
Freiheit durch Klimaschutz!
Katharina Kropshofer in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 6)
Es könnte der Beginn eines dystopischen Romans sein. Kein Ereignis hat je den Ölmarkt so gestört wie die anhaltenden Angriffe auf den Iran. Das sagt nicht irgendwer, sondern die Internationale Energieagentur. In Thailand sind Staatsbedienstete deshalb angehalten, Treppen statt Aufzüge zu nutzen. In Pakistan gilt nun die Vier-Tage-Woche. In Brüssel denkt die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wieder laut über Atomkraft nach, während Ungarn und Italien sie drängen, die Klimapolitik des Green Deal zu lockern, um die Kosten für die Industrie zu senken.
Seit die USA und Israel den Iran und umliegende Länder angreifen, passieren kaum noch Öltanker die Straße von Hormus. Die Energiepreise sind weltweit um 50 Prozent gestiegen. Kein Wunder, floss doch ein Fünftel des globalen Ölhandels bisher durch die nur 38 Kilometer breite Passage. Katar, das 20 Prozent der globalen Flüssiggasnachfrage deckt, produziert nicht mehr. Die Internationale Energieagentur reagierte mit der größten Notfallfreigabe der Geschichte: 400 Millionen Barrel Öl. Die 32 Mitgliedsländer -von Südkorea bis Österreich -müssen solche Reserven für den absoluten Ausnahmezustand zur Seite legen.
Kommt Ihnen das auch bekannt vor? Erst vor vier Jahren steckte Europa in einer ähnlichen Situation. Im Februar 2022 hatte der russische Diktator Wladimir Putin die Ukraine angegriffen. Und zeigte den Europäern eine unbequeme Wahrheit: wie abhängig sie von russischem Öl und Gas waren. Damals stiegen die Preise für Gas in wenigen Monaten von 0,12 Euro auf 0,33 Euro pro Kilowattstunde.
Den Ausweg benannte ein unwahrscheinlicher Kandidat: Der ehemalige deutsche FDP-Politiker Christian Lindner ist nicht für seine progressive Klimapolitik bekannt. Doch er prägte den Begriff der Stunde: "Freiheitsenergien." Also erneuerbare Energien als Garant für die Unabhängigkeit von autoritären Staaten.
Seit dem Februar 2022 hat Europa große Schritte gemacht. Statt 40 Gigawatt installieren die Europäer nun 65 Gigawatt Solarenergie pro Jahr -in guten Zeiten genug, um 20 Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen. Doch 90 Prozent des Öls und 80 Prozent des Gases importiert die EU weiterhin. Österreich gab 2025 ganze 7,9 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe aus, rechnet das Institut für Höhere Studien (IHS) vor. Statt Putin wählte die EU Trump als Energielieferanten und schloss im Juli einen Deal über 750 Milliarden Euro für US-amerikanisches Flüssiggas ab.
Die Journalistinnen Annika Joeres und Susanne Götze nennen das die "Sicherheitslüge" (siehe Marginalie): Während die EU ihre Verteidigung aufrüstet, wendet sie sich bei Öl und Gas dem nächsten unberechenbaren Herrscher zu -und bleibt erpressbar. Soeben hat Trump etwa den Chef seines Department of Energy nach Wien geschickt, um Gas und Klimaskepsis zu verkaufen. Erst am Freitag soll er bei einem Treffen der Internationalen Atomenergie-Organisation gesagt haben, der Klimawandel sei für die Lebensqualität nicht entscheidend.
Den Absprung hat Europa noch nicht geschafft. Doch Analysten prophezeien gerade einen Aufschwung für Solarenergie und Batterien bei fallenden Kosten. Simon Stiell, Chef der UN-Klimabehörde, nannte die Investition in Erneuerbare den "offensichtlichsten Weg zur Energiesicherheit". Der österreichische Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) will die Spritpreiserhöhung beschränken, aber am CO2-Preis festhalten - anders als der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Fällt dieses Instrument, dann mit ihm das Rückgrat der europäischen Klimapolitik.
Erneuerbare Energien haben viele Vorteile. Erstens: Sonnenlicht muss nicht durch schmale, gefährliche Seestraßen transportiert werden. Zweitens: Sie bieten wirtschaftlichen Nutzen. Zwar kommen viele Solarpaneele und Windrotoren noch aus China, doch in der Wertschöpfungskette werfen die Erneuerbaren mehr Geld im eigenen Land ab. In Österreich bringen solche Investitionen in Wind und Sonnenkraft bis 2032 ganze 21,6 Milliarden Euro, so eine Studie des IHS.
Drittens: Sie sind demokratischer, gehen sie doch in die Breite. Für große Öl-Pipelines braucht man Kraftwerke und Verteilernetze, also riesige Konzerne. Solarpaneele kann zumindest in der Theorie jeder auf seinem eigenen Balkon oder Dach installieren. Und während man eine Ölraffinerie oder ein Atomkraftwerk mit einem Drohnenangriff ausschalten kann, fällt im Windpark nur ein Windrad um.
Es ist die ewig gleiche Branche, die sich gegen diese Energiewende wehrt. Ohne große Überraschung. Immerhin sollen Energieriesen wie Shell und BP allein in diesen zwei Kriegswochen mehr als fünf Milliarden Dollar Gewinn gemacht haben, so Analysten von Goldman Sachs.
Vielleicht passt der Begriff der Freiheitsenergien also auch heute ganz gut. Die Sorge um den Klimawandel ist verdrängt, Klimaziele werden nur noch schüchtern diskutiert. Die Fragen der Sicherheit sind jetzt im Vordergrund. Nur die Lösungen bleiben die gleichen. Welche Ironie, wenn just der Krieg um Öl endlich die Einhaltung der Klimaziele begünstigen würde!



