Lassen Sie mich in Ruhe
Erinnerungen

von Erni Mangold, Doris Priesching

€ 25,00
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Verlag: Amalthea Signum
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater/Biographien, Autobiographien
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.11.2016


Rezension aus FALTER 14/2021

„Mich konnte man nicht hinlegen“

Am Professor-Erni-Mangold-Weg in Wolfshoferamt im Waldviertel steht am Ende der schmalen Straße ein kleines Bauernhaus. Hier wohnt die Schauspielerin, der zu Ehren der Weg benannt wurde. Mangold ist 94 Jahre alt und nach einem Unfall wieder fit. Nach wie vor steht sie vor der Kamera. Von der Theaterbühne verabschiedete sie sich zu ihrem 90. Geburtstag.

Den Falter begrüßt die Schauspielerin gut gelaunt, aber sie ist auch für ihre Ungeduld und Sturheit bekannt. Blöde Fragen kann sie nicht ausstehen und sie langweilt sich schnell. Wie auch bei diesem Interview. In ihrem Haus lebt sie allein. Das Wohnzimmer mit der offenen Küche wirkt gemütlich, auf dem Holztisch steht eine Schneekugel. Mangold genießt die Ruhe im Waldviertel. Das Wichtigste ist ihr die Freiheit. Und dazu gehört auch das Reisen.

Falter: Frau Mangold, was war Ihre glücklichste Reise?

Erni Mangold: Nach München nach dem Krieg. Als der Hitler kam und die ganze Kotze, war ich zwölf Jahre alt, das war schrecklich für mich. Als das vorbei war, habe ich sofort gemerkt, was Freiheit bedeutet und wie schlimm es ist, wenn eine Diktatur kommt, wenn plötzlich verboten wird. Wenn man jung ist, kommt dazu, dass man das, was man versäumt, nicht mehr nachholen kann. Ich habe das zwar versucht, mit 22 dann, als ich mit dem Helmut Qualtinger unterwegs war und wir nur gesoffen und nicht geschlafen haben. Aber das war dann auch nicht mehr das Wahre. Nachholen kann man nix.



Welche Erinnerungen haben Sie denn an Ihre Jugend?

Mangold: Was soll ich da schon für Erinnerungen haben? Außer dass ich die Pappen hab halten müssen.

Aber das haben Sie ja gar nicht gemacht.

Mangold: Ich hab sie nicht gehalten, teilweise. Ich hab ein Glück gehabt, aber ich war auch sehr geschickt. Ich habe ja auch Sabotage gemacht. Nach 1944 mussten wir uns entscheiden: entweder zur Flak oder in die Fabrik. Und ich habe versucht, in die Fabrik zu kommen. Weil zur Flak wollte ich nicht, da hatte ich das Gefühl, da komme ich nicht mehr zurück. Also kam ich zu Siemens & Halske. Da haben viele Leute gearbeitet, die auch gegen die Nazis waren, und die haben einfach zugeschaut, wie ich da ein paar Maschinen mit Sand kaputt gemacht habe.

Es hat Sie niemand verraten?

Mangold: Nein, sonst wäre ich heute nicht mehr da. Das hätte Kopf ab bedeutet. Als der Krieg aus war, habe ich sofort dieses Freiheitsgefühl empfunden. Es war das schönste Glücksgefühl, das ich seit sieben Jahren hatte. Da ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin, habe ich gemerkt, dass das Einzige, was mein Leben schrecklich machen würde, ist, wenn ich eingesperrt wäre. Bei dem Virus ist‘s mir wurscht. Erstens bin ich alt, zweitens bin ich nicht in Wien und drittens ist es hier im Waldviertel anders. Da habe ich also keine Schwierigkeiten.



Das Freiheitsgefühl haben Sie am Tag des Kriegsendes tatsächlich gleich gemerkt?

Mangold: Das merkt man nicht, liebes Kind, sondern das ist sofort da. Da musst du nichts merken, das schießt ein. Weil man es ja immer verstecken musste. Entschuldige, ich war ja kein doofes Kind, das da dahinwackelt und sich vielleicht verplappert. Ich wusste ja, worum es geht.



Die erste Reise war also ein Symbol der neugewonnenen Freiheit.

Mangold: Wir sind nach München gefahren und ich war völlig fertig, dass ich ins Ausland komme! Ein Wahnsinn. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Ich kann mich nicht erinnern, ob es dort etwas zu essen gab, es hat uns auch nicht interessiert. Ich kann mich auch an die Stadt nicht erinnern. Nur an das Auto, die Autobahn und die Fahrt über die Grenze. Das war die große Errungenschaft. Es war das Fahren, das Hinausschauen, die Geschwindigkeit. Als ich nach Ungarn gefahren bin, das war schon davor, war das etwas ganz anderes. Das war keine glückliche Reise, sondern eine Reise voller Abenteuer. 16 oder 17 Stunden im Zug nach Budapest.



Was wollten Sie in Budapest?

Mangold: Ich habe ein bisschen Geld von meinen Eltern bekommen und wollte mir einen Ledermantel mit Fell kaufen. Auch irgendwelche Schuhe, das gab es ja bei uns nicht. Aber die Reise hing auch noch mit einer anderen Sache zusammen. Der Hans Moser, mit dem ich sehr gut war, hatte seine Frau während des Krieges in Ungarn versteckt, in einem Hotel. Er bat mich, dorthin zu fahren und sie lieb grüßen zu lassen. Das habe ich gemacht.



In Ihrer Biografie schreiben Sie, dass Sie auf dieser Reise beinahe von 40 Russen vergewaltigt worden wären. Das klingt nicht nur nach einer abenteuerlichen, sondern auch einer sehr gefährlichen Reise.

Mangold: Das habe ich nicht so empfunden. Ich war viel zu abenteuerlustig und unängstlich. Das bin ich bis heute. Ich habe keine Ängste. Auch nicht vor Krankheiten, auch nicht vor einem Virus. Nicht, dass ich denke, dass mir nichts passiert. Das hat damit gar nichts zu tun. Ich bin aber eben nicht nur nicht ängstlich, sondern auch sehr geschickt. Deshalb bin ich immer gut durchgekommen.



Wenn es keine Angst war, in dieser Situation im Zug, was haben Sie dann empfunden?

Mangold: Wie wird das ausgehen? Es war mehr eine Frage. Ich wusste zum Beispiel nur, wenn sie mir so Achtelbecher mit Wodka geben, dass ich die trinken und schauen muss, dass ich nicht besoffen werde. Ich habe das gut vertragen, das war mein Glück. Die Russen waren sehr unangenehm, haben meine Haare angegriffen. Ich kam mir vor wie ein Tier. Der Jugoslawe, der mich in diese Situation gebracht hat, sagte dann, ich helfe dir, wenn du dich mir, na. Habe ich zu ihm gesagt, selbstverständlich. Dann hat er mir geholfen. Das war sein Pech, weil er nicht gewusst hat, dass ich mit fünf, sechs Jungs unterwegs war. Einer von ihnen wollte den Jugoslawen aus dem fahrenden Zug werfen. Da war ich sehr erschrocken. Wie schnell bringt man jemanden um? Man war einfach verroht nach dem Krieg. Ist halt einer tot, mein Gott. Aber wir konnten das verhindern. Der Jugoslawe ist in sich zusammengesunken, hat sich nicht mehr gerührt und war froh, dass er verschwinden konnte. Seine ganze Angeberei war dann vorbei. Nach dem Krieg war ich auch in der Schweiz, das war aber etwas anderes, da haben wir Theater gespielt.



Wie haben Sie die Schweiz erlebt?

Mangold: Ich habe die Schweizer nicht sehr geschätzt, weil ich wusste, dass sie sich zu den Flüchtlingen nicht gut benommen haben. Ich habe dort meine erste Banane gegessen und gefragt, wie ich die essen muss, weil ich das nicht gewusst habe. Ernährt habe ich mich aber dann 14 Tage lang von Süßigkeiten. Die konnte ich mir natürlich nicht leisten. Also habe ich mich vor die Konditoreien gestellt und traurig geschaut. Die Schweizer haben das gemerkt und mich gefragt, was ich möchte. Das sollte ich mir bestellen und sie würden es bezahlen. Es hat sich aber nie jemand zu mir gesetzt. Von der Schweizer Jugend war ich enttäuscht. Wenn ich irgendwo auf Besuch war, bin ich aufs Dach gestiegen und habe mich dort hingelegt, habe die Freiheit genossen. Wenn wir baden gegangen sind, habe ich mich nackt ausgezogen. Manche haben mitgemacht, aber am nächsten Tag haben sie mich nicht mehr gegrüßt. Die haben große Schwierigkeiten damit gehabt. Ich habe trotzdem so gelebt, wie ich wollte.



Das haben Sie ja auch in Wien immer so gehalten.

Mangold: Ich habe ein paar Jahre hindurch nur vier Stunden pro Nacht geschlafen. Am Nachmittag war ich in der Sauna, damit der Alkohol weggeht, am Abend habe ich die Vorstellung gespielt und danach ist es losgegangen. Von elf Uhr nachts bis fünf Uhr früh. Wir konnten alles tun, weil sich kein Mensch um uns gekümmert hat. Als das Wasser im ersten Bezirk gekommen ist, haben wir uns nackt ausgezogen und gebadet. Der Qualtinger hat immer gesagt, Erni, du glaubst es nicht, die Russen fürchten sich vor uns. Da hat er recht gehabt. Wir haben schrecklich ausgeschaut.



War Helmut Qualtinger damals als Künstler schon bekannt?

Mangold: Nein. Er ist nach dem Krieg durch Einbrüche in Häuser von Nazis bekannt geworden. Wir sind dort eingestiegen und haben den letzten Schnaps, den letzten Whiskey gesoffen, den die noch übriggelassen haben. In eine Villa sind wir in den Keller und da lagen so schöne Stoffe und da habe ich gesagt, Helmut, das sind so schöne Stoffe, und ich hab doch gar nichts zum Anziehen. Naja, gern hab ich das nicht, hat er gesagt. Aber nimm halt mit. Wir sind als Jugendliche damals noch nicht eingesperrt worden. Weil wir eh so gelitten haben im Krieg. Einmal bin ich, ich glaube, das war in den Fifties, in der Annagasse in ein Auto hineingefahren. Davor hatte ich vielleicht zwölf oder 15 Schnäpse. Das war normal damals. Ich habe jeden Tag in der Früh gekotzt, furchtbar. Und da stand ein Kombiwagen. Ich habe mir die Elle gebrochen und vorne zwei Zähne ausgeschlagen. Die Strafe hat nur 1000 Schilling gekostet. Ich weiß nicht, wie viel Promille ich gehabt habe.



Vertragen Sie heute auch noch viel Alkohol?

Mangold: Ich habe immer viel vertragen, aber ich trinke nicht mehr viel. Das war ja nur ein paar Jahre lang so. Ich bin unbeschadet über die ganze Runde gekommen und auch keine Alkoholikerin. Ich trinke schon jeden Tag meinen Rotwein, aber höchstens zwei Achterl.



Zu dieser Zeit, als Sie mit dem Qualtinger unterwegs waren, gingen Sie auch in das legendäre Café Gutruf. Frauen durften dort eigentlich nicht hinein. Sie waren eine der ganz wenigen, die Zutritt bekamen. Wie war das?

Mangold: Ich war im Gutruf damals die einzige Frau, die überhaupt zugelassen war. Durch den Schutz vom Helmut konnte mir nichts passieren. Viele Männer waren damals so, dass sie dich gleich vergewaltigen wollten. Als Frau nach dem Krieg warst du sehr ungeschützt. Aber ich bin immer wieder gut durchgekommen.



Weil Sie sich nicht gefürchtet haben?

Mangold: Es hat ja keinen Sinn gehabt. In einer Situation, die eh gefährlich war, sich zu fürchten, finde ich ja ganz beschissen blöd. Das habe ich nie verstanden. In Hamburg, wo ich einige Jahre gelebt habe, war das anders. Da ist man auch in Wohnungen herumgesessen und hat getrunken. Dann kam die Frage: Bleibst du da oder gehst du nachhause? Wenn man gesagt hat, man geht nachhause, ist man nachhause gegangen.



Sie galten am Theater in der Josefstadt als Sexsymbol und wehrten sich gegen alle Annäherungen.

Mangold: Ich war schrecklich. Man hat mich nicht hinlegen können. Ich war da sehr verschlossen. Ich wollte auch nie heiraten.



Sie haben es aber dann doch getan.

Mangold: Mein Mann (Schauspieler Heinz Reincke, Anm.), der ja ein ganz merkwürdiger, sentimentaler Mensch war, hat unbedingt heiraten wollen. Die Hochzeit war grauenhaft und mein Vater hat eine grauenhafte Rede gehalten. Er hat gesagt, ich bin froh, dass ich jetzt endlich einen Schwiegersohn habe, der auf meine Tochter aufpasst. Das hat mir einen Schock versetzt. Leider war ich eine Tochter, die ihren Vater sehr geliebt hat, und das ist schlecht.



Warum?

Mangold: Wenn Frauen mit ihren Müttern gut zurechtkommen, haben sie es viel besser. Sie werden selbstständiger, haben mehr Glück mit Männern, werden kritischer und freier.



Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?

Mangold: Schlecht, ganz schlecht. Ich habe sie nicht akzeptiert. Man kritisiert dann einen Menschen, anstatt dass man ihn so lässt, wie er ist. Wenn man sich freistampft, dann kann man das. Aber man hat sich damals nicht freigestampft. Ein Jahr bevor meine Mutter starb, habe ich mich mit ihr versöhnt. Ich habe alles für sie gemacht, aber ich war keine Opfertochter.



Warum haben Sie sich überreden lassen zu heiraten?

Mangold: Weil ich blöd war. Ich dachte mir, es wird sich schon nichts ändern. Aber es hat sich sofort geändert. Damals war ein Mann ein Mann. Da bist du in Hamburg ins Lokal gekommen und man hat dem Mann aus dem Mantel geholfen, dem Mann die Speisekarte hingegeben. Ich hab dann dem Mann die Speisekarte weggenommen, weil ich bestellen wollte. Er sagte, wer das Geld hat, gibt an. Dann bin ich einmal allein essen gegangen, in ein sehr vornehmes Restaurant, mittags, waren nur Männer dort. Und der Kellner war völlig fertig mit den Nerven, dass ich da an einem Tisch sitzen musste, wo nur Männer saßen. Nach einer halben Stunde bin ich von dem Visavis schon auf einen Kaffee eingeladen worden. Das hat geheißen, pudern. Da oben war es viel schlimmer als bei uns. Bei uns konnte ich nach der Vorstellung in die Bar gehen, da hat sich kein Mensch um mich gekümmert. Man wusste, das ist eine Schauspielerin, die kommt von der Vorstellung und will einen Schnaps saufen. Ich bin in die Eden gegangen und nicht belästigt worden, oder ins Maxim und habe mich hingesetzt.



Sie haben in der Zeit Ihrer Ehe bei der eigenen Karriere zurückgesteckt. Warum?

Mangold: Ich dachte, ich muss mich ein bisschen zurückhalten, weil ich ja jetzt eine Frau bin, bin auch nicht lange weggefahren. Mein Mann hat gesagt – da hätte ich mich eigentlich sofort scheiden lassen müssen –, so gut wie ich bist du eh nicht, du kannst den Beruf eh aufgeben. Habe ich natürlich nicht gemacht. Ich dachte immer, ich muss das durchstehen. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass er schwerster Alkoholiker ist. Das ist dann immer schlimmer geworden. Ich habe eigentlich zehn Jahre zu lange mit ihm verbracht.



Der Schauspielerinnen-Beruf hat auch sehr viele politische Implikationen. Die Schauspielerin Mavie Hörbiger schrieb auf Twitter, dass sie eine Rolle nicht bekommen hat, weil sie zu alt ist. Haben Sie diesbezüglich Erfahrungen?

Mangold: Da kann man nichts machen. Es geht nur ums Gesicht, nicht ums Können. Und wenn die Frauen sich liften lassen, sind sie selber schuld. Sie werden alle hässlich und müssen es dann öfter machen. Ich finde das sehr, sehr traurig. Aber das wird sich ändern, ich schwöre es. Ich habe keine Schwierigkeiten, weil es in meinem Alter wenige Schauspielerinnen gibt und da werden immer noch welche gesucht. Seit 30 Jahren bin ich nicht mehr geschminkt im Fernsehen. Höchstens die Haut glänzt, dann darf die Maskenbildnerin ein bissl was machen. Sonst nicht. Das glaubt dir keiner.



Vor einigen Jahren hat die weltweite #MeToo-Bewegung ihren Anfang in der Schauspielbranche genommen. Frauen machten öffentlich, dass sie belästigt und vergewaltigt worden sind. Wie fanden Sie das?

Mangold: Das fand ich sehr okay. Der Weinstein – also die Sache mit den Amis, das habe ich schon vor 50 Jahren gewusst. Die Männer drüben waren nicht angenehm, das war bekannt. Die Monroe hat genauso hinhalten müssen. Der ist auch nichts übriggeblieben. Glauben Sie, die ist geschont worden? Man hat mir 1946 gesagt, ich soll nach Amerika gehen, weil ich das Gesicht der Zeit hätte. Dann hätte ich Karriere gemacht und wäre nach zehn Jahren tot gewesen. Die USA habe ich erst 1981 besucht.



Wo waren Sie?

Mangold: In New York. Das wäre die Stadt meiner Träume gewesen. Die Amis habe ich zwar verachtet wie nur irgendwas, aber die Stadt hat mich in ihrer Lebendigkeit und ihrem Geruch und in ihrer ganzen Art fasziniert. New York hat mich angemacht. Obwohl ich mich auch geärgert habe. Das war in Brooklyn. Da wollte ich Pipi gehen, und weil ich nichts konsumiert habe, durfte ich nicht. Das fand ich eine Schweinerei. Ein Freund von mir hat auch drüben gelebt, Ernstl Haas, der hat dort eine patzen Karriere gemacht. Den kennt heute kaum jemand mehr. Sie auch nicht.



Nein.

Mangold: Das habe ich gewusst. Das ist eigentlich eine Schande. Er hat als Fotograf vom Kreisky einen Preis für seine Heimkehrer-Story bekommen. Das ist eines der berühmtesten Dinge, die nach dem Krieg entstanden sind, über die Heimkehrer, die am Südbahnhof ankamen. Darüber gibt es sonst nichts. In Amerika hat der Ernstl in der Times sechs Seiten gehabt. Nächstes Jahr wird es vielleicht eine Ausstellung über diese Geschichte in Salzburg geben.

Reisen Sie gern allein?

Mangold: Meistens allein, ja, das hat mir nie etwas gemacht. In den letzten zehn Jahren bin ich allein nach Kroatien gefahren, auf eine kleine Insel in der Nähe von Zadar. Da ist kein Hotel drauf.



Warum gefällt Ihnen genau diese Insel?

Mangold: Na, kein Hotel, Putzi! Ich hasse Hotels! Ich finde sie grauenhaft. In der Früh gibt es Frühstück, zu Mittag Mittagessen, das ist alles saulangweilig. Wenn ich in ein Hotel gehe, kennen mich außerdem 170 Leute, ich bin doch nicht deppert. Frau Mangold, Sie sind auch da, was machen Sie hier, Frau Mangold, wie geht es Ihnen denn?! Das halt ich nicht aus.



Passiert Ihnen das oft, wenn Sie in Wien unterwegs sind, zum Beispiel?

Mangold: Vergiss es, ich will darüber gar nicht reden. Das ist für mich die grausigste Sache. Fans können schrecklich sein. Es gibt wenige, die an mir vorbeigehen und einfach nur sagen, schön, dass ich Sie sehe, schön, dass es Sie gibt, und auf Wiedersehen. Sondern die halten mich dann fest. Diese Überfälle sind nicht angenehm. Im Waldviertel würde das nie jemand machen. Ich bin mit vielen Menschen hier befreundet, die hatschen da vorbei, würden nicht anklopfen und sagen, ich komm auf einen Sprung herein, nein, die stören nicht. Die sind wahnsinnig angenehm. Ich bin sehr glücklich hier, ich bin hier zuhause und darüber sehr froh.



„Nach meinem Tod wäre ich gern eine Hainbuche“, schreiben Sie in Ihrer Biografie. Warum?

Mangold: Ich glaube nicht an eine Wiedergeburt und alle diese Scherze. Wenn das System gestorben ist, fände ich es lustig, dass man vielleicht eine Biene wird oder ein Vogerl oder eine Fliege. Wobei mir der Tod keine Angst macht und das Sterben an und für sich auch nicht. Ich denke, dass dann eine ziemlich angenehme Ruhe herrscht. Die Hainbuche ist ein Symbol für diese Ruhe.



Wenn Corona vorbei ist, wohin möchten Sie reisen?

Mangold: Ich weiß nicht, ob ich dann noch reisen werde. Da bin ich 95. Mit dem Auto fahre ich dann nicht mehr. Ich lebe gern allein und kann sehr viel mit mir anfangen. An und für sich bin ich sehr, sehr froh, dass ich meine Ruhe habe. Die brauche ich auch. Die ist mir das Wichtigste.

Stefanie Panzenböck in FALTER 14/2021 vom 09.04.2021 (S. 28)


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