt“. Wiewohl der Schauplatz dieses Romans nie beim Namen genannt wird, nahm der Autor dafür seine Geburtsstadt zum Vorbild. Das Buch ist Auftakt zu einer Pentalogie über das tschechische Provinzleben: ein Kleinstadtroman, dessen Handlung im Sommer 1913 einsetzt und ein Jahr später, am Tag nach dem Attentat von Sarajevo, endet.

Manches darin ist erfunden, vieles gab es wirklich. So kann man in dem Kaufmann Gustav Štědrý eine Hommage an den Vater vermuten und in Jaroslav, dem jüngsten seiner drei Söhne, einem sensiblen, leicht unentschlossenen Intellektuellen, ein Alter Ego des Autors. Zunächst scheint die Zeit in dem Städtchen, das quasi ein eigener Charakter ist, stillzustehen, doch mehren sich die Ereignisse – Militärmanöver, ein Brand im Bordell, der Besuch eines Abgeordneten –, die vom nahenden Ende der Beschaulichkeit künden. Und mit dem Kino hält sogar die Moderne allmählich Einzug: „Das Bild wackelt. Es scheint, dass es über der Leinwand regnet. Das Grammophon krächzt einen Walzer.“

In Rychnov befand sich die älteste jüdische Gemeinde in Ostböhmen. Die liebevoll restaurierte Synagoge aus dem 18. Jahrhundert erinnert daran und an Karel Poláček eine Skulptur im Park nebenan. Hier verbrachte der Autor eine glückliche Kindheit, die er in seinem letzten, Anfang 1943 vollendeten Roman verewigt hat.

„Wir fünf und Jumbo“ erzählt vom kleinen Peter und seiner Clique, kindlichen Spielen und Streitereien. Dann hebt das Buch ins Fantastische ab und schildert auf 110 Seiten einen Fiebertraum, in dem sich der Bub mit seinen Freunden und einem sprechenden Zirkuselefanten im exotisch funkelnden Indien wiederfindet. „Ich werde mich bald erholen und zu Kräften kommen, und dann nehme ich es mit jedem auf. Jaaa! Aber jetzt will ich – schlafen –“

Damit endet das Buch, offen, ohne Punkt. Seine Veröffentlichung hat der von den Nazis bereits mit Schreibverbot belegte Autor nicht erlebt.

Michael Omasta in Falter 3/2020 vom 17.01.2020 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783963111556
Erscheinungsdatum 01.02.2019
Umfang 240 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag Mitteldeutscher Verlag
Nachwort von Sylvia Soswinski
Übersetzung Herta Soswinski
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