
Madame Butterfly
Katharina Kropshofer in FALTER 13/2026 vom 25.03.2026 (S. 42)
Eigentlich hatte sich der Frühling schon angekündigt. Aber an diesem Märztag peitscht einem der Wind erbarmungslos ins Gesicht. Und war das gerade eine Schneeflocke? Marion Jaros greift in ihren Beutel, bedeckt behutsam die eine Hand mit der anderen und holt ein kleines Wesen hervor. "Der ist hart im Nehmen." Vor ihrem Gesicht erscheint im Schutz ihrer Handhöhle ein Zitronenfalter. Von den kalten Temperaturen verlangsamt, tapst er auf Jaros' Handrücken entlang. Er ist wohl der erste Falter des Jahres hier im Wiener Donaupark.
Das hier ist kein gewöhnlicher Park, sondern ein 23-jähriges Umweltbildungsprojekt namens "Vanessa". Benannt nach dem Admiralfalter, Vanessa atalanta. Und die 59-jährige Marion Jaros ist auch keine gewöhnliche Spaziergängerin, sondern eine der bekanntesten Schmetterlingsexpertinnen des Landes. Seit ihrer Kindheit zieht sie Raupen auf, beobachtet, wie sie Kilos an Blättern vertilgen, sich verpuppen und schließlich in neuem Gewand aus ihrer Schutzhülle schlüpfen.
Schmetterlinge sind für Jaros Mitstreiter in einer dringlichen Mission: den Menschen eine farbenfrohe, faszinierende, aber auch zerbrechliche Welt näherzubringen. Immerhin steht kein Tier so sehr für Vergänglichkeit. Und dafür, wie man auch als zartes Wesen in ihr überleben, ja sogar florieren kann.
Für Jaros begann alles mit einem Tagpfauenauge. Als sie drei Jahre alt war, ging sie mit ihren Eltern in der Nähe ihres Gemeindebaus in Wien-Kagran spazieren. In der grauen Landschaft entdeckte sie plötzlich den roten Tupfer. "Er öffnete mir ein Fenster zu einer Natur, die nicht nur aus grünem Rasen und Sträuchern mit ein paar braunen Spatzen bestand", schreibt sie in ihrem Buch (siehe Marginalspalte Seite 44). Als sie neun war, schenkte ihr ein Cousin die Puppe eines Wolfsmilchschwärmers. Jaros begann, die Brennnesselstauden rund um ihr Haus zu durchsuchen, baute aus Leisten, Reißnägeln und Fliegengitter einen ersten Zuchtkasten.
Die zarten Tiere wurden nicht nur zum Hobby, sondern auch zum Zufluchtsort, als die Ehe ihrer Eltern kriselte. Denn Schmetterlinge sind ein Widerspruch: In einer Welt, in der es ums "Fressen und Gefressenwerden geht"(zumindest, wenn man Jaros' Großmutter glaubt), schaffen es diese zarten Wesen seit 200 Millionen Jahren zu überleben, sogar unbeschwert von Blüte zu Blüte zu fliegen.
Schmetterlinge stechen nicht zur Abwehr wie Bienen, übertragen keine Krankheiten wie Moskitos und sind keine flinken Räuber wie Laufkäfer. Und haben trotzdem quasi alle Lebensräume der Erde besiedelt: die Yuccamotte, die in der Wüste 30 Jahre lang ohne Nahrung in der Puppe lebt, bis es endlich wieder regnet. Oder Gynaephora groenlandica, die sich bei minus 70 Grad von der Arktischen Weide ernährt, siebenmal als Raupe überwintert, bis sie endlich groß genug ist, um sich zu verpuppen.
180.000 Schmetterlingsarten gibt es weltweit, rund 4000 in Österreich. Die meisten von ihnen -95 Prozent -sind nachts unterwegs. Allein in Wien findet man 100 Tagfalterarten: Zwischen Hochhäusern finden sie Platz in Gemeinschaftsgärten, Hinterhöfen oder Parks. Und auch an besonders urbanen Orten wie hier im Donaupark, wo die Uno City den nahen Horizont zeichnet.
Weil die hektargroße Parkanlage bis Ende Juni nicht gemäht wird, bieten hier tote Pflanzenstängel Überwinterungsmöglichkeiten. Disteln sind im Sommer wertvolle Nektarquellen. Und auch acht der elf streng geschützten Schmetterlingsarten Wiens leben hier. "Das ist für eine gewöhnliche Parkanlage schon ziemlich beeindruckend", meint Jaros.
2003 arbeitete die studierte Biotechnologin noch bei der Wiener Umweltanwaltschaft, als sie einen Ort für ihr Naturvermittlungsprojekt suchte. Einen urbanen Fleck, an dem sie Kindern die Natur und ihre nichtmenschlichen Bewohner näherbringen konnte. Sie fragte bei der Stadt, die soeben eine Futterwiese aufgelassen hatte, und baute diese zu einer Oase um.
Mehr als 20 Jahre lang lud sie hier 10.000 Kinder aus hunderten Volksschulklassen und Kindergartengruppen ein. Seit 2025 führt eine Kollegin das Projekt weiter, hat die Schmetterlingserfahrung um ihre Schneckenzucht erweitert.
Aber Jaros' Mission ist noch lange nicht zu Ende. Sie lädt nun zu sich in die Wachau. Um sieben Euro können Besucher mehr als 60 Tagfalterarten bestaunen, darunter den größten heimischen Falter, das Wiener Nachtpfauenauge. Oder seltene Arten wie den Kreuzenzian-Ameisenbläuling.
In all den Jahren hat sie eine wichtige Frage begleitet: Wie kommt es, dass manche Kinder Raupen, Schnecken oder Kaulquappen in ihren Zimmern halten wollen? Sich ihre Insektenphase vielleicht sogar über die Pubertät hinaus hält oder sie im Erwachsenenalter gar zu passionierten Naturschützern wie Jaros werden? Andere aber ihre junge Aufmerksamkeit Spielzeugautos, Kunststoffpuppen oder Einhörnern schenken, anstatt die lebendige Welt zu erforschen?
"Kinder sind von Natur aus biophil", sagt Marion Jaros. Sie erklärt sich das mit der Evolution: Menschen mussten schon früh lernen, hunderte Pflanzen-und Tierarten auseinanderzuhalten. Um nicht zufällig eine giftige Spinne oder Pflanze auf oder in sich zu tragen.
Doch Schmetterlinge sind keine gewöhnlichen Insekten: Niemand fuchtelt panisch in der Luft, wenn sich ein Tagpfauenauge nähert. Selbst Raupen in ihren diversen Formen und Farben stoßen bei den meisten Menschen zumindest auf Staunen. Und Kinderaugen strahlen, wenn Jaros ihnen Zuckerwasser auf die Finger träufelt und sich die Insekten freiwillig darauf niederlassen. "Schmetterlinge schmecken mit ihren Beinen", sagt sie.
Dazu kommt der Wow-Effekt, wenn ein brauner Schmetterling plötzlich seine Flügel öffnet und ein Kaleidoskop zum Vorschein kommt.
Und so kommen die Kinder, um "Ungeziefer" zu betrachten, wenn sie aber nach ein paar Stunden gehen, sind die Tiere zu Freunden geworden.
In der Hochzeit, also im Mai und Juni, ist Jaros deshalb schwer beschäftigt. Zwei Ikea-Säcke voll Futter schleppt sie dann für die Raupen in ihrer Zucht heran. Salweide, Palmkätzchen, Brennnessel: teils aus dem eigens angelegten Garten, teils aus der Umgebung. Sie trägt dann eine grüne Weste, damit sie als Gärtnerin durchgeht. Drei Stunden am Tag nehme das in Anspruch, Urlaub ist in diesen Monaten schwer. "Es ist wie auf einem Bauernhof."
Sind die Raupen dann einmal verpuppt, beginnt eine Verwandlung, die kein Science-Fiction-Roman erfinden könnte: Innerhalb weniger Tage zersetzt sich die Raupe selbst, löst etwa ihren riesigen Darm auf. Aus der Nährsuppe, die dabei entsteht, bildet sich ein Schmetterling.
Schon als Embryo hat die Raupe sogenannte Imaginalscheiben ausgebildet. Ähnlich den menschlichen Stammzellen können sie später zu Flügeln, Fühlern oder Beinen werden. Wieso sie das macht, versuchen Forschende schon lange herauszufinden.
Die gängigste Theorie? Die Vermeidung von Konkurrenz. Müsste ein Schmetterling schon in Miniaturform Nektar suchen, stünde er im Wettstreit mit Wildbienen. Als Raupe kann er die gesamte Nahrung in Wachstum investieren.
Im Extremfall nimmt die Raupe wie der Tabakschwärmer in drei Wochen das Zehntausendfache seines Gewichts zu sich.
Umgerechnet auf ein drei Kilo schweres Menschenbaby wären das 30 Tonnen. Hat sich die Raupe erst einmal in ein fliegendes Tier entwickelt, kann sie plötzlich die Welt neu entdecken, die besten Partner und Plätze für die Eiablage finden.
Diese Metamorphose, die Zweiteilung des Seins, beschäftigt die Menschheit schon seit Jahrtausenden. Im Altgriechischen bedeutet "psyche" sowohl Seele als auch Schmetterling. Man dachte, dass Sterbende mit dem letzten Atemhauch ihren Geist abgeben. Und dieser in der Form der schillernden Wesen wieder auftaucht.
Einen nach dem anderen legt sich Jaros die wurmförmigen Kokons auf die Handfläche. Schwalbenschwanz, Wolfsmilchschwärmer, Nachtpfauenauge. Die Puppe des Ligusterschwärmers hat einen so langen Rüssel, dass er eine eigene Rüsselscheide ausgebildet hat -ein kleiner Zacken als Anhängsel. Und die des Osterluzeifalters ist so klein und unscheinbar, dass sie als vertrocknetes Blatt durchgeht. "Dabei sind das die tollsten!", meint Jaros.
Viele überwintern dann eingesponnen als Laub oder in der Erde, andere als Eier. Und wieder andere sogar als ausgewachsener Schmetterling, wie der Zitronenfalter. Bis zu minus 20 Grad überlebt er und greift dafür auf einige Tricks zurück: indem er entwässert und so den Gefrierpunkt seiner Körperflüssigkeiten senkt; Anti-Frost-Proteine produziert, die Eiskristalle und somit Gewebeschäden eindämmen; und indem er Glycerin, also Zuckeralkohol, anreichert - eine Art Frostschutzmittel, das der Falter später auch als erste Energiequelle nutzt.
Die Zitronenfalter-Männchen wachen schon ein paar Wochen vor ihren weiblichen Artgenossen aus der Winterstarre auf, um ihre Geschlechtsorgane fertig auszubilden. So sind sie noch nicht von Zugvögeln bedroht, die erst etwas später aus dem Süden zurückkehren. Wenn die Weibchen dann erwachen, sind beide bereit zur Paarung.
Es sind Fakten wie diese, die Jaros im kleinen Finger bereithält. Doch sie allein bedingen noch keine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Winzling. Jaros weiß, wie wichtig die nahen Begegnungen sind: das Spüren der kleinen Beinchen auf der Haut, das Stillsitzen, Warten und Beobachten, wenn sich eine Raupe nach wochenlanger Transformation aus dem Kokon zwängt. Sie ermutigt diese Nähe, rät Eltern sogar, ihren Kindern eine Raupenzucht zu ermöglichen.
Doch heute stehen auch jene, die sich der Naturvermittlung verschrieben haben, vor einem wachsenden Problem: Wie können sie die Faszination von etwas vermitteln, das immer seltener wird? Immerhin beträgt heute die Anzahl der Schmetterlinge, die über die Wiese flattern, nur noch ein Hundertstel des Werts von vor 100 Jahren. Das zeigen zumindest Schweizer Daten.
Die moderne Welt ist für Schmetterlinge eine feindliche geworden: Klimawandel, genetische Verarmung, Grau statt Grün. In vielen Gärten wachsen keine köstlichen Futterpflanzen mehr, sondern Forsythien oder Geranien, die gar keinen Nektar produzieren. In den Weingärten und Äckern des Landes lassen Herbizide attraktive Nahrung verkümmern. Sterben die Schmetterlinge, geht auch für den Menschen einiges verloren. Immerhin bestäuben sie einen Großteil unserer Nutzpflanzen. 80 Prozent sind von Insekten abhängig.
Doch jede Generation hält die Anzahl an Lebewesen, die sie beobachtet, für normal, für eine Art Nulllinie. Shifting-Baselines-Syndrom nennen Ökologen dieses Phänomen.
Den Kindern von heute kommt es nicht komisch vor, durch keinen Schwarm an Schmetterlingen zu spazieren oder nie mehr Scharen an Raupen in Büschen zu finden. Im Gegenteil: Eine schwedische Übersichtsstudie zeigte kürzlich sogar, dass die Angst vor der Natur zunimmt.
Vielleicht also ist Jaros' Arbeit so wichtig wie nie. Ein Gegenentwurf zu den Zwängen des digitalen Zeitalters. Ein lebendiges Tiktok, mit Zitronenfaltern statt Influencern -wenn auch etwas langsamer: "Bei mir war noch nie jemandem langweilig."


