Die Donauinsel

21 Kilometer Freiraum
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Erscheinungsdatum 19.03.2026
Sprachen Deutsch
Umfang 432 Seiten
Genre Sachbuch/Stadtentwicklung
Format Gebundene Ausgabe
Verlag Falter Verlag
EAN 9783991660460
Herausgeber Martina Nußbaumer, Ulrike Krippner
Sammlung Aktuelle Bücher aus dem Falter Verlag Natürlich Wien
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Falter Verlagsges.m.b.H
Marc-Aurel-Straße 9 | AT-1011 Wien
produktsicherheit@falter.at
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Die Donauinsel wurde zwischen 1972 und 1988 zugleich mit der Neuen Donau erbaut, um Wien endgültig vor verheerenden Hochwasserereignissen zu schützen. Heute ist sie aus der Stadt nicht mehr wegzudenken: Mehr als 200.000 Menschen pro Tag verbringen im Sommer ihre Freizeit auf der 21 Kilometer langen und bis zu 250 Meter breiten Insel.


Das war beim Startschuss für das Projekt im Jahr 1969 weder geplant noch vorhersehbar. Ursprünglich als rein technischer Hochwasserschutz konzipiert und politisch höchst umstritten, wurde die Insel erst im Lauf von mehr als 30 Jahren Planungs- und Bauzeit zu einem vielfältigen Natur- und Erholungsraum am Wasser.


Die rund 60 Texte, Interviews und Porträts in diesem Buch beleuchten nicht nur die komplexe Entstehungsgeschichte des Areals, sondern auch seine zentrale soziale und ökologische Bedeutung in der wachsenden und heißer werdenden Stadt von heute. Zahlreiche historische Abbildungen und Klaus Pichlers Fotoprojekt „Eine Insel, viele Geschichten“ geben Einblicke in die Vielschichtigkeit der Donauinsel.


Die Publikation erscheint anlässlich der gleichnamigen Ausstellung des Wien Museums.

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Erscheinungsdatum 19.03.2026
Sprachen Deutsch
Umfang 432 Seiten
Genre Sachbuch/Stadtentwicklung
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Herausgeber Martina Nußbaumer, Ulrike Krippner
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FALTER-Rezension

Großes kleines Glück

Nicole Scheyerer in Falter 13/2026 vom 2026-03-25 (S. 4)

Eine Karikatur von 1975: Am Konferenztisch sitzen mehrere Herren rund um ein Modell der Donauinsel. Auf dem Eiland stehen bereits Bäumchen, und ein Planer reckt freudig den Arm, um einen weiteren zu platzieren. Doch den meisten Anzugträgern hat Karikaturist Gustav Peichl alias Ironimus steinerne Mienen gezeichnet. Ihr Grant rührt vom Mistkübel her: Darin türmen sich verworfene Miniatur-Wohnblocks und Hochhäuser.
Kaum vorstellbar, aber wahr: Die Donauinsel sollte einst verbaut werden. Unter dem Motto "Wien an die Donau" träumten manche Politiker und Stadtplaner von einem 24. Gemeindebezirk. Architekten wie Harry Glück -Schöpfer des Wohnparks Alterlaa -beteiligten sich an dem Ideenwettbewerb zur Zukunft des schmalen Schotterstreifens.

Wie die grüne Oase entstanden ist und was ihre besonderen Qualitäten sind, zeigt nun eine Ausstellung im Wien Museum. Von den 200.000 Menschen, die sich zu sommerlichen Spitzenzeiten täglich auf dem Eiland tummeln, halten die meisten den Grünstreifen für natürlich. "Für viele Leute wirkt es so, als wäre die Donauinsel schon immer da gewesen", sagt Museumskuratorin Martina Nußbaumer, die das Naherholungsgebiet gemeinsam mit der Landschaftsarchitektin Ulrike Krippner von der Universität für Bodenkultur Wien erforscht hat.

Am Beginn der Schau verdeutlicht ein Drohnenvideo die beeindruckenden Ausmaße des 21 Kilometer langen und bis zu 250 Meter breiten Freizeitareals. Mit dem Bau der Donauinsel beschloss der Wiener Gemeinderat 1969 ein Mammutprojekt - und das, ohne dessen künftige soziale und ökologische Bedeutung vorherzusehen.

Ursprünglich ging es rein technisch um den Hochwasserschutz: Nie wieder sollte die Stadt so verheerend überschwemmt werden wie 1954, als die Donau über die Dämme trat, ganze Viertel unter Wasser setzte und sogar die Trinkwasserqualität bedrohte. Bereits 1870 hatte man den Fluss, der jahrhundertelang weitläufig durch das Wiener Becken mäandert war, in ein geradliniges Bett gezwungen (davor floss der Hauptarm im Gebiet der Alten Donau). Die dafür notwendigen Bagger schaffte die Baufirma Castor, Couvreux et Hersent aus Ägypten herbei, wo sie gerade den Suezkanal fertiggestellt hatte. Fünf Jahre schaufelten die dampfbetriebenen Maschinen der Franzosen im Auftrag des Wiener Kaiserhauses, bis der sogenannte "Durchstich" gelang.

Aus dem gewaltigen Aushub entstand neben dem Flussbett ein flaches Überschwemmungsgebiet, für das rund 100 Jahre ein striktes Bauverbot galt. Was spielte sich auf diesem zehn Quadratkilometer großen Brachland nicht alles ab: Es diente als Flugfeld und Kuhweide, für Motorrennen, Reitturniere oder Zirkusse, aber auch als Trainingsort des jüdischen Fußballvereins SC Hakoah und für heimliche Treffen der ab 1933 illegalen Kommunisten.

In erster Linie zog die beliebte "Donauwiese" aber Müßiggänger mit wenig Geld an, die dort baden, picknicken und -unerlaubterweise -auch übernachten konnten. "Wir haben uns das Überschwemmungsgebiet näher angeschaut, weil es über diesen wild von der Bevölkerung genutzten Raum kaum historische Forschung gibt", erklärt Nußbaumer zum ersten Ausstellungskapitel, das sich den sozialen Biotopen vor der Entstehung der Donauinsel widmet.

In dieser Zeit wurden viele Aktivitäten vorweggenommen, die heute für das Naherholungsgebiet typisch sind. Zum Beispiel die Freikörperkultur: Die Naturisten fanden im südlichen Überschwemmungsgebiet, der "Wilden Lobau", einen geduldeten Rückzugsort, bevor auf der Donauinsel offiziell acht Kilometer FKK-Strand freigegeben wurden. In einer Vitrine hängt ein "Lobaufetzerl", eine Art DIY-Tanga, das den Nackerten in den 1930er-Jahren als Feigenblatt bei Polizeikontrollen diente.

Zurück an den Verhandlungstisch im Rathaus. Nach der Hochwasserkatastrophe von 1954 herrschte lange Zeit eine Pattstellung. Die Parteien waren sich einig, dass etwas geschehen musste, konnten sich jedoch auf keine Lösung einigen. Die Idee eines "Umfluters", einer Art Bypass für die Donau, schied aus Kostengründen aus. Die ÖVP wollte die vorhandenen Dämme aufstocken und kritisierte den von den Sozialisten geplanten Entlastungskanal mit zwei Stauwehren als Luxusprojekt und steuerverschwendende "Gigantomanie".

Jedoch ergaben Berechnungen, dass die höchste jemals in Wien gemessene Hochwassermenge bei 14.000 Kubikmetern pro Sekunde lag -diesem Volumen hätten höhere Dämme nicht standgehalten. Auch Überlegungen, wie sich Wien weiterentwickeln sollte, traten stärker hervor.

"Das Überschwemmungsgebiet wurde als große Barriere gesehen, weil es Wien in zwei Teile trennte", schildert Boku-Expertin Krippner. Könnte die Donauinsel samt neuer Brücken zum urbanistischen missing link werden?

Als 1972 endlich der Spatenstich für das Projekt erfolgte, existierte noch kein Plan, was mit dem neuen Landstreifen passieren sollte. Kritik und Spott kam von vielen Seiten: Mit der Donauwiese ging ein wichtiges Naherholungsgebiet verloren, viele Bäume mussten gefällt werden; der technokratische Name "Entlastungsgerinne" war alles andere als attraktiv, und die spätere "Neue Donau" schimpfte man "Pissrinne" neben einer schnürlgeraden "Spaghetti-Insel".

Schließlich lud die Wiener Stadtplanung die Architektenschaft -es waren ausschließlich Männer involviert -zu einem mehrstufigen Wettbewerb ein. Parallel startete eine Aufklärungskampagne, für die 1974 auch der Kurzfilm "Donauzwilling im Doppelbett" produziert wurde.

Die Schauspielerin Waltraut Haas - berühmt geworden als Wirtin des Heimatfilms "Im weissen Rössl" - erklärt darin ihrem skeptischen Gatten die Vorteile der Donauinsel für den Hochwasserschutz. Und woher hat die gute Frau den Informationsvorsprung? Natürlich vom Friseur!

Viele Faktoren führten letztendlich zu der glücklichen Entscheidung, die Donauinsel zu begrünen anstatt sie zu verbauen. Die aufkommende Ökobewegung und die Mitsprache der hinzugezogenen Landschaftsplaner nahmen ebenso Einfluss wie "touristisches" Kalkül. "Möchten Sie hier Urlaub machen?", titelt etwa eine Werbebroschüre, mit der die an den Neusiedler See pilgernden Städter vom "Lido Wiens" überzeugt werden sollten.

In der Schau laufen vier Videointerviews mit maßgeblichen Planern wie Bruno Domany, der sich bereits als junger Grünflächenreferent für das Naherholungsgebiet stark machte, und dem Münchner Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob, dem Vater des Gestaltungs-und Bepflanzungskonzepts.

Keine leichte Aufgabe: Auf dem kargen Donauschotter musste für jeden der rund 1,8 Millionen Sträucher und Bäume erst Boden aufgeschüttet werden. Der Erdgrund ist daher nicht mehr als einen Meter tief. "Um diese 21 Kilometer auf eine menschlich erträgliche Dimension zu bringen, wurde eine Grundstruktur aus Wäldern und Wiesen angelegt, mit Sichtverbindungen zum Kahlenberg, Leopoldsberg oder zur Stadtsilhouette", erläutert Krippner den künstlichen Naturraum, über dessen Dammkrone heute die Rennräder sirren.

Als Relikt der Auen blieb der "Tote Grund" erhalten, ein Altarm der Donau im ehemaligen Überschwemmungsgebiet. Im dichten Gehölz finden seltene Arten wie die Gabel-Azurjungfer-Libelle oder die Knoblauchkröte ebenso Unterschlupf wie die schwule Cruisingszene, der das schattige Terrain rund um die Tümpel zum Anbandeln und für anonyme Quickies dient.

Wenn ein Bauabschnitt vollendet wurde, feierte die Stadt dessen Teileröffnung -wenn man so will, eine Art Keimzelle oder Generalprobe für die Donauinselfeste, die seit 1984 jährlich stattfinden. Mit rund drei Millionen Besuchern zählt das Open-Air-Festival längst zu den größten in Europa. Und doch: Fertig war die Insel nie.

Auch nach dem offiziellen Abschluss seiner 16-jährigen Bauphase 1988 rückten regelmäßig die Bagger an. Ob Copa Cagrana (heute Copa Beach), Wasserspielplatz, Wildwasserkanal für Rafting oder 2025 die neue Ufergestaltung des Pier 22 - die Donauinsel bleibt in Bewegung. Ihre vielleicht größte Qualität ist aber eine stille: Wien schuf einen konsumfreien Raum am Wasser, frei für alle, öffentlich leicht zu erreichen, sicher und sorgfältig gepflegt.

Harmonische Ansichten liefern der Schau die Fotos von Klaus Pichler, der die Donauinsel ein Jahr lang dokumentiert hat. "Mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass die Insel eigentlich ein Vertrag ist", schreibt der Fotograf im Ausstellungskatalog. Es herrsche ein unausgesprochener Konsens zwischen Menschen, Natur und Stadt, mit nur einer Regel: "Jede:r darf hier sein, aber gleichzeitig gehört sie niemandem."

"Wir vertreten die These, dass es in Wien wenige Orte gibt, die von so vielen unterschiedlichen Teilen der Stadtgesellschaft genutzt werden", sagt Kuratorin Nußbaumer vor der letzten Ausstellungsstation -für sie bildet der Abschluss das Herzstück der Schau. An einem Tisch sind Porträts von 14 Menschen verschiedener Generationen versammelt, deren Erzählungen man via Kopfhörer lauschen kann.

Die soziale Bandbreite reicht von einer Gymnasiastin des Schulschiffs, das zwischen Floridsdorfer Brücke und Nordbahnbrücke liegt, über eine Skaterin, einen Karpfenfischer und einen blinden Triathleten bis hin zu einem ehemaligen Obdachlosen, der mit seiner Hündin vier Jahre auf der Insel gewohnt hat.

Auch vor Ort Berufstätige wie eine Mitarbeiterin des mobilen Inselservice oder ein Grillplatzaufseher, der fünf Sprachen spricht, erzählen von ihrem Inselfaible und den vielfältigen Erlebnissen vor Ort.

"Zehn Tage habe ich gebraucht, um den Bikini wegzugeben. Aber dann habe ich mich ganz frei gefühlt", berichtet die 74-jährige Soheila vom FKK-Bereich. 1982 flüchtete die Iranerin mit ihrem Mann vor dem repressiven Regime, das den Frauen das Schwimmen verbot. In Wien entdeckte sie, wie wunderschön sich das Nacktbaden anfühlte.

Bereits 1996 marschierte die Filmemacherin Elizabeth T. Spira für ihre Doku-Reihe "Alltagsgeschichte: Donauinsulaner" über den Landstreifen und zeichnete ein Sittenbild seiner Fans. Wien hatte damals um eine halbe Million weniger Einwohner als heute, aber trotzdem klagten einige tiefgebräunte Wirtshausgäste bereits über zu viel Andrang.

Vor allem die migrantischen Familien und Gruppen, die zum gemeinsamen Grillen auf die Donauinsel kamen, waren den Alteingesessenen ein Dorn im Auge. Wie in den meisten von Spiras "Alltagsgeschichten" wird viel über die "Auslända" geklagt, aber es kommen nur wenige Zugewanderte zu Wort. Eine Ausnahme bildet ein betagtes Ehepaar aus dem Iran, das von seinem Sohn nach Wien geholt worden ist.

Wovon er denn noch träume, fragt Spira das sympathische Familienoberhaupt. "Von einem leichten Tod ohne Schmerzen", antwortet der Herr auf Farsi. Er brauche kein Paradies, das sei nur eine Lüge der Religion.

Und doch wirkt es, als hätte er seinen Garten Eden längst gefunden - dort, im Gras der Donauinsel, mitten in Wien.

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