Ist der Journalismus am Ende?
Ideen zur Rettung unserer Medien

von Reinhard Christl

€ 19,90
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EAN: 9783854394839
Verlag: Falter Verlag
Umfang: 104 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.05.2012

Seit Jahren gefällt sich die Medienbranche darin, ihren eigenen Untergang herbeizureden und herbeizuschreiben. Die österreichische ist darin besonders virtuos. Doch ist der Journalismus wirklich am Ende?

Oder sind die Medien besser als ihr Ruf und hat der seriöse Journalismus eine große Zukunft? Reinhard Christl bietet Lösungen an, wie der Journalismus und die Medienbranche aus ihrer Kollektivdepression herausfindet. Wie sie so manche herbeifantasierte Pseudoprobleme als solche erkennen. Wie sie die wirklichen Probleme lösen können und in ein paar Jahren aus der angeblich größten Medienkrise aller Zeiten runderneuert und gestärkt hervorgehen.

Das Buch richtet sich an Praktiker: Journalisten, Chefredakteure, Medienmanager, Journalismus-Studierende. Aber auch an Leser außerhalb der Medienbranche, die ein wenig hinter die Kulissen des Journalismus blicken wollen.


Rezension aus FALTER 23/2012

Vergesst Grasser!

Die Journalisten hätten die Welt retten können, wenn sie nicht so sehr auf Society-News fixiert gewesen wären. Wir brauchen einen neuen Wirtschaftsjournalismus.

Wir hätten die Welt retten können und taten es nicht", schreibt die Wirtschaftsjournalistin Heike Faller in einem preisgekrönten Artikel im Zeit-Magazin, dem erhellendsten und ehrlichsten wirtschaftsjournalistischen Text, den ich in den vergangenen drei Jahren gelesen habe.
Die Wirtschaftsjournalisten hätten die Finanzkrise vorhersehen können, ja müssen, meint die Zeit-Journalistin. Es habe genügend Informationen gegeben, aus denen hervorgegangen sei, dass die US-Immobilienblase in Kombination mit den High-Risk-Geschäften vieler Banken die Welt in den Abgrund reißen würde. Es habe sich nur niemand für diese Informationen interessiert. Auch nicht unter den Wirtschaftsjournalisten. Und das, obwohl der US-Investor Warren Buffet schon 2003 die damals aufkommenden Finanzderivate als "Massenvernichtungswaffen" gebrandmarkt hatte.

Ich fürchte, Heike Faller hat Recht. Und mehr als das: Ich fürchte, der Politik- und Wirtschaftsjournalismus, wie wir ihn seit Jahrzehnten betreiben, passt nicht mehr zur Welt, wie sie sich heute, im Zeitalter der permanenten Finanzmarktkrise, präsentiert. Ich fürchte, Politik- und Wirtschaftsjournalismus müssen sich völlig neu erfinden, müssen neue Formen entwickeln, neue Sendungsformate, neue Arbeitsweisen.
Denn die Art und Weise, wie Politik gemacht wird, hat sich durch EU-Beitritt und Globalisierung massiv verändert; die Arbeitsweisen im Politik- und Wirtschaftsjournalismus aber haben, von wenigen lobenswerten Ausnahmen abgesehen, mit diesen Veränderungen nicht Schritt gehalten.
Die österreichische Innenpolitik ist in vielen Bereichen zur Folklore-Veranstaltung verkommen. Immer mehr politische Entscheidungen fallen heute auf EU-Ebene. Die Politik, vor allem die nationale, hat ihre Gestaltungskompetenz in vielen Bereichen verloren. Die wahren Mächtigen sitzen in den Investmentbanken, in den Unternehmen, in deren Lobby-Organisationen.
Macht und Einfluss eines österreichischen Bundeskanzlers sind heute weit geringer als etwa in den 1970er-Jahren – und das nicht nur, weil Bruno Kreisky ein anderes Kaliber war, als es Werner Faymann ist. Die EU-Entscheidungsprozesse wiederum sind so kompliziert, dass es oft unmöglich ist, sie in einem kurzen Tageszeitungsartikel oder in einem zweiminütigen "Zeit im Bild"-Beitrag verständlich zu erklären.

Das ist alles nichts Neues? Richtig. Aber während man mittlerweile in jedem Mittelschul-Lehrbuch für politische Bildung lesen kann, dass sich die Spielregeln der Politik massiv verändert haben, hat der Journalismus auf diese Veränderungen kaum reagiert beziehungsweise kaum reagieren können.
Denn eigentlich bräuchte es heute mehr Hintergrundberichte, mehr ausführliche politische Analysen, mehr Erklärung der komplexer gewordenen wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge – und damit mehr Geld, mehr Zeit zum Recherchieren und mehr Journalisten.
Stattdessen gibt es immer weniger davon. Immer weniger Journalisten stehen immer mehr PR-Leuten gegenüber. In den USA gab es 2009 über 240.000 PR-Leute, aber nur mehr rund 100.000 Journalisten. In Großbritannien kommt inzwischenauf drei PR-Leute ein Journalist. Britische Journalisten füllen heute dreimal so viele Seiten wie 1985. Nur zwölf Prozent ihrer Geschichten sind von ihnen selbst recherchiert, schreibt der Guardian-Journalist und Medienkritiker Nick Davies. Immer weniger Mitarbeiter in immer kleiner werdenden Redaktionen haben immer weniger Zeit, die Unmengen an PR-Material, mit denen sie überschüttet werden, zu hinterfragen und die Wahrheit dahinter herauszufinden.

Die Folge: Zumindest die intelligenteren unter den Lesern zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Medien. Und sie gewinnen immer öfter den Eindruck, dass es herzlich wenig bringt, sich etwa ein TV-Interview mit einem österreichischen Minister zur Finanzmarktkrise anzusehen. Denn erstens hat er keine Lösung anzubieten. Und zweitens spricht er über Dinge, die er selber bestenfalls halb, das Publikum oft gar nicht versteht: über EFSF, ESM, CDS, CDO und Acta.
Die Herausforderung für den Politik- und Wirtschaftsjournalismus der Zukunft lautet deshalb: Er muss es wieder schaffen, den Menschen die Welt zu erklären. Ihnen zumindest helfen, die komplizierten Vorgänge in und zwischen Politik und Wirtschaft ein wenig besser zu verstehen.
Deshalb müssen sowohl Politik- als auch Wirtschaftsjournalismus neue Wege gehen: Alle Politikjournalisten, nicht nur die, die sich schon jetzt dafür interessieren, müssen sich künftig mehr mit Wirtschaft beschäftigen. Denn fast jedes politische Interview mit dem Bundeskanzler, dem Finanz- oder dem Außenminister dreht sich heute mindestens zur Hälfte um Wirtschafts- oder wirtschaftsnahe Themen: um Budgetdefizite, Steuerreformen, EU-Rettungsschirme.
Und so wie die Politikjournalisten künftig besser über Wirtschaft Bescheid wissen müssen, müssen die Wirtschaftsjournalisten sich mehr mit Politik beschäftigen.
Wirtschaftsjournalismus war immer ein Minderheitenprogramm. Er richtete sich fast ausschließlich an Experten: Wirtschafts­treibende, Banker, Unternehmer, Manager. Wenn aber die Wirtschaft zunehmend die Politik und das Leben jedes Einzelnen bestimmt, muss der Wirtschaftsjournalismus aus dem Spezialisteneck heraustreten und mehr bieten als Special-Interest-Informationen für Experten. Er muss erklären, wie und warum die Wirtschaft die Welt regiert. Er muss beschreiben, welche Konsequenzen wirtschaftspolitische Entscheidungen für jeden Einzelnen haben: für sein Geld, seinen Job, seine Urlaubsreise, seine Kinder.

Die Wirtschaftsjournalisten waren lange Zeit eine, das erlaube ich mir als ehemals Angehöriger dieser Zunft selbstkritisch zu beurteilen, in sich geschlossene Community, die dazu neigte, sich im Insiderjargon auszudrücken. Das muss sich ändern. Gefragt sind künftig Formulierungen, die nicht nur Finanzexperten verstehen, sondern auch das Nicht-Fachpublikum.
"Der real existierende Wirtschaftsjournalismus benötigt mit Ausnahme ganz weniger internationaler Qualitätsprodukte eine ,Reset'-Taste", kritisiert der Schweizer Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Kurt Imhof. Und weiter: "Die generelle Nachrichtenwertorientierung des Wirtschaftsjournalismus hat zur Folge, dass spektakuläre Einzelereignisse und Personen-Skandale zu Lasten der Ursachen und Folgen komplexer Wirtschaftsvorgänge überbewertet werden."
Soll heißen: zu viele Society-News, zu wenig Hintergründe. Zu viel über KHGs & Fionas Societyauftritte, zu wenig über die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik. Zu wenig auch über die Vorgänge in jener Institution, die heute viel stärker als jede österreichische Regierung unsere Zukunft gestaltet: die EU.
Zugegeben, fast alles, was in der EU und in Brüssel passiert, ist extrem schwer zu journalistisch griffigen, lesbaren, vergnüglichen Geschichten zu verarbeiten. Man kennt die handelnden Personen oft nicht, sie sind meist weit weg, und alles ist noch viel komplizierter, als es sich Fred Sinowatz je hätte träumen lassen.
Aber die Vorgänge in Brüssel und Straßburg bestimmen unser Leben heute viel mehr als das Geschehen am Ballhausplatz und im Parlament. Also muss es gelingen, sie endlich spannender, lebendiger, lebensnäher zu beschreiben. Wie wäre es, als Anfang, mit einem EU-Wettbewerb für junge Journalisten? Die Aufgabenstellung: informative, vor allem aber spannende und unterhaltsame Storys zum Thema EU.
Vielleicht wird man auch, wie das in internationalen Medien bereits geschieht, nachdenken müssen, ob man nicht die Grenzen zwischen Politik- und Wirtschaftsressorts einreißt. Für Themen wie EU-Gipfeltreffen, Finanzmarktregulierung und Steuerreformdebatten wäre ein großes Politik-, Wirtschafts- und EU-Ressort wohl besser aufgestellt als jeweils separate journalistische Schrebergärten.

Egal, ob bei EU-Themen, Globalisierungsfragen oder internationalen Datenspeicherungsabkommen: Politik- und Wirtschaftsressorts müssen künftig mehr kooperieren. Sie müssen analytischer und hintergründiger arbeiten, ohne dabei zu langweilen. Wenn der politische Journalismus so etwas wie die vierte Gewalt bleiben will, muss er sich künftig in dieser Rolle um viel mehr kümmern als nur um Innenpolitik im klassischen Sinne.
Jörg Schönenborn, der Chefredakteur des Westdeutschen Rundfunks, hat das treffend beschrieben: "Die wirklich relevanten Enthüllungsgeschichten der Zukunft werden in der Wirtschaft, in den Entwicklungslabors von Forschung und Industrie und in der Behördenlandschaft der EU spielen."

Reinhard Christl in FALTER 23/2012 vom 08.06.2012 (S. 23)



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