Das Rucksackbuch für den Wald

von Alice Thinschmidt, Daniel Böswirth

€ 12,95
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Verlag: Perlen-Reihe
Genre: Kinder- und Jugendbücher/Sachbücher, Sachbilderbücher/Tiere, Pflanzen, Natur, Umwelt
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.03.2014


Rezension aus FALTER 22/2016

Ich Baummarder, du Hase!

Vom Wald lernen: Die junge Disziplin der Waldpädagogik fällt in Österreich auf fruchtbaren Boden

Mitten im Buchenwald ist es wie in einer Säulenhalle. Der Wind rauscht oben in den Baumkronen, unten stehen die Büschel der Wald-Hainsimse dicht an dicht und verwandeln den Boden in einen kniehohen Fransenteppich, auf dem an diesem Maivormittag zwanzig Volksschulkinder um Patricia Lechner herumsitzen, die ihnen eben eine kurze Geschichte über die kleine Waldmaus vorgelesen hat. Schon fesselt etwas Neues die Aufmerksamkeit. „Ich bin auch der kleine Weberknecht. Ich lauf auch da rauf“, sagt ein Bub, als ein langbeiniger Weberknecht eilig einen Buchenstamm hinaufkrabbelt.
Gleich danach mühen sich die Kinder mit der Aussprache des Pflanzennamens „Brutzwiebeltragende Zahnwurz“ und kosten unverdrossen von den linsengroßen, schwarzen Brutzwiebelchen, die Patricia Lechners Kollegin Maren Röttger für sie aus den Blattachseln der Pflanze herausgebrochen hat. „Die sind ein bisschen scharf“, „Ui, bitter!“ oder „Schmeckt wie roher Kohlrabi“, lauten die Kommentare.
Weiter geht’s! Da ist ein hohler Baumstumpf mit Wasser. „Vielleicht ein Klo?“, wird gemutmaßt. Man einigt sich auf Tränke und Vogelbad. Da ist eine Spannerraupe, deren Körper sich in der Bewegung zu einem engen, hohen Bogen zusammenzieht. Dort das Zauberblatt einer Zyklame, dessen lila Unterseite, gegen das Licht gehalten, grün wird. Die Kinder betrachten dicke Schwämme an den Stämmen altersschwacher Bäume, üben Tierweitsprünge – „Ich bin Baummarder mit 1,5 Metern. Du?“ „Ich bin Hase. Ich spring zwei Meter“ – und plaudern, während sie wie aufgefädelt nebeneinander mit ihren Jausenboxen auf einer umgestürzten Buche sitzen, über Käfer, Wurzeln, Erde und die Stürme, die den Baum entwurzelt haben könnten.

So erobern sich die Kinder der Mehrstufen-Integrationsklasse der Volksschule Tullnerbach an diesem Vormittag ein kleines Stück Wienerwald. Begleitet werden sie von ihren beiden Lehrerinnen und von Patricia Lechner und Maren Röttger, zwei Waldpädagoginnen der Österreichischen Bundesforste. Die Schüler kommen viermal im Jahr. Ihr Thema heuer: Literatur und Wald. Deshalb auch das Geschichtenvorlesen. „Letzthin war ein Kind so begeistert, dass es einen ganzen Buchenast mit nach Hause genommen hat, weil ihm die jungen Buchenblätter so geschmeckt haben. Es hat gesagt: Jetzt hab ich immer was zum Jausnen“, erzählt Patricia Lechner lachend.

Von Erlebnissen wie diesen kann auch Clemens Endlicher berichten. Er ist Naturführer und Waldpädagoge bei den Österreichischen Bundesforsten und in ganz Österreich mit der mobilen Waldschule der Bundesforste unterwegs. Davor war er zehn Jahre in der Wiener Waldschule in Ottakring tätig, der ersten Waldschule Österreichs. „Einmal hat ein wirklich wilder Ottakringer Bub zu mir gesagt: Das war der schönste Tag in meinem Leben. Da sind mir fast die Tränen gekommen“, erzählt Endlicher.
Er sagt, er habe eine Mission. Diese lautet: „Den Menschen die Natur mit allen Sinnen begreiflich zu machen und ihnen Naturnähe zu vermitteln. Im Wald kann man sich so viel Kraft holen. Es ist ein wunderbarer Ort für die Herzensbildung und ein perfekter Sportplatz noch dazu.“ Außerdem gehe es darum, ein Bewusstsein für den Lebens- und Erholungsraum Wald, für seine Fauna und Flora, für seine Bewirtschaftung, seinen Schutz und seine Schutzwirkung zu schaffen.
Damit, so könnte man sagen, sind zugleich die Ziele der Waldpädagogik umrissen, die auf Umwegen über die Schweiz und Deutschland vor etwas mehr als 20 Jahren auch in Österreich Einzug gehalten hat. 1994 fand das erste einwöchige Seminar „Waldpädagogik für Forstleute“ an der Forstlichen Ausbildungsstätte Ort in Gmunden statt. Es legte den Grundstein für die seit 2002 existierende Ausbildung zum zertifizierten Waldpädagogen, die österreichweit von sechs Stellen angeboten wird (www.waldpaedagogik.at/ausbildung.html). Circa 1400 Menschen haben sie seither absolviert.
Sie dauert insgesamt knapp zehn Tage, umfasst mehrere Module. Vor allem geht es um Pädagogisch-Didaktisches und Waldwissen, aber auch um Haftungs- und Versicherungsfragen, Forstgesetz und -wirtschaft. Früher stand das Programm nur Forstleuten offen. Längst können sich aber auch interessierte Laien zu geprüften Waldpädagogen ausbilden lassen. Die Quereinsteiger absolvieren allerdings ein zusätzliches Modul, das ihnen das nötige waldwirtschaftliche Basiswissen vermittelt. „Die Nachfrage von Menschen, die die Ausbildung machen wollen, wird immer größer“, sagt Naturführer Clemens Endlicher. Genauso wächst umgekehrt auch die Nachfrage nach waldpädagogischen Angeboten. Das zeigt allein das Beispiel der Österreichischen Bundesforste: „2015 wurden von ÖBf-Försterinnen und -Förstern rund 3000 Führungen durchgeführt, die von rund 80.000 Teilnehmern aller Altersgruppen besucht wurden. Zum Vergleich: 2011 waren es 11.000 Teilnehmer“, so ÖBf-Sprecherin Pia Buchner.
Die junge Disziplin der Waldpädagogik ist also in Österreich auf äußerst fruchtbaren Boden gefallen. „Wenn ich vor 20 Jahren erzählt habe, was Waldpädagogik ist, haben mich die Leute entgeistert angeschaut, vor zehn Jahren haben sie gesagt: ‚Das hab ich schon mal irgendwo gehört‘, und heute heißt es: ‚Ja, meine Kinder machen auch so einen Walderlebnistag‘“, erzählt Katharina Bancalari. Die Forstwirtin und Bildungsmanagerin ist zugleich Schriftführerin des „Vereins Waldpädagogik“, der sich darum bemüht, alle heimischen Initiativen und Aktivitäten zusammenzufassen und zu koordinieren.
Fragt man sie danach, worum es sich bei der Waldpädagogik genau handelt, sagt sie als Erstes, dass es die Waldpädagogik als solche gar nicht gebe. Denn die Gruppe der ausgebildeten Waldpädagoginnen und Waldpädagogen, von denen in Österreich rund 1400 tätig sind, ist „bunt und vielseitig“, sagt Bancalari. Es gibt Forstbetriebe, die die verschiedensten Wald-Workshops anbieten, ebenso Natur- und Nationalparks.

Es gibt reine Waldkindergärten und Kindergartengruppen, die viel im Wald sind, Waldprojekte für Teenager, Wald-Sommercamps für Kinder, jede Menge waldpädagogischer Schulklassenführungen, und es gibt selbstständige Waldpädagogen, die Workshops zu den verschiedensten Schwerpunkten anbieten. Die meisten Angebote richten sich an Kinder, aber durchaus nicht nur. Bei den „Bergwaldprojekten“ etwa, die über den Alpenverein laufen, können Erwachsene eine Woche lang als Freiwillige bei Umweltprojekten wie Aufforstungen, Almpflege, Waldsteigsanierung oder Hochmoorerhalt mitarbeiten.
Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gäbe: Von Tierspuren-Erkennen und Sicher-Schnitzen über Fledermaus-Nachtführungen, Hochsitz- oder Futterkrippenbauen und Holzverarbeitung bis zu Ökosystem Wald, „Mit dem Förster in der Au“ oder „Alles rund um den Baum“. Dabei, sagt Katharina Bancalari, greife die Waldpädagogik „in denselben methodischen Topf wie die anderen Naturvermittler auch“. Viel verdanke sie auch den Naturerfahrungsspielen des US-amerikanischen Naturpädagogen Joseph Cornell, Jahrgang 1950, und der „Rucksackschule“ des deutschen Biologiedidaktikers Gerhard Trommer, Jahrgang 1941. „Im Prinzip geht es um ganzheitliche Erfahrungen, um Erlebnisse und Aha-Effekte“, erklärt Bancalari.
Weniger kann dabei manchmal durchaus mehr, sagt Clemens Endlicher. „Ich geh oft mit gar nichts raus – wie mein Opa oder Vater mit mir, ganz ohne Netze, Dosenlupen oder Geschirrln.“ Der Wald solle ja vor allem auch ein „Freiheitsraum“ sein, sagt der Naturführer, und nicht ein weiterer Ort, an dem Kinder hören, was sie alles nicht dürfen. „Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Zapfenschießen, Mit-Stecken-Herumdreschen und Schneeballschlacht.“ Das Lernen komme dann oft von ganz allein. Allerdings sei es schon manchmal erschütternd, sagt Endlicher, wie viele Kinder von der Natur und Naturzusammenhängen tatsächlich kaum eine Ahnung hätten. Übrigens durchaus nicht nur Stadtkinder, „auch viele Landkinder leben in der schönsten Umgebung, kommen aber eigentlich nicht raus und haben keinen Bezug zu dem, was sie umgibt. Im Freizeitprogramm vieler Eltern kommen Waldwanderung und Naturerlebnis einfach nicht vor.“
Das sind Probleme, die die „Waldkinder Maria Anzbach“ definitiv nicht kennen. Mehr Naturnähe als hier ist gar nicht mehr möglich. „Wir sind immer draußen“, sagt Evelyn Sailer, eine der Mitbegründerinnen der elternverwalteten Kindergruppe und außerdem Montessori-, Natur- und Waldpädagogin. Die 15 Drei- bis Sechsjährigen, die hier ihre Kindergartenjahre verbringen, sind jeden Tag zwischen halb neun und halb zwei draußen, bei Sonnenschein oder Regen, Hitze oder Schneefall. „Wir haben allerdings einen Bauwagen zur Materiallagerung und zwei Tipis, die auf zwei Lichtungen stehen. Wenn es kalt ist, haben wir ein Feuer im Tipi, und die Kinder bewegen sich immer zwischen Drinnen und Draußen hin und her“, erzählt Evelyn Sailer. Dienstag und Donnerstag sind „Bau­wagentage“, wo sich alles auf einer der Lichtungen abspielt. Montag, Mittwoch und Freitag treffen sich Kinder und Betreuerinnen woanders, machen dann eine Runde zu all ihren ­speziellen Orten im Wald und kehren erst zu Mittag wieder zum Bauwagen-Platz zurück. Viele der Kinder sagen, der Winter in der Waldkindergruppe sei das Allerschönste.

Und wenn’s regnet, sagen sie freundlich: „Ist ja nur ein warmer Sommerregen.“ Man bekomme eine andere Einstellung zum Wetter, erzählt Evelyn Sailer, und die Kinder hätten definitiv ein besseres Immunsystem. „Sie sind viel weniger krank als Kinder, die meist in geschlossenen Räumen sind.“ Aber vor allem, sagt die Waldpädagogin, nähmen sie sich als Teil der Natur wahr und erfänden ihre Spiele in und mit der Natur. „Nach einem Sturm runtergefallene Äste werden für sie dann zu Kehrmaschinen, mit denen sie spielen, dass sie den Wald reinigen“, erzählt sie. Und noch etwas: „Es gibt viel Raum und sie können den Abstand zu den anderen frei wählen.“ Evelyn Sailer erinnert sich an einen Dialog mit ihrer Tochter, die auch bei den „Waldkindern“ war. „Ich bin so gern im Wald. Da kann man so viel mehr machen.“ „Mehr als wo?“ „Mehr als überall.“
Kein Wunder, dass Katharina Bancalari vom „Verein Waldpädagogik“ überzeugt ist, dass es sich bei der Waldpädagogik um ein Betätigungsfeld und ein Angebot handelt, das man gar nicht kaputtmachen könne. Lächelnd sagt sie: „Wir haben einfach zu tolle Methoden und einen zu tollen Arbeitsplatz.“

Julia Kospach in FALTER 22/2016 vom 03.06.2016 (S. 57)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Rucksackbuch


Rezension aus FALTER 16/2014

"Geduld ist keine Domäne von Kindern"

Warum es Zeit braucht und man sich darauf einlassen muss, wenn man Natur erleben will

Pfeiferln und Flöten aus Zweigen schnitzen, Feuerexplosionen mit Farnsporen erzeugen und Fotos mit Sonnenlicht am Bach entwickeln: Die Wiener Ökopädagogin Alice Thinschmidt und ihr Kollege Daniel Böswirth haben ein Buch geschrieben, in dem es darum geht, den Wald mit allen Sinnen zu erleben, zu experimentieren und zu bestaunen. "Das Rucksackbuch für den Wald" gibt Eltern Tipps, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern die Natur entdecken können. Dem Falter haben Autorin und Autor erzählt, wie die Kinder heutzutage Natur wahrnehmen und warum so viele vorm Computer sitzen.

Falter: Frau Thinschmidt, Herr Böswirth, in Ihrem "Rucksackbuch für den Wald" geben Sie Tipps, wie man die Natur erleben kann. Muss Natur heutzutage spektakulärer sein als früher, um Kinder zu interessieren?
Böswirth: Es gibt in der Natur viele Experimente, die sehr spektakulär sind. Ein Spektakel ist interessanter als langsam wachsende Pflanzen. Geduld ist nicht gerade eine Domäne von Kindern. Sie warten nicht drei Wochen auf ein Ergebnis. Da sind sie in Gedanken schon ganz weit weg, aber bei Dingen, die in Millisekunden passieren – das ist ihre Geschichte.
Thinschmidt: Ob es heute spektakulärer sein muss als früher? Auch nicht für alle. Es gibt ein paar, die lockt nicht so bald etwas hinter dem Internet hervor. Man hat in Naturfilmen sehr viel gesehen, und wenn man in den Wald geht, sieht man eigentlich nichts. Da rennen nicht die Viecher scharenweise herum. Es ist fader als im Film. Auf den ersten Blick zumindest. Das war früher nicht so, denn da hatte man noch nicht so einen Rucksack an Wissen. Man wusste nichts über Afrika und Asien. Man hat heute definitiv mehr Bilder im Kopf.

Ist das nicht eine grundsätzliche Kritik an Naturvermittlungen?
Thinschmidt: Genau: dass einem da nur die Best-of-Sachen vorgegaukelt werden und es in der Natur gar nicht so ist. Dort geht es eigentlich darum, sich Zeit zu nehmen und sich darauf einzulassen, und das können Kinder heute vielleicht schlechter. Aber grundsätzlich sehe ich das nicht so pessimistisch.

Wie sieht es mit Freiräumen aus: Werden Kinder heute nicht wesentlich stärker überwacht?
Thinschmidt: Freiflächen fehlen, auf denen sich Kinder unbeaufsichtigt herumtreiben können und die Eltern mal nicht hinschauen. Das ist heute so eine Tendenz: dass die Zeit so verplant ist und Eltern immer wissen, wo die Kinder sind.
Böswirth: Es beginnt bei kleinsten Dingen, wie Konflikten und Aggressionen. Wenn man in der Volksschule rauft, sind da immer gleich Eltern, die einschreiten. Wenn man das Raufen aber immer sofort verbietet, dann haben die Kinder überhaupt keine Erfahrungswerte, wie weit sie gehen können, weil sie ihre Grenzen nicht austesten können, und dann kommen Tragödien heraus. Bei Gewalt darf es keine Erfahrungen mehr geben, bei Aggressionen muss man gleich einen Psychiater oder Psychologen einschalten. Da gibt es überhaupt keine Freiräume mehr.

Wie wichtig ist Langeweile?
Thischmidt: Früher saß man zu Hause, im Fernsehen gab es nichts und es war so langweilig, dass man sich mit jemandem getroffen hat, um der Langeweile zu entkommen. Heute kommt man gar nicht mehr in dieses Bedürfnis, seinen Hintern zu heben und woanders hinzugehen, weil man die Leute eh online erreichen kann. Außerdem ist man ohnehin die ganze Zeit abgelenkt und beschäftigt. Diese ständige Unterhaltung war früher gar nicht möglich. Was fehlt, sind diese Leerläufe und die Langweile. Wobei das komisch klingt, wenn man sich diese herbeisehnt, aber es sind eben oft die Momente, in denen etwas entsteht.
Böswirth: Die Auseinandersetzung mit einer "toten Zeit" ist ein Kapital! Das kann man auch später einmal gut nützen. Weil man keine Furcht hat vor der Langweile. Die ist natürlich auch eine Bedrohung, denn was könnte man nicht alles anderes in dieser Zeit machen? Heute kann man sofort tausend andere Dinge tun und ist nie essenziell in einer Position, in der man sagt, jetzt ist nichts und ich kann die Zeit nutzen, indem ich gar nichts mache, und das ist keine Bedrohung. Und das kriegen die Kinder aber heute schon so mit, das gibt es praktisch nicht.

Birgit Wittstock in FALTER 16/2014 vom 18.04.2014 (S. 38)


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