Das Arche Noah-Prinzip

Heilung aus dem Tierreich
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wussten Sie, dass der Nacktmull nicht altert und im Laufe seines Lebens immer fitter wird? Die Krebsforschung entlockt ihm gerade sein Geheimnis. Oder dass die beim Schnurren entstehenden Schwingungen gebrochene Katzenknochen schneller heilen lassen?
Der Veterinärmediziner Dr. René Anour zeigt in diesem Buch faszinierende Heilkräfte, die in Tieren schlummern und die wir uns jetzt oder in Zukunft zunutze machen können. Ein liebevoller Appell für die Erhaltung der Artenvielfalt samt Hinweisen darauf, was wir alle dazu beitragen können.

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FALTER-Rezension

"Als würden wir eine Schatzkiste anzünden"

Der Veterinärmediziner René Anour über die Heilkräfte von Tieren, den Ursprung von Pandemien und den Schutz der Artenvielfalt

Der Nacktmull altert nicht, Katzen können gebrochene Knochen schneller heilen lassen und das Gift einer Schlange war die Blaupause für blutdrucksenkende Medikamente. Die Heilkräfte von Tieren könnten auch uns Menschen helfen, Krankheiten wie Krebs oder chronische Schmerzen zu besiegen, erzählt René Anour in seinem neuen Buch "Das Arche-Noah-Prinzip".

Der Wiener Veterinärmediziner arbeitet für die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) und hat sich auf Conservation Medicine spezialisiert, die das Zusammenspiel von Ökosystemen und der Gesundheit von Tier und Mensch untersucht. Ein Gespräch über den Wert der Artenvielfalt.

Falter: Herr Anour, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, welch wertvollen Genpool wir mit dem Aussterben von Arten verlieren. Sie selbst haben das Verschwinden einer Art schon einmal erlebt.

René Anour: Ja, in den 90ern war ich oft zu Besuch bei Freunden am Lunzer See. Zu unseren Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, Elritzen anzulocken. Das sind fingerlange Schwarmfische, die zur Laichzeit einen wunderschönen roten Bauch bekommen. Von denen gab es dort zigtausende. Wir haben Brotkrumen in große Einmachgläser gegeben, Löcher in die Deckel gebohrt und das Ganze im Wasser versenkt. Sofort bildeten sich riesige Schwärme um die Gläser, ein paar Elritzen schwammen durch das Loch im Deckel hinein. Am Ufer bauten wir Gehege für die Fische, sahen ihnen eine Zeit lang zu und ließen sie dann wieder frei. Zu Beginn der Corona-Pandemie habe ich wieder Sehnsucht nach diesem Bullerbü-Idyll bekommen. Doch als ich an den Lunzer See kam, fand ich dort keine Elritze mehr. Keine einzige.

Was war passiert?

Anour: Der Hecht war in den See gelangt, ein besonders gefräßiger Raubfisch. Ob Enten die Hechteier eingeschleppt hatten oder ihn ein Mensch absichtlich eingesetzt hat, weiß niemand. Früher wäre der Lunzer See dem Hecht zu kalt gewesen, durch die Erderwärmung ist das jetzt nicht mehr so. Jedenfalls starb 2015 dort der heimische Seesaibling aus, ein Jahr später war auch die letzte Elritze aufgefressen.

Ihre Botschaft lautet: Mit dem Aussterben von Arten verlieren wir einen Genpool von unschätzbarem Wert, der uns helfen könnte, Krankheiten wie Krebs oder chronische Schmerzen zu besiegen.

Anour: Ja, die Artenvielfalt mit all den unglaublichen Anpassungen, die die Tiere entwickelt haben, ist wie eine riesige Schatzkiste. Wir fangen gerade erst an, diese zu verstehen. Wenn wir zuschauen, wie tausende Arten aussterben, ist es, als würden wir die Schatzkiste anzünden, ohne zu wissen, was drin ist.

Als Beispiel für eines der am weitesten verbreiteten Medikamente, die ihren Ursprung im Tierreich haben, nennen Sie die sogenannten ACE-Hemmer gegen Bluthochdruck, die auf das Gift einer brasilianischen Schlange zurückgehen

Anour: In den 1960er-Jahren haben Forscher entdeckt, dass Säugetiere, die von dieser Schlange gebissen werden, eine Art Schock erleiden, und forschten an einer Substanz namens Bradykinin, die auch beim Menschen am Schockgeschehen beteiligt ist. Ein junger Forscher fand im Gift der Schlange außerdem eine Substanz, die wie ein Booster für Bradykinin wirkt und für den Blutdruckabfall der Bissopfer verantwortlich ist. Dieser Booster war die Blaupause für eine ganz neue Klasse an Blutdrucksenkern, die ACE-Hemmer. Heute nehmen Millionen von Menschen diese Medikamente, um ihren Bluthochdruck in den Griff zu kriegen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch erstaunliche Fähigkeiten von Tieren. So hat das Schnurren der Katze heilende Kräfte.

Anour: Das Schnurren lässt Muskeln und Gewebe der Katze schwingen, das regt den Stoffwechsel an und dadurch heilen Knochenbrüche bei Katzen schneller. Forscher vermuten, dass das auch die menschliche Knochenheilung beschleunigen könnte. Aber dafür müsste die Katze ziemlich lange an der richtigen Stelle sitzen bleiben.

Der Nacktmull ist zwar nicht der fescheste, aber er altert nicht, bekommt nie Krebs und wird im Laufe seines Lebens sogar immer fitter ...

Anour: Ja, für seine Größe wird er unglaublich alt. Grob vereinfacht kann man sagen, dass kleinere Tiere eine geringere Lebenserwartung haben als größere. Der Nacktmull ist so groß wie eine Maus, doch die wird nur circa drei Jahre alt, der Nacktmull wird locker 30. Und die alten Tiere sind oft sogar die stärksten, jene, die den Bau gegen Schlangen verteidigen.

Und wie macht der Nacktmull das?

Anour: Dieses Tier ist ein unglaublicher Fundus an neuen Erkenntnissen, die uns Menschen nützen könnten. So verfügt der Nacktmull über eine ganz spezielle Hyaluronsäure. Viele kennen dieses Molekül aus der Kosmetik, weil es unglaubliche Mengen an Wasser binden kann. Es fungiert als Schmiermittel für die Gelenke und hält das Volumen unseres Bindegewebes aufrecht. Seine Produktion nimmt leider mit dem Alter ab. Der Nacktmull aber produziert eine Art Super-Hyaluronsäure, deren Produktion auch in fortgeschrittenem Alter konstant bleibt: Er lebt ja in unterirdischen Gängen, und damit er sich mit seiner nackten Haut durch die engen Gänge quetschen kann, muss seine Haut extrem elastisch sein. Schon jetzt ist klar, dass die Hyaluronsäure des Nacktmulls auch menschliche Zellen besser vor Stress und Zelltod schützt als unsere eigene, und sie verhindert das Entstehen von Tumoren.

Der Grönlandhai kommt mit 150 Jahren gerade erst in die Pubertät, der antarktische Riesenschwamm kann an die 10.000 Jahre alt werden, und die Hydra, ein winziger Süßwasserpolyp, lebt möglicherweise sogar ewig. Warum kann die Medizin diese sensationellen Fähigkeiten derzeit noch nicht stärker nutzen?

Anour: Weil wir diese Besonderheiten gerade erst zu erforschen beginnen. Bei Grönlandhaien und dem Riesenschwamm dürfte eine niedrige Stoffwechselrate, bedingt durch die Kälte, für die Langlebigkeit verantwortlich sein. Die Hydra hingegen kann sogar zerstörte Nervenzellen problemlos nachbilden. Erst wenn wir die physiologischen Abläufe bei diesen langlebigen Tierarten besser verstehen, können wir beginnen, sie zu nutzen, damit auch wir gesünder altern.

Wenn Tiere besondere Fähigkeiten haben, die wir Menschen haben wollen, dann birgt das für sie die Gefahr der Ausbeutung. Sie nennen das Beispiel von Pfeilschwanzkrebsen, deren Blut einen Bestandteil enthält, den wir Menschen nutzen -und deshalb müssen jedes Jahr zigtausende Tiere sterben.

Anour: Das Blut dieser Krebse nimmt bei Verletzungen eine gelartige Konsistenz an. Eine Art Alarmsystem: Wollen Bakterien in die Blutbahn des Krebses eindringen, verschließen spezielle Zellen die Eintrittspforte und verhindern so eine Infektion. Diesen Mechanismus nutzen wir Menschen für den sogenannten Limulus-Test. Damit testen wir Milch, Eier und sämtliche Medikamente, die mit einer Spritze verabreicht werden, auf schädliche Bakterien. Dafür fängt man jedoch pro Jahr an die 400.000 Pfeilschwanzkrebse und zapft ihnen Blut ab. Danach werden sie zwar wieder ins Meer entlassen, aber geschätzt 50.000 Tiere pro Jahr überleben diese Prozedur nicht.

Und das lässt sich noch nicht anders lösen?

Anour: Langsam setzen sich Tests durch, für die das Blut der Krebse "nachgebaut" werden kann. Das soll natürlich immer das Ziel sein. Wenn ich davon rede, dass wir die besonderen Fähigkeiten von Tieren für uns nutzen können, meine ich damit natürlich nicht, dass man Jagd auf Tiger oder Nashörner macht, wie das derzeit leider passiert. Obwohl deren Körperteile keinerlei medizinischen Effekt haben. Die Tiere sollen lediglich als Blaupause dienen. Die seriöse Wissenschaft macht das auch so.

Wie ist das bei den ACE-Hemmern, braucht man dafür auch tausende Schlangen?

Anour: Nein, da sind die Wirkstoffe nachgebaut, dafür braucht man keine einzige Schlange mehr.

Sie warnen: Wenn wir den verschiedenen Arten weiterhin so viel Lebensraum wegnehmen, schaden wir uns vor allem selbst.

Anour: Der Verlust von Lebensraum begünstigt das Überspringen von neuen Erregern von Tieren auf Menschen. Ein prominentes Beispiel ist das SI-Virus, die Affenversion von HIV. Dazu kam es, nachdem schon in den 1930er-Jahren Betreiber von Baumwollplantagen und andere Kolonialherren die angestammte afrikanische Bevölkerung mehr oder weniger in die Wälder getrieben haben. Also haben die Menschen dort ihre Nahrung gesucht -und auch Schimpansen gegessen. So ist das SI-Virus erstmals auf den Menschen übergetreten und konnte dann von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Wir wissen nach wie vor nicht genau, wie das Covid-19-Virus entstanden ist. Welche Theorie halten Sie für am wahrscheinlichsten?

Anour: Exakt wird sich das wohl nie feststellen lassen. Entweder es kam von den Fledermäusen über Wildtiermärkte zu den Menschen. Oder aber es hat denselben Ursprung wie das Sars-Virus im Jahr 2002 - eine Theorie, die der deutsche Virologe Christian Drosten vertritt. Damals stammte das Virus von Marderhunden und Schleichkatzen, die in China in großem Stil als Pelztiere gehalten werden. Immer wieder wurden auch wilde Marderhunde in die Zuchtanlagen gebracht, die vermutlich in freier Wildbahn Fledermäuse gefressen hatten. Und dieselben Pelzfarmen gibt es immer noch!

Lernen wir Menschen irgendwann einmal daraus?

Anour: Ich hoffe es wirklich sehr, aber ich frage mich schon, wie viele Warnschüsse die Natur uns noch geben muss. Immerhin wissen seit der Corona-Pandemie sehr viele Menschen darüber Bescheid, dass die Gesundheit von Tieren, Menschen und Ökosystemen eng zusammenhängt.

Sie nennen auch die Massentierhaltung als ein Hochrisikogebiet für Zoonosen. Warum?

Anour: Wenn sehr viele Tiere auf engstem Raum zusammengesperrt werden, kann es natürlich leicht dazu kommen, dass sich Erreger breitmachen, verändern und dann auch auf den Menschen übergehen. In der Geschichte gibt es genug Beispiele dafür. Bei der Schweinegrippe im Jahr 2009 wird vermutet, dass sich zwei Grippestämme in Hausschweinen gekreuzt haben und dadurch ein Virus entstanden ist, das den Menschen nicht nur befallen kann, sondern auch leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Aktuell grassiert in Europa wieder die Vogelgrippe. In Frankreich sind im Dezember mehr als 600.000 Hühner und Enten einfach gekeult worden!

Auch in Österreich sind zuletzt einige Fälle von Vogelgrippe aufgetaucht. Derzeit gilt diese ja als für den Menschen ungefährlich, könnte sich das rasch ändern?

Anour: Das derzeit grassierende Vogelgrippevirus H5N1 ist schlecht an den Menschen angepasst. Es kam aber in der Vergangenheit schon zu Infektionen von Menschen, die engen Kontakt zu infiziertem Geflügel hatten, und dann ist in seltenen Fällen ein schwerer Krankheitsverlauf mit Todesfolge möglich. Das große Risiko an der Vogelgrippe besteht darin, dass sie sich in einem Menschen, einem Schwein oder auch im Geflügel mit humanen Influenzaviren kreuzt und so eine neue, sehr gefährliche Grippepandemie entstehen könnte.

Trotz alledem hat man den Eindruck, dass das Artensterben in der Öffentlichkeit und Politik noch nicht so angekommen ist wie inzwischen die Klimakrise.

Anour: Ja, der Verlust der Vielfalt wird eher als "emotionales" Problem gesehen, das keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Menschen hat. Das ist leider falsch. Wenn eine Art ausstirbt, kippen oft ganze Ökosysteme. Zum Beispiel kann der Wegfall eines Räubers zu einer Massenvermehrung seiner Beute führen, was zum Ausfall von Ernten führen und den Ausbruch von Seuchen begünstigen kann. Außerdem gehen Klimawandel und Artenschwund Hand in Hand: Die Klimakrise bedroht die meisten Arten existenziell, weil ihre Lebensräume verdunsten, verbrennen, übersäuern.

Sie zitieren eine Studie des WWF, wonach sich die Artenvielfalt bereits um ein Viertel verringert, wenn wir die Pariser Klimaziele von maximal zwei Grad schaffen. Und nicht einmal das ist sicher. Da kann sich leicht Hoffnungslosigkeit ausbreiten. Andererseits nennen Sie auch Beispiele, wo Menschen fast ausgestorbene Tierarten wieder in einen guten Erhaltungszustand bringen konnten.

Anour: Da erzähle ich gern das Beispiel des Wisents, des Europäischen Bisons. 1927 wurde das letzte dieser Tiere, das noch in freier Wildbahn lebte, erschossen. Ein Ornithologe initiierte daraufhin die Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents. Zentrum der Wisentzucht wurde das polnische Białowieża mit dem größten Urwald Europas. Heute streifen wieder mehrere tausend Wisente durch entlegene Gegenden Osteuropas, etwa rund um den Reaktor Tschernobyl. Eine große Erfolgsgeschichte. Immer wieder höre ich aber auch von Menschen, die in ihrer Region Großartiges für den Artenschutz tun. Im Burgenland etwa haben zwei Pensionisten Nistkästen für Steinkäuze aufgehängt und damit den Bestand in der Region von vier auf 60 Brutpaare gesteigert. Es kann wirklich jeder etwas tun.

Was müsste die österreichische Regierung am dringendsten für die Artenvielfalt tun?

Anour: In Österreich würde sie am meisten bewirken, wenn sie die Bodenversiegelung stoppt, wo wir leider Europameister sind. Was einmal zubetoniert ist, ist für die Tier-und Pflanzenwelt weitgehend verloren. Allein im kleinen Österreich werden auch täglich Millionen von Regenwürmern vernichtet, dabei ist der Regenwurm ein immens wichtiges Tier: Er lockert den Boden auf, erhöht die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern, und reichert die Erde mit Mineralstoffen an, auf die Pflanzen angewiesen sind -und damit wir, die wir Pflanzen essen.

Was ist das Wirksamste, das jede und jeder tun kann?

Anour: Sehr viel Wirkung lässt sich mit einer einzigen Sache erzielen: weniger Fleisch essen. Und wenn, dann möglichst regional und Bio. Damit verhindern wir, dass Flächen samt all den Tieren und Pflanzen, die darauf leben, für den Sojafutteranbau in Südamerika draufgehen. Wir verhindern auch das Entstehen neuer Krankheiten, wenn wir einen Schritt gegen Massentierhaltung setzen. Außerdem tun wir damit etwas gegen den Klimawandel, der zu 18 Prozent auf Tierhaltung zurückgeht und wiederum die Artenvielfalt bedroht. Ich möchte auch jeden und jede ermutigen, die Natur vor der eigenen Haustür zu erforschen. Welche Blumen blühen im Stadtpark, welche Vögel hören wir gerade singen. Wenn man sich mit der Artenvielfalt beschäftigt, gerät man schnell ins Staunen, und dann möchte man diese auch erhalten.

Gerlinde Pölsler in Falter 4/2022 vom 28.01.2022 (S. 51)

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Produktdetails
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ISBN 9783990015650
Erscheinungsdatum 20.11.2021
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik
Format Hardcover
Verlag edition a
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