Inside Fridays for Future

Die faszinierende Geschichte der Klimabewegung in Österreich
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„Die Klimakrise zählt zu den größten Herausforderungen der Menschheit, dieser Konsens erstreckt sich vom UN-Generalsekretär über den Papst bis hin zum Weltwirtschaftsforum. Jede Woche gehen Tausende von Schüler*innen auf die Straße. Ihr Leitspruch lautet: „Fridays for Future“.

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat global wie auch hierzulande binnen eines Jahres eine historische Dimension bekommen und das Klima-Thema zu einer politischen Top-Priorität gemacht. Das Buch ist gleichzeitig „Erklärstück“ und Standardwerk über die Bewegung in Österreich. Es bringt den Leser*innen die Thematik näher und gibt Hilfestellung, die politische Dynamik der Bewegung und die Klimakrise im Allgemeinen besser zu verstehen.

Der Autor Benedikt Narodoslawsky ist in seiner Funktion als Journalist Klimaschutzexperte. Seit mehreren Jahren recherchiert und schreibt er regelmäßig zu diesem und verwandten Themen. Dieses Wissen und seine Erfahrung hat es ihm ermöglicht, als einer der wenigen, direkten Kontakt zu den Initiator*innen von Fridays for Future zu knüpfen und in ihre Arbeit exklusive Einblicke zu bekommen.

Wir verzichten bei diesem Buch im Sinne der Umwelt auf die Verpackung mit Plastikfolie und haben das Buch klimapositiv produziert.

Autor Benedikt Narodoslawsky über das Buch:

Buchvorstellung im Baharat Wien:

FALTER-Rezension

FORSCHE FORSCHER

Mitte Dezember 2022, tausende Wissenschaftler reisen zur Tagung der American Geophysical Union (AGU) nach Chicago -eine der größten Konferenzen der Erdwissenschaften. Kurz bevor die Plenarsitzung beginnt, kapern die beiden Klimaforscher Peter Kalmus und Rose Abramoff die Bühne. Hastig entrollen sie ihr Transparent: "Out of the lab & into the streets", steht darauf. Raus aus dem Labor und ab auf die Straße!
"Die Wissenschaft zeigt, dass der Planet stirbt", ruft Kalmus ins Publikum. Da reißt ihnen eine Frau das Plakat aus der Hand, und eine Stimme aus dem Lautsprecher übertönt Kalmus' Appell an die Kollegen, ihre Stimme für den desolaten Planeten öffentlich zu erheben. Die AGU lässt Kalmus und Abramoff von der Bühne jagen und verbannt sie schließlich auch von der Konferenz.

Kalmus ist ein Promi in der Klimaszene, er arbeitet für die Nasa und legte in seinem Buch "Being the Change" dar, wie man klimafreundlich leben kann. Auf Twitter zählt er zu den Klimaforschern mit der größten Gefolgschaft. Immer wieder schlüpft er als Wissenschaftler in die Rolle des Aktivisten. Erst im April hatte er sich den Laborkittel übergestreift und kettete sich in Los Angeles mit anderen Kollegen an den Eingang von JP Morgan Chase, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Bank mehr als alle anderen in klimaschädliche Projekte investiert. Ein Video, das Kalmus veröffentlichte, zeigt, wie Polizisten ihn und seine Kollegen abführen. "Ich bin hier, weil man nicht auf Wissenschaftler hört. Ich bin bereit, ein Risiko für diesen großartigen Planeten einzugehen - und für meine Söhne", ruft Kalmus darin mit brüchiger Stimme, "wir haben jahrzehntelang versucht, euch davor zu warnen, dass wir auf eine beschissene Katastrophe zusteuern."

Pathos, Wut, Fluchen - das ist nicht die Tonart, die man von Forschern kennt. In der Regel klingen die Nachrichten aus der Wissenschaft so: Die Ozeane waren im Vorjahr so warm wie noch nie. Der jüngste Rückgang der Schneedecke in den Alpen war beispiellos in den letzten sechs Jahrhunderten. Wenn sich die Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter um 1,5 Grad aufheizt, wird bis 2100 die Hälfte aller Gletscher verschwinden. Der letzte Sommer war laut dem EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus der heißeste in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen, die vergangenen acht Jahre waren die heißesten acht Jahre der Welt.

Soweit ein kurzer Nachrichtenüberblick von Studien, die in den letzten zwei Wochen in hochkarätigen wissenschaftlichen Journalen erschienen sind, aber medial wenig Niederschlag fanden. "Nur mit wissenschaftlichen Publikationen kann man Machtstrukturen nicht erschüttern", sagt Helga Kromp-Kolb. Die emeritierte Klimawissenschaftlerin schrieb federführend am "Österreichischen Sachstandsbericht Klimawandel" mit, der bislang umfassendsten wissenschaftlichen Abhandlung zur Klimakrise in Österreich. Nun spiegelt sich neben ihr Blaulicht im nassen Asphalt.

Am Dienstag vergangener Woche, wenige Minuten nach acht Uhr, haben sich Aktivisten der radikalen Klimabewegung Letzte Generation auf die Wiener Praterstraße geklebt und damit den Frühverkehr zum Erliegen gebracht. Autos hupen, Sirenen heulen und Kromp-Kolb spricht darüber, dass die Politiker jahrzehntelang die Warnungen der Klimaforscher überhört haben. Sie ist heute früh aufgestanden, um sich öffentlich mit den Aktivisten zu solidarisieren: "Die Gesellschaft braucht manchmal Irritationen, damit sie aus ihrer eingefahrenen Bahn herauskommt."

So wie zig andere Wissenschaftler ist auch Kromp-Kolb zum Praterstern gekommen. Vor einem Pulk an Journalisten haben sie auf den Stufen des Tegetthoff-Denkmals erklärt, dass sie die Anliegen der Letzten Generation unterstützen. Diese lauten: Tempolimit auf der Autobahn und Fracking-Verbot in Österreich. Unter den 47 Wissenschaftlern, die sich öffentlich mit der Letzten Generation gemein machen, sind sehr prominente Namen. Etwa Michael Staudinger, der die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) leitete, die Klima-und Transformationsforscherin Ilona Otto vom Wegener Center der Uni Graz oder der Biodiversitätsforscher Franz Essl der Uni Wien, den der Klub der Bildungsund Wissenschaftsjournalisten einen Tag zuvor zum Wissenschaftler des Jahres gekürt hatte. Als Polizisten die Klimaschützer von der Praterstraße tragen, stellen sich einige Wissenschaftler demonstrativ hinter die Aktivisten -und blockieren damit selbst die Straße.

Die Solidaritätsbekundung fällt in eine politisch heiße Phase. Ende Jänner wählt Niederösterreich, für die ÖVP geht es um sehr viel. Zum Wahlkampfauftakt forderte die schwarze Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner härtere Strafen gegen Klimaaktivisten, die Straßen blockieren. Die Freiheitlichen verunglimpfen die Mitglieder der Letzten Generation mittlerweile als "Terroristen", der EU-Abgeordnete Harald Vilimsky und Vizebürgermeister Dominik Nepp teilten auf Social Media ein Piktogramm, das einen Mann zeigt, der auf einen Klimaaktivisten uriniert. Die Stimmung ist aufgeheizt, Videos dokumentieren, wie Bürger die Aktivisten der Letzten Generation niederbrüllen, von der Straße zerren, auf sie eintreten. Auch am Praterstern gehen die Emotionen hoch. "Danke, ihr seid geil", ruft ein Aktivist den Wissenschaftlern zu. Ein aufgebrachter Radfahrer schreit wenige Sekunden später: "Geht's scheißen, ihr Wichser!"

"Der Diskurs verläuft sehr einseitig, nämlich zwischen eher rechten Politikern und Aktivisten. Das ist eine sehr ungute Polarisierung", sagt Reinhard Steurer. Seit den 1990er-Jahren arbeitet der Politikwissenschaftler an der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku) das Versagen der heimischen Klimapolitik wissenschaftlich auf, nun ist er selbst aktiv geworden und hat die Solidaritätsbekundung mitorganisiert: "Es war Zeit, dass sich auch die Wissenschaft zu Wort meldet und diesen Diskurs etwas aufdröselt - mit seriösen Argumenten und einer gewissen Ruhe."

Aber kann das gut gehen? Geklappt hat es jedenfalls schon einmal. Im März 2019 -kurz vor dem ersten globalen Klimastreik von Fridays for Future - schossen sich konservative Politiker in Deutschland auf die Jugendlichen ein, die Debatte drehte sich vor allem ums Schulschwänzen. Dabei lautete die zentrale politische Forderung von Fridays for Future von Anfang an: "Hört auf die Wissenschaft!" Um die Stimmung zu drehen, sammelten Forschende in Eigenregie binnen weniger Wochen mehr als 26.800 Unterschriften in der deutschsprachigen Wissenschaftscommunity -davon allein rund 2000 aus Österreich. Sie erklärten die Anliegen der Jugendlichen für berechtigt und für wissenschaftlich fundiert.

Den Forschern gelang es damit, den Diskurs zu drehen. Statt übers Schulschwänzen sprach die Öffentlichkeit nun über die Klimakrise. Der globale Klimastreik wurde zur Machtdemonstration. Einige der Wissenschaftler schlossen sich darüber hinaus zur Initiative Scientists for Future (S4F) zusammen, die seither ehrenamtlich über die Klimakrise aufklärt, die Fridays berät und unterstützt. Erst vergangene Woche forderten sie in einem offenen Brief die verantwortlichen Politiker in Deutschland auf, die Räumung des Klimaprotestlagers im besetzten Kohledorf Lützerath abzublasen.

Blickt man in die Geschichtsbücher, haben Wissenschaftler immer wieder den sicheren Elfenbeinturm verlassen und sich in die politische Arena gewagt. Schon bei der Rettung der Hainburger Au, die zum Gründungsmythos der österreichischen Umweltbewegung wurde, mischten Wissenschaftler mit. Historisch war etwa die "Pressekonferenz der Tiere" im Jahr 1984, in der Promis aus Politik und Zivilgesellschaft als Tiere verkleidet im Presseclub Concordia auftraten. In die Rolle des Purpurreihers schlüpfte damals der Ökologe Bernd Lötsch vom Institut für Umweltwissenschaft. Die Pressekonferenz markierte den Start des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens, das den Erhalt der Hainburger Au forderte. Den Namen dafür gab wiederum niemand Geringerer her als Österreichs berühmtester Zoologe, der 1973 den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte und sich schon gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf engagiert hatte. Konrad Lorenz war damit nicht allein. Schon 1970 hatten rund 60 Wissenschaftler und Ärzte im sogenannten "Ärztememorandum" gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf protestiert.

Wie gefährlich Expertenstimmen für Politiker werden können, zeigte sich jüngst im Streit um die Wiener Stadtstraße. Als Wiens Verkehrsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) Ende 2021 Klagsdrohungen an Klimaaktivisten verschicken ließ, die als Protest gegen die Straße mehrere Baustellen besetzt hatten, bekamen auch die Verkehrsforscher Barbara Laa und Ulrich Leth von der TU Wien Post vom Anwalt. Die beiden hatten sich zwar nie an der Besetzung beteiligt, aber als Experten öffentlich gegen das Straßenprojekt Stellung bezogen. Sowohl Leth als auch Laa standen nun auch vergangene Woche am Praterstern, solidarisch mit der Letzten Generation.

Ob die Wissenschaftler die Stimmung auch diesmal drehen können, bleibt ungewiss. Denn nationale wie internationale Umfragen zeigen, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung die Proteste der Letzten Generation und ihrer internationalen Schwesterorganisationen klar ablehnt. Nicht einmal die grüne Parteispitze stellt sich politisch hinter die Klimaaktivisten. Erst zum Jahreswechsel gab die Klimabewegung Extinction Rebellion (XR) in Großbritannien bekannt, keine Straßen mehr zu blockieren, sondern lieber Brücken zu Menschen bauen zu wollen. Ausgerechnet Extinction Rebellion hatte das Mittel der Straßenblockaden in der internationalen Klimaszene populär gemacht.

Können Solidaritätsbekundungen für radikale Klimaschützer in aufgeheizten Zeiten wie diesen also zum Bumerang für Wissenschaftler werden und deren Bild als unabhängige Experten beschädigen?"Unter der Annahme, und davon gehen wir aus, dass die Solidaritätsbekundungen auch wissenschaftlich fundiert sind, beeinträchtigt dies die Unabhängigkeit der Wissenschaft nicht", heißt es dazu seitens der Uni Wien. Auch die Universität für Bodenkultur Wien stärkt ihren Angestellten den Rücken: "Grundsätzlich steht es Wissenschaftlern -ebenso wie allen anderen Bürgern in Österreich - frei, sich politisch zu engagieren. Das ist mit dem Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit vereinbar, daher gibt es auch keine diesbezüglichen Compliance-Richtlinien."

Es gibt aber auch andere Beispiele. Rose Abramoff, die mit ihrem Kollegen Kalmus im Dezember die Bühne der American Geophysical Union (AGU) stürmte, zahlte für ihr zivilgesellschaftliches Engagement einen hohen Preis. Die AGU ließ nicht nur die Forschungsergebnisse von ihr und ihrem Mitstreiter aus dem Konferenzprogramm tilgen. Die Organisation beschwerte sich auch bei Abramoffs Arbeitgeber -dem Oak Ridge National Laboratory (ORNL), einem Wissenschafts-und Technologielabor, das dem Energieministerium untersteht. Das ORNL warf ihr daraufhin vor, sie habe staatliche Mittel missbraucht, indem sie auf einer Dienstreise einer privaten Tätigkeit nachgegangen sei und sich nicht an den Kodex der Forschungseinrichtung gehalten habe, erzählt Abramoff in einem Gastkommentar der New York Times.

Anfang Jänner feuerte das ORNL die Wissenschaftlerin. "Ich habe die Entscheidung, Aktivistin zu werden, nicht leichtfertig getroffen; mir war klar, dass mein Handeln Konsequenzen haben würde, und ich wusste, dass ich mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen musste", schreibt die Forscherin und Aktivistin, "aber Untätigkeit in dieser kritischen Zeit wird weitaus größere Konsequenzen haben."

in Falter 3/2023 vom 2023-01-20 (S. )

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Reihe Fachbücher
Erscheinungsdatum 09.03.2020
Umfang 240 Seiten
Format Gebundene Ausgabe
Verlag Falter Verlag
EAN 9783854396666