Alles muss man selber machen
Biographie Kritik Essay

von Daniela Strigl

€ 15,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.02.2018


Rezension aus FALTER 11/2018

Kritik der Kaisersemmel

In einem Sammelband plaudert Literaturkritikerin Daniela Strigl geistreich und vergnüglich aus dem Nähkästchen ihres Metiers

Was hat es eigentlich mit der Kaisersemmel auf sich? Wie steht das einst imperiale Gebäck heute da in der Welt? Und hat es uns über sein schieres Gebäcksein hinaus womöglich noch mehr zu sagen? Die Semmel selbst mutmaßlich nicht, die Literaturwissenschaftlerin und Essayistin Daniela Strigl hingegen schon: „In seiner von historischem Glanz zehrenden Schäbigkeit, seiner von kränkelndem nationalem Selbstbewusstsein zeugenden Beliebigkeit ist das Backwerk ein gültiges Symbol der Republik im Istzustand“ – und nicht zuletzt materieller Beweis dafür, dass das republikanische Österreich das Kaisertum endgültig hinter sich gelassen hat: „Nur eingefleischten Republikanern kann ‚Kaisersemmel‘ noch als passende Bezeichnung für derartig Degeneriertes erscheinen.“
Die Versuchung ist groß, aus dem kleinen Band „Alles muss man selber machen“ hier einfach ein Zitat nach dem anderen aufzureihen, denn Wissen, Gedankenschärfe, Sprachlust und -witz gehen in diesen Vorlesungen zum Schreiben von Biografien, zur Arbeit der Literaturkritikerin wie zur Essayistik eine unwiderstehliche Verbindung ein.

Womit wir gleich mittendrin sind in Daniela Strigls Kritiker-Typologie. Anhand von Beispielen wie Karl Kraus und Alfred Kerr, Volker Weidermann oder Hubert Winkels, Franz Schuh, Hans Magnus Enzensberger und Kurt Tucholsky unterscheidet die ihrerseits gestrenge, man könnte auch sagen: gnadenlos scharfsichtige Kritikerin den „Gate-Keeper“ vom „Platzanweiser“, „Zirkulationsagenten“, „Raumpfleger“ oder „Verkehrspolizisten“
Insbesondere die „Emphatiker“ kommen dabei nicht so gut weg, ein rückhaltloses „Hurra!“ kann den Ansprüchen ans Kritikerfach nicht genügen. Sich selbst stuft Strigl übrigens als Platzanweiserin im Literaturzirkus ein, die dabei aber freilich nicht der beliebt gewordenen Daumen-rauf-Daumen-runter-Technik folgt. Nein, Begründung muss schon sein, also ist Sachkenntnis gefragt, und wie sie selbst diese erworben hat und auf konkrete Textmaterialien anwendet, führt Strigl anhand der Werkstattberichte zu ihrer eigenen Arbeit vor.

Der weit gespannte Bogen reicht von Strigls Biografien über Marie von Ebner-Eschenbach (mit großartigen, Lust aufs Werk machenden Zitaten der Autorin) und Marlen Haushofer bis hin zur Beurteilung der Ansagen am Bahnsteig der Wiener U-Bahn; von der gelehrten Herleitung fachspezifischer Termini bis zum nicht retournierbaren Volley der Sprachkritikerin: „Ich glaube, gerade was etwa den Feminismus betrifft, dass sich in den letzten zwanzig Jahren wenig verbessert hat, aber dafür hat man jetzt gendersprachlich super aufgerüstet.“ Wobei Strigl historische Systematik stets mit konkreten Beispielen verbindet, Sachanalysen mit Persönlichem, schriftlich perfekt Ausgeklügeltes mit Kolloquialem, Ernsthaftigkeit in der Analyse von Texten und Literaturverhältnissen mit schnellem, auch selbstironischem Witz.

Georg Christoph Lichtenberg, Naturwissenschaftler und genialer Aphoristiker, ist der Anstifter und Gewährsmann für die Haltung, die Daniela Strigls Arbeit insgesamt charakterisiert. Sein Beharren auf „Sinnlichkeit“ im „Geschäft des Denkens“, seine denkspezifische „Verbindung von Kopf und Unterleib“ treiben auch ihre Denk­weise an.
Der „Eros des Schreibens und Lesens“ teilt sich so unmittelbar mit. Wer lernen will, wie man bei der Erarbeitung einer Biografie zu Werke gehen kann, welche Gefahren, Abgründe und Verlockungen im Kritikergewerbe lauern oder welche Folgen es haben mag, wenn man sich mit angespitzter Feder ins polemische Gefecht wirft, wird hier bestens ausgestattet. Am schönsten aber ist: Man kann dies Buch auch einfach so, aus schierem Vergnügen am Denken, an der Sprache und der Literatur lesen – und wird hinterrücks auch noch gebildet dabei.

Frauke Meyer-Gosau in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 20)


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