Mein Leben sieht genauso aus wie ich

Österreichische Autorinnen der Zwischenkriegszeit. Ein Lesebuch
€ 25
Lieferung in 2-7 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Zwischenkriegszeit war in vielen Bereichen eine Zeit des Aufbruchs, der Neuerung,
der Absage an überkommene Vorstellungen. Auch und vor allem, was die gesellschaftliche Rolle und das Selbstverständnis von Frauen betrifft.
Im Fokus dieses Bandes stehen Körperbilder und Geschlechterdiskurse in der Literatur österreichischer Autorinnen der Zwischenkriegszeit. Wie erscheint die »Neue Frau« in
der Öffentlichkeit? Wie blicken Schriftstellerinnen auf die Inszenierung von Frauen in beruflichen Kontexten, in der Presse, in der Werbung, in der Unterhaltungsindustrie und im Film? Wie schlägt sich die Berufstätigkeit von Frauen, ihre wachsende wirtschaftliche, gesellschaftliche Autonomie und die daraus folgende Eroberung vormals männlich besetzter Räume in der Inszenierung weiblicher Körper nieder? Und wie reflektieren literarische Texte zeitgenössische Diskurse rund um Androgynität und das Überschreiten von Geschlechtergrenzen?

weiterlesen
FALTER-Rezension

Neue Zeiten, alter Jammer

Es ist noch nicht so lange her, dass in Literaturgeschichten, die sich mit Texten der Zwischenkriegszeit beschäftigten, die Frauen komplett fehlten. Die großen Männer von Arthur Schnitzler bis Elias Canetti dominierten das Terrain. Nach und nach haben sich im Kanon die Konstellationen verändert. In schöner Regelmäßigkeit präsentierten Verlage Bücher österreichischer Autorinnen aus den 1920er- und 1930er-Jahren zum Wiederlesen. So hat die Wiener Edition Atelier 2018 mit einer Feuilletonsammlung auf die spitze Feder Vicki Baums verwiesen. Im Jahr darauf machte der Zsolnay Verlag mit einer vierbändigen Werkausgabe auf die luziden Zeitromane Herminya zur Mühlens nachhaltig aufmerksam. 2020 setzte der kleine DVB-Verlag die Maria-Lazar-Edition mit dem Thriller „Leben verboten!“ fort. Einer noch größeren Öffentlichkeit wurde Lazar allerdings mit der aktuellen Burgtheater-Inszenierung ihres Einakters „Der Henker“ bekannt. In Feuilletons wurde die Autorin wie ein Shootingstar gefeiert.

Auch andere Autorinnen, die sich in der von Katharina Manojlovic und Kerstin Putz herausgegebenen Anthologie „Mein Leben sieht genauso aus wie ich“ finden, sind vor nicht allzu langer Zeit der Öffentlichkeit wieder vorgestellt worden. Die Autorinnen sind dem Vergessen entrissen, das Interesse an der Lektüre besteht nicht nur in feministischen Kreisen.

Wenn jetzt der Verlag Jung und Jung mit einer Textsammlung innerhalb der Reihe „Österreichs Eigensinn“ nachlegt, so ist das auch Ausdruck, dass die genannten Schriftstellerinnen, die sich in ihrem Berufsleben meist unendlich vielen Schwierigkeiten gegenübersahen, mit fast hundertjähriger Verspätung in den Literaturgeschichten angekommen sind. Dass die meisten von ihnen 1933/1938 ins Exil fliehen mussten oder in NS-Vernichtungslagern umkamen, verleiht ihren Biografien Tragik. Ohne die Beschäftigung mit ihnen lässt sich keine österreichische Literaturgeschichte mehr schreiben. Und das ist gut so.

Lange genug stand die österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit im Schatten des habsburgischen Mythos. Die Literatur dieser Zeit schien einem Leiden verfallen zu sein. Karl Kraus, Joseph Roth, Robert Musil, Stefan Zweig oder Hugo von Hofmannsthal waren bei ihren großen Schreibprojekten auf den Untergang der Donaumonarchie fixiert; „Die Welt von gestern“, die mit den „Letzten Tagen der Menschheit“ endete, verschwand nicht aus den Köpfen.

In den Texten der schreibenden Frauen sind diese polithistorischen Phantomschmerzen nicht vorhanden, da geht es in der Regel um das Leben im Hier und Jetzt, oder besser noch, um das Überleben. Frauen ­schreiben über Frauen. Die realistische Erzählform dominiert, wir erfahren sehr viel über das Elend der Zeit. Ein Teil der Autorinnen stellt sich der Tristesse mit Kälte, schreibt hart und schneidend. Bei anderen bestimmt eindeutig das Mitleid den Blick. Manche Texte haben den Charakter von einfach gebauten, eindringlichen Sozialstudien.

Es gibt auch Autorinnen, die in ihrem Stil auf der Coolness der Roaring Twenties surfen können. Gina Kaus oder Vicki Baum etwa arbeiteten für Zeitschriften und unterhielten deren urbane Leserinnen mit süffisanten, spritzigen Texten, in denen sie mit Understatement über die Männer herzogen. Im Gegenzug propagierten sie neue weibliche Lebensentwürfe, drängten bei den Frauen auf Berufstätigkeit und mahnten Selbstbewusstsein ein, um die größeren Freiheiten der Moderne leben zu können.

Im Weltkrieg hatte das angeblich schwache Geschlecht gelernt, seine Frau zu stehen, und diese Unabhängigkeit galt es nun zu bewahren, auch wenn sich Männer das alte Patriarchat zurückwünschten. In Filmen oder auf Plakaten war die neue Frau stark präsent, in der Realität dagegen war das neue Leben schwierig umzusetzen. Mit den Ansprüchen, die medial an sie herangetragen wurden, überfordern sich viele Frauen selbst. Die Herausgeberinnen stellen an den Anfang der Anthologie ein Prosagedicht Vicki Baums, in der das vorgegebene Optimierungsprogramm für Frauen bespöttelt wird: „Vor allem aber darf sie nicht unbescheiden werden, denn/ schön und klug und gebildet und witzig/ und fleißig und durchtrainiert und praktisch und pikant/ und verständnisvoll – / das ist heutzutage jede.“

In der Regel allerdings, so suggerieren die Textauszüge, machen es die Zeitumstände den Annas, Friedas und Herthas nicht leicht, eine Arbeit zu finden, geschweige denn sich ein gutes, sorgloses Leben zu organisieren. Wie bekommt frau eine Arbeit, bei der der Lohn reicht, um zumindest für sich – und oft noch für die alte Mutter oder den kranken Vater – Essen und Wohnen zu sichern?

In einer übersteuerten Groteske, einem Ausschnitt aus dem Roman „Die gelbe Straße“, schildert Veza Canetti, welche Demütigungen das „Hire and Fire“ den Hausgehilfinnen beschert: „Wer das Leben wagt, bekommt Kost und Quartier, und wenn’s gut geht, auch noch einen Posten.“ Den Sekretärinnen und den Telefonistinnen geht es nicht viel besser. Fließbandarbeit und Stress münden in heillose Selbstausbeutung und Selbstmordgedanken.

In den meisten Texten landen die jungen Frauen in einem hundsmiserablen Leben, gebeutelt vom Geldmangel, gepresst durch Inflation, „die einem den Boden unter den Füßen wegzog und die Menschen herumwirbelte wie Fetzen Papier“ (Anna Gmeyner). Bei Marta Karlweis („Schwindel“) heißt es über die multipel agierende Heldin: „Olga näht, steppt, schneidert, rennt und rackert sich ab.“ Die Ich-Erzählerin in Else Feldmanns Roman „Martha und Antonia“ opfert sich gar als Prostituierte auf, um das Leben ihrer Geschwister zu finanzieren.

Die Partnersuche wird in solchem Ambiente zum existenziellen Lotteriespiel: Wie den Richtigen finden? Die erhoffte Kameradschaft findet nicht statt. Der großen Liebe folgen die großen Enttäuschungen, was heißt: ungewollte Schwangerschaft und unglückliche Ehen.

Die Männer sind in diesen Prosatexten meist Versorgungsfälle und Hochstapler oder nehmen ihre jungen Gattinnen aus. In den USA haben sich, wie Alice Schalek in einer bemerkenswerten Reportage zu berichten weiß, alleinstehende, erfolgreiche Frauen in Vereinen zusammengeschlossen, in denen sie glücklich ihre Bedürfnisse nach Geselligkeit ausleben.

Hundert Jahre später blicken wir auf die Welt der 1920er- und 1930er-Jahre staunend zurück. Die im Band ausgewählten Texte, so die Herausgeberinnen, „präsentieren weibliche Lebens- und Arbeitswelten, reflektieren zeitgenössische Körperbilder und Geschlechtsdiskurse“. Zu Recht erinnert die Anthologie an die Kraft dieser zeitlich gebundenen wie zeitlosen Geschichten, Feuilletons und Sozialstudien. Ein Einstieg.

Alfred Pfoser in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 17)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheÖsterreichs Eigensinn
ISBN 9783990270165
Erscheinungsdatum 26.03.2021
Umfang 352 Seiten
Genre Belletristik/Anthologien
Format Hardcover
Verlag Jung u. Jung
Herausgegeben von Katharina Manojlovic, Kerstin Putz
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Andreas Okopenko, Daniel Wisser
€ 20,00
Franz Michael Felder, Jürgen Thaler, Arno Geiger
€ 25,00
Hermann Broch, Bernhard Fetz
€ 24,00
Elfriede Jelinek, Juliane Vogel
€ 24,00
Franz Grillparzer, Arno Dusini
€ 23,00
Florjan Lipuš, Fabjan Hafner, Peter Handke, Helga Mračnikar, Bernhard Fe...
€ 25,00
Gert Jonke, Anke Bosse, Bernhard Fetz
€ 20,00
Johann Nestroy, Antonio Fian, Antonio Fian, Bernhard Fetz
€ 24,00