Akte geschlossen
Meine Mutter, die Spionin

von András Forgách

€ 24,70
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Übersetzung: Terézia Mora
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.02.2019


Rezension aus FALTER 20/2019

Meine Mama, die Spionin

Verraten und für dumm verkauft: Agentinnenromane arbeiten das komplizierte Verhältnis von Söhnen zu ihren dämonischen Müttern auf

In jedem Roman, der eine Mutter zur Hauptfigur macht, könnte der Satz stehen: „Meine Mutter war eine Naturgewalt.“ Erst recht, wenn er aus der Sicht eines Sohnes erzählt wird und wenn die eigene Mutter für den Roman Modell stand. Der Held und seine Mama – das ist seit Ödipus ein literarischer Evergreen mit mythischen Dimensionen. Die Gefühle von Söhnen für ihre Mütter sind wahre Geysire widersprüchlicher, tabuisierter Impulse: Lebenslang brodeln da heiße Mischungen aus Faszination und Fluchtimpuls, Sehnsucht nach dem Mutterschoß und Freiheitsdrang.

Egal, ob sie die Mutter ironisch umschwärmen wie Péter Esterházy, sie posthum entschuldigen wie Martin Walser, über ihr erotisches Geheimnis rätseln wie Urs Widmer oder ihren Selbstmord betrauern wie Peter Handke – die Mutter bleibt die dominierende Gestalt im Leben der Söhne.

Auffallend, wie viele Romane neuerdings den Schock von Söhnen thematisieren, wenn sie plötzlich der dämonischen Abgründigkeit der eigenen Mutter gewahr werden, wenn sie erkennen müssen, dass sie von der Mutter getäuscht und verraten wurden. Als wäre das literarische Genre der Mutter-Sohn-Romane nicht bereits kompliziert genug, lässt sich gegenwärtig ein neues Subgenre beobachten, das die Mutter in ein verwirrendes moralisches Zwielicht rückt und sich unter dem Stichwort subsumieren ließe: der Held und seine Mama, die Spionin.

Der mütterliche Verrat fungiert in den neuen Romanen von András Forgách, Dirk Brauns oder Michael Ondaatje als ein erschreckender Intensitätsverstärker. Da dreht sich plötzlich die Schraube noch weitaus schmerzhafter im Gefühlsgewinde. Aus der Sicht der betrogenen Söhne haftet diesen Spionagegeschichten nichts Romantisches oder gar Heroisches an. Sie empfinden sich nur als Kollateralschäden in einem rätselhaften Krieg, den ihre Mütter aus undurchschaubaren Gründen anderswo ausfochten.

Ein einziger kurzer Telefonanruf – und für András Forgách, den ungarischen Autor, Filmemacher und Übersetzer, stürzt die Welt ein. Ein Bekannter teilt ihm mit, er sei zufällig im Archiv des Innenministeriums in Budapest auf eine Akte gestoßen, aus der hervorging, dass Forgáchs Mutter eine Agentin gewesen sei und für den ungarischen Geheimdienst Spitzeldienste geleistet habe.

Für den schockierten Sohn ändert diese Nachricht alles. Sein Mutterbild geht zuschanden. Er hat seine schöne und unkonventionelle Mutter abgöttisch geliebt und muss nun erfahren, dass sie ihn manipuliert hat. Sie hat auch den eigenen Sohn ausspioniert, indem sie den Geheimpolizisten Zugang zu seiner Wohnung ermöglichte, damit sie dort eine Abhöranlage installieren konnten, um die Gespräche zwischen András und seinen Dissidentenfreunden zu belauschen.

Jetzt ringt der Sohn um eine Erklärung für Mutters unbegreiflichen Treuebruch. Mehr noch: Sein ganzes Weltbild ist erschüttert, in einem Augenblick wird all seinen Gewissheiten über seine Familie und sein eigenes Leben der Boden entzogen: „Als würden sich von einer Minute zur nächsten die Gesetze von Perspektive und Gravitation ändern. Aber nicht nur die zusammen verbrachten Augenblicke werden dadurch geändert. Jeder andere Augenblick wird dadurch auch schutzlos und nackt, das Davor und Danach werden aufgelöst, die vertrauten Momente des Familienlebens eliminiert. Alles wird verdächtig, besonders die Schönheit, alles wird gewöhnlich. Alles wird wertlos, und man kann darüber nicht reden. Man kann nicht nicht darüber reden.“

Das Buch „Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin“ thematisiert dieses Dilemma. Forgách liest das Geheimdienstdossier seiner verstorbenen Mutter und muss erkennen, dass er der Sohn zweier Stasi-Agenten ist. Von Anfang an arbeitete sein Vater, ein Journalist, nebenher als ungarischer Spion, unter dem Decknamen „Pápai“. Und als der Vater wegen Geisteskrankheit ausfiel, trat die Mutter an seine Stelle, unter dem Decknamen „Frau Pápai“. Zehn Jahre lang, fast bis zu ihrem Krebstod 1985, arbeitete sie als geheime Informantin der Staatssicherheit zu und bespitzelte auch die eigene Familie. Nun versucht der Sohn, sich im Lichte von Mutters Verrat die eigene Familiengeschichte neu, anders und wahrhaftig zu erzählen.

Schon einmal, 2007, wollte András Forgách Ordnung in das Durcheinander seiner chaotischen und über drei Kontinente verstreuten jüdischen Familie bringen, in Form einer Familienbiografie auf Basis der Familienkorrespondenz seiner Großmutter und der Briefe seiner Eltern aus der Anfangszeit ihrer Ehe. Jetzt musste er erkennen, dass seine Familienerzählung von 2007 auf einer Lüge beruhte und völlig neu geschrieben werden musste.

Es erging ihm damit ähnlich wie seinem Kollegen, dem ungarischen Autor Péter Esterházy. Der hatte in seinem gefeierten Roman „Harmonia Cælestis“ seinem geliebten und verehrten Vater, dem Grafen Matyas Esterházy, ein literarisches Denkmal gesetzt und musste nach dem Tod des Vaters feststellen, dass der Graf dem Geheimdienst Spitzelberichte über die eigene Familie geliefert hatte. Péter Esterházy hat diese niederschmetternde Wahrheit in seinem Vaterbericht „Verbesserte Ausgabe“ aufgearbeitet, ganz ähnlich, wie es nun András Forgách in seinem Mutterbericht „Akte geschlossen“ tut.

Für den Vater des ostdeutschen Autors Dirk Brauns, Rainer Brauns, kam der Schock viel früher, bereits zu Lebzeiten seiner Mutter. Als Achtzehnjähriger erlebte er, dass Stasi-Beamte im Februar 1965 seine Eltern in ihrem Ostberliner Haus verhafteten. Die Eltern hatten jahrelang in der DDR für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst spioniert und waren aufgeflogen. Nach zwei Jahren Haft in Hohenschönhausen wurden sie freigekauft und übersiedelten in die BRD.

Für den zurückgelassenen Sohn Rainer Brauns ist die Verhaftung ein Schock, aber keine Überraschung. Im Roman „Die Unscheinbaren“ seines Schriftstellersohnes Dirk Brauns, der aus der Geschichte seines Vaters und seiner spionierenden Großeltern eine Autofiktion gemacht und ihnen andere Namen gegeben hat, liest man: „Dass seine Eltern Spione sind, weiß er seit langem. Er kennt keine Hintergründe, er kann es weder verstehen noch wirklich einordnen oder beurteilen, aber er weiß es. Es ist der Fluch seines Lebens.“

Der verlassene Sohn fühlt sich von den Eltern missbraucht und verraten. Das Trauma verfolgt und quält ihn bis in die Gegenwart. Der Kampf zwischen Mutter und Sohn währt ein halbes Jahrhundert und überspannt den ganzen Roman. Noch als fast 70-Jähriger sucht der Sohn seiner inzwischen 92-jährigen Mutter die Wahrheit abzuringen. Es ist ein abgründiges Duell mit einer geradezu dämonisch verstockten und hochfahrenden Greisin, die, selbst in die Enge getrieben, den Sohn immer noch mit Lügen und Ausflüchten hinzuhalten sucht.

Auch in Michael Ondaatjes Spionageroman „Kriegslicht“, der als rein literarische Fiktion aus diesen semifiktionalen Familiengeschichten auch qualitativ heraussticht, steht am Anfang der kindliche Schock über den Betrug der Mutter. Im Nachkriegssommer 1945 lässt ein Elternpaar den kleinen Sohn, den Ich-Erzähler des Romans, und dessen Schwester in der Obhut von Fremden in London zurück, angeblich um nach Singapur zu fliegen. Doch der Überseekoffer, den die Mutter so ostentativ für Singapur gepackt hat, findet sich Monate später im Keller. Die Eltern haben ihre Kinder also im Stich gelassen und sind sonstwohin verschwunden. Damit stürzt das Grundvertrauen des Sohnes in die Erwachsenenwelt ein. Er fühlt sich bodenlos verraten.

Erst viele Jahre später wird dem Sohn das Doppelleben seiner Mutter als britische Geheimagentin im Kampf gegen Hitler-Deutschland klar. Im Loyalitätskonflikt zwischen ihrer Familie und ihrem Land hat die Mutter den Treuebruch an dem verlassenen Sohn in Kauf genommen für die vermeintlich übergeordnete Pflicht – den Schutz Englands.

Derart hehre patriotisch-moralische Motive für ihren Verrat können die spionierenden Mütter bei András Forgách und Dirk Brauns nicht ins Treffen führen. Forgáchs Mutter erscheint als die Interessantere der beiden, eine faszinierend schillernde Figur – Jüdin aus Tel Aviv, aber feurige Antizionistin und nach dem Umzug nach Budapest dogmatische Stalinistin bis zum Ende, draufgängerisch und fanatisch. Ihrem chaotischen Leben unter ewiger Finanznot und in ständiger Sorge um ihren geisteskranken Mann und ihre aufsässigen Kinder habe die Spitzelarbeit für den Geheimdienst so etwas wie Halt und Struktur verliehen, bemerkt der Sohn zu ihrer Entlastung.

Trotz allen Schmerzes und aller Enttäuschung versucht András Forgách, den Verrat seiner Mutter zu verstehen und ihr schwieriges Leben zu rekonstruieren, ohne sie zu verurteilen. Sie saß zwischen allen Stühlen: als Genossin zu jüdisch, als Jüdin zu kommunistisch, als Kommunistin zu ungarisch, als Ungarin fremd.

Die Spitzelmutter bei Dirk Brauns hingegen nimmt in der Schäbigkeitsskala der Verratsmotive einen besonderen Platz ein. Ihre Verachtung für die DDR und ihre Bewunderung für die BRD gründen vornehmlich in ihrer Gier nach westlichen Konsumgütern. Offenbar hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann ihre Spitzelberichte für Pullach vor allem für ein Auto und einen Fernseher sowie für Strumpfhosen und Kaffee aus dem Westen geschrieben. Außerdem für ein Westkonto, auf das sie jedoch nach dem Mauerbau nicht mehr zugreifen konnte und das der Schwager in Westberlin ohnehin längst veruntreut hatte.

Sigrid Löffler in FALTER 20/2019 vom 17.05.2019 (S. 37)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Unscheinbaren (Dirk Brauns)
Kriegslicht - Roman (Michael Ondaatje)

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