Unterirdisches Wien
Ein Führer in den Untergrund Wiens. Die Katakomben, der Dritte Mann und vieles mehr.

von Berndt Anwander

€ 25,50
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EAN: 9783854392583
Verlag: Falter Verlag
Umfang: 2. Auflage, mit 160 Fotos von Thomas Reinagl, 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000
Reihe: Kultur für Genießer

Der Stadtführer aus dem Falter Verlag führt in den Wiener Untergrund und zeigt die Stadt aus einer völlig ungewohnten Perspektive. Das Buch beschreibt Grüfte, Keller und Tunnel, die noch weitgehend unbekannt sind, aber auch jene unterirdischen Passagen und Orte, die man tagtäglich benützt, ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken. Teils einzigartige Fotos dokumentieren die Streifzüge durch die Tiefen der Stadt und bieten interessante Einblicke in deren Innenleben. Geschichten, Legenden und Sagen ergänzen die Reise durch Wiens „Unterstadt”.


Rezension aus FALTER 44/2011

Die Stadt, die niemand kennt

Bunker, Keller und Skelette: Eine Gruppe junger Wiener erforscht, was seit Jahrzehnten verborgen im städtischen Untergrund liegt

Abgesehen von Thomas Keplinger und seinen Freunden hat diesen Ort wohl seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr betreten. Die massive Stahltür liegt, weit geöffnet, halb unter Schutt und Herbstlaub vergraben. Keplinger klettert hindurch, in einen wohnzimmergroßen Raum mit Betongewölbe. Holzlatten entlang der Wand deuten darauf hin, dass hier einmal Sitzreihen waren. Am Boden liegen rostige Trümmer und der Schädel eines Hundes. Ein halb verschütteter Seitenraum war einmal das Klo. Keplinger wirft den Strahl seiner Taschenlampe an die Wand. "Susi und Sepperl" ist da in altertümlicher Handschrift geschrieben. "Du bist so lieb." Alte Inschriften, sagt Thomas Keplinger, würden ihn besonders faszinieren. Etwas weiter stehen große Druckbuchstaben neben einem Pfeil: "Vergiftete Kleidung abwerfen."
Warum die Kleidung vergiftet war und was dieser Weltkriegsbunker in einem Waldstück am dünn besiedelten Stadtrand von Liesing überhaupt sollte, weiß heute niemand mehr. Einzig eine rechteckige Senke neben ihm lässt darauf schließen, dass hier ein Gebäude stand. "Vielleicht", mutmaßt Keplinger, "gehörte der Bunker ja zu einem Labor, in dem mit Giftstoffen hantiert wurde."

Keplinger, 37, im Brotberuf PR-Angestellter, ein schlaksiger Mann mit umgehängter Kameratasche und Wanderstiefeln, gehört zu einer Gruppe namens "Verborgene Räume". Das sind im Kern acht bis zehn Leute, mit und ohne wissenschaftlichen Hintergrund, die seit zwei Jahren den Wiener Untergrund erforschen und Faszination an ihm wecken wollen. Zum eigenen Schutz und zu jenem der Objekte ihrer Wissbegierde haben sie sich dabei eine Art Kodex auferlegt. Zwei voneinander unabhängige Lichtquellen muss ein Mitglied der Verborgenen Räume stets bei sich tragen. Vor Ort darf nichts verändert oder gar mitgenommen werden, lediglich fotografiert. Auch der Falter nennt keine genauen Ortsangaben, um die Stätten vor Vandalen und Sprayern zu schützen.
Hinweise auf interessante Orte beziehen Keplinger und Kompagnons aus Internetforen. Dort tobt mitunter eine erbitterte Debatte darüber, ob denn mehr dahinter sein könnte, wenn ein Stück Feldweg an Wiens Peripherie unvermittelt asphaltiert ist. "Das Tolle an unserer Beschäftigung ist", sagt Keplinger, "dass man aus einer scheinbar vertrauten Umgebung sofort in eine komplett andere Welt abtaucht." Er meint eine Welt aus vergessenen, zufällig liegengebliebenen Fetzen, die Geschichten erzählen. Eine Nische ohne offenkundigen Zweck, ein rostiger Haken an der Wand. Ein altes Holzfass, ein Flugblatt aus der Zwischenkriegszeit. "Bei uns vermischen sich Forschungsinteresse und Erlebnisfaktor", sagt Georg Demmer, 28, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume. "Es sind kleine Dinge, die in die Vergangenheit führen."
Vereine, die den Untergrund erforschen, sind in den vergangenen Jahren in vielen Städten Europas aufgetaucht. In Hamburg, Berlin, Paris und Rom können Interessierte mittlerweile sogar unterirdische Theateraufführungen und Thementage buchen. In Osteuropa streifen Passionierte durch die bröckelnden Hinterlassenschaften von forcierter Industrialisierung und Kaltem Krieg. In Wien hingegen ist die Bewegung noch am Anfang.
Ende 2010 erregten Thomas Keplinger und seine Freunde erstmals Aufsehen. Im dritten Bezirk entdeckten sie ein ganzes Schwimmbad wieder, von dem man zwischenzeitlich schon gedacht hatte, es existiere nicht mehr.

1888 errichtet, ist das Beatrixbad in der Linken Bahngasse das älteste der Stadt. Einst hat der jüdische Sportverein Hakoah hier trainiert, nach dem 2. Weltkrieg geriet der Ort aber in Vergessenheit. Bis Keplinger 2010 durch das Fenster der Schnellbahn über einem Haus einen Turm erblickte, der nur auf eine dampfbetriebene Einrichtung hindeuten konnte. In Kooperation mit dem Hauseigentümer und dem Bezirksmuseum grub er sich danach zwei Monate lang durch den Keller. Er entdeckte einen Grundwasserbrunnen, eine alte Pumpe, gar zwei Schrotflinten und Revolver aus dem 19. Jahrhundert, die wohl 1945 hier versteckt worden waren. Jetzt soll das Schwimmbad mit dem Ziegelgewölbe und dem Marmorbrunnen behutsam renoviert werden und als Teil eines Fitnessstudios seinen alten Zweck wiedererlangen.
Praktisch jede freie Minute streift Thomas Keplinger durch die Stadt. Er erzählt von Kellerabteilen, die zur Zeit der großen Wohnungsnot im frühen 20. Jahrhundert als Einzimmerwohnungen dienten und bis heute über Türschild, Luster und Tapeten verfügen. Am Cobenzl in Döbling – einem seiner Lieblingsorte in der Stadt, wie er sagt – erforscht er die Reste einer 1931 errichteten Skisprungschanze und eines Schlosses, von dem heute nur noch die breite Treppe existiert. Manchmal muss man auch gar nicht erst in verborgene Orte vordringen, um Unerwartetes und Zweckentfremdetes zu entdecken: Keplingers Kollege Georg Demmer erzählt etwa vom Designermöbelgeschäft Roche Bobois in der innerstädtischen Wipplingerstraße. Früher beherbergte das Gebäude eine Bank – sodass man schicke Accessoires bis heute hinter den Panzertüren des Tresorraums besichtigen kann. Außerdem liegt unter einer Glasscheibe im Untergeschoß ein römisches Skelett, Überbleibsel jenes antiken Friedhofs, der sich gleich hinter den Mauern des Heerlagers Vindobona, nahe des heutigen Tiefen Grabens erstreckte.

Ein Anzugträger, der gerade mitten in der Innenstadt aus einem Barockhaus tritt, schöpft nicht weiter Verdacht, als ihm in der Hauseinfahrt Keplinger, Demmer und andere Unbekannte entgegenkommen. "Die Leute in Wien sind diesbezüglich ziemlich okay", sagt Demmer. "Sie werden nicht gleich misstrauisch." Er betritt ein Haus mit altertümlichen Pawlatschen, das über zwei Kellergeschoße untereinander verfügt. Wer über steile Stufen ins untere der beiden hinabsteigt, findet ein Labyrinth an hohen Räumen und Gängen. Manche enden im Nirgendwo, an einer Wand aus Erdreich. Andere verengen sich zu Kriechgängen von kaum einem halben Meter Höhe. Auch ein etwa 15 Meter tiefer Grundwasserbrunnen findet sich im Keller. "Man darf diese alten Keller nicht mit modernen Augen sehen", erklärt Keplinger. "Einerseits gab es damals keine Auflagen beim Bau, also wurde einfach gegraben. Andererseits hatten Keller mehr Funktionen als heute. Zum Beispiel auch jene eines Verstecks im Kriegsfall."
In der oberen der beiden Kelleretagen führt ein Mauerdurchbruch in den Keller des Nachbarhauses. "Zum Luftschutzraum" steht neben der Luke an die Wand gepinselt. Die Nationalsozialisten hätten Keller miteinander verbunden, um bei Bombardements Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, sagt Keplinger. Daraus resultiere auch die Urban Legend, dass man durch Wiens Keller unterirdisch die halbe Stadt durchkreuzen könne. "Tatsächlich wurden die meisten Durchbrüche später wieder zugemauert." Nur in wenigen Fällen, etwa unter der Wollzeile, blieben Verbindungen bestehen.
Nicht nur in Form von Kellern überzog das Naziregime die Stadt mit einer umfassenden Schutzinfrastruktur für Luftangriffe, die, kaum fertiggestellt, schon wieder funktionslos und vergessen wurde. Die sechs Wiener Flaktürme sind nur augenfälligster Ausdruck zahlreicher Bunker und Unterstände in der ganzen Stadt. Viele bergen Aufschlussreiches: So erkundete eine Gruppe um den Historiker Marcello La Speranza, ebenfalls Mitglied der Verborgenen Räume, einen Bunker im Anne-Carlsson-Park am Alsergrund. Als man eine Toilettenmuschel freilegte und umdrehte, fielen Hakenkreuznadeln und NSDAP-
Parteiabzeichen heraus. Schutzsuchende im Bunker wollten sie in den letzten Kriegstagen offenkundig das Klo hinunterspülen, als draußen bereits russische Soldaten durch die Straßen zogen.
Ein weiterer Luftschutzraum, zu dem Thomas Keplinger führt, wurde als Stollen in eine Felswand in Liesing getrieben. Für hunderte Menschen muss der Platz in dem langen Schachtsystem damals gereicht haben. Warum im dörflichen Rodaun Bedarf dafür bestand und ob die Anlage – wie damals gängig – von Zwangsarbeitern errichtet wurde, weiß man heute nicht mehr. Nach dem Krieg jedenfalls wurde der Einstieg zugemauert, bis ihn irgendwann jemand wieder aufbrach.
Wer heute durch die schmale Luke klettert, findet sich in einem feuchten, dunklen Schacht wieder. Einrichtungsgegenstände wie im Anne-Carlsson-Park sucht man hier vergeblich, dafür ragen hunderte verrostete Stangen aus dem Fels, Halterungen für Sitzbänke. Altertümliche Keramikisolatoren künden von einer einstigen Elektrizitätsversorgung. Ganz am Ende eines Gangs schlafen zwei Menschen in Schlafsäcken. Es müssen Obdachlose und Betrunkene sein, die hier im stockdunklen Schacht übernachten und weder auf Zurufe noch auf den Schein der Taschenlampen reagieren. "Zum ersten Mal, seit ich in der Unterwelt herumklettere, treffe ich Menschen", sagt Keplinger erstaunt, als er wieder aus dem Stollen steigt. "Es soll auch einen zweiten Schacht hier in der Nähe geben. Das habe ich in einem Forum gelesen, allerdings haben wir ihn bis jetzt nicht gefunden."

Die Verborgenen Räume wollen nun Schritte in Richtung Professionalisierung setzen. Eine quartalsmäßig erscheinende Vereinszeitung soll über aktuelle Entdeckungen berichten, eine Homepage die Vernetzung mit Unterweltfans anderer Städte vertiefen. "Erfassen, dokumentieren, erhalten" sei das Ziel, sagt Keplinger. Auch könne man sich vorstellen, wie anderswo Führungen durch den Untergrund zu veranstalten, "aber das liegt noch in weiter Ferne".
Mittlerweile hat er einen weiteren Bunker erreicht, in einem Waldstück in Floridsdorf. Die Einstiege in den gewundenen Stahlbetonschlauch sind derart von Unterholz überwuchert, dass man sie kaum sieht. Drinnen lassen Inschriften wie "Telefonist" oder "Feuerwehr" die einstige Arbeitsteilung erahnen.
Früher befand sich rund um diesen Bunkerschlauch eine große Fabrik für Flugzeugteile, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg existierte. Von den Werkshallen, Arbeiterunterkünften und Löschteichen wurden allerdings im Jahr 2002 die letzten Reste beseitigt. Einzig den Bunker scheint man übersehen zu haben. Rundherum wachsen heute Bäume und Sträucher, als hätte es nie ein Fabriksgelände gegeben. Nur einige asphaltierte Flecken auf dem Waldboden zeigen die Fundamente jener Gebäude an, die einst hier standen. Thomas Keplinger legt eine rechteckige Asphaltfläche frei, indem er Laub und Erde mit dem Schuh beiseite schiebt. "Solche Sachen muss man sich immer ganz genau anschauen", sagt er. "Sie könnten verraten, dass es hier irgendwo noch mehr gibt."

Josef Gepp in FALTER 44/2011 vom 04.11.2011 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Geheimnisvolle Unterwelt von Wien


Rezension aus FALTER 38/2008

Die Stadt unter der Stadt

Wenn Josef Gottschall die Hand hebt und seinen Zeigefinger über den Karlsplatz kreisen lässt, dann werden sie plötzlich sichtbar, all die Deckelchen und Deckel, die man sonst nicht einmal übersieht. Sie sind groß oder klein, aus Metall oder Beton, vergittert oder verschlossen. Verteilt über den ganzen Platz müssen es rund 100 sein. Josef Gottschall, 38, Sprecher von Wien-Kanal, kennt sie alle. "Wasserleitungsschieber. Kanaldeckel. Kabelzieherschächte. Fernwärmeingänge", zählt er auf. Sein Finger hüpft von einem zum nächsten. "Telefon. Straßenbahnsignalanlagen. Stromkabel. Gasrohre." Der Karlsplatz ist voller kleiner Pforten in den Untergrund, wenn man nur darauf achtet. Und sein Metier, das Wiener Kanalnetz, sei nur eines von vielen. Der Finger sinkt nach unten. "Sie können sich gar nicht vorstellen", sagt Gottschall, "was so alles unter dieser Stadt liegt."
Es sind zehntausende Kilometer Leitungen und Rohre, die den Wiener Boden durchkreuzen. Eine Stadt unter der Stadt, in Etagen übereinandergeschichtet, eng, stickig, stinkend und für Menschen weitgehend unzugänglich. Die stillen Dienste dieser Infrastruktur machen das moderne Leben erst möglich. Wasser, Fernwärme, Gas, Telekommunikation, Abwasser, Strom – sogar ein paar alte Rohrpoststrecken finden sich noch. Der Stadtmensch dreht am Hahn und lässt die Therme anspringen, wenn er sich die Zähne putzt. Er klappt den Laptop auf und schaut sich YouTube-Videos aus den USA oder Japan an. Er setzt damit weitreichende – manchmal weltumspannende – Bewegungen oder Datenflüsse in Gang. Das Gas wird in Sibirien aus der Erde gepumpt, das Wasser kommt aus den niederösterreichischen Alpen, das Video wird in einem Arbeitszimmer in Tokio hochgeladen. Ohne ein Netz aus Millionen von Kabeln und Rohren, hinter jeder Wand, unter jeder Straße, wäre die Stadt nicht Stadt. Die Morgentoilette würde dann im nächsten Bach stattfinden, und das Mittagessen müsste im Vorgarten geschlachtet werden. Stattdessen fällt dem Städter gar nicht mehr auf, was alles dazugehört, damit sein Leben so einwandfrei funktioniert. Zumindest meistens.
Denn manchmal meldet sich das lebensnotwendige Netz wie ein beleidigter Gott zu Wort. Dann bricht in New York brennendes Gas durch die Asphaltdecke. Oder in München versinkt ein Bus in einer kollabierenden Straße. Oder in Wien-Hietzing verwandelt sich urplötzlich eine ganze Straße in einen reißenden Fluss. Das Netz erfordert permanente aufwendige Wartung. Sonst rächt es sich. Vor der Hurrikankata-
strophe in New Orleans 2005 wollte niemand die Millionen für die Renovierung der baufälligen Dämme ausgeben. Danach bereute man diese Entscheidung bitter. Infrastruktur ist nicht sexy. Lieber geben Städte ihr Geld für das neue Hochhaus des weltweit renommierten Stararchitekten aus. "Die globale Infrastruktur befindet sich im Niedergang", warnten kürzlich die Analysten des amerikanischen Technologieberatungskonzerns Booz Allen. Die Modernisierung der morschen Lebensadern würde laut Bericht innerhalb der nächsten 25 Jahre weltweit rund 40 Billionen Dollar kosten. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben betrugen im Jahr 2006 etwas mehr als eine Billion Dollar.
Vor einem Monat schien es so, als würde dieser düstere Befund auch für Wien gelten. Nahe der Lainzer Straße in Hietzing brach ein Wasserrohr. Es war eine von drei Hauptleitungen in Wien, mit fast einem Meter Durchmesser. 19 Millionen Liter Hochquellwasser – das entspricht dem Inhalt von fast 130.000 Badewannen – flossen stundenlang über die Straße. Autos und Baucontainer schwammen fast davon. Die Feuerwehr evakuierte vier Häuser, weil ein Baukran auf sie zu fallen drohte. Eine eilig improvisierte Verkehrsumleitung schickte die Autofahrer über Umwege erst recht wieder in die überschwemmte Lainzer Straße. Es war ein eindrucksvolles Beispiel, wie schnell das alltägliche Stadttreiben in Chaos und Panik umschlagen kann. Die Gemeinde nennt einen Fabriksfehler am gusseisernen Rohr als Unfallursache. Kritiker widersprechen und geben den ÖBB die Schuld, die nur 100 Meter von der Unfallstelle einen Bahntunnel errichtet. Das erste Teilstück des Lainzer Tunnels wurde nur Stunden vor dem Rohrbruch fertiggestellt. Der Bau der Zugstrecke habe Veränderungen im Boden bewirkt, sagt der Geologe Josef Lueger. "Um den Tunnel zu bauen, hat man Grundwasser abgepumpt. Deshalb senkt sich der Untergrund. Und wenn diese Senkung zu intensiv wird, kann es zu Rohrbrüchen kommen." Die ÖBB nennen diesen Zusammenhang "völlig unmöglich". Fest steht jedoch, dass sich Störungen in diesem Gebiet häufen. Gleich am Tag nach dem Unfall brach erneut ein Rohr – keinen halben Kilometer entfernt, in der Veitingergasse beim Lainzer Tiergarten.
Der Vorfall zeigt, dass drei Meter unter der Stadt alles mit allem zusammenhängt. Nichts ist isoliert, alles beeinflusst einander. Kanalrohre, die im Winter nicht zufrieren sollen, müssen tiefer liegen als etwa Fernwärmeleitungen, die Heizkörper mit Heißwasser versorgen. Zu Frühlingsbeginn führt das Tauwetter zu Spannungen im Boden, mit regelmäßigen Wasserrohrbrüchen als Folge. Der Verkehr an der Oberfläche verursacht gefährliche Schwingungen im Untergrund. Und wenn Gemeindegärtner Bäume pflanzen, müssen sie aufpassen, dass die feinen Verästelungen der durstigen Wurzeln nicht durch Nahtstellen in die Kanalrohre dringen.
Baumbewuchs, Verkehrsfrequenz oder die Lage anderer Leitungen sind keine unwichtigen Details. Nicht auf sie zu achten, kommt langfristig teuer: In der serbischen Hauptstadt Belgrad beispielsweise versickert rund ein Drittel des Trinkwassers aus undichten Leitungen – in Wien ist es nur ein Zehntel. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia erkennt man im Winter an geschmolzenen Linien im Schnee, wo die Fernwärmeleitungen verlaufen – dementsprechend kühl bleibt die Heizung in so manchem Plattenbau. "Wenn die Stadt funktionieren soll, ist es ein irrsinniger Aufwand, dieses ganze Sammelsurium an Leitungen in Schuss zu halten", sagt Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. "Denken Sie nur an die vielen Zuleitungen unter den Gehsteigen. Die führen zu jedem einzelnen Haus." Diese Zuleitungen zweigen von den Hauptrohren unter der Straße ab. Bei Reparaturarbeiten sieht man sie manchmal: kleine gehsteigbreite Baugruben, aus denen in rund einem Meter Tiefe ein schmutzverkrustetes Bündel aus Telefon-, Wasser-, Kanal-, Strom- und Gasleitungen lugt. "Die Straße ist voll", sagt Knoflacher. In solch einem Gewirr noch auf- oder umzugraben erfordert Koordination. Bei der MA 28 für Straßenverwaltung und Straßenbau liegt der zentrale Leitungskataster für Wien. Wer graben will, braucht das Einverständnis des Magistrats. Wenn zum Beispiel die Wien Energie Gasnetz GmbH ein neues Rohr verlegen möchte, konsultiert die MA 28 alle möglichen Betroffenen und holt Stellungnahmen ein. In langen Gesprächen – Beamtendiktion: Einbautenbesprechungen – führen die Gasexperten dann aus, warum und wo sie eine neue Leitung brauchen. Erst danach beginnt die Arbeit. Jeder einzelne Wiener Straßenkilometer wird durchschnittlich fünfmal pro Jahr aufgegraben. Die Konsequenz sind die allgegenwärtigen länglichen Baugruben – wienerisch: Künetten –, die das Stadtbild prägen. Sie quälen Autofahrer, und ihr Presslufthammerlärm reißt Nachtmenschen in der Früh aus dem Schlaf. "Das kann schon eine mühsame Gschicht sein", sagt Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall.
Gottschall steigt über eine eiserne Wendeltreppe am Karlsplatz in den Untergrund. Die Stufen führen in die beiden sogenannten Cholerakänale, die im Jahr 1836 links und rechts des Wienflusses errichtet wurden. "Das sind die ältesten Wiener Kanäle, die noch in Betrieb sind", sagt er. "Das Wiener Leitungssystem hat eigentlich mit einer Krankheit begonnen. Denn bevor was passiert, macht man ja eh nix." 1830 brach in Wien eine schwere Choleraepidemie aus. Grund war die Wasserversorgung: Mit einer einzigen Ausnahme – dem Kaiserhof – wurde in dieser Zeit die ganze Stadt über Hausbrunnen versorgt. Müll und Fäkalien deponierte man am nächstgelegenen Bachrand. Im Normalfall schwemmte das Wasser den Schmutz einfach in die Donau. Bei Hochwasser jedoch gelangte er zurück in die Brunnenschächte. Nichtsahnend tranken die Menschen das verschmutzte Wasser. Tödliche Darminfektionen waren die Folge. Bis 1836, als die Stadt jenen ersten großen Kanal errichtete, der von nun an Fäkalien verlässlich und rasch zur Donau – und später in Kläranlagen – spülte. Mehr als 100 Jahre später sollten die breiten Gänge durch Orson Welles' "Der Dritte Mann" weltberühmt werden. "Abgesehen von den beiden Weltkriegen", sagt der Pressesprecher, "wird am Wiener Leitungsnetz seit 1836 eigentlich permanent gebaut."
In den alten Gewölben unter dem Karlsplatz riecht es nach Malz. "Abwässer von der Ottakringer Brauerei", erklärt Gottschall. Ein einstiges Bächlein aus dem Wienerwald – der Ottakringer Bach – wurde vor langer Zeit überplattet und zum Kanal umfunktioniert. Bis heute schwemmt es die Abwässer des Arbeiterbezirks bis unter den Karlsplatz. Ratten haben die Schautafeln angeknabbert, auf denen sich Cineasten über die Entstehungsgeschichte von "Der Dritte Mann" informieren können. Unweit davon wälzt sich der unterirdische Wienfluss durch ein breites, 100 Jahre altes Stampfbetongewölbe. Sie regen die Fantasie an, diese alten Kanäle – repräsentativ für die Stadt sind sie allerdings nicht. "Die meisten Leitungen werden heute erdverlegt", sagt TU-Professor Knoflacher. Das heißt: Erde auf, Rohr hinein, Erde zu. Die Feuchtigkeit des Bodens und der Rost führen dann dazu, dass viele Rohre in Wiener Baugruben so zerfressen aussehen, als würden sie gleich in Stückchen zerfallen. Das sei allerdings ein falscher Eindruck, sagt Knoflacher: "Die Wartung in Wien läuft effizient." Gasrohre etwa wirken zwar von außen angegriffen, bei sorgfältiger Wartung halten sie aber rund 100 Jahre. Die Gemeinde lässt sich den Aufwand einiges kosten: 500 Mitarbeiter sind beispielsweise allein für das 2300 Kilometer lange Kanalnetz verantwortlich. 15 Tonnen Schutt befördern sie täglich aus dem städtischen Untergrund. Der TU-Professor plädiert dennoch für den Einsatz von – jede Branche ist so ansprechend wie ihre Terminologie – "Infrastruktursammelkanälen". Die Idee dahinter ist, dass alle Leitungen in einem trockenen und beleuchteten Schacht zusammengefasst sein sollten. "Dann hält alles länger", sagt Knoflacher. Dafür sind die Errichtungskosten der Sammelkanäle immens. Einsparungen durch die längere Lebensdauer der Leitungen schlagen sich erst nach rund einem Jahrzehnt zu Buche. So langfristig will selbst das reiche Wien nicht denken – einzig im noch reicheren Zürich verläuft unter der Bahnhofsstraße ein breiter Infrastruktursammelkanal.
Wie gefährlich ist nun die Stadt unter der Stadt? Leben die Wiener auf einem Pulverfass? Hermann Knoflacher lächelt und beruhigt. Das einzig Explosive sei Gas – "aber das ist durch Geruchssensoren und Autoabschaltung bei Druckabfall ausreichend gesichert". Ein eigener städtischer Gasspürdienst überprüft jährlich fast 2000 Kilometer des Gasnetzes. In Wien funktioniere die Infrastruktur, meint Knoflacher, denn im Gegensatz zum weltweiten Trend würden wichtige Leitungen nicht privatisiert. "Die Privatisierung von Infrastruktur führt zu ihrem Verfall. Da fehlt das langfristige Denken", meint er. "Die fahren so lange auf dem alten Netz, bis alles zusammenbricht. Und wenn dann was passiert, springt sowieso die öffentliche Hand ein." Züge in Großbritannien, Telefonleitungen in Ungarn, Strom in Kalifornien, Wasserrohre in Bolivien – Reparaturen werden umso teurer, je länger man damit wartet. Das System ist zerbrechlich. Es braucht viele kleine Pforten in den Untergrund, um es zu bewahren.

Josef Gepp in FALTER 38/2008 vom 19.09.2008 (S. 51)



Leserstimmen

Das Buch ist spannend, eigentlich ein "muss" für jeden Wien-Tourist, ich war über die Beschreibungen total begeistert - klasse! (Albert M., D-Balingen)

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