Ein Deka Pop
Alle Artists | Popfest Wien 2010-2019

von Robert Rotifer, Katharina Seidler

€ 34,90
Lieferung in 1-3 Werktagen

EAN: 9783854396611
Verlag: Falter Verlag
Genre: Musik
Umfang: 280 S. - 38 x 24 cm
Erscheinungsdatum: 16.07.2019

Das Popfest Wien ist zu einem der beliebtesten und bedeutendsten Festivals für die junge Musikszene geworden. Zu seinem 10. Geburtstag hat Robert Rotifer, Kurator der ersten drei Popfeste, alle 400 Acts porträtiert und damit ein lebhaftes Dokument dieser Explosion musikalischer Kreativität erschaffen.



Rezension aus FALTER 30/2019

Die neue Norm

Das Popfest auf dem Karlsplatz wird zehn und feiert mit einer Buchveröffentlichung. Wie hat sich die lokale Musikszene in dieser Dekade verändert?

Der 30. Juli 2016 war in Wien ein extrem heißer Tag. Das Brut im Künstlerhaus hatte sich in eine Sauna verwandelt, in der Nacht sorgten hunderte Menschen dafür, dass die Hitze nicht weniger wurde. Auf dem Karlsplatz fand gerade die siebente Ausgabe des Musikfestivals Popfest statt.

Mira Lu Kovacs wirkte besorgt, bevor sie um Mitternacht mit ihrer Band Schmieds Puls auftreten sollte. Sie bat die anwesenden Sanitäter, bei der Bühne zu stehen und sie zur Not aufzufangen, sollte ihr Kreislauf nicht mitspielen. Der Musikerin ist bei dem umjubelten Konzert nichts passiert, ganz im Unterschied zu ihrem Instrument, wie sie zur Frage nach ihrer speziellsten Popfest-Erinnerung erzählt.

"Der Lack meiner Gitarre ist im Brut geschmolzen", sagt Kovacs. "Ich habe es erst nach dem Konzert bemerkt, am dunklen Fleck auf meinem weißen Shirt. Mein Gitarrenbauer meinte, dass das nicht möglich sei, weil sich der Lack frühestens ab 65 Grad ablösen würde oder so ähnlich. Aber der Fleck war nun einmal da - es ist also wirklich, wirklich, wirklich heiß gewesen."

Gut möglich, dass Mira Lu Kovacs bald eine neue Lieblingsgeschichte rund um das Popfest zu erzählen hat. Sie ist eine der beiden Programmchefinnen der zehnten Ausgabe des Festivals im Zeichen zeitgenössischer österreichischer Unterhaltungsmusik, das von 25. bis 28. Juli stattfindet - auf der "Seebühne" genannten Open-Air-Bühne vor der Karlskirche sowie in diversen angrenzenden Clubs.

Anfangs wählte der Musiker und Journalist Robert Rotifer das Line-up aus, inzwischen wechseln die Kuratoren jährlich. Seit 2014 zeichnet jeweils ein Duo für das Programm verantwortlich. Unterschiedliche Expertinnen und Experten der Wiener Musikszene präsentieren ihren individuell gefärbten Blick auf das aktuelle Geschehen.

2019 ist das von der Stadt Wien mit 180.000 Euro jährlich unterstützte Popfest erstmals ganz in weiblicher Hand. Die rund 60 Liveacts hat Kovacs gemeinsam mit Yasmin Hafedh ausgewählt, die unter dem Namen Yasmo als Rapperin und Poetry-Slammerin bekannt ist und wie ihre Kollegin in den vergangenen Jahren selbst schon mehrmals beim Festival auf dem Karlsplatz zu erleben war. Auch auf den diversen Bühnen werden diesmal mehr Frauen als Männer stehen. Kein großes Ding, man habe bei der Auswahl auch gar kein Quotendenken verfolgt, sagen die Kuratorinnen.

"Die neue Norm sieht anders aus als noch vor wenigen Jahren", erklärt Kovacs. "Weibliche und Non-Binary-Acts zu buchen fällt uns leicht, weil sie längst nicht mehr zu übersehen sind." Wahrscheinlich ist das zehnte Popfest das bisher bunteste und das nicht nur, weil die Bubengitarrenband neuerdings ein Exot im Programm ist.

Die Jubiläumsausgabe beginnt unter anderem mit der aus Deutschland zuagroasten Rapperin Ebow, der Soul-Singer/Songwriterin Lylit und dem Livedebüt von Wurst, der neuen Elektropop-Identität von Song-Contest-Diva Conchita. Statt auf Indierock, Elektronikexperiment und Do-ityourself-Geschrammel setzen Kovacs und Hafedh verstärkt auf ausgebildetes Musikhandwerk, jazzaffinen Hip-Hop und klassische Songwriterkunst, auch die Tür in Richtung Weltmusik stoßen sie weit auf. Ein bisschen mehr Ö1 und etwas weniger FM4 also; der Begriff "Pop" wird beim Popfest ohnedies jedes Jahr neu definiert.

Das Festival war stets eine gute Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Die durchaus eng mit dem Popfest verbandelte Karriere von Mira Lu Kovacs ist dafür nicht das schlechteste Beispiel. 2013 spielte die studierte Musikerin unter dem Namen Schmieds Puls solo in der Aula des Wien Museums. Der Name blieb hängen, und im Jahr darauf ging es in Triobesetzung hinaus auf die große Open-Air-Bühne; 2016 galt Kovacs bereits als Star.

2017 stellte sie ihre zweite Band, das fragile Jazz-Elektronik-Songwriter-Ensemble 5K HD, beim Popfest vor; heuer tritt sie außer als Kuratorin auch als Mitglied des Indiequartetts My Ugly Clementine in Erscheinung. Bei dieser neuen Wiener Supergroup steht sie nicht im Rampenlicht, sondern als Gitarristin bewusst in der zweiten Reihe. Die Songs schreibt Sophie Lindinger, bekannt als Sängerin der Elektropopband Leyya; am Schlagzeug sitzt Kathrin Kolleritsch, die unter dem Pseudonym Kerosin95 als reflektierte Rapperin aktiv ist und auch in dieser Rolle beim diesjährigen Popfest zu erleben sein wird. Für die zweite Gitarre ist Barbara Jungreithmeier zuständig, eine Musikerin aus dem lokalen Musikuntergrund; den Gesang teilt man respektive frau sich.

Das Debütkonzert heuer im Frühjahr war binnen kürzester Zeit ausverkauft, bevor noch ein einziger Song erschienen ist; die Namen der Beteiligten genügten, um Interesse zu wecken. Als die Debütsingle dann fertig war, eroberte sie gleich die Spitze der FM4-Charts. Eine andere heiße Aktie im diesjährigen Programm ist Lou Asril, der am Freitag um 20 Uhr auf der Hauptbühne stehen wird.

Ein einziges Lied, die schwermütige Elektro-Soul-Ballade "Divine Goldmine", genügte dem 19-Jährigen aus der niederösterreichischen Provinz, um dieses prominente Ticket zu lösen. Noch ist wenig über Lou Asril bekannt. Klavierunterricht als Kind, ab 15 Auftritte mit eigenen Liedern, mit 17 Gewinner der Joe Zawinul Awards und erste Studiobesuche in Los Angeles; heuer im Frühjahr dann gleich ein Gesangsbeitrag zu der im ORF-TV übertragenen Verleihung des Musikpreises Amadeus.

Im Unterschied zu viel Wiener Popmusik der letzten Jahre hört man Lou Asril und My Ugly Clementine ihre Herkunft nicht an, beide singen Englisch. Karrieren wie ihre wären in den Popfest-Anfangstagen kaum denkbar gewesen. Zum einen gab es um 2010 noch keine so erfolgreichen und auch international beachteten Wiener Bands wie Leyya und Schmieds Puls, aus denen sich kurzerhand hätte ein weiteres Projekt formen lassen; zum anderen mahlten die Mühlen damals noch bedeutend langsamer.

Auf viele Konzerte folgte irgendwann eine Albumproduktion, auf ein Album eventuell ein wenig Aufmerksamkeit der klassischen Medien. In Zeiten von Social Media genügen nun ein einziges Lied, ein interessantes Video, eine Handvoll schicke Instagram-Fotos, um schnell Applaus zu ernten. Entsprechend weit entfernt wirkt der 6. Mai 2010, als die Indiefolk-Musikerin Clara Luzia das damals noch im Frühjahr ausgetragene erste Popfest eröffnete. Der Falter war am Zustandekommen nicht ganz unschuldig: Robert Rotifer hatte im Frühjahr 2009 eine Enthusiasmuskolumne über die "beste Indie-Stadt der Welt der Woche" geschrieben. Darin schwärmte er über das in den Nischen so facettenreich blühende Wiener Popgeschehen jener Tage und nannte exemplarisch rund zwei Dutzend Musikerinnen, Musiker und Bands. "Einst bin ich dem Pop hinterher nach England gezogen", schrieb der Wahlbrite. "Jetzt fühle ich mich glatt ein bisschen weit vom Schuss. Bitte sagt: Was haben sie euch gespritzt?"

Später im Jahr wurden im Kulturbudget der Stadt Wien Restmittel frei, und Christoph Möderndorfer zeigte auf. Er gehörte zur Projektgruppe karlsplatz.org, einer Stadtentwicklungsinitiative, die helfen sollte, den Park zwischen Wien Museum, Karlskirche und Technischer Universität von seinem Image als Drogenumschlagplatz zu befreien und mit neuen, positiven Bildern zu besetzen.

karlsplatz.org hatte dort 2008 während der von Österreich und der Schweiz veranstalteten Fußball-EM bereits ein dreiwöchiges Open-Air-Kulturangebot initiiert. Nun skizzierte Möderndorfer ein Festival der jungen österreichischen Popmusik im Herzen der Stadt, das bei freiem Eintritt ohne kommerziellen Druck, dafür mit künstlerischem Anspruch ausgetragen werden sollte. Rotifer lud er ein, seine Enthusiasmuskolumne zum Inhalt dieses Festivals zu machen.

Trotz gewisser Anfangsschwierigkeiten - Lücken im kurzfristig entstandenen Programm, Löcher im Sound, Überforderung der Gastronomie -geriet das Popfest zum Überraschungserfolg. Mehrere zehntausend Besucherinnen und Besucher kamen zu Konzerten von Bands, die ansonsten meist in kleinen Gürtellokalen spielten und über Wien hinaus kaum wahrgenommen wurden.

Der Titel der Veranstaltung war ernst und augenzwinkernd zugleich. Ernst, weil er einen häufig unter Kommerzverdacht stehenden Begriff mit neuer Bedeutung füllen wollte; und augenzwinkernd, weil damals allen Beteiligten wussten, dass Pop im Sinne einer breitenwirksamen Musik hierzulande allenfalls von Christina Stürmer und DJ Ötzi zu haben war. Rotifer aber erklärte kurzerhand Typen wie den noch blutjungen Liedermacher Der Nino aus Wien zu neuen Stars. Damals gewagt, im Rückblick visionär.

Dieser speziellen Wiener Mischung aus stilistischer Vielfalt und hoher Qualität, die das Popfest 2010 erstmals in großem Stil ausstellte, lag paradoxerweise vor allem Aussichtslosigkeit zugrunde. Junge Musikerinnen und Musiker wussten im Österreich der 2000er-Jahre, dass ihre Kunst sie nie ernähren würde. Auf Kompromisse haben sie daher gleich gänzlich verzichtet und sich stattdessen dem Ausleben ihrer jeweiligen Visionen verschrieben, ermutigt vom Radiosender FM4, der dieser Musik vielfach eine mediale Heimat geboten hat.

Selbst die erfolgreichsten Protagonisten wie die Rockgruppe Ja, Panik lebten damals vorwiegend von Luft, Liebe und Kritikerlob. Die Plattenverkäufe blieben trotz hymnischer Kritiken überschaubar, die Konzertsäle außerhalb einiger weniger Metropolen eher klein dimensioniert.

Die Situation hat sich längst grundlegend verändert; unter den spektakulärsten Wiener Konzertereignissen der vergangenen Monate stechen gleich vier Veranstaltungen mit lokaler Beteiligung hervor: Die Hip-Hop-Kunstfigur Yung Hurn verwandelte das Donauinselfest zuletzt in ein Tollhaus, Soap&Skin beeindruckte mit ihrem emotionalen Kunstpop im ausverkauften Konzerthaus, Rap-Macho RAF Camora füllte gleich zweimal die Stadthalle und die Chefstyler Bilderbuch lockten 30.000 Menschen zu zwei Shows vor Schloss Schönbrunn, die im österreichischen Pop völlig neue Maßstäbe gesetzt haben.

Ironie der Geschichte, dass genau diese vier Acts - wie übrigens auch die Hymnenrocker Wanda -nie am Karlsplatz aufgetreten sind. Zumindest nicht offiziell. Denn Bilderbuch haben sich 2013 nach diversen erfolglosen Bewerbungen fünf Auftrittsminuten der damaligen Popfest-Stammgäste Francis International Airport geborgt, um vor dem Konzert dieser recht braven englischsprachigen Indieband im Brut unangekündigt ein spektakuläres neues Lied zu performen, "Plansch". In Duobesetzung mit Gesang und Gitarre, die Musik kam vom MP3-Player.

Es war ein magischer Moment: Bilderbuch spürten, dass sie durch eine stilistische Neuausrichtung nach zwei Alben als ambitionierte Indierocker gerade zur heißesten Popband im deutschsprachigen Raum mutierten, sie wussten, dass sie als Nächstes einen Song namens "Maschin" mitsamt einem ikonischen Video veröffentlichen würden, und sie ahnten wohl, dass ihre Rakete bald in Sphären abheben sollte, die kaum eine der Bands auch nur für denkmöglich hielt, die - anders als sie -zum Popfest eingeladen waren.

Bilderbuch und Wanda haben den Wiener Pop nachhaltig verändert. Weil sie Grenzen in den Köpfen eingerissen haben, weil sie zeigen, dass sich kompromisslos ausgelebte Popkunst auch kommerziell in größerem Stil rechnen kann, und weil sie lustvoll vorleben, dass Größenwahn ungleich sexier ist als das Backen kleiner Brötchen.

Rund 400 Musikerinnen, Musiker und Bands hat das Popfest inzwischen auf dem Karlsplatz präsentiert. In der prächtig gestalteten Jubiläumsschrift "Ein Deka Pop" versammelt Robert Rotifer liebevoll und informativ geschriebene Programmtexte zu einem üppigen Popfest-Lexikon, das mit Abstrichen auch ein Nachschlag zum jüngeren österreichischen Musikgeschehen ist und dessen Vielfalt illustriert. Das im Falter Verlag erscheinende Buch wird im Rahmenprogramm des Festivals vorgestellt; auch die Texte zu allen Popfest-Acts 2019 sind im Buch enthalten.

Ob sich darunter die nächste Soap&Skin, der nächste Voodoo Jürgens, die nächste Mavi Phoenix finden, die nächsten Bilderbuch nicht erneut übergangen werden?"Ich bin ein Riesenfan der Petrol Girls", streut die eher für leise Töne bekannte Mira Lu Kovacs ausgerechnet einem der wenigen Krachschläger im Programm Rosen. "Aber ich muss ganz ehrlich und kitschig sagen, dass ich mich aufs ganze Line-up extrem freue, denn zusammen ergibt das eine geballte Ladung an Talent und Selbstbewusstsein."

Auch Yasmin Hafedh gibt sich diplomatisch. Es seien ihr zu viele Acts aus zu vielen verschiedenen Richtungen, um einzelne festzumachen, sagt sie -und setzt dann ihr gewinnendes Lächeln auf: "Wer als Nächstes berühmt wird? Hoffentlich alle!"

Gerhard Stöger in FALTER 30/2019 vom 26.07.2019 (S. 24)

Pressetext anzeigen

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{if product.parent_product}}{{var product.parent_product.name}}{{else}}{{var product.name}}{{/if}}

€ 0,00

weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen