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| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch |
|---|---|
| ISBN | 9783990274514 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 20.08.2026 |
| Größe | 20.5 x 12.5 cm |
| Verlag | Jung u. Jung |
| Sammlung | Literatur aus Österreich Österreichischer Buchpreis |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Jung und Jung Verlag KG Hubert-Sattler-Gasse 1 | AT-5020 Salzburg office@jungundjung.at |
Ein virtuoses Sprachkunstwerk: Dieses Buch wirft einen Blick in die rätselhafte Welt eines Mädchens. Aller Mädchen! Das Mädchen ist ein wundersames Wesen. Es lebt in einer Welt, die allen anderen verschlossen ist, bevölkert von seltsamen und monströsen Dingen. Von Pferdezeitschriften, besten Freundinnen und Zahnlücken, von Tieren mit und ohne Fell, schrumpfenden Kleidungsstücken und Löchern überall. Wer dieser Welt entwachsen ist, blickt später darauf zurück, als wäre es ein Traum voller Schrecken und seltsamer Erscheinungen gewesen. Dabei ist es harte Realität, kein Wunderland. Eine Geschichte allerpersönlichster Erlebnisse, die sie mit allen anderen Mädchen teilt. Und genau diese Geschichte erzählt dieses Buch: verspielt, originell und gnadenlos ehrlich!
| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch |
|---|---|
| ISBN | 9783990274514 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 20.08.2026 |
| Größe | 20.5 x 12.5 cm |
| Verlag | Jung u. Jung |
| Sammlung | Literatur aus Österreich Österreichischer Buchpreis |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Jung und Jung Verlag KG Hubert-Sattler-Gasse 1 | AT-5020 Salzburg office@jungundjung.at |
Klaus Kastberger in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 11)
Ein außergewöhnliches Debüt: Die österreichische Autorin Marlen Mairhofer legt mit ihrem Buch „Alice“ gleichsam eine struktural gebaute Coming-of-Age-Geschichte vor. Dazu sammelt sie alle möglichen Sätze, die zur Beschreibung des Heranwachsens eines Mädchens in unseren Zeiten zur Verfügung stehen. Dieses Korpus ordnet die Autorin dann zu insgesamt 39 meist zwei- bis dreiseitigen Kapiteln, die von streng grammatikalisch-syntaktischen Mustern getragen sind.
Schon auf der ersten Seite des Buches kommt dieses Prinzip zur Geltung, das Eingangskapitel heißt „Alice fällt“ und beginnt so: „Alice fällt um drei Uhr morgens aus einem Lokal auf den Gehsteig, Alice fällt in der Hast über einen Pflasterstein, der sich zum Wurf anböte, Alice fällt in die Liebe hinein und aus der Liebe heraus, Alice fällt ins Bett, Alice fällt in Arme, Alice fällt und steht wieder auf, Alice fällt eine Wiese hinunter im Sommerkleid, man kann ihre Strümpfe sehen, Alice fällt etwas ein, Alice fällt etwas auf, Alice fällt über ein Stück Kuchen her unter einem wohlwollenden und mahnenden Blick […].“
Wer meint, dass sich aus diesem nur auf den ersten Blick mechanistisch wirkenden Schreibverfahren ein allzu steriler Text ergeben muss, liegt daneben. Denn wie in den besten Beispielen der österreichischen Literatur gewinnen avantgardistische Schreibverfahren wie Reihung und Wiederholung auch hier ein Leben quasi aus sich selbst heraus. Dazu trägt bei, dass Mairhofer in ihrem Text ohne Umwege von sprachlichen Oberflächen zu psychischen und gesellschaftlichen Hintergründen kommt.
Schon im fünften und sechsten Abschnitt des Buches („Alice bohrt“ und „Alice hat Löcher“) wird klar, dass „Alice“ sich nicht lange mit klischeegeprägten Betulichkeiten aufhalten wird, sondern sich sofort zielstrebig in die eigentlich spannenden Zentren des Heranwachsens hineinbegibt. Das Erleben der eigenen Sexualität und Fragen der gesellschaftlichen Konstruktion insbesondere auch von Genderidentitäten können im strukturalen Rahmen des Textes ganz unmittelbar angegangen werden.
Kein Regel- oder Tabubruch ist vonnöten, um in diese Themenbereiche hineinzuführen, sondern einfach nur ein schlichtes Weiterlaufen der etablierten grammatikalischen Strukturen. Der Rezensent gesteht: Genau das, nämlich dass es an der Oberfläche dieses Textes gleich so tief in die dahinterliegenden Strukturen hineingeht, hat ihn an diesem Buch begeistert. Nicht nur die Geschichte eines Mädchens, also so etwas wie die eigene Biografie, sondern das Muster, nach dem Mädchen nicht allein in Österreich, sondern auch anderswo geformt werden, kommt hier zum Vorschein.
Dieser universelle Touch verbindet „Alice“ mit den besten literarischen Beispielen, die es zur Ausprägung weiblicher Identifikationsmuster gibt. Auch eine zentrale Referenz dafür, nämlich die Kurzgeschichte „Girl“ (1973) der antiguanisch-amerikanischen Schriftstellerin Jamaica Kincaid, ist dafür Pate gestanden.
Marlen Mairhofer ist eine belesene und gelehrte Autorin. Sie hat Germanistik studiert und in Salzburg eine Dissertation über Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Hélène Cixous geschrieben. Bei der Erstpräsentation ihres Buches bei den Wiener O-Tönen hat ihr Vater erklärt, dass sich entgegen Gerüchten, die hartnäckig kursieren, ihr Vorname nicht von Marlen Haushofer herleitet, sondern von der Ehefrau von Rolf Dieter Brinkmann. „Maleen“ aber wäre für den Geburtsort Steyr dann doch zu exotisch gewesen.
Es ist schön zu sehen, wie sich „Alice“ vor dem Hintergrund literarischer Traditionen baut und dabei doch einen ganz spezifischen Eigensinn entwickelt. An dieser Stelle sei, was in Rezensionen sonst nie getan wird, auch einmal der Lektor bedankt. Günther Eisenhuber von Jung und Jung hat ein unglaubliches Sensorium für das abweichend Originelle, und in die Reihe seiner Entdeckungen, die von Clemens J. Setz bis Helena Adler gehen, ordnet sich jetzt auch Marlen Mairhofer ein. Es ist Eisenhuber-Literatur at its best.
Die wichtigste literarische Referenz des Buches ist natürlich „Alice im Wunderland“ (1865) von Lewis Carroll. Wie Alice in dem Welterfolg des britischen Autors fällt auch ihr Salzburger Pendant gleich zu Beginn in ein Kaninchenloch. Ja, die ganze Welt scheint hier wie da von einem riesigen Kaninchenbau unterminiert.
Auch Mairhofers Alice wächst und schrumpft, wenn sie Essen oder Trinken zu sich nimmt. In einem Kapitel liegt sie in Ketten, was an Motive aus dem Wunderland-Hofstaat erinnert. Nonsensverse und Spiegelmotive spielen in beiden Büchern eine Rolle, und an einer Stelle tanzt auch das österreichische Mädchen eine Quadrille.
Lewis Carrolls Zuneigung zu jungen Mädchen erregt seit vielen Jahren Verdacht, ohne dass dem Autor bislang Päderastie in einem auch strafrechtlich relevanten Sinn nachgewiesen werden konnte. Carroll hat mit Mädchen aus seiner Umgebung enge Kontakte gepflegt, sie in lasziven Posen fotografiert und eine erste Fassung seines Buches der damals zwölfjährigen Alice Liddell zugeeignet.
Viel Material aus diesem thematischen Umfeld, etwa Briefe des Autors an die jungen Mädchen, ist noch von Carroll selbst vernichtet worden. Mairhofer simuliert in dem Kapitel „Alice bekommt einen Brief“ den Tonfall: „Verehrtes Fräulein! Hiermit übermittle ich den herzlichsten Dank für die ausführlichen Schilderungen deiner kleinen Abenteuer. In einem so winzigen Köpfchen kommt ja scheinbar allerlei zusammen, und vieles ist wahrlich nicht dazu gedacht, je das Licht der Welt zu erblicken!“
In diesem Roman kommen Sachen ans Licht, die man nicht für möglich gehalten hat. Es ist eines der wichtigsten Bücher in diesem Herbst.
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