Die Spira

Eine Biografie
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Als "Kupplerin der Nation" ist Elizabeth Toni Spira vielen Menschen in Österreich in Erinnerung geblieben.
Knapp 23 Jahre lang besuchte sie für ihre Sendung "Liebesg’schichten und Heiratssachen" Kandidat:innen, die auf der Suche nach einer neuen Partnerschaft waren.
Doch ihr Vermächtnis ist nicht nur das einer allseits beliebten Heiratsvermittlerin, "einer Königin der Herzen", wie sie in den Medien oft genannt wurde. Sie hinterlässt ein filmisches Werk, das mehr über Österreich erzählt, als der hiesigen Bevölkerung lieb sein konnte.
Sie selbst war in ihren Filmen nie zu sehen. Es war ihre unverwechselbare tiefe, rauchige Stimme, die sie zu einer Ikone der österreichischen Fernsehgeschichte machte.
In den 1970er Jahren gestaltete Spira im Rahmen der ORF-Sendung "teleobjektiv" Sozialreportagen, die, wie jene über die Fristenlösung, regelmäßig für Aufruhr sorgten. Danach entwickelte sie die Reihe "Alltagsgeschichten".
Sie stellte scheinbar belanglose Fragen an Passant:innen, Kaffeehaus- oder Beisl-Besucher:innen. Meistens reichte "Wie geht es Ihnen heute?", um ihr Gegenüber aus der Reserve zu locken. Spira brauchte nicht viel, um Menschen dazu zu bringen, ihr Leben zu offenbaren. In den "Liebesg’schichten und Heiratssachen" war es ihr von Beginn an wichtig, homosexuellen Menschen oder Transgender-Personen eine Stimme zu geben.

Elizabeth Toni Spira wurde im Jahr 1942 in Glasgow geboren. Ihre Familie war vor dem NS-Regime nach Großbritannien geflüchtet, 1946 kehrte sie nach Österreich zurück.
"Ich bin ein Flüchtlingskind" formulierte es die Filmemacherin immer wieder, und diese Erkenntnis prägte sie ein Leben lang. Ihre Filme entstanden in dem Bewusstsein, eine Vertriebene zu sein.

FALTER-Rezension

DIE SPIRA

Nein, sie heiße nicht Elisabeth, sondern Elizabeth mit z - benannt nach der Queen, 1942 noch Prinzessin in Großbritannien. Toni, ihr zweiter Vorname, galt dort nicht als richtiger Name, der hätte eine Hommage an den Vater sein sollen. Leopold Spira war vor seiner Flucht vor den Nazis verbotenerweise bei der KPÖ aktiv gewesen und hatte als "Toni Kren" unter anderem Rundbriefe geschrieben.

Schon ihr Name erzählt etwas über die außergewöhnliche Fernsehjournalistin Elizabeth Toni Spira. "Weder bin ich Königin geworden noch kommunistischer Widerstandskämpfer. Ein Problem, das mir immer wieder zu schaffen macht", hat sie einmal notiert. Stattdessen hat die Filmemacherin aus einer jüdischen Familie über Jahrzehnte Alltagssorgen der Österreicher dokumentiert und dunkle Einblicke in die Wiener Seele gewährt.

Spira, die raue Stimme in Reportagereihen wie "Alltagsgeschichte", war das bekannteste "Off" des Landes und maß der Nation, oft schonungslos, teils voyeuristisch, den Puls. Im März 2019 starb sie an den Folgen der Lungenkrankheit COPD.

Die Falter-Redakteurin Stefanie Panzenböck interviewte Spira 2019 kurz davor anlässlich der neuen Staffel der "Liebesg'schichten". Danach fragte Spiras Mann, der Schauspieler Hermann Schmid, ob Panzenböck ein Buch über sie schreiben möchte. Nach zwei Jahren Recherche, Archivbesuchen und Interviews mit Familie, Freunden und Kollegen erscheint am 23. Mai die erste Biografie über jene wichtige Wienerin. Wer war "die Spira", was wollte sie erreichen? Ein Vorabdruck:

Auf Distanz zum Kommunismus So angenehm es war, endlich keine Außenseiterin mehr zu sein, so sehr emanzipierte sich Elizabeth Toni Spira in ihren Jahren in der Stubenbastei schrittweise von der kommunistischen Ideologie ihrer Eltern.

Zu Beginn war sie jedoch ganz auf Linie. Mit zwölf Jahren führte Toni ein Heft, in das sie sorgfältig Zeitungsausschnitte einklebte. So wie andere Kinder Fußballfans waren, galt ihre Bewunderung den kommunistischen Führungspersönlichkeiten. Sie begann mit Stalins Geburtshaus in Gori und zeichnete darunter zwei überkreuzte Fahnen, auf denen "Wir wollen Frieden" stand.

Es folgte ein Porträt Stalins mit der Unterschrift "Es lebe die mächtige Sowjetunion und der große Beschützer des bulgarischen Volks, Generalissimus Stalin", später Wasil Kolaroff, damals Ministerpräsident Bulgariens, Petru Groza, Präsident des Ministerrats Rumäniens, und Ana Pauker, bis 1952 Außenministerin Rumäniens. Aufgelockert wurde die Bildergalerie von "Kitty, dem Gorillaweibchen" aus dem Tiergarten Schönbrunn und vom Komponisten Joseph Haydn.

Als Stalin 1953 starb, "heulten wir alle wie die Schlosshunde", erinnert sich Liesl Nitsch (Spiras Schwester, Anm.)."Das war so, wie wenn der liebe Gott stirbt. Oder der Papst." Die Großmutter Ernestine Zerner, so erzählte es Elizabeth Toni Spira, sei sogar von der Leiter gefallen und habe sich ein Bein gebrochen. Sie wollte gerade eine Glühbirne montieren.

Zwei Jahre später unterzeichnete Österreich mit den vier Alliierten den Staatsvertrag und war nun "frei", wie Außenminister Leopold Figl (ÖVP) am 15. Mai 1955 verkündete.

Im selben Jahr, im Sommer 1955, fuhr Elizabeth Toni Spira in die DDR. Die "Junge Garde" aus Österreich besuchte die "Pionierrepublik Wilhelm Pieck". Anfang der 1950er-Jahre hatte die DDR-Führung fünfzig Kilometer nördlich von Berlin am Werbellinsee auf über einem Quadratkilometer Fläche eine Anlage aus Sport-und Freizeiteinrichtungen erbaut. Kinder und Jugendliche wurden dorthin auf Sommerlager geschickt. Die "Pionierrepublik" unter Aufsicht des kommunistischen Jugendverbands Freie Deutsche Jugend (FDJ) galt auch als "Kaderschmiede für die Jüngsten".

Drill und Leistungsdruck standen auf der Tagesordnung, die Schülerinnen und Schüler wurden politisch im Sinne der DDR geschult und sollten ihren damals so genannten "sozialistischen Klassenstandpunkt festigen".

Toni Spira war zwölf. "Zum ersten Mal gerate ich in Konflikt mit dem Kommunismus", schrieb sie später über diese Erfahrung. "Ich verweigere mich." Anstelle der FDJ-Jacken trugen sie und ihre österreichischen Mitreisenden ihre eigene Kleidung. Als sie zum allmorgendlichen "Fahnenappell" im Gleichschritt marschieren sollten, beschlossen Spira und ihre Gruppe, lieber gemütlich dorthin zu spazieren. "Ich habe ihnen gesagt, dass wir doch keine Nazis sind", erinnerte sie sich. "Es war eine Riesenaufregung." Doch bevor sie die anderen störten, bekamen sie ihren Willen.

Und dann sollten die Gäste aus Österreich am Schießunterricht teilnehmen. "Wir hätten lernen sollen, gegen den Kapitalismus zu schießen", erzählte Spira. "Ich habe gesagt, dass ich die Waffen nicht angreifen werde und meine Gruppe auch nicht. Mit Kapitalisten kann man diskutieren, aber erschießen kann man sie nicht." Auf der Heimfahrt im Zug bekamen die Junggardistinnen und -gardisten von einem Volksstimme-Redakteur, der am Ende der Reise zu ihnen gestoßen war, den Auftrag, ihre "schönsten Erinnerungen" aufzuschreiben.

"Ich verfasse meinen ersten flammenden antikommunistischen Artikel. Der Redakteur ist entsetzt.,Du - die Tochter des Genossen Leopold. Schreibe etwas anderes.'" Die Zwölfjährige dachte nicht daran. Ihr Text wurde nicht veröffentlicht.

Als jedoch 1956 Flüchtlinge aus Ungarn in der Nähe des Gymnasiums Stubenbastei in einer Halle untergebracht wurden, reagierte Elizabeth Toni Spira wieder so, wie es von ihr erwartet wurde. Jemand aus ihrer Parallelklasse hatte die Idee, Jausenbrote für die Flüchtlinge zu spenden. Die Schülerinnen und Schüler aus kommunistischen Elternhäusern waren dagegen.

"Wir haben uns furchtbar aufgeregt und gesagt: 'Kein Brot für Renegaten'", erzählte Spira in einem Interview. "Warum sollten wir unsere Jause ausgerechnet den 'Verrätern der heiligen Revolution' spenden? Wir waren brave Kinder unserer Genossen Eltern."

Doch Elizabeth Toni Spiras politische Überzeugungen begannen zu bröckeln. Sie begehrte auf. Zu der Langweile, die sie schon immer empfunden hatte, wenn ihr Vater ihr Vorträge hielt, kamen Fragen. Warum man Bücher von Franz Kafka in der DDR nicht lesen durfte?"Und er hat mit dem 'siegreichen Wirtschaftssystem des Sozialismus' geantwortet. Die Kommunisten haben mir ständig die Welt erklärt - und zwar äußerst langatmig." Die Jugendliche las mittlerweile gern Kafka, hatte Jazz und Rock 'n'Roll entdeckt und trieb sich in Kellertheatern herum. Sie war begeistert vom Existenzialismus, besuchte Lesungen und Diskussionen und verbrachte die Abende im Kaffeehaus. Albert Camus und Jean-Paul Sartre waren ihr näher als die immer tapferen und siegreichen Helden aus den Büchern des KPÖ -Verlags. "Es war unglaublich, wie langweilig die Kommunisten waren. Konservativ und puritanisch."

Aber es war nicht nur das. "Das Heldentum der Väter war nicht unseres", formuliert es Helen Liesl Krag, Elizabeth Toni Spiras Schulfreundin. "So mutig wie sie waren wir nicht." Die Väter, die Illegalität, Krieg und Vertreibung überlebt hatten und an ihrer Überzeugung festhielten, auch weil sie der Partei (der kommunistischen, Anm.) oft ihr Leben verdankten -das war nicht das Ideal, dem die junge Generation nacheifern wollte. Sie wollte sich eigenständig auf die Suche nach einer besseren Welt machen, die nicht Kommunismus hieß.

Das änderte aber nichts daran, dass Spira sich ihrer Familie und deren Freundeskreis zugehörig fühlte. Am 16. Jänner 1960, mit 17 Jahren, notierte sie in ihr Tagebuch: "Habe gerade Radio gehört.'Wem nützt die Hakenkreuzschmiererei? Den Kommunisten.' Das ist die größte Frechheit, die ich bisher gehört habe. [] Zuerst muss ich mir so etwas wie 'du dreckiger Jud' usw. anhören und dann soll ich das gewesen sein, die sich beschimpft hat." Auch in den KPÖnahen Jugendorganisationen blieb sie bis zum Ende ihrer Schulzeit Mitglied.

Konkrete Pläne für ihre Zukunft hatte Spira damals noch nicht. Sie hatte weder einen Berufswunsch, noch interessierte sie sich für ein bestimmtes Studienfach. Sie wollte lieber Zeit im Ausland verbringen.

Zu ihren Beweggründen notierte sie dazu nichts in ihrem Tagebuch. Nur so viel: "Ich muss weg"(14. Jänner 1960).

Bestärkt wurde sie in ihrem Vorhaben, als sie nach der Matura dann doch ein Studium an der Hochschule für Welthandel, der heutigen Wirtschaftsuniversität, begann. Sie hörte eine Vorlesung von Taras Borodajkewycz, einem überzeugten Nationalsozialisten, der allerdings 1946 als "minderbelastet" eingestuft wurde und somit weiter unterrichten durfte.

"Der Professor erzählt etwas von 'Gelb als Judenfarbe' und 'dem Juden Kelsen'. Mir wird übel", schrieb Elizabeth Toni Spira. Sie stand auf. Doch außer ihr schien niemand irritiert. Im Gegenteil. Andere Studierende forderten sie auf, sich hinzusetzen und nicht mehr zu stören. "Ich bleibe stehen und fluche laut. Dann verlasse ich allein den Hörsaal und die Welthandel."

Elizabeth Toni Spira meldete sich als Au-pair und fuhr zurück in das Land, in dem sie geboren wurde, nach Schottland.

Schon neben dem Studium und den Reisen nach Glasgow und Chicago schrieb Spira für die kommunistische Jugendzeitung, später für die Zeitung Express. Dort allerdings unter dem Pseudonym Lore Saphiro -ihr Großvater sollte nicht erfahren, dass sie für den Boulevard arbeitet.

Sie wechselte zum Profil und 1974 zum ORF, wo sie bis zuletzt blieb. "Wie geht es Ihnen heute?" - ein banaler Einstieg der "Alltagsgeschichte", aber der vielleicht kürzeste Weg, Gesprächspartner zu öffnen. Spira wollte keine heile Welt malen, der "Lack muss ab".

Wonach sie suchte? Nach den Lebensbedingungen armer Leute, dem "Nazigen" der Österreicher, wie sie es nannte, dem ganz normalen Leben der ganz normalen Menschen auf der Donauinsel und in U-Bahn-Kantinen. Wie Spiras Sozialreportagen entstanden:

Die frühe "Alltagsgeschichte"

Bis zur Sendung "Stammtisch -ein Heimatfilm" hatten die Filme der "Alltagsgeschichte" mit Tagesaktualität nichts zu tun. Nach Spiras Rauswurf aus der politischen Berichterstattung im Jahr 1984 hatte der damalige Informationsintendant Franz Kreuzer der Journalistin die Sendereihe überantwortet. Die ersten Filme beschäftigten sich mit Alltäglichem aus der Vergangenheit. Politisch waren sie dennoch.

Die erste Folge aus dem Jahr 1985 trug den Titel "Spiel nicht mit den Gassenkindern -Kindheit in der Kaiserstadt". Menschen unterschiedlicher Herkunft erzählten, wie sie in Wien zur Zeit der Monarchie aufgewachsen waren. Gleich zu Beginn stellt Spira die Geschichten zweier Frauen einander gegenüber. Die eine erzählt, wie sehr sie sich als Kind eine Puppe gewünscht, sie aber nie bekommen habe. Die andere, dass sie eine ganze Sammlung besessen, aber immer nur mit einer, "mit der schiachsten", gespielt habe.

Eine alte Frau mit verhärmtem Gesicht, in sich zusammengesunken, aber mit leichtem Trotz in der Stimme, erzählt von ihrer Kindheit im Waisenhaus. Sie wurde geschlagen und musste sich dafür auch noch bedanken. "Danke für die Strafe." 1905 "ging ich in den Dienst", wie sie berichtet, und es kam zu einer "unehelichen Mutterschaft". Sie sei damals einfach nur froh gewesen, dass sich "einmal ein Mensch um mich gekümmert hat". Doch als der Mann von der Schwangerschaft erfuhr, ließ er sie mit dem Kind sitzen.

Es sind zärtliche und gleichermaßen grausame Porträts, die Spira hier präsentierte. Über Menschen, die zur Kaiserzeit geboren wurden, im Ersten Weltkrieg heranwuchsen und 1918 vor den Trümmern ihrer Welt standen. Die damaligen Themen hatten nichts mit den späteren Reportagen auf der Straße zu tun, jedoch war Spiras einzigartiger Stil schon erkennbar. Sie beließ es nicht bei den Erinnerungen zufällig ausgewählter Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Ihr ging es um das große Ganze. Sie erzählte Geschichte anhand der Geschichten einfacher Leute.

Bezogen sich die frühen "Alltagsgeschichte"-Sendungen auf vergangene Epochen, so charakterisierte Spira später durch die Antworten ihrer Interviewpartner die Gegenwart. Ihre Fragen gingen in eine ähnliche Richtung. Wovon die Menschen träumten, wollte sie wissen, welche Wünsche sie hatten, was ihnen wehgetan hat. Die Kamera zeigte die Gesichter der Menschen in Großaufnahme, leuchtete aus, was man gern verstecken wollte, und blieb trotzdem respektvoll. Die Presse nahm die Reihe "Alltagsgeschichte" mit Wohlwollen auf. Man lobte die "ausgezeichneten" Sendungen und "einfühlsamen Reportagen".

Es waren nicht nur die Lebensbedingungen armer Menschen in der Zeit der Monarchie, die Spira interessierten. Sie bat ehemalige Dienstboten -unter anderen jene Frau, die für ihre Großeltern in Wien gearbeitet hatte -vor die Kamera sowie Menschen, die als Mägde und Knechte ihr Leben im Elend hatten fristen müssen. Oder sie ließ Männer erzählen, die in der Zwischenkriegszeit auf die Walz, also auf Wanderschaft, gegangen waren, um zu überleben und ihren Familien nicht auf der Tasche zu liegen.

Mit Oberflächlichkeiten gab sich Spira nicht zufrieden. Der Lack musste ab, wie sie immer wieder betonte. Ihren Interviewpartnerinnen und -partnern begegnete sie mit einem feinen Lächeln und ihrer tiefen, rauen Stimme. Mühelos wechselte sie zwischen Wiener Dialekt und Hochsprache, traf den Ton, den das Gegenüber hören wollte. Menschen öffneten sich. Zu ihrem Guten oder Schlechten. Das Aufspüren von Ewiggestrigen, Neonazis und Alltagsrassisten spielte in den späteren Sendungen eine zentrale Rolle. Beschäftigt hatte das Spira aber schon früh. Etwa in "Jugend unterm Hakenkreuz" aus dem Jahr 1987. Spira suchte nach Menschen, die davon erzählten, wie die Nationalsozialisten ihr Heranwachsen geprägt hatten. Wie sie sich -freiwillig oder gezwungenermaßen -der Hitlerjugend oder dem Bund deutscher Mädel angeschlossen hatten. In einem Interview mit den Oberösterreichischen Nachrichten sagte sie: "Als Aussage des Films ergibt sich, dass alles nur deshalb passieren konnte, weil die meisten Kinder und Jugendlichen damals in autoritären Familien aufwuchsen, also nicht gelernt hatten, sich aufzulehnen. Zudem herrschte entsetzliche Armut." Wenn Spira das Gefühl hatte, dass jemand noch immer der nationalsozialistischen Ideologie verhaftet war, hörte sie nicht auf nachzubohren. Oft behielt sie recht mit ihrer Vermutung. Spiras damaliger Kameramann, Willi Lindenberger, erinnert sich besonders an einen Vorarlberger Landwirt.

Der Mann erzählte der Journalistin von der Erleichterung, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, weil plötzlich alle Schulden getilgt waren. Wie er als junger Bub zu den Heimabenden der Hitlerjugend gehen durfte und nicht dauernd auf dem väterlichen Hof arbeiten musste. Später wurde er in die Wehrmacht eingezogen und meldete sich zur Waffen-SS. Weder beim Militär noch in der Gefangenschaft habe er von der Vernichtung der Juden oder den Konzentrationslagern gehört, beteuerte er im Interview. Spira gab nicht auf und fragte weiter, bis sie hörte, was sie vermutete: "Und man sagt heute, die SS hat das alles gemacht. Da ist ein Hass vorhanden. Ich kann es ja verstehen, da wurden Millionen Juden vernichtet. Aber die kann man nicht mehr lebendig machen. Ich weiß nicht, warum die heute so einen Zorn haben auf uns. Und ich verstehe das ganz gut, dass heute ein Jude verfolgt wird. Er gibt nirgends eine Ruhe, gell."

Aber nicht nur das Thema Nationalsozialismus habe Spira in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, erzählt Lindenberger. Generell bei Worten wie "Heimat", "Ausländer" oder "Abgrenzung" habe Spira "wie ein Bluthund Witterung aufgenommen. Da wurde ihr Lächeln gefährlich". Und dann fragte sie so lange, bis sie wusste, was dahintersteckte. Ein Nazi, ein Spießbürger oder doch gar nichts von beidem?

Stefanie Panzenböck in Falter 20/2022 vom 2022-05-20 (S. 41)

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Inhaltsverzeichnis

Elizabeth Toni Spira in Zitaten – ein Vorwort                                     13

Warum eine Biografie über Elizabeth Toni Spira?                             19

Spiras Familiengeschichte                                                                                                22

Begegnungen                                                                                                                             24

Unter Helden: Aus Böhmen und Mähren in den Spanischen Bürgerkrieg          27

Die Familie der Mutter: die Zerners und die Frischauers                                 28

Die Familie des Vaters: die Spiras und die Langbeins                                       31

Die Politisierung des Leopold Spira                                                                               35

Die Zerners, „eine Ausnahmefamilie“                                                                          38

Der Spanische Bürgerkrieg                                                                                                40

„Woanders wäre ich gar nicht auf der Welt“                                       47

London – „Zwischen Tellern und Tassen“                                                                49

Glasgow – und retour nach London                                                                              52

Zurück nach Österreich                                                                                                        57

„Ich bin eine Wehrjüdin“                                                                         59

Armut und Ablehnung                                                                                                          60

Wehr dich, aber zeig deine Wunden nicht                                                               63

Familienleben in der Nachkriegszeit                                                                            65

„Die Partei“ als Anker                                                                                                             70

Außenseiterinnen                                                                                                                     72

Unter ihresgleichen                                                                                                                74

Auf Distanz zum Kommunismus                                                                                    76

Leopold Spira, der allmächtige Vater?                                                  81

Leopold Spira und die KPÖ                                                                                                 82

Die Reformer Ernst Fischer und Franz Marek                                                        84

Abschied von der Partei                                                                                                       87

Familienzusammenführung                                                                                              88

Die Zeit danach                                                                                                                          90

Eva und Leopold Spira                                                                                                          92

Am Ende Tränen. Aber nicht nur                                                                                   94

Auf Reisen                                                                                                  95

Edinburgh – Picasso und schmutzige Windeln                                                    95

Im Kaffeehaus                                                                                                                            101

„Da habe ich genug von Österreich“                                                                             103

Chicago – Cola-Automaten und Katzenfutter                                                        106

„Wo ist meine Welt?“                                                                                                              109

Schreiben für den Boulevard                                                                                            111

Das Jahr 1968                                                                                                                             113

Das ORF-Magazin „teleobjektiv“ – Von den Schattentälern in den Sonnenlandschaften       117

Die Fristenlösung                                                                                                                      123

Ständig in der Kritik                                                                                                                127

„Da verblasst der persönliche Krimskrams“                                                            129

Das Ende von „teleobjektiv“                                                                                               131

„Heimat, das sind Familie und Freunde“                                             133

Ein Kind – „Wir nannten dich vom ersten

Augenblick Hannah“                                                                                                              134

Die Angst vor der Schwangerschaft                                                                             136

Hermann Schmid – Ein ganz anderes Leben                                                          137

Ein Mann – „Eine verrückte Sehnsucht nach Ruhe,

Wärme, Heimat“                                                                                                                       142

Freundinnen, Freunde und russische Verse im Winter                                   145

Mutter und Tochter – eine schwierige Liebe                                                          151

Leerstelle                                                                                                                                       157

Alltagsgeschichte: „Ich male keine heile Welt“                                  159

Österreich und die Waldheim-Krise                                                                             159

Die frühe „Alltagsgeschichte“                                                                                           162

„Am Stammtisch“ – ein Stück österreichische Geschichte                            165

Eiertanz im ORF – Eine Chronologie                                                                            167

„Das Leben hinter Klostermauern“                                                                                170

Heimat und Exil                                                                                                                         173

„Wie geht es Ihnen?“                                                                                                              174

„In der Großfeldsiedlung“                                                                                                    182

Zwischenschnitt                                                                                                                        185

Eine neue Sendereihe                                                                                                            186

Liebesg’schichten und Heiratssachen: Gesichter der Einsamkeit   187

Unterschiedliche Biografien, ähnliche Geschichten                                          191

Das Missverständnis mit den „Liebesg’schichten“                                              192

Von den „Gemeindebauwitwen“ zum Mittelstand                                              196

Eine Staffel, ein Jahr                                                                                                               197

Mit der Arbeit verheiratet                                                                                                    200

Krankheit, eine Zumutung                                                                                                  205

 

Stammbaum                                                                                                                                208

Anmerkungen                                                                                                                            211

Danksagung                                                                                                                                 217

Quellen                                                                                                                                            218

Bildquellenverzeichnis                                                                                                         223

 

Reihe Fachbücher
Erscheinungsdatum 23.05.2022
Umfang 224 Seiten
Format Gebundene Ausgabe
Verlag Falter Verlag
EAN 9783854397045