Samuel Johnson ist ungehalten

Stories
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein Paar befürchtet, ihre Freunde könnten sie für Langweiler halten; eine Frau führt uns vor, wie schwierig es ist, Prioritäten im Alltag herzustellen; eine andere möchte sich selbst gerne als nichts begreifen und muss entdecken, dass das ein zu hochgestecktes Ziel ist; ein Bestattungsunternehmen bekommt einen Beschwerdebrief wegen sprachlicher Unzulänglichkeiten in seinem Werbematerial; wir werden in Überlegungen hineingezogen, welches die Bedingungen für glückliche Erinnerungen sind, lesen über die glückliche Ehe eines siamesischen Zwillingspaars, über die Ungleichbehandlung von Kindern und Wörterbüchern, einen knappen Bericht über einen Massenmord in Böhmen und eine Familienzusammenführungsgeschichte mit Schluckauf.
Willkommen in der Welt von Lydia Davis und ihren Erzählungen, die manchmal 30 Seiten, manchmal nur eine Zeile lang sind, und immer die Tücken des Verhältnisses von Sprache und Welt verhandeln – mit Ernst und Witz, ungewöhnlich und raffiniert und niemals langweilig! Die »stille Gigantin der amerikanischen Literatur« ist auch in diesem Band aus dem Jahr 2002 eine Offenbarung für alle, die wissen wollen, was Literatur eigentlich kann und wie sie das anstellt.

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FALTER-Rezension

Kurz ist gut, wenn’s jemand können tut

Die perfekte U-Bahn-Lektüre: „Samuel Johnson ist ungehalten“ von Kurzstreckenweltmeisterin Lydia Davis

Fast alles, was man sehr ausführlich sagen kann, kann man auch ganz kurz sagen. In der Sprache zählt das Ungesagte ebenso viel wie das Gesagte. Es geht nicht darum, dem einen den Vorrang vor dem anderen zu geben, vielmehr weiß mehr von der Welt, von sich und den anderen, wer über die Sprache und ihre Qualitäten nachzudenken vermag.
Lydia Davis macht aus dieser Fähigkeit große Literatur: „Fast schon vorbei: getrennte Schlafzimmer“ betitelt sich einer ihrer Kürzesttexte, der hier unschwer vollständig wiedergegeben werden kann: „Sie sind jetzt in getrennte Schlafzimmer gezogen. In der fraglichen Nacht träumt sie, dass sie ihn in ihren Armen hält. Er träumt, dass er mit Ben Jonson zu Abend isst.“ – Mit Ben Jonson, dem neben Shakespeare bedeutendsten englischen Dramatiker des 17. Jahrhunderts.
Die Langstrecke ist in der Literatur eine Disziplin, die ihre eigenen Gesetze hat. Da ist dann die Rede vom „langen Atem der Erzählung“, vom „Jahrhundertroman“, vom „Familienepos“. Die Kurzstrecke besitzt weitaus weniger Prestige als die entsprechenden Disziplinen in der Leichtathletik. Dabei ist auch die ganz kurze Story eine „Königsdisziplin“: kaum aus den Startlöchern heraus, läuft sie schon durchs Ziel. Heimito von Doderer, der sehr dicke Romane mit sehr vielen Figuren schrieb, konnte beides. Seine „Kürzestgeschichten“ sind keine Nebenprodukte und zeigen, dass in der Kürze so viel an existenzieller Erfahrung, an Alltag, Psychologie und Weisheit stecken kann wie in sehr langen Romanen.

Lydia Davis, 1947 in Massachusetts geboren, ist eine angesehene Übersetzerin – unter anderen von Flaubert und Proust. Ihre eigenen literarischen Texte sind von Lakonie und Aussparung gekennzeichnet, nicht umsonst nennt sie Samuel Beckett und Franz Kafka als literarische Vorbilder. Auch in ihren Interviews und ihrem öffentlichen Auftreten erweist sich die 2013 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnete Davis als eine Meisterin des Understatements, die kurze und präzise Antworten gibt. Dem Grazer Droschl-Verlag ist es zu verdanken, dass mittlerweile vier Bände mit Geschichten und ein Roman in den genauen und sich dabei doch immer wieder Freiheiten nehmenden Übersetzungen Klaus Hoffers erschienen sind.
Ein kleines Seminar ist der am Ende des Buches nachzulesende Dialog zwischen Übersetzer und Autorin zu einem zunächst unübersetzbar scheinenden Text. Hier wird deutlich, wie unauflösbar kulturelle Kontexte mit ihren jeweiligen Versprachlichungen zusammenhängen. Gerade diese kurzen Texte laden dazu ein, sie auf Deutsch und in der Originalsprache zu lesen; sie auch öfter zu lesen, denn erst dann zeigt sich hinter der Einfachheit der Sätze deren Mehrdeutigkeit. Eine Geschichte, die man zuerst geneigt war zu überblättern oder für eher langweilig zu halten, entwickelt beim zweiten oder dritten Lesen ihren eigenen Sog.

Auch wenn es ein frommer Wunsch sein mag: Lydia Davis’ Geschichten eignen sich hervorragend für die Lektüre in U-Bahnen oder Bussen, sie können ein Gegengift gegen die so oft von allen guten Geistern verlassene Lektüre-Zerstreutheit beim Lesen und Wischen auf Smartphone-Displays sein.
In mehreren Geschichten korreliert die Ökonomie der Erzählung mit ihrem Inhalt, Bilanzen werden gezogen. Etwa in „Finanzen“, einer Geschichte, in deren Zentrum die Frage nach dem Verhältnis von Geld und immateriellen Werten steht:
„Wenn sie zusammenzuzählen und zu subtrahieren versuchen, um sich zu vergewissern, dass das Verhältnis ausgewogen ist, dann funktioniert das nicht. Der Beitrag von seiner Seite beläuft sich auf $ 50.000, sagt sie. Nein, $ 70.000, sagt er. Spielt keine Rolle, sagt sie. Für mich spielt es eine Rolle, sagt er. Ihr Beitrag ist ein halbwüchsiges Kind. Ist das ein Aktivposten oder eine Verbindlichkeit? […] Ich bin dir dankbar dafür, dass du für uns sorgst, und ich weiß, dass mein Kind für dich manchmal eine Belastung ist, obwohl du sagst, dass er ein guter Junge ist. Aber ich weiß nicht, wie ich das gegenrechnen soll. Wenn ich alles gebe, was ich habe, und du alles gibst, was du hast, ist das dann nicht ausgewogen? Nein, sagt er.“

Mehrere kurze Lebenskapitel über Madame Curie sagen über ein ganzes Leben in wenigen Sätzen sehr vieles. Dieser Lebensbeschreibung, geschrieben mit ebenso viel Wissen wie Empathie, muss nichts hinzugefügt werden, ihre Kürze erscheint völlig angemessen.
Manche, mitunter auch etwas längere Geschichten, berichten von surrealen Begebenheiten im Ton lakonischer Alltagsprosa. Da ist dann von einem „wir“ die Rede, bei dem nicht klar wird, wer eigentlich spricht: „Wir leben in der Nähe eines Stamms von blutleeren Weißen.“
Das Zusammenleben von Eheleuten, die Kommunikation zwischen (erwachsenen) Kindern und Eltern, das schwierige Zusammenleben mit den Nachbarn, und vor allem das Leben bei abnehmenden geistigen und körperlichen Kräften – das sind Lydia Davis’ bevorzugte Themen, zum Beispiel in der litaneihaften Geschichte „Die Alte Mutter und der Griesgram“: Darin wird nicht beschrieben wie der Alltag eines älteren Paares, in dem er ständig an ihr herumnörgelt, wirklich ist. Vielmehr liefert die Geschichte mit dem märchenhaften Titel die sezierende Analyse dieses Alltags mit all seiner Tragik und Lächerlichkeit.
Die Antwort auf die Frage, warum Samuel Johnson (nicht Ben Jonson), der Gelehrte und Kritiker aus dem 18. Jahrhundert, ungehalten ist, klingt zunächst nur lächerlich. Aber auch diese, aus einem Halbsatz bestehenden Begründung muss man eben mehrmals lesen.

Bernhard Fetz in Falter 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 21)

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Produktdetails
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ISBN 9783990590041
Erscheinungsdatum 11.08.2017
Umfang 216 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Droschl, M
Übersetzung Klaus Hoffer
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