
Chronik einer Medienübernahme
Barbaba Tóth in FALTER 13/2026 vom 25.03.2026 (S. 19)
Der ungarische Premier Viktor Orbán hat es in seiner dritten Amtszeit seit 2010 geschafft, Ungarns Medienlandschaft fast ganz unter seine Kontrolle zu bringen. Ohne Orbán wäre das Europäische Medienfreiheitsgesetz (EMFA) 2024 wohl nie in Kraft getreten, es ist Brüssels Antwort auf Orbáns systematische Einschränkung der Pressefreiheit. Aber wie genau ging der ungarische Premier dabei vor? Ákos Tóth ist seit vielen Jahren Journalist in Ungarn und war stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung Népszabadság, die Orbán 2016 einstellen ließ. In seinem Buch "Nach der Eroberung" schildert er dessen Machtübernahme minutiös und mit vielen Einblicken in das Innenleben der Redaktionen.
"Wir können nicht damit rechnen, dass wir bei Themen politischer Art außen vor bleiben. Vor allem Migration, vor allem Brüssel und sonstiges. () Wer eingeteilt ist, kommt möglicherweise irgendwann an die Reihe und muss ein Material verfassen, nach dem entsprechenden Narrativ, nach der entsprechenden Methode und dem entsprechenden Kurs. Wem das nicht passt, der muss zum Chef gehen, muss seine Kündigung einreichen und muss gehen." Diese Worte stammen von Balázs Bende, dem damaligen leitenden Redakteur des MTVA (Fonds zur Förderung der Mediendienste und Vermögensverwaltung), Orbáns wichtigstes Vehikel zur Steuerung der Medien. Sie fielen im März 2019 im Ressort Außenpolitik des ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor den EU-Wahlen. In einer anderen Szene beschreibt Tóth, wie Orbán im Jänner 2015 den Führungskräften mehrerer Redaktionen ankündigt, dass sie mit keinen weiteren staatlichen Werbeausgaben rechnen dürfen.
Politischer Zugriff auf den öffentlichrechtlichen Rundfunk, staatliche Werbung als Druckmittel: Wie das wohl in Österreich ausginge, wenn einmal ein Austro-Orbán regiert? Tóths Insider-Chronik dokumentiert Orbáns Drehbuch -und zeigt damit präzise die Schwachstellen in Österreichs politmedialem System auf.


