Handbuch Rechtsextremismus in Österreich

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2. Auflage
Lieferung in 1-3 Werktagen
Mehr Informationen
Erscheinungsdatum 12.05.2026
Umfang 512 Seiten
Genre Soziologie/Politische Soziologie
Format Gebundene Ausgabe
Verlag Falter Verlag
EAN 9783991660217
Herausgeber Andreas Kranebitter, Isolde Vogel, Bernhard Weidinger
Sammlung Rechtsextremismus Unsere Bestseller Sommerliche Sachbücher Bücherpost Sommer 2026 Aktuelle Bücher aus dem Falter Verlag
LieferzeitLieferung in 1-3 Werktagen
HerstellerangabenAnzeigen
Falter Verlagsges.m.b.H
Marc-Aurel-Straße 9 | AT-1011 Wien
produktsicherheit@falter.at
Unsere Prinzipien
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Das „Handbuch Rechtsextremismus“ des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) bietet einen umfassenden Überblick über Ideologien, Organisationen, Netzwerke, Strategien und historische Kontinuitäten der extremen Rechten in Österreich und Europa.

Das Werk versammelt das Wissen zahlreicher Expert:innen und beleuchtet die vielschichtigen Facetten des Rechtsextremismus – von seinen Wurzeln bis zu aktuellen Entwicklungen, von digitalen Mobilisierungsformen bis zu gesellschaftlichen Gegenstrategien, inklusive relevantem Personen- und Ortsverzeichnis.

Das Handbuch ist ein grundlegendes Nachschlagewerk für Wissenschaft, Politik, Medien und Zivilgesellschaft und ein starkes Plädoyer für die Verteidigung demokratischer Werte.

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Umfang 512 Seiten
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FALTER-Rezension

Corona, Computer, Konspiration

Nina Horaczek in Falter 21/2026 vom 2026-05-20 (S. 14)

Wer sämtliche rechtsextreme Umtriebe in diesem Land umfassend dokumentieren will, braucht viel Papier. Genau 534 Seiten Analyse ist im nagelneuen "Handbuch des Rechtsextremismus in Österreich" des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) zwischen zwei Buchdeckel gepresst.
Es ist die Neuauflage eines Standardwerkes, die nun im Falter Verlag erschienen ist. Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des DÖW, hat mit zahlreichen Expertinnen und Experten den Rechtsextremismus in Österreich neu vermessen. Zuletzt geschah dies vor 30 Jahren. Damals erschien das letzte "Handbuch" des DÖW. Dem Falter verrät Kranebitter, wieso Österreich so ein Nachschlagewerk heute dringender benötigt denn je, wie sich die rechtsextreme Szene in den vergangenen Jahren verändert hat, wo neonazistische Wehrsportertüchtigung heute stattfindet und wieso das DÖW auch dem migrantischen Rechtsextremismus ein eigenes Kapitel widmet.

Falter: Herr Kranebitter, vor 30 Jahren erschien das letzte "Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus". Warum braucht es genau jetzt eine Neuauflage?

Andreas Kranebitter: Dieses "Handbuch" war über Jahre hinweg das Flaggschiffprojekt des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Gerade jetzt, in dieser schnelllebigen Zeit, in der Informationen in der digitalen Welt aufpoppen und verschwinden, braucht es eine neue, umfassende Handreichung in Buchform, um das Phänomen Rechtsextremismus grundlegend zu verstehen. Es ist ein Handbuch als Signal gegen die schleichende Normalisierung des Rechtsextremismus in Worten und in Taten.

1993, als das letzte "Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus" erschien, klagte der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider gegen das Buchcover. Der Verlag musste sein Bild vom Cover entfernen. 30 Jahre später hat es Haiders Nachfolger Herbert Kickl nicht auf das Buchcover geschafft. Ist Kickl weniger gefährlich?

Kranebitter: Kickl nicht auf dem Cover abzubilden, hat mehr inhaltliche als rechtliche Gründe. Eine derartige Zuspitzung auf Kickl würde dem "Handbuch" nicht gerecht, weil wir darin Rechtsextremismus in all seinen Schattierungen abbilden.

Ist Kickl rechtsextrem?

Kranebitter: Diese Frage beantworten wir im neuen "Handbuch" in einer etwa 50 Seiten langen wissenschaftlichen Auseinandersetzung: Ja, die FPÖ ist im Kern als rechtsextrem zu bezeichnen.

Sie weichen aus, ich habe nach Kickl gefragt.

Kranebitter: Herbert Kickl trägt die Verantwortung dafür, dass die FPÖ heute als im Kern rechtsextrem qualifiziert werden kann.

Was heißt "im Kern rechtsextrem"?

Kranebitter: Wir haben Kriterien wie etwa das Konzept einer "Volksgemeinschaft", die Verneinung der Gleichheit aller Menschen, Autoritarismus oder auch die Einbettung in ein rechtsextremes Umfeld angelegt. Die FPÖ erfüllt sämtliche Kriterien, um nachweislich von Rechtsextremismus zu sprechen. Sie lehnt die Gleichheit aller Menschen ab, verwendet antisemitische Codes, zeigt autoritäre Züge und bewegt sich in einem offen rechtsextremen Umfeld. Herbert Kickl hat diesen Rechtsschwenk als Parteichef ab 2019 befeuert.

Eine Partei, die bei Wahlen 30 Prozent erreicht, steht doch auch in der Mitte der Gesellschaft.

Kranebitter: Deshalb ist es wichtig, zwischen der Partei, ihrer Programmatik und den Aussagen führender Funktionärinnen und Funktionäre sowie den Mitgliedern und Wählerinnen und Wählern zu differenzieren. Die Aussage, die FPÖ ist im Kern rechtsextrem, bezieht sich auf die Programmatik der Partei. Sie ist keine Aussage über jedes Parteimitglied und schon gar nicht über die Wählerinnen und Wähler. Neben einem harten Kern, der aus rechtsextremen Motiven freiheitlich wählt, sieht ein großer Teil der Sympathisanten und Sympathisantinnen diese Gefahr nicht oder ignoriert sie. Auch für sie haben wir das "Handbuch" geschrieben. Es ist damit auch eine Frage an die FPÖ: Es ist eine Entscheidung der Parteispitze, ob sie eine rechte oder rechtsextreme Partei sein will.

Aber die FPÖ stand früher auch extrem weit rechts.

Kranebitter: Es gab trotzdem Phasen, in denen sich die FPÖ-Führung von rechtsextremem Gedankengut distanziert und von rechtsextremen Organisationen abgegrenzt hat. Im Jahr 1995 umschwärmte Haider bei seiner Rede auf dem Kärntner Ulrichsberg ehemalige Nazis. Ende der 1990er-Jahre gab sich die FPÖ liberaler, nicht zuletzt, um ihre Zustimmung in der Bevölkerung zu erhöhen und es in die Regierung zu schaffen. Man kann sagen, mit jeder Spaltung wurde die FPÖ wieder radikaler. Heute existiert ideologisch immer weniger Unterschied zwischen der FPÖ und den rechtsextremen Identitären. In der Programmatik der FPÖ sind die Identitären die Taktschläger. Begrifflichkeiten wie Globalismus oder Remigration, zentrale Kampfbegriffe aus der rechtsextremen Szene, spült die FPÖ, und übrigens auch die AfD in Deutschland, oft eins zu eins in die Parlamente. Das Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft, ein klar belasteter Begriff aus der Nazizeit, ist heute kein Nebensatz im FPÖ-Parteiprogramm, sondern zentraler Bestandteil der Freiheitlichen Partei. Die FPÖ hat sich 2019 von der "Distanziererei" zu den rechtsextremen Identitären und zu anderen Rechtsaußen-Personen öffentlich verabschiedet, wie sich auch die deutsche AfD von der "Distanzeritis" verabschiedete.

Ende der 1990er-Jahre musste die FPÖ also viel sanfter auftreten, um Wahlen zu gewinnen. Heute poltert FPÖ-Chef Kickl ärger denn je, seine Partei kuschelt mit Rechtsextremen und steht in Umfragen bei über 30 Prozent. Hat sich die politische Mitte in Österreich so sehr radikalisiert?

Kranebitter: Das Autoritarismuspotenzial in Österreich war früher nicht kleiner. In den 1970er-Jahren sprachen sich mehr als 50 Prozent der Menschen in Österreich für die Wiedereinführung der Todesstrafe aus. Auch der Wunsch nach einem starken Mann war weit verbreitet. Es wäre ein Irrglaube, dass autoritäre Ansichten früher weniger stark verbreitet waren. Der Unterschied war, dass Anhänger einer autoritären Gesellschaft damals auch die beiden damaligen Großparteien SPÖ und ÖVP wählten. Heute sammeln sich diese Stimmen bei den Freiheitlichen.

Das heißt, das war alles immer schon da. Die einstige Hoffnung, die alten Nazis sterben irgendwann aus und dann ist der Spuk vorbei, haben Sie mit Ihrem "Handbuch" erneut widerlegt.

Kranebitter: Erstens zeigt unsere Forschung, dass sich eines in all den Jahrzehnten nicht verändert hat, etwas, das der Philosoph und Schriftsteller Umberto Eco als "Rhetorik des Verlusts" bezeichnet hat. Rechtsextremismus entsteht immer aus dem Gefühl, etwas verloren zu haben, beziehungsweise der Angst, es verlieren zu können, sei es der Status der früheren Größe, an Land, an Einfluss, der befürchtete Verlust von Männlichkeit, die verlorene Wahl bis hin zum drohenden Verlust des Dieselmotors im Auto. Der Grund für diesen Verlust wird Feindbildern in die Schuhe geschoben. Das war und ist der Boden, auf dem Rechtsextremismus gedeiht. Zweitens braucht die Politik den Mut, klar auszusprechen, was rechtsextrem ist, und sich davon glaubwürdig zu distanzieren. Der frühere Bundeskanzler und ÖVP-Chef Karl Nehammer hatte diesen Mut. Er hat ganz klar ausgesprochen, dass Kickl rechtsextrem ist, und Koalitionsverhandlungen mit ihm verweigert. Heute finde ich diesen Mut nur selten vor. Man hat Angst, klar auszusprechen, was die FPÖ derzeit ist, nämlich im Kern rechtsextrem.

Sprechen wir über Zahlen: Besteht die rechtsextreme Szene aus einigen hundert Spinnern oder ist das eine Bewegung, die Demokratie und Rechtsstaat in diesem Land in den Grundfesten erschüttern kann?

Kranebitter: Bei den Tathandlungen, die von der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst im Innenministerium als rechtsextremistisch eingestuft wurden, gab es seit dem Jahr 2022 einen jährlichen Anstieg um mehr als 20 Prozent. Waren es früher ein paar hundert Tathandlungen, stieg dies zuletzt auf knapp 2000. Das ist der harte Kern. Da geht es um Verstöße gegen das Verbotsgesetz, um Sachbeschädigung, Körperverletzung und so weiter. Der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer verwendet ein Zwiebelmodell, um aufzuzeigen, wie Rechtsextremismus funktioniert und wie sich radikale Ideologien schrittweise aufbauen und ineinandergreifen.

Weil es wie bei der Zwiebel verschiedene Schichten gibt?

Kranebitter: Ja. Die Schichten sind unterschiedlich, aber sie bedingen einander und wachsen nur gemeinsam. In Deutschland ist die innerste Schicht der Rechtsterrorismus. Dieser ist umschlossen von einer aktivistischen rechtsextremen Szene, Identitäre, aber auch neonazistische Gruppierungen. Die nächste äußere Zwiebelschicht besteht aus einem, wie Heitmeyer es nennt, Milieu des autoritären Nationalradikalismus, zu dem er Parteien wie die AfD und die FPÖ zählt. Das Ganze wird dann noch einmal umschlossen von einer Einstellungs-Zwiebelschicht, die er als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit definiert. Will man den Rechtsextremismus in Österreich vermessen, ist es zentral, nicht nur den radikalen Kern, sondern diese verschiedenen Schichten zu sehen.

Was meinen Sie mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit?

Kranebitter: Hier geht es um die Abwertungen von Menschen, die in Gruppen eingeteilt werden und denen man als Kollektiv bestimmte Eigenschaften zuschreibt. Ein klassisches Beispiel ist die Abwertung von Migrantinnen und Migranten, aber auch LGBTIQA+-Personen können darunter fallen oder sogenannte Randgruppen wie obdachlose oder suchtkranke Menschen. Ganz stark ist da auch der antimuslimische Rassismus oder Agitation gegen Asylwerberinnen und Asylwerber, die auch noch gerne mit Kriminalität verbunden werden. Dieses Abwerten bestimmter Gruppen ist ein klassisches Muster rechtspopulistischer und rechtsextremer Akteure, die damit eine Politik der Angst betreiben.

Wie hat sich, grob gesagt, der Rechtsextremismus in den vergangenen 30 Jahren in Österreich verändert?

Kranebitter: Der Rechtsterrorismus ist heute im Gegensatz zu damals eine viel kleinere Bedrohung. Damals gab es den Briefbombenterror und beim rassistischen Attentat in Oberwart im Jahr 1995 wurden vier Menschen aus der Roma-Community ermordet. Im Gegensatz zu heute war der Neonazismus damals stark auf einzelne Personen fokussiert. Das ist auch ein Grund, warum das neue "Handbuch" im Unterschied zu seinem Vorgänger kein eigenes Kapitel mit Biografien zentraler Akteurinnen und Akteure aufweist. Anders als damals sprießen heutzutage neue neonazistische Gruppierungen, wie etwa die im Techno-Milieu angesiedelten Tanzbrigaden, namenlos aus dem Boden. Das ist eine neue Generation, der es nicht so sehr um Namen geht, sondern vor allem darum, strafrechtlicher Verfolgung zu entgehen.

Waren in den 1990er-Jahren die Rechtsextremen eitler oder ein bisschen mutiger und sind mit ihrem Gesicht zu ihrer Ideologie gestanden, so stellen sie heute anonymisierte Videos auf soziale Medien?

Kranebitter: Es gibt natürlich auch heute noch gewisse Führungspersonen wie etwa den Identitären-Gründer Martin Sellner. Aber insgesamt ist die Szene heute stärker entpersonalisiert als damals, als ein Neonazi wie Gottfried Küssel der große Anführer war. Es hat sich aber auch das Auftreten stark verändert. In den frühen 2000er-Jahren, als die heutige identitäre Bewegung in den Kinderschuhen steckte, haben die damaligen Kader versucht, in den Burschenschafter-Buden anzudocken, und haben frustriert festgestellt, dass man im Burschenschaftskeller immer noch der Niederlage von Stalingrad nachweint. Das hat sich definitiv verändert. Heute gibt es eigene identitäre Hausprojekte und Sellner gelang es mit seinem 2024 erschienenen Buch "Remigration. Ein Vorschlag" und der öffentlichen Unterstützung von AfD und FPÖ, eine rechtsextreme Gewaltfantasie in den öffentlichen Diskurs einzubringen.

Wie wichtig ist die FPÖ heute für die Hardcore-Neonaziszene?

Kranebitter: Oft wird die FPÖ von Neonazis des Verrats bezichtigt, dennoch ist sie für diese Gruppierungen gerade in der Frage der Novellierung oder gar Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes, das nationalsozialistische Wiederbetätigung und Propaganda unter Strafe stellt, von zentraler Bedeutung. In der Neonaziszene wurde es als Erfolg gefeiert, dass die Szene die FPÖ angeblich durch Aufrufe dazu gebracht habe, im Jahr 2023 einer Novellierung des Verbotsgesetzes nicht zuzustimmen.

Es gibt auch demokratisch gesinnte Stimmen, die argumentieren, das NS-Verbotsgesetz sei nach 1945 wichtig gewesen, habe sich heute aber überholt. Wie sehen Sie das?

Kranebitter: Das Verbotsgesetz als grundlegendes Verfassungsgesetz ist als ein zentrales Gesetz Österreichs alles andere als obsolet, speziell jetzt, wo der Rechtsextremismus so stark ansteigt. Das Verbot neonazistischer Wiederbetätigung und Propaganda halte ich für eine Grunderrungenschaft dieser Republik und alles andere als aus der Zeit gefallen. Aber es war richtig, dass es 2023 modernisiert wurde.

Den Einwand, das würde arme Würsteln erwischen, die ein Mal in der Wut einen blöden Hitler-Sager posten, teilen Sie nicht?

Kranebitter: Dieses Bild, wie es der frühere österreichische Boxer Hansi Orsolic in seinem Lied "Mei potschertes Leb'n" gezeichnet hat, ist eine Verharmlosung des Rechtsextremismus. Man postet nicht nach ein paar Bier ganz zufällig rechtsextreme Codes. Wenn man sich jetzt etwa das Gauderfest in Tirol ansieht, dieses Volksfest, bei dem Besucher "Sieg Heil"-Gesänge angestimmt haben, ist das schockierend. Genau deshalb ist es wichtig, dass Österreich als demokratischer Rechtsstaat mit dem Verbotsgesetz klare Kante zeigt. Natürlich muss man unterscheiden zwischen Menschen mit einem verfestigten rechtsextremen Weltbild und irgendwelchen jungen Leuten, die blöd provozieren wollen. Für diese Gruppe wurde 2023 Diversion statt Strafe ermöglicht und das ist der richtige Weg.

Antisemitismus war damals und ist heute das zentrale Thema des "Handbuchs".Was hat sich da verändert?

Kranebitter: Vor 30 Jahren bediente sich die Szene viel offensichtlicher antisemitischer Propaganda. Heute verwenden Rechtsextreme und auch die FPÖ viel stärker antisemitisch konnotierte Codes. Ihre Verschwörungstheorien werden als Kampf gegen sogenannte "Globalisten" dargestellt und diese Erzählung bedient den Antisemitismus. Nicht vergessen dürfen wir aber auch den migrantischen Rechtsextremismus, dem im neuen "Handbuch" ein eigenes Kapitel gewidmet ist.

Im "Handbuch" des Jahres 1993 gab es so ein Kapitel nicht. Hatte die Forschung da früher einen blinden Fleck?

Kranebitter: Man hat damals Migrantinnen und Migranten viel stärker als Opfer rechtsextremer Aktivitäten gesehen. Das waren sie sicherlich auch. Aber es gibt in der türkischstämmigen Community mit der Ülkücü-Bewegung, auch als "Graue Wölfe" bekannt, in der postjugoslawischen sowie der polnischen und ukrainischen Community auch rechtsextreme Strömungen, mit denen wir uns im DÖW seit einiger Zeit näher beschäftigen. Dafür benötigt man aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nicht nur die Entwicklungen in Österreich im Blick haben, sondern auch den Bezug zu den Herkunftsländern. Momentan ist der Rechtsextremismus allerdings stärker internationalisiert als der Kampf dagegen.

Rechtsextreme können speziell Jugendliche heute viel leichter erreichen. Vor 30 Jahren wurden einschlägige Magazine bloß unter der Hand im kleinen Verschwörerkreis geteilt. Heute findet rechtsextreme Propaganda über soziale Medien sehr rasch ein riesiges Publikum.

Kranebitter: Ich sehe hier vor allem zwei Faktoren, die der rechtsextremen Bewegung in den vergangenen Jahren massiv halfen: zum einen die Digitalisierung und zum anderen die Corona-Pandemie. Sehr viele rechtsextreme Onlinemedien werden von der FPÖ massiv finanziell unterstützt. Das sind Propagandaplattformen der Desinformation. Gleichzeitig vollzog sich in der Corona-Pandemie ein Rechtsruck, begleitet von einem massiven Vertrauensverlust in demokratische Institutionen, aber auch in die unabhängigen Medien. In einer von uns im Jahr 2024 durchgeführten Studie stimmte ziemlich genau jeder zweite Befragte der Behauptung zu, er werde von den Medien systematisch belogen. Das war damals ein weltweiter Trend. Mittlerweile erkennt man in großen internationalen Studien schon ein leichtes Abflauen. Aber dieser Hass auf Medien, auf demokratische Institutionen, auf die Wissenschaft war nach der Pandemie extrem hoch.

Wo finden rechtsextreme Gruppierungen neben Social Media heute ihren Nachwuchs?

Kranebitter: Sie versuchen, an jugendkulturell wichtigen Orten wie Fußballplätze, wo Rechtsextreme schon in den 1990er-Jahren junge Leute keilten, Konzerte, aber auch Fitnesscenter anzudocken. Ohne diese Szenen unter Generalverdacht zu stellen: Es ist ein rechtsextremes Eindringen in diesen Freizeitbereich und ganz speziell in die Kampfsportszene zu beobachten. Oder anders gesagt: Statt Wehrsportübungen im Wald kann heute das Fitnesscenter ein Ort der rechtsextremen Ertüchtigung sein.

Was beim neuen "Handbuch" auch auffällt: Am Ende findet sich eine Auflistung von Melde-und Dokumentationsstellen, aber keine Stelle, die beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene hilft.

Kranebitter: Das ist leider eine große Leerstelle in Österreich. Bei uns setzt der Staat erst an, wenn es schon zu spät ist, wenn eine Person bereits wegen rechtsextremer Aktivitäten vor Gericht steht. Deutschland hat mit "Exit" schon lange ein Programm für den Ausstieg. Österreich braucht so etwas dringend. Ich hoffe sehr, dass der von der Regierung lancierte Nationale Aktionsplan gegen Rechtsextremismus, dessen Ausgestaltung gerade verhandelt wird, diese Lücke schließt. Sonst braucht man sich nicht zu wundern, dass man unbeabsichtigterweise genau das produziert, was man eigentlich verhindern will: dass Leute, die einmal aus Provokation etwas Blödes getan haben, über die Zeit ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild aufbauen.

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