Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.
Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.
| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch |
|---|---|
| ISBN | 9783990592090 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 21.08.2026 |
| Größe | 21 x 13 cm |
| Verlag | Literaturverlag Droschl |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
In 18 Erzählungen verschiedenster Zeiten und Lebenssituationen taucht Jan Wilm in Gefühlszustände ein, stürzt in politische Abgründe und legt Untiefen der Seele offen. Es sind Geschichten über Leben und Verlust, über Vorstellung, Liebe und Kunst. Ein Ehepaar, das ein Kind verliert, ein Schriftsteller, der seine Erinnerung verlieren will, um seine Werke als Fremder zu erleben, ein Pianist, der durch den Verlust seiner Hand die Technologie revolutioniert. Dazu: Kurt Tucholsky als Geist, Franz Schubert als Lausbub, ein sprechendes Schwein und stets die belebende Kraft der Fiktion. Zwischen Flash Fiction und Short Story inszeniert der Band seiltänzerisch ein witzig-ernsthaftes Spiel mit Wahrnehmung und Täuschung, Tragik und Komik, Sprache und Fiktion. Ob skurrile, fantastische und wunderliche oder aber nachdenkliche, melancholische und wehmütige Geschichten – immer führt Jan Wilm virtuos in Erfahrungs- und Gemütszustände seiner Figuren und zeichnet, der Kurzgeschichte im besten Sinne entsprechend, mit wenigen Strichen ein jeweils einzigartiges Lebensuniversum, dessen Wirklichkeit von Traum und Illusion durchdrungen ist – eine Fiktion eben.
| Themen | Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch |
|---|---|
| ISBN | 9783990592090 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 21.08.2026 |
| Größe | 21 x 13 cm |
| Verlag | Literaturverlag Droschl |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
Christoph Bartmann in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 21)
Sind das hier Erzählungen, oder was sonst? Jan Wilm nennt seine Texte „Fiktionen“. Fiktionen im Unterschied wozu, zur Wirklichkeit, auch zur fiktionalen? „Sachertorte“ ist die erste von Wilms Fiktionen betitelt, und die letzte nennt sich „Andere Fiktionen“. Darin wird ein knappes Dutzend weiterer Texte nur kurz angerissen. Dem Sammler dieser kleinen Szenen könnten diese, heißt es, als „Beweis“ dienen, „dass er am Leben war, als ein Zeichen für die Möglichkeiten der grenzenlosen Bewegung in der Landschaft der Sprache“.
So unterschiedlich in Länge, Stimmung und Gehalt sich die 18 Texte des Buches ausnehmen, es verbindet sie eine Lust am Konstruieren von Welten oder Weltmomenten abseits der Wirklichkeit. Man findet Wilms Fiktionen beim ersten und auch noch beim zweiten Lesen rätselhaft, spröde, in sich gekehrt und ein bisschen „weird“, wenn auch nicht so sehr wie etwa die Erzählungen von Clemens Setz. Als einen „Sagenschatz unserer Gegenwart“ lobt Setz auf dem Buchrücken Wilms Texte.
Das ist gut gesagt, aber weder in puncto Sage noch Gegenwart geben diese viel her. Wie sagenhaft ist ein Text wie „Zahhatorute“? So heißt die „Sachertorte“ auf Japanisch. Ein älterer Angestellter aus Tokio, Verehrer der deutsch-österreichischen Kultur, leistet sich endlich eine Europareise und isst im Café Sacher erstmals eine original Sachertorte. Marille statt Himbeere, schwarze statt weißer Schokolade: Mit der ihm aus Tokio vertrauten Torte hat dieses angebliche Original wenig gemeinsam.
Wieder zuhause, konfrontiert er den heimischen Konditor mit dem Befund. Der gibt sich unbeeindruckt: Keinesfalls könne seine „Zahhatorute“ eine Fälschung sein. Er habe das Rezept vor langer Zeit aus österreichischen Händen empfangen und nach Japan gebracht. Und könne es nicht sein, dass die japanische Torten-Emulation geschmacklich das Original sogar übertrifft?
Wilm erfindet gern fiktive Figuren und Situationen, denen er durch den Einsatz von Realnamen und Zitaten aus imaginären Werken den Anstrich des historisch Verbürgten verschafft. Den einarmigen Pianisten Dienstbier, der um die vorletzte Jahrhundertwende Europa mit Klavierkonzerten für eine Hand verzaubert haben soll, hat es aber so wenig gegeben wie ein darauf bezugnehmendes Buch Friedrich Kittlers.
In solch gelehrten Täuschungsmanövern klingen bisweilen die berühmten „Ficciones“ von Jorge Luis Borges an, diese Archivars-Anekdoten von fantastischen Welten und Zeiten. Ganz borgesianisch ist etwa die Geschichte über Leben und Werk eines fiktiven spanischen Barockdichters namens Nicandro Seferino y Soler. Wie sein Vorbild fasst Wilm sich kurz: Nicht jede Fiktion muss auserzählt werden. Im Gegenteil, ihre Wirkung steigt, wenn sie aus dem Nebel erscheint und wieder darin verschwindet.
Andere Texte führen statt in ausgedachte Vergangenheiten direkt in die Gegenwart. In ihnen breitet sich rasch eine beklemmende Atmosphäre aus, die irgendwie mit der Macht von Fiktionen über das Alltagsleben der Figuren zusammenhängen muss.
„Fiktionsbescheinigung“ heißt eine Erzählung passenderweise. Das Wort bezeichnet auch in Wirklichkeit ein Dokument, mit dem bis zur Erlangung des Aufenthaltsrechts eine vorläufige Erlaubnis gewährt wird. Ein afghanischer Flüchtling ist umgebracht worden, als Rache für die Ermordung eines sechsjährigen Mädchens durch einen anderen Afghanen. Die Eltern der Kinder versuchen, mit dem Tod der Tochter und dem politischen Aufruhr nach den Taten klarzukommen. Der Vater flüchtet sich in eine Knet-Animation, mit der er die Tochter zumindest filmisch wieder lebendig macht.
Soll man sich belügen, wenn Fiktionen einem im Leben weiterhelfen? Wilms Texte enden oft, bevor sie richtig angefangen haben, aber darin liegt auch ihre Stärke. Die leise – und manchmal auch laute – Beunruhigung, die sie ausstrahlen, wirkt über die Lesezeit nach.
Wie gefällt Ihnen unser Shop?