Von fremden Vätern

318 Seiten, Buch
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ISBN 9783991560012
Erscheinungsdatum 27.10.2023
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Verlag Klever Verlag
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Kurzbeschreibung des Verlags

Der Autor und Filmemacher Hans Scheugl behauptet, älter zu sein als die Stadt, in der er geboren wurde, weil er während des Krieges zur Welt kam und Wien erst 1945 zu leben anfing. Diese kühne Feststellung hat insofern eine Berechtigung, als er durch diesen Zeitvorsprung das Nachkriegs-Wien achtzig Jahre später aus der Erinnerung zurückholen und aufschreiben konnte, wie die Stadt sich langsam veränderte und er sich die neue Kunst, die ins Land kam und hier entstand, zu eigen machen konnte.
Was aber im Zentrum des Buches und seines Lebens steht, ist die verlorene Liebe seines fremden Vaters, der in Russland starb, dessen Liebe er ein Leben lang bei anderen mühsam suchen und manchmal auch finden wird. Er berichtet davon in den Erinnerungen, die er am liebsten schreibend loswerden würde, wie er gleich zu Beginn feststellt, um ein Ende zu finden, das es, wie er einsehen muss, für ihn nicht gibt.

Da für Hans Scheugl Wien als Garten der Erkenntnis selbst nach den revolutionären künstlerischen Aufbrüchen und seinen Kommune- und Drogenerfahrungen der späten 60er und frühen 70er Jahre zu enge Mauern hat, geht die Weltentdeckung über nicht weniger als vier Kontinente, wofür die Stationen Paris, Tanger, Kalkutta und New York stehen.
Weil das im Rückblick noch immer nicht ausreicht, kehrt der Autor bei seiner Recherche über Liebe und Freundschaft, stets im Banne der Geheimnisse fremder Väter, an die Wurzeln jener Aufklärung zurück, die das Ich in seinen Tiefen erforschte und stärkte und mit Kleist, Hölderlin und Schiller und ein Jahrhundert später mit Freud, Nietzsche und Hofmannsthal Konzepte männlicher Identität vorstellte, die zwar als Modelle für spätere Zeiten bestimmt nicht brauchbar waren, aber als Historie die Gegenwart noch immer berühren. Das gilt auch für die bisher unbekannte Familie des Fin de Siècle-Dichters Richard Beer-Hofmann und die Jugendstil-Villa von Josef Hoffmann, in der sie in dem zuletzt schrecklichen Wien bis 1939 lebte, die den Autor der fremden Väter konkret mit ihr verbindet. Alle diese Zeiten spiegeln sich und ergänzen einander auf unvorhersehbare Weise.

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FALTER-Rezension

Der unbekannte Klassiker

Michael Omasta in FALTER 13/2026 vom 25.03.2026 (S. 30)

Als schwierig gilt man rasch einmal. Vor allem, wenn man wie Hans Scheugl entschieden zu Kompromisslosigkeit und Perfektionismus neigt und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Da genügt es, sich darüber zu beschweren, in 60 Jahren als Filmemacher noch nie mit einer Retrospektive gewürdigt worden zu sein: Schon muss er sich sagen lassen, eitel, cholerisch, ein ewig unzufriedener Grantler zu sein.
Wahr ist, dass Scheugl zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des künstlerischen Films hierzulande zählt. Damit nicht genug, ist er auch ein hervorragender Fotograf und exzellenter Autor. "Hätte ich in Deutschland gelebt", meint er im Gespräch mit dem Falter, "wäre ich an Bekanntheit ungefähr auf dem Level von Alexander Kluge. In Österreich bin ich völlig unbekannt."

Einige seiner Werke genießen Klassikerstatus. Etliche andere bekommt man praktisch nie zu sehen, und das, obwohl Scheugl als ein Wegbereiter des queeren Avantgardefilms in Österreich gelten darf. Jetzt würdigt das Metro Kinokulturhaus den Filmemacher erstmals mit einer Personale. 16 Arbeiten in fünf Programmen, einer der Höhepunkte: die Wienpremiere von "Was die Nacht spricht" (1986) mit Elfriede Jelinek - einem essayistischen Spielfilm, den Scheugl vor Jahrzehnten aus dem Verkehr gezogen hat und der nun, digitalisiert und 20 Minuten gestrafft, auf die Leinwand zurückkehrt.

Kinobegeistert von Jugend an, gehört Scheugl zu jener Generation heroischer Erneuerer des heimischen Films, mit der man Namen wie Kurt Kren, Ernst Schmidt jr., Valie Export und Peter Weibel verbindet.

1940 in Wien geboren und in bescheidenen Verhältnissen -der Vater ist im Krieg gefallen -im Bezirk Währing aufgewachsen, inskribiert er Anfang der 1960er an der Wiener Filmakademie. Doch ein Aufenthalt in Paris 1964 habe ihm gezeigt, wie provinziell Wien noch war und wie weit abgeschlagen angesichts der Wunder der Cinémathèque française.

Bald darauf dreht er seinen ersten Film. Die nötigen Mittel -heute, in Zeiten subventionierter Filmkultur, unvorstellbar - beschafft er selbst, indem er für Monate in einer schwedischen Molkerei schuftet. "Miliz in der Früh" (1966) zeigt eine Art dystopisches Wien, in dem protofaschistische Zustände herrschen und junge Menschen anderen ohne ersichtlichen Grund nachstellen, sie misshandeln, sogar töten. Doch der Plot, zu dem sich dieser Kurzfilm zusammensetzt - den er wie eine "Jugendsünde" behandelt und erst 50 Jahre später wieder zeigt -, lässt die konventionelle Dramaturgie bereits hinter sich.

Als ein spektakulärer Schauplatz dient die leerstehende, bald darauf abgerissene Villa des Schriftstellers Richard Beer-Hofmann im Cottage-Viertel, der 1938 vor den Nazis fliehen musste. Scheugl zeichnet in seinem autobiografischen Buch "Von fremden Vätern" - das zugleich éducation sentimentale und Passage durch die schwule Kulturgeschichte von der idealistischen Männerliebe bis zur Einführung des Paragraf 175 ist - das Schicksal der Familie Beer-Hofmann so knapp wie kenntnisreich nach.

In den späten 1960ern entsteht ein Film nach dem anderen. "Wien 17, Schumanngasse" ist Scheugls erstes Meisterwerk, eine Fahrt besagte Gasse hinunter, die drei Minuten dauert, genauso lang wie eine Filmrolle."Das war eigentlich ein sehr einfacher Gedanke", erzählt der Filmemacher. "Weibel hat das in seine Sprache übersetzt, da hat es dann ausgeschaut, als hätte ich das Ganze so konzeptuell gedacht. Hab ich nicht. Ich hab nur gestoppt, wie lange man da mit dem Auto fährt, und hab gesehen: Aha, das passt, das geht sich gut aus mit 30 Meter Film."

Scheugls nächster Film "Hernals" ist komplexer. Er ist mit zwei Kameras gedreht, mit Peter Weibel und Valie Export als Darstellern, eine Mischung aus dokumentarischen und gespielten Szenen; in einer geriert sich Weibel wie ein Zuhälter und gibt Export auf offener Straße eine Watsche.

In einer anderen Szene, die wirkt wie aus einem Slapstickfilm, trägt ein Bauarbeiter eine immens lange Leiter mit sich. "Das hätte ich mir nie ausdenken können", sagt Scheugl, "so etwas kann man nur finden. Der Film ist dokumentarisch, aber mit dem Gedanken, die Dinge anders zu zeigen als ein normaler Dokumentarfilm."

Überhaupt bestechen die Arbeiten aus dieser ersten Schaffensphase durch ihren Humor. "Sugar Daddies" (1968), benannt nach einem Werk des genialen Komikerduos Laurel und Hardy, ist Film und Happening zugleich: Scheugl nahm dafür die obszönen Kritzeleien auf der Toilette der Uni Wien auf und projizierte diese wiederum am Pissoir des Münchner Künstlerhauses. Einige der eintretenden Herren zeigen sich kurz irritiert, die meisten jedoch reagieren gelassen auf den jungen Filmemacher mit dem Projektor -und eher amüsiert auf das, was vor ihnen über die weiß gekachelten Wände flimmert.

Weniger spaßig endete Scheugls Screening des Films für die ORF-Sendung "Apropos Film" von Peter Hajek und Helmuth Dimko in der Bedürfnisanstalt des Wiener Westbahnhofs. Nämlich vor Gericht. Ein Herr, von Berufs wegen Donaudampfschiffskapitän, hatte Anzeige erstattet. Allerdings dokumentierte das von Hajek und Dimko gedrehte Material, dass er - interessiert und bester Laune - mehrmals an den Ort der angeblichen Belästigung zurückgekehrt war.

Scheugl lotet das Medium bis an seine Grenzen aus. In "zzz: hamburg special" jagt er statt Zelluloid einen Faden durch den Projektor, im Inserat "Ich bin ein Film" bietet er sich selbst zum Verleih oder Ankauf an. Auf die Frage, wie er seinen Lebensunterhalt tatsächlich bestritten hat, zögert er kurz: "Ich kann's Ihnen schon sagen, mit der Mindestsicherung."

Die langen Pausen, die in seiner Werkbiografie klaffen, erklärt der Filmemacher damit, dass es für ihn dann kein Weiterkommen mit dem Filmen mehr gab. 1970 ist erst einmal Schluss, er reist nach Indien, ist "vier, fünf Jahre außerhalb der ganzen Kunstszene". Nach seiner Rückkehr betreibt er die Neugründung der Austria Filmmakers Coop, die sich mit Veranstaltungen, einer Werkstatt und eigener Filmsammlung für den unabhängigen künstlerischen Film starkmacht.

Außerdem beginnt er sein Opus magnum zu schreiben, "Das Absolute. Eine Ideengeschichte der Moderne", an dem er über 20 Jahre arbeitet und das 1999 im renommierten Springer-Verlag erscheint. Im selben Jahr veröffentlicht er unter einem Pseudonym - Belmen O ("Das hat keine besondere Bedeutung, nur das O, das kommt bei erotischen Sachen immer hintennach") - seinen ersten Roman, "Der nackte Soldat".

Erst nach anderthalb Jahrzehnten meldet sich Scheugl mit "Der Ort der Zeit"(1985) als Filmemacher zurück. Das halbstündige "verkehrte Roadmovie" läuft auf den Festivals von Rotterdam und Berlin, ein fulminantes Comeback. Im Jahr darauf folgt "Was die Nacht spricht", sein erster Langfilm, der unter anderem von Djuna Barnes' Roman "Nachtgewächs" inspiriert ist und für den er Elfriede Jelinek sowohl als Koautorin als auch als Darstellerin gewinnt.

Dem Untertitel nach "Eine Erzählung", zeigt der Film auf mehreren Ebenen das Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation. Jelinek tritt in einem blauen Kostüm auf, wie Kim Novak es in Hitchcocks "Vertigo" trägt, und spricht mit einer jungen Frau. Offenbar ist ihre Beziehung unter Druck, denn die beiden teilen nie dasselbe Bild -der Wohnraum, in dem sie sich aufhalten, ist durch einen vertikalen Bildteiler getrennt.

Eine zweite Ebene zeigt Männer an einem Stammtisch; man redet beim einen oder anderen Viertel Wein vor sich hin, mehr zu sich selbst als zu anderen. Die dritte Erzählebene schließlich wurde mit Patienten der Psychiatrie Am Steinhof erarbeitet. Zwei von ihnen sprechen im berührendsten Dialog des Films über ihre Suizidgedanken. "Weil heute hat's ein Sauerkraut geben", erklärt Elfi, warum sie sich doch wieder fürs Leben entschieden hat.

Um damit in die Kinos zu kommen, beließ Scheugl wider innere Überzeugung auch schwächere Passagen im Film, "unter 80 Minuten hätten sie ihn nicht gespielt. Das war ein Fehler. Jetzt, wo ich die herausgenommen habe, ist der Film sehr dicht und gut, meiner Meinung nach".

Neben weiteren Kurzfilmen folgen mit dem Künstlerporträt "Keine Donau -Kurt Kren und seine Filme" (1988) und dem experimentellen "Rutt Deen" (1993) zwei weitere Langfilme. Danach dauert es 20 Jahre bis zum nächsten Film. In "Dear John"(2014) hält er quasi Zwiesprache mit einem amerikanischen Freund, den er vor Jahrzehnten völlig aus den Augen verloren hat.

Eine öffentliche Figur kann man Scheugl gewiss nicht nennen, an Wertschätzung für sein Werk jedoch mangelt es unter Filmemachern und Kritikern mitnichten.

"Hans Scheugl ist immer ein Außenseiter geblieben, der Kunst aber blieb er treu", so die Jury 2015 anlässlich der Verleihung des Österreichischen Kunstpreises für Film. "Zu ihr kehrte er zurück, als ob sie die einzige mögliche Sprache für ihn wäre, der Film das richtige Mittel, um nachdenken, beobachten und kommunizieren zu können."

Inzwischen hat Scheugl zwei weitere dokumentarische Arbeiten abgeschlossen, "Hoch der 1. Mai"(2004-2019) und "Gespräche mit Peter Weibel" (2024). Beide sind bisher nicht gezeigt worden, die nächste Retrospektive ist fällig.

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