Mister Austria

Mister Austria
Das Leben des Klubsekretärs Norbert Lopper – Fußballer, KZ-Häftling, Weltbürger

von Johann Skocek

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Auszeichnungen: Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2014 – Anerkennungspreis
EAN: 9783854395256
Verlag: Falter Verlag
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.06.2014
Reihe: Schöne Bücher

Norbert Lopper, der im April 2015 95-jährig verstorben ist, führte ein bewegtes Leben.

In Wien-Brigittenau als jüdischer Bub in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, war Fußball sein einziges Vergnügen, mit dem er während seiner Flucht über Belgien und Frankreich auch seinen Lebensunterhalt bestritt. Doch die NS-Vernichtungsmaschinerie holte ihn ein und deportierte ihn nach Auschwitz. Er überlebte das KZ und rettete dort seine Mutter und seinen Bruder vor dem Tod in der Gaskammer. Sein Vater und eine seiner Schwestern wurden ermordet.

"Ich habe Auschwitz überlebt. Ich wog nach der Befreiung ungefähr 40 Kilogramm und war Invalide, wollte aber unbedingt wieder Fußball spielen.“

Doch Norbert Lopper musste seine aktive Fußballer-Karriere beenden und wurde für fast drei Jahrzehnte der legendäre „Sekretär“ der Wiener Austria. In dieser Zeit gewann "sein" Club 19 Meister- und Pokaltitel. Er arbeitet mit dem größten österreichischen Fußballer nach dem Krieg, Ernst Ocwirk zusammen. Legenden wie Josef Hickersberger, Tommy Parits und Herbert Prohaska wurden in seiner Funktionsperiode zu Stars.

Der Fußball ist ein Ausdruck für die Sehnsucht des Menschen nach Gegenwelten zur Realität. Diese Sehnsucht ist so alt wie der Mensch. Lopper hat an Gegenwelten geglaubt, dieser Glaube hat ihm in mehrfachem Sinn das Leben gerettet. Denn das ist die Geschichte eines trotz größter denkbarer Widerwärtigkeiten freudvollen Lebens. „Ich habe keine Rachegedanken“, sagte er in einem der Gespräche über Zeiten und Welten, in denen er sich in den vergangenen 95 Jahren bewegt hatte.

Fotos von der Buchpräsentation am 7.7.2014 in Wien:

       

Fotos: Roman Zach-Kiesling



Rezension aus FALTER 28/2014

Der Mann mit den drei Leben

30 Jahre lang war Norbert Lopper der "Sekretär" der Wiener Austria. Zum 95. Geburtstag erschien ein Buch über sein bewegtes Leben.

Sekretäre wie Norbert Lopper werden nicht mehr gemacht. Nicht nur der Fußball, der den alten Herrn Zeit seines Lebens beschäftigte, wird heute von Managern, Agenten, Spindoktoren, Scouts, Netzwerkern, Interessenvertretern, Experten, Meinungsbildern, Vertrauten, Beauftragten und Budgetverantwortlichen verwaltet und gestaltet. Norbert Lopper war schlicht der "Herr Sekretär". Er führte die Wiener Austria von 1956 bis 1983 und erledigte alles, von der Lohnauszahlung bis zur Organisation von Tourneen. Vergangene Woche feierte Lopper seinen 95. Geburtstag. Er wäre der Erste, der die Legende von den "guten alten Zeiten" als kindisch zurückweisen würde.
Wer wüsste besser als er, dass die früheren Zeiten vor allem harte Zeiten waren. In Loppers Leben finden sich die kennzeichnenden Motive von Österreichs Zeitgeschichte. Er ist Jude und wurde nach dem "Anschluss" vertrieben, er überlebte Auschwitz, sein Vater und eine Schwester wurden ermordet. Er lebte nach 1945 in Brüssel, kehrte 1953 als Weltbürger, der innerlich Frieden mit seiner Heimatstadt gemacht hatte, nach Wien zurück. Als Teil eines europaweiten, ja weltweiten Netzwerks arbeitete er für die Wiener Austria und den geliebten Fußball. Bis heute spürt er keine Rachegelüste. "Hätt ich mich sollen erschießen und nicht zurückgehen? Ich habe der Austria so viel zu verdanken", sagte er in einem der Gespräche, die wir für seine Biografie führten.
Als Lopper das Klubbüro von seinem Vorgänger, einem ehemals berühmten Austria-Kicker, übernahm, befanden sich in der Kassa weniger Schilling, als 50 Jahre später einen Euro ausgemacht hätten. Die Schulden waren dem Anspruch eines europaweit agierenden Fußballklubs angemessen.

Im Sommer 1966 kaufte die Austria einen Am­stettner Maturanten namens Josef Hickersberger. Fast 50 Jahre später erinnerte der sich an die ersten Tage in der großen Stadt und bei dem großen Verein mit dem weltberühmten Trainer Ernst Ocwirk. "Das Büro der Austria war in der Annagasse, einer Seitenstraße von der Kärntner Straße", erzählt Hickersberger. "Ein finsteres Kammerl, dort hat es nur den Norbert Lopper gegeben, der hat alleine alles gemacht, Finanz, Buchhaltung, Verträge, monatliche Auszahlungen von Fixum und Prämien, Kartenverkauf, Spiele organisiert, Reisen organisiert. Sein Tag muss mehr als 24 Stunden gehabt haben."
Norbert Lopper baute die Austria zur bestimmenden Größe neben und viele Jahre auch vor der Rapid im österreichischen Fußball auf. Er selbst war ein talentierter Fußballer gewesen, dessen Karriere an der Verfolgung durch die Nazis zerbrach. Das Auge des Sekretärs, geschult an Größen wie Matthias Sindelar, Ernst Ocwirk, Karl Stotz, Walter Schleger, Vogerl Geyer, Ernst Stojaspal oder Horst Nemec, erkannte Begabungen wie eben Hickersberger, Thomas Parits, Walter Schachner, Hubert ­Baumgartner, Friedl Koncilia und Herbert Prohaska in der Sekunde. Und er sagte den Herren Trainern, unter denen sich Fachleute wie Wudi Müller, Karl Stotz, Ernst Ocwirk, Karl Schlechta und Hermann Stessl fanden, welche Kicker zu kaufen wären.
Unter der schützenden Hand des Austria-Geschäftsführers und späteren Präsidenten Joschi Walter, der den Klub in einer Art von gemeinnützigem Absolutismus (wenn er die Herren Vorstandsmitglieder zur Abdeckung des Jahresdefizits "einteilte") führte, konnte sich Lopper entfalten. Die legendäre 78er-Mannschaft, die das Finale des Cupsiegercups gegen Anderlecht 0:4 verlor und im darauffolgenden Jahr erst im Halbfinale des Meistercups scheiterte, gehört zu Loppers Vermächtnis.

Im Juli 1919 kam Norbert Lopper als zweites von fünf Kindern eines Vertreters und einer Näherin in Wien zur Welt. Der Erste Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen, das Imperium der Habsburger zerfallen, in Wien herrschten Angst, Elend, Hunger, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung. "Ich war ein schlechter Schüler, aber gut in Turnen", sagt er. In der Brigittenau nahe dem Augarten, wo viele arme Leute, unter ihnen viele Juden, in finsteren Mietskasernen wohnten, entwickelte er mit dem Fetzenlaberl und, falls ein Bub aus besseren Verhältnissen darum bat, mitspielen zu dürfen, dem gelegentlichen Gummiball, seinen Lebens­traum: Fußballer. Er war 16, da holte ihn die Hakoah, Meister von 1925 und eine der berühmtesten Fußballmannschaften des Kontinents. Mitten in den sich zur Hysterie steigernden sozialen Spannungen und den auch auf Fußballplätzen üblichen antisemitischen Ausfällen und Attacken spielte Lopper Fußball und vergaß alles um sich herum.
1938 war es in Wien jedoch nicht mehr auszuhalten, Österreich wurde unter dem Jubel der Wiener an das Deutsche Reich angeschlossen. Die Familie Lopper flüchtete nach Brüssel. Lopper heiratete Rebecca Cige, die Wehrmacht besetzte Belgien. Im August 1942 wurde das Ehepaar nach Auschwitz deportiert, Rebecca starb nach wenigen Wochen, Norbert überlebte.
Eines Tages im Jahr 1944 schaufelte er mit einem Arbeitskommando Erdäpfel von einem Lastzug auf die Lager-Lkw, als ein Häftlingstransport auf dem Nebengleis hielt. Loppers Bruder Herbert und seine Mutter befanden sich in einem der Viehwaggons. Der SS-Arzt Josef Mengele selektierte die Neuankömmlinge, die meisten schickte er ins Gas, wenige ins Lager zum Arbeitsdienst. Herbert wurde zum Arbeitsdienst geschickt, Loppers Mutter sollte ermordet werden. Doch mit Hilfe von Mithäftlingen trickste Lopper Mengele aus, die Mutter ging ins Lager.
Lopper stand mit wichtigen Häftlingen und auch mit einigen SSlern auf gutem Fuß. Einer von ihnen, Richard Böck, half Lopper Wochen später, die Mutter auf einen Transport in eine polnische Glühlampenfabrik zu bringen. Dort überstand sie den Krieg und kehrte anschließend mit den überlebenden Familienmitgliedern nach Wien zurück. Eine Schwester Loppers und die beiden Brüder hatten ebenfalls überlebt.
Lopper selbst ließ sich vorerst in Brüssel nieder, wo er für den größten Fußball­agenten Europas, Julius Ukrainczyk, arbeitete und sich ein europaweites Netzwerk von Klubmanagern und Kickern aufbaute. Ferenc Puskás, Kapitän von Ungarns Goldenem Team, das bei der WM 1954 im Finale der deutschen Elf 2:3 unterlag, war Loppers Freund.

Wie mancher Politiker aus seiner Zeit ist auch Norbert Lopper Repräsentant einer Epoche, die europäischer dachte und handelte als manche ihrer Nachfolger. Die geistig-politisch-sportliche Selbstbeschränkung hat Österreich erst seit dem EU-Beitritt Mitte der 1990er-Jahre langsam überwunden. Die Fußballkultur freilich hat sich von der Erdrosselung durch die Nazis nie wirklich erholt. Der kreative Austausch mit den großen Klubs aus Prag und Budapest wurde abgewürgt, der Eiserne Vorhang fixierte den Zustand bloß.
Der Kauf der beiden Uruguayer Julio Morales und Alberto Martinez im Winter 1972 gehört zu den größten Coups Loppers. Seit damals suchen auch österreichische Vereine über die Grenzen Europas hinaus nach kostengünstigen Fachkräften. Der in Montevideo lebende Cousin Loppers, Kurt Blau, hatte geschrieben, dass Uruguays Fußballvereine vor der Zahlungsunfähigkeit stünden und demnächst Spieler "auf Weltniveau" zu haben seien. Lopper entschied sich für Morales und Martinez, die zusammen mit Handgeld und Ablöse 68.000 Doller kosteten. Die "Urus" reisten zum Wintertrainingslager 1972/73 an. Herbert Prohaska, damals auch erst seit einem halben Jahr bei der Austria, erinnert sich: "Am Abend war alles grün, in der Früh war alles weiß. Die haben den Schnee angegriffen, als hätten sie Gold gefunden."
Gold gefunden hatte Lopper. Prohaska war ihm bei einem Probespiel des Teams gegen den Simmeringer Wiener Liga-Verein Ostbahn XI aufgefallen. Prohaska dribbelte die Teamkicker vor den Augen von Teamchef Leopold Stastny schwindlig. In der Pause brüllte Teamlibero Sturmberger durch die Kabine: "Waun brecht's dem Dirren endlich die Fiaß?" Das Team gewann 1:0. Mit Massel.
Bei der Vertragsanbahnung mit dem Mechanikerlehrling Prohaska durfte Karl Stotz daneben sitzen, damit der goscherte Simmeringer Schlacks angesichts des Ex-Internationalen und Trainers ergriffen und bescheiden gestimmt sein möge. Der Plan funktionierte, auch wenn Prohaskas Bescheidenheit sich in Grenzen hielt. Der Rest ist Geschichte.

Johann Skocek in FALTER 28/2014 vom 11.07.2014 (S. 32)

Leserstimmen

Faszinierend wie Zeitgeschichte vom Fußball.Geschehen aus dokumentiert wird. (Mag. Matha V., Tulln)

Ein tolles Buch, welches längst fällig war. (Thomas M., Wien)

Ein ausgezeichnetes Buch (Elisabeth P., Klosterneuburg)

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