Der Himmel ist ein kleiner Kreis

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Eine junge Frau verliert die Kontrolle über ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Sprache und ihren Körper. Zugleich sind ihre Wahrnehmungen gestochen scharf wie die Scherbe, die sie sich unter die Haut drücken will. In einer »Anstalt« soll sie ihre Wutausbrüche in den Griff bekommen. Während ihre einzige Bezugsperson, Mark, kurz vor seiner Entlassung steht, denkt sie vermehrt über einen Aufbruch nach.
Ina, die zweite Figur der Geschichte, ist bereits aufgebrochen, nach Sibirien. Dort möchte sie an einer Winterstraße eine Raststätte betreiben, doch stehen ihr zuerst ein raues Leben und Abenteuer mit dem undurchsichtigen Boris bevor. Dass sie in eine Falle getappt ist, merkt sie zu spät.
Auf den ersten Blick scheinen beide Frauen grundverschieden, jedoch schälen sich langsam Berührungspunkte heraus. In einer poetischen und zugleich kraftvollen Sprache thematisiert der Roman unterschiedliche Konzeptionen von Freiheit und Identität.

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FALTER-Rezension

Schlechtes Karma

Eine Frau teilt aus. Wenn die weibliche Hauptfigur aus Silvia Pistotnigs neuem Roman „Teresa hört auf“ etwas nicht ausstehen kann, dann Gefühligkeit. Die Menschen mit ihren banalen Bedürfnissen – ein Wellnessurlaub in versifftem Thermalwasser – gehen ihr auf die Nerven. Zynismus gehört zu ihrer Serienausstattung, Weltekel zum Grundgefühl. „Ich mag es, wenn die Leute sich über mich ärgern, das sorgt für schlechtes Karma und das schlechte Karma, das bin ich“, sagt Teresa, die in einer Agentur arbeitet, die Maturareisen organisiert. Eine gewisse Abgebrühtheit und Nerven aus Stahl kommen ihr bei diesem Job durchaus zugute. Ihren Chef beschreibt sie: „Er ist hier der einzige Mann und der einzige ohne Matura: der Geschäftsführer.“

Pistotnig, 44, ist Expertin für schräge Frauenfiguren, die sich als Außenseiterinnen wahrnehmen, dabei aber ziemlich schillernd sind. Nicht zuletzt, weil sie so klug beobachten können. Weil ihr Blick auf die Umwelt gnadenlos und entblößend witzig ist.

Auch Teresa ist ein Original. In ihrer Freizeit geht sie einem seltsamen, recht anstrengenden Hobby nach: Im Dreimonatsrhythmus denkt sie sich Projekte aus, die ihren Körper, aber auch ihre Umwelt an ihre Grenzen treiben – von vernachlässigter Hygiene über Schlafentzug bis zum täglichen Solariumbesuch. Ein Sexualitätsprojekt wurde fallengelassen, weil es ihr „zu langweilig, zu wenig radikal“ erschien. Im Moment steckt sie mitten im 13. Projekt: Bulimie, der „Oldtimer unter den Essstörungen“.

Der Roman hat einen ernsten Kern, Teresa leidet unter Dysmorphophobie, sie kann ihren Körper nicht als Ganzes wahrnehmen. Es gehört zu den Stärken dieses überhaupt sehr tollen Romans, dass er keine banalen tiefenpsychologischen Erklärungsmuster bedient. Ähnlich wie Ottessa Moshfegh in ihrem gefeierten Buch „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ (2018) setzt Pistotnig auf eine radikale Konstruktion, um über abstruse Frauenbilder in unserer Gesellschaft zu reflektieren, ohne aus ihrer Hauptfigur dadurch automatisch eine gängige Krankengeschichte oder gar ein Opfer zu machen.

Der Roman schlägt zahlreiche Haken, die man besser nicht verrät. So viel aber darf man verraten: Im Zentrum von „Teresa hört auf“ steht eine ungewöhnliche Freundschaft, die sich zur Obsession entwickelt.

Im Supermarkt lernt die Protagonistin Nicole kennen, eine Frau um die 50, die fresssüchtig ist. „Ein Ballon“, denkt Teresa: „Wahrscheinlich hat sie Diabetes und verfettete Organe.“ Der erste Eindruck trügt: Allein wie diese Nicole im Laufe des Buches an Würde gewinnt, ist herzergreifend zu lesen. Obwohl Teresa diese Beschreibung sicher furchtbar pathetisch und daneben finden würde!

Eine Frau reißt aus. Ina bricht ins ferne Sibirien auf, minus 50 Grad schrecken sie nicht ab. Im Gegenteil, wenn die berühmte Winterstraße öffnet, auf der waghalsige Lkw-Fahrer über gefrorenes Eis brettern und dabei ihr Leben riskieren, möchte sie auf der Route eine Raststätte eröffnen. Doch vorerst gilt es abzuwarten, bis der erste Schnee fällt.

Die in Innsbruck lebenden Autorin Carolina Schutti, 45, beschreibt in ihrem Roman „Der Himmel ist ein kleiner Kreis“ die große Suche nach Freiheit, die sich aber schnell in zermürbende Angst verwandeln kann. Kontrollverlust und Freiheitsbedürfnis prallen in ihrer atemlosen Erzählung hart aufeinander. Ina bewacht eine stillgelegte Industrieanlage, ein Traumziel für Lost-Places-Touristen, macht sich von einem undurchsichtigen Typen namens Boris abhängig, der sie abholen möchte, wenn alles gefroren ist. Aber wird Boris überhaupt wieder auftauchen? Je länger Ina alleine ist, desto skeptischer wird sie, ob ihr Aussteigerprojekt so ablaufen wird, wie sie sich das erträumt hat.

Die Stärke dieses Romans liegt in seiner sinnlichen Sprache, durch die alltägliche Verrichtungen wie Holzhacken eine neue Qualität bekommen. Beeindruckend auch die Beschreibung von Inas Rundgängen durch die verlassene Anlage, ihr Versuch, ihre Sinne beisammenzuhalten, was ihr immer weniger gelingen mag. Mitunter verliert sich der Roman aber auch in allzu poetische Verrenkungen: „Ina blickt in die Richtung, in der sie die Winterstraße vermutet, als könne sich ihr Blick durch das Gebüsch schlagen, durch den Wald schlängeln, als wäre ihr Blick ein Geräusch, das der Wind in die Ferne trägt.“

Die zweite Hauptfigur bleibt namenlos. Während Ina nach Russland aufbricht, sitzt sie in einer psychiatrischen Klinik fest und hat wenig Aussichten darauf, dass sich diese Situation ändern wird. Sie leidet an Wutanfällen, verweigert aber die Therapie. Sie ist mit einem anderen Patienten befreundet, der Mark heißt und demnächst entlassen werden soll. Ob sich die beiden tatsächlich unterhalten, bleibt unklar. Womöglich beginnt die Frau ihre Sätze nur laut, spinnt sie aber dann in ihrem Kopf weiter. Mitunter beschleicht eine aber auch der Verdacht, dass es sich im Grunde nicht um zwei unterschiedliche Frauenfiguren, sondern um eine in verschiedenen Lebensphasen handelt.

Überhaupt lässt Schutti vieles offen, hält einiges in der Schwebe – und wirft dabei auch eine interessante philosophische Frage auf: Was ist Freiheit? Wo und wie kann man sie finden? Was sind wir bereit, für sie zu opfern? Auch Schuttis Buch ist eine Krankengeschichte, versucht dem Genre aber neue, überraschende Aspekte abzutrotzen – durchaus mit Erfolg.

Karin Cerny in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 14)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783990590720
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 05.02.2021
Umfang 152 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Droschl, M
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