Kriegslicht
Roman

von Michael Ondaatje

€ 24,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Anna Leube
Verlag: Hanser, Carl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.08.2018


Rezension aus FALTER 20/2019

Meine Mama, die Spionin

Verraten und für dumm verkauft: Agentinnenromane arbeiten das komplizierte Verhältnis von Söhnen zu ihren dämonischen Müttern auf

In jedem Roman, der eine Mutter zur Hauptfigur macht, könnte der Satz stehen: „Meine Mutter war eine Naturgewalt.“ Erst recht, wenn er aus der Sicht eines Sohnes erzählt wird und wenn die eigene Mutter für den Roman Modell stand. Der Held und seine Mama – das ist seit Ödipus ein literarischer Evergreen mit mythischen Dimensionen. Die Gefühle von Söhnen für ihre Mütter sind wahre Geysire widersprüchlicher, tabuisierter Impulse: Lebenslang brodeln da heiße Mischungen aus Faszination und Fluchtimpuls, Sehnsucht nach dem Mutterschoß und Freiheitsdrang.

Egal, ob sie die Mutter ironisch umschwärmen wie Péter Esterházy, sie posthum entschuldigen wie Martin Walser, über ihr erotisches Geheimnis rätseln wie Urs Widmer oder ihren Selbstmord betrauern wie Peter Handke – die Mutter bleibt die dominierende Gestalt im Leben der Söhne.

Auffallend, wie viele Romane neuerdings den Schock von Söhnen thematisieren, wenn sie plötzlich der dämonischen Abgründigkeit der eigenen Mutter gewahr werden, wenn sie erkennen müssen, dass sie von der Mutter getäuscht und verraten wurden. Als wäre das literarische Genre der Mutter-Sohn-Romane nicht bereits kompliziert genug, lässt sich gegenwärtig ein neues Subgenre beobachten, das die Mutter in ein verwirrendes moralisches Zwielicht rückt und sich unter dem Stichwort subsumieren ließe: der Held und seine Mama, die Spionin.

Der mütterliche Verrat fungiert in den neuen Romanen von András Forgách, Dirk Brauns oder Michael Ondaatje als ein erschreckender Intensitätsverstärker. Da dreht sich plötzlich die Schraube noch weitaus schmerzhafter im Gefühlsgewinde. Aus der Sicht der betrogenen Söhne haftet diesen Spionagegeschichten nichts Romantisches oder gar Heroisches an. Sie empfinden sich nur als Kollateralschäden in einem rätselhaften Krieg, den ihre Mütter aus undurchschaubaren Gründen anderswo ausfochten.

Ein einziger kurzer Telefonanruf – und für András Forgách, den ungarischen Autor, Filmemacher und Übersetzer, stürzt die Welt ein. Ein Bekannter teilt ihm mit, er sei zufällig im Archiv des Innenministeriums in Budapest auf eine Akte gestoßen, aus der hervorging, dass Forgáchs Mutter eine Agentin gewesen sei und für den ungarischen Geheimdienst Spitzeldienste geleistet habe.

Für den schockierten Sohn ändert diese Nachricht alles. Sein Mutterbild geht zuschanden. Er hat seine schöne und unkonventionelle Mutter abgöttisch geliebt und muss nun erfahren, dass sie ihn manipuliert hat. Sie hat auch den eigenen Sohn ausspioniert, indem sie den Geheimpolizisten Zugang zu seiner Wohnung ermöglichte, damit sie dort eine Abhöranlage installieren konnten, um die Gespräche zwischen András und seinen Dissidentenfreunden zu belauschen.

Jetzt ringt der Sohn um eine Erklärung für Mutters unbegreiflichen Treuebruch. Mehr noch: Sein ganzes Weltbild ist erschüttert, in einem Augenblick wird all seinen Gewissheiten über seine Familie und sein eigenes Leben der Boden entzogen: „Als würden sich von einer Minute zur nächsten die Gesetze von Perspektive und Gravitation ändern. Aber nicht nur die zusammen verbrachten Augenblicke werden dadurch geändert. Jeder andere Augenblick wird dadurch auch schutzlos und nackt, das Davor und Danach werden aufgelöst, die vertrauten Momente des Familienlebens eliminiert. Alles wird verdächtig, besonders die Schönheit, alles wird gewöhnlich. Alles wird wertlos, und man kann darüber nicht reden. Man kann nicht nicht darüber reden.“

Das Buch „Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin“ thematisiert dieses Dilemma. Forgách liest das Geheimdienstdossier seiner verstorbenen Mutter und muss erkennen, dass er der Sohn zweier Stasi-Agenten ist. Von Anfang an arbeitete sein Vater, ein Journalist, nebenher als ungarischer Spion, unter dem Decknamen „Pápai“. Und als der Vater wegen Geisteskrankheit ausfiel, trat die Mutter an seine Stelle, unter dem Decknamen „Frau Pápai“. Zehn Jahre lang, fast bis zu ihrem Krebstod 1985, arbeitete sie als geheime Informantin der Staatssicherheit zu und bespitzelte auch die eigene Familie. Nun versucht der Sohn, sich im Lichte von Mutters Verrat die eigene Familiengeschichte neu, anders und wahrhaftig zu erzählen.

Schon einmal, 2007, wollte András Forgách Ordnung in das Durcheinander seiner chaotischen und über drei Kontinente verstreuten jüdischen Familie bringen, in Form einer Familienbiografie auf Basis der Familienkorrespondenz seiner Großmutter und der Briefe seiner Eltern aus der Anfangszeit ihrer Ehe. Jetzt musste er erkennen, dass seine Familienerzählung von 2007 auf einer Lüge beruhte und völlig neu geschrieben werden musste.

Es erging ihm damit ähnlich wie seinem Kollegen, dem ungarischen Autor Péter Esterházy. Der hatte in seinem gefeierten Roman „Harmonia Cælestis“ seinem geliebten und verehrten Vater, dem Grafen Matyas Esterházy, ein literarisches Denkmal gesetzt und musste nach dem Tod des Vaters feststellen, dass der Graf dem Geheimdienst Spitzelberichte über die eigene Familie geliefert hatte. Péter Esterházy hat diese niederschmetternde Wahrheit in seinem Vaterbericht „Verbesserte Ausgabe“ aufgearbeitet, ganz ähnlich, wie es nun András Forgách in seinem Mutterbericht „Akte geschlossen“ tut.

Für den Vater des ostdeutschen Autors Dirk Brauns, Rainer Brauns, kam der Schock viel früher, bereits zu Lebzeiten seiner Mutter. Als Achtzehnjähriger erlebte er, dass Stasi-Beamte im Februar 1965 seine Eltern in ihrem Ostberliner Haus verhafteten. Die Eltern hatten jahrelang in der DDR für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst spioniert und waren aufgeflogen. Nach zwei Jahren Haft in Hohenschönhausen wurden sie freigekauft und übersiedelten in die BRD.

Für den zurückgelassenen Sohn Rainer Brauns ist die Verhaftung ein Schock, aber keine Überraschung. Im Roman „Die Unscheinbaren“ seines Schriftstellersohnes Dirk Brauns, der aus der Geschichte seines Vaters und seiner spionierenden Großeltern eine Autofiktion gemacht und ihnen andere Namen gegeben hat, liest man: „Dass seine Eltern Spione sind, weiß er seit langem. Er kennt keine Hintergründe, er kann es weder verstehen noch wirklich einordnen oder beurteilen, aber er weiß es. Es ist der Fluch seines Lebens.“

Der verlassene Sohn fühlt sich von den Eltern missbraucht und verraten. Das Trauma verfolgt und quält ihn bis in die Gegenwart. Der Kampf zwischen Mutter und Sohn währt ein halbes Jahrhundert und überspannt den ganzen Roman. Noch als fast 70-Jähriger sucht der Sohn seiner inzwischen 92-jährigen Mutter die Wahrheit abzuringen. Es ist ein abgründiges Duell mit einer geradezu dämonisch verstockten und hochfahrenden Greisin, die, selbst in die Enge getrieben, den Sohn immer noch mit Lügen und Ausflüchten hinzuhalten sucht.

Auch in Michael Ondaatjes Spionageroman „Kriegslicht“, der als rein literarische Fiktion aus diesen semifiktionalen Familiengeschichten auch qualitativ heraussticht, steht am Anfang der kindliche Schock über den Betrug der Mutter. Im Nachkriegssommer 1945 lässt ein Elternpaar den kleinen Sohn, den Ich-Erzähler des Romans, und dessen Schwester in der Obhut von Fremden in London zurück, angeblich um nach Singapur zu fliegen. Doch der Überseekoffer, den die Mutter so ostentativ für Singapur gepackt hat, findet sich Monate später im Keller. Die Eltern haben ihre Kinder also im Stich gelassen und sind sonstwohin verschwunden. Damit stürzt das Grundvertrauen des Sohnes in die Erwachsenenwelt ein. Er fühlt sich bodenlos verraten.

Erst viele Jahre später wird dem Sohn das Doppelleben seiner Mutter als britische Geheimagentin im Kampf gegen Hitler-Deutschland klar. Im Loyalitätskonflikt zwischen ihrer Familie und ihrem Land hat die Mutter den Treuebruch an dem verlassenen Sohn in Kauf genommen für die vermeintlich übergeordnete Pflicht – den Schutz Englands.

Derart hehre patriotisch-moralische Motive für ihren Verrat können die spionierenden Mütter bei András Forgách und Dirk Brauns nicht ins Treffen führen. Forgáchs Mutter erscheint als die Interessantere der beiden, eine faszinierend schillernde Figur – Jüdin aus Tel Aviv, aber feurige Antizionistin und nach dem Umzug nach Budapest dogmatische Stalinistin bis zum Ende, draufgängerisch und fanatisch. Ihrem chaotischen Leben unter ewiger Finanznot und in ständiger Sorge um ihren geisteskranken Mann und ihre aufsässigen Kinder habe die Spitzelarbeit für den Geheimdienst so etwas wie Halt und Struktur verliehen, bemerkt der Sohn zu ihrer Entlastung.

Trotz allen Schmerzes und aller Enttäuschung versucht András Forgách, den Verrat seiner Mutter zu verstehen und ihr schwieriges Leben zu rekonstruieren, ohne sie zu verurteilen. Sie saß zwischen allen Stühlen: als Genossin zu jüdisch, als Jüdin zu kommunistisch, als Kommunistin zu ungarisch, als Ungarin fremd.

Die Spitzelmutter bei Dirk Brauns hingegen nimmt in der Schäbigkeitsskala der Verratsmotive einen besonderen Platz ein. Ihre Verachtung für die DDR und ihre Bewunderung für die BRD gründen vornehmlich in ihrer Gier nach westlichen Konsumgütern. Offenbar hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann ihre Spitzelberichte für Pullach vor allem für ein Auto und einen Fernseher sowie für Strumpfhosen und Kaffee aus dem Westen geschrieben. Außerdem für ein Westkonto, auf das sie jedoch nach dem Mauerbau nicht mehr zugreifen konnte und das der Schwager in Westberlin ohnehin längst veruntreut hatte.

Sigrid Löffler in FALTER 20/2019 vom 17.05.2019 (S. 37)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Unscheinbaren (Dirk Brauns)
Akte geschlossen - Meine Mutter, die Spionin (András Forgách)


Rezension aus FALTER 51-52/2018

Der Krieg der nach dem Krieg kam

Ein Perspektivwechsel in der Literatur: Der Zweite Weltkrieg selbst scheint auserzählt, das Interesse wendet sich der Zeit unmittelbar danach zu

Der Zweite Weltkrieg wurde 1945 offiziell beendet, war aber noch lange nicht vorbei. Die Zerstörungen wirkten fort, in den Städten wie in den Köpfen. Es herrschte weiterhin Kriegslicht – ein geschockter Dämmerzustand, der Europa nach wie vor eintrübte. „Kriegslicht“: So nennt der kanadische Autor Michael Ondaatje seinen jüngsten Roman. Darin wird programmatisch ein Zeitraum aufgehellt, der neuerdings zahlreiche Autoren zeithistorischer Romane beschäftigt.

Ein neuer literarischer Trend ist gleichsam hinter dem Rücken des Buchmarkts entstanden: Das Augenmerk auffallend vieler Neuerscheinungen richtet sich nicht mehr auf den Weltkrieg als solchen, sondern auf dessen Folgeschäden.

Das Erzählinteresse hat sich auf die unmittelbare Nachkriegszeit der Jahre 1945/46 verlagert. Und Nachkrieg im darniederliegenden Europa heißt Anarchie, Gesetzlosigkeit, Unordnung, Entwurzelung, Weiterwirken alter Feindschaften und Konflikte, Revanche und Abrechnung. William Faulkners Diktum bestätigt sich auch im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg und dessen Nachwirkungen: Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen.

Es scheint, als wäre das Kriegsgeschehen selbst vorerst auserzählt, auf Täter- wie auf Opferseite und auch aus der Sicht der Sieger. Die neuen Nachkriegsgeschichten wenden sich stattdessen dem zerstörten Europa zu, einem verwüsteten Kontinent, der sich erst mühsam aufzurappeln beginnt und aus dem Chaos heraus eine notdürftige neue Ordnung zu errichten versucht. Erzählt wird vom Leben in zerbombten Städten, von Kriegsheimkehrern, von Rückkehrern aus den Lagern und aus dem Exil, von entwurzelten, verschleppten, staatenlosen Menschen, die nun durch Ruinenlandschaften irren und nirgendwo willkommen sind. Autorinnen wie Ursula Krechel und Natascha Wodin, Autoren wie Michael Ondaatje oder Stewart O’Nan haben erkannt, dass in den Wirren der Nachkriegszeit allerhand spannende Erzählstoffe bereitliegen.

Die englischsprachigen Romane sind da besonders ergiebig. Michael Ondaatje erzählt in „Kriegslicht“ eine verstörende und finstere Geschichte aus der Schattenwelt der britischen Geheimdienste, sehr stimmig getaucht in die dämmrige Düsternis des kriegsverdunkelten London im Jahr 1945. Zwielichtige Gestalten führen den 14-jährigen Ich-Erzähler ständig hinters Licht und lassen ihn im Dunkeln tappen, vor allem über die obskuren Machenschaften seiner Mutter, einer Geheimagentin, die ihre Kinder in der Obhut dieser Personen zurücklässt, weil sie auch nach Kriegsende noch allerhand Aufträge auf dem Kontinent zu erledigen und Großbritannien Krieg gegen den Faschismus weiterzuführen hat.

Ondaatje zeigt uns eine Welt der Geheimniskrämerei, der Täuschung und des Verrats. Und doch erlebt der junge Protagonist die chaotische Nachkriegszeit im nächtlichen London auch als großes Abenteuer: Die alte Ordnung ist außer Kraft gesetzt, die alten Regeln gelten nicht mehr, und im politischen und moralischen Zwielicht herrscht eine aufregende, anarchische Freiheit.

Das Vereinigte Königreich zählt zu den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. Doch nicht nur Ondaatjes Roman legt eine tiefere Wahrheit frei, die die Briten bis heute nicht wahrhaben wollen: Zu Kriegsende 1945 war die schwindende Bedeutung des Landes bereits absehbar. Erkennbar wurde eine erschöpfte und von den Kriegsanstrengungen ausgelaugte Weltmacht am Abstieg, überfordert vom Anspruch, das bröckelnde Imperium zusammen- und den drohenden Statusverlust hintanzuhalten.

Auch im neuen Nachkriegsroman des Amerikaners Stewart O’Nan kann man dem British Empire beim Zerfall zusehen. Der Roman „Stadt der Geheimnisse“ ist ein semidokumentarischer historischer Thriller und spielt im ersten Nachkriegswinter 1945/46 in Jerusalem, in der explosiven Interimszeit zwischen Kriegsende und Gründung des Staates Israel. Den historischen Hintergrund bilden die zermürbenden Rückzugsgefechte der britischen Mandatsmacht in Palästina angesichts der Terroranschläge der Untergrundarmeen Hagana und Irgun, die für ein unabhängiges Zion kämpfen. Auch hier ist das Ende der britischen Kolonialmacht bereits absehbar.

O’Nan zeigt uns Jerusalem unter britischer Besatzung als eine finstere, labyrinthische und gefährliche Stadt, die unter Mangelwirtschaft, Stromausfällen und Straßensperren leidet. Panzerwagen, Taxis und Eselkarren bestimmen den Verkehr. Touristen, fromme Pilger, britische Soldaten, traumatisierte Holocaust-Überlebende, Spione, zionistische Untergrundkämpfer und zornige Palästinenser wimmeln durcheinander.

Held des Romans ist der junge Jude Brand, der seine ganze Familie im Holocaust verloren hat und in den Lagern nur überlebte, weil er Motoren reparieren konnte und Mithäftlinge verriet. Die Hagana hat ihn nach Palästina geschleust, wo Brand in Jerusalem ein neues Leben beginnen und ein besserer Mensch werden möchte; nur um festzustellen, dass er in einem neuen Krieg gelandet ist, mit der Mandatsregierung als neuem Feind. Der Schock des historischen Anschlags der Irgun auf das King-David-Hotel im Juli 1946 macht Brand endgültig klar, dass ein friedfertiges Leben für ihn in Jerusalem nicht möglich sein wird.

Anders liest sich die unmittelbare Nachkriegszeit in den neuen Romanen von Ursula Krechel und Natascha Wodin. Beide Autorinnen greifen ein lange verdrängtes Thema auf – den Umgang der Deutschen mit den aus dem Exil und den Lagern zurückkehrenden Verfolgten. Beide erzählen den Nachkrieg aus der Sicht von Überlebenden, die bisher in der Romanliteratur kaum vorkamen: Sinti und Roma, Kommunisten, Verschleppte und ehemalige Zwangsarbeiter – „Displaced Persons“ allesamt, denen die Rückkehr so schwer wie möglich gemacht wurde.

Sie müssen erfahren, dass man sie in Deutschland nicht haben will. Die deutsche Gesellschaft möchte so rasch wie möglich zur Normalität übergehen und bitte nicht an ihre Schuld erinnert werden. In ihrer Geschichtsvergessenheit stört die Anwesenheit von Opfern, die ihre Rechte einfordern und auf Anerkennung und Wiedergutmachung des ihnen zugefügten Unrechts pochen. Sie sind und bleiben unerwünscht, ihre Rückkehr wird nicht zur Heimkehr, sondern zur Heimsuchung.

Beispielsweise die Sinti-Familie Dorn in Ursula Krechels Roman „Geisterbahn“. Die Dorns besitzen ein Fahrgeschäft und ziehen mit ihrem Karussell von Kirmes zu Kirmes. Sie haben es in Trier fast schon zu bürgerlichem Wohlstand gebracht, als die Nazis mit ihrem „Runderlass betreffend die Bekämpfung der Zigeunerplage“ 1936 ihren Vernichtungskrieg gegen die Sinti und Roma beginnen.

Damit springt die NS-Terror-Maschinerie an, die die bürokratische Drangsalierung und systematische Entrechtung der Dorns in Gang setzt. Die Schaustellerlizenz wird ihnen entzogen, sie müssen ihr Karussell verschrotten, die älteste Tochter und der älteste Sohn werden zwangssterilisiert. Die Familie wird nach Auschwitz deportiert, wo fünf der Kinder umkommen. Die Eltern Dorn und ihre Ältesten überleben schwer versehrt und fürs Leben gezeichnet. Ursula Krechel legt den Schwerpunkt auf die unerhörten Umstände dieses Überlebens – auf die fortdauernde Ausgrenzung und Drangsalierung der Opferfamilie in der Nachkriegszeit, während sich die Täter und Mitläufer mühe- und reuelos in die deutsche Wiederaufbaugesellschaft eingliedern.

Natascha Wodin erzählt am Beispiel ihres russischen Vaters von einer anderen Gruppe von Kriegsopfern, über die bisher wenig zu hören und zu lesen war, nämlich den Zwangsarbeitern. Wodin selbst wurde im Dezember 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ in Fürth geboren und ist die Tochter einer Ukrainerin, die gemeinsam mit ihrem russischen Mann 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden war. Wodin wuchs in fränkischen Barackenlagern auf und hat als Kind und Jugendliche das ganze Elend herumgestoßener Staatenloser erlitten und den Spott, die Verachtung und Diskriminierung durch die ansässigen Deutschen erlebt.

1956, als Wodin zehn Jahre alt war, beging die Mutter Selbstmord. „Sie kam aus Mariupol“, Wodins Recherche nach den verschütteten Lebensspuren ihrer Mutter, wurde vor anderthalb Jahren zum Bestseller, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Es lag also auf der Hand, und die Erfolgslogik des Buchmarktes erfordert es, dass nun das Gegenstück zum Mutter-Buch folgen musste: „Irgendwo in diesem Dunkel“, die Erkundung des Lebens von Wodins Vater. Leider ist das, was Wodin darüber weiß, äußerst lückenhaft. Sie kannte und hasste ihren Erzeuger als schweigenden, gewalttätigen Säufer und Familientyrannen, der „in einer undurchdringlichen inneren Emigration lebte“, Frau und Töchter misshandelte und in Deutschland in 50 Jahren weder Fuß fasste noch auch nur die Sprache erlernte. Bei seinem Tod 1989 sprach er immer noch kein Wort Deutsch. Seine Lebensgeheimnisse nahm er mit ins Grab.

Die Autorin verlegt daher den Fokus auf die Erzählung ihrer eigenen katastrophalen Kindheit und Jugend als angefeindete und aufsässige Außenseiterin in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Lakonisch und mit schonungsloser Härte berichtet sie von ihrem sozialen Absturz im Alter von 16 Jahren, als ihr Vater sie rauswarf und sie binnen Wochen zur obdachlosen Streunerin absank, vergewaltigt und daraufhin schwanger wurde und das Kind selbst abtrieb.

Immer noch sieht sich Natascha Wodin als „Displaced Person“ – ohne Geschichte, ohne festen Ort in der Welt, überall fremd und nirgends zugehörig. Die Suche nach Selbstvergewisserung, nach einer eigenen Identität ist ihr Lebensthema. Um sich lebensweltlich zu verankern, erschreibt sie sich eine Herkunftsgeschichte und erdenkt sich eine Heimat, die es für sie nicht gibt.

Sigrid Löffler in FALTER 51-52/2018 vom 21.12.2018 (S. 44)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Irgendwo in diesem Dunkel (Natascha Wodin)
Stadt der Geheimnisse (Stewart O'Nan)
Geisterbahn - Roman (Ursula Krechel)


Rezension aus FALTER 34/2018

Unter den schützenden Flügeln des Falters

Mit dem in London angesiedelten „Kriegslicht“ hat Michael Ondaatje den etwas anderen Spionageroman geschrieben

Abenteuerromane und Jugendbücher beginnt man am besten damit, dass man die Eltern aus dem Weg schafft. Leute wie Robert Louis Stevenson, Astrid Lindgren, J.K. Rowling oder Lemony Snicket haben das beherzigt und sind gut damit gefahren. Und obwohl sein jüngster Roman keineswegs diesen Genres zuzurechnen ist, macht es der in Sri Lanka geborene und in Toronto lebende Michael Ondaatje, der 1992 für „The English Patient“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, genauso: „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“

So lautet der erste Satz von „Kriegslicht“ („Warlight“, 2018), und der ist schon einmal sehr gut. Gut sind auch die Namen der beiden ebenso zwielichtigen wie fürsorglichen Männer, und die Bedeutsamkeit der richtigen Namenswahl für Romanfiguren kann ja kaum überschätzt werde. „Der Falter“ und „der Boxer von Pimlico“ (im Original: „The Moth“ und „The Pimlico Darter“) sorgen jedenfalls dafür, dass der 14-jährige Nathaniel, der – freilich aus der Distanz von Jahrzehnten – als Ich-Erzähler fungiert, und seine um ein Jahr ältere Schwester Rachel aus dem verhassten Internat auf eine Tagesschule kommen. Das Haus der abwesenden Eltern füllt sich nächtens mit ebenfalls ein wenig obskuren, aber charismatischen Gästen: „Das Haus wirkte eher wie ein nächtlicher Zoo, mit Maulwürfen und Dohlen und allen möglichen herumtapsenden Tieren, die zufällig Schachspieler waren.“

Ein Nachtfalter als Schutzengel ist eine hübsche Metapher, die die mythisch-märchenhafte Atmosphäre, die in der ersten Hälfte von „Kriegslicht“ herrscht, auf den Punkt bringt. Diese erinnert ein wenig an Charles Laughtons singuläre cineastische Großtat „The Night of the Hunter“ und an Charles Dickens’ Meisterwerk „Große Erwartungen“, denn auch „Kriegslicht“ ist ein Themse-Roman: Die Fahrten auf Barken, die die unmittelbar am Fluss residierenden Geschwister mit dem Boxer von Pimlico unternehmen, führen sie bis in die Themse-Mündung – und dienen im Übrigen dem Schmuggel von Greyhounds, denn „Wetten auf Windhunde war schon damals eine sensationell erfolgreiche illegale Profession“.

Souverän und mit leichter Hand entwickelt Ondaatje eine Coming-of-Age-Story mit zauberhaften Figuren und Szenen, und doch wird spätestens ab dem Moment, in dem die Geschwister den Koffer, den ihre Mutter vor ihrer angeblichen Reise nach Singapur mit so ostentativem Aufwand gepackt hat, im Keller entdecken, klar, dass der Einbruch des Ernstes nicht ewig auf sich warten lassen wird: „waiting for the ,schwer‘“ nennt es die von Epilepsieanfällen heimgesuchte Rachel mit einem Ausdruck, den der Falter den Vortragsbezeichnungen von Gustav Mahler entlehnt hat. Denn Rose, die Mutter der Kinder, hat während des Blitz keineswegs bloß Dienste als „Feuerwache“ auf dem Dach des Grosvenor House Hotel versehen, sondern war unter dem Decknamen „Viola“ ganz handfest in den „stummen Krieg“ von Spionage und Gegenspionage, Sabotage und Subversion involviert, der nach dem offiziellen Kriegsende noch lange nicht vorbei ist.

Details darüber erfährt man im zweiten, etwas umfangreicheren und deutlich schwächeren Teil des Romans. Nicht dass dieser uninteressant oder unspannend wäre, aber in seinem Bemühen, die verschwiegenen Helden und Heldinnen im Schatten des Krieges zu würdigen, ist der Autor gezwungen, einen wenig überzeugenden Wechsel in der Erzählperspektive vorzunehmen. Er führt neue Figuren ein und hat ganz generell mehr in den Plot gepackt, als dieser zu tragen vermag.

In seiner vierseitigen Danksagung zitiert Ondaatje 15 Werke, die er für seine Recherchen herangezogen hat, und bedankt sich darüber hinaus bei ein paar Dutzend weiteren Menschen für deren Unterstützung. Es ist ja gewiss kurios, dass es einen „Roof-Climber’s Guide to Trinity“ gibt, aber die Passagen mit der College-Kraxelei hätte sich Ondaatje vielleicht doch besser für seinen nächsten Roman aufgehoben.

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2018 vom 24.08.2018 (S. 27)



Rezension aus FALTER 34/2018

Unter den schützenden Flügeln des Falters

Mit dem in London angesiedelten „Kriegslicht“ hat Michael Ondaatje den etwas anderen Spionageroman geschrieben

Abenteuerromane und Jugendbücher beginnt man am besten damit, dass man die Eltern aus dem Weg schafft. Leute wie Robert Louis Stevenson, Astrid Lindgren, J.K. Rowling oder Lemony Snicket haben das beherzigt und sind gut damit gefahren. Und obwohl sein jüngster Roman keineswegs diesen Genres zuzurechnen ist, macht es der in Sri Lanka geborene und in Toronto lebende Michael Ondaatje, der 1992 für „The English Patient“ mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, genauso: „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“

So lautet der erste Satz von „Kriegslicht“ („Warlight“, 2018), und der ist schon einmal sehr gut. Gut sind auch die Namen der beiden ebenso zwielichtigen wie fürsorglichen Männer, und die Bedeutsamkeit der richtigen Namenswahl für Romanfiguren kann ja kaum überschätzt werde. „Der Falter“ und „der Boxer von Pimlico“ (im Original: „The Moth“ und „The Pimlico Darter“) sorgen jedenfalls dafür, dass der 14-jährige Nathaniel, der – freilich aus der Distanz von Jahrzehnten – als Ich-Erzähler fungiert, und seine um ein Jahr ältere Schwester Rachel aus dem verhassten Internat auf eine Tagesschule kommen. Das Haus der abwesenden Eltern füllt sich nächtens mit ebenfalls ein wenig obskuren, aber charismatischen Gästen: „Das Haus wirkte eher wie ein nächtlicher Zoo, mit Maulwürfen und Dohlen und allen möglichen herumtapsenden Tieren, die zufällig Schachspieler waren.“

Ein Nachtfalter als Schutzengel ist eine hübsche Metapher, die die mythisch-märchenhafte Atmosphäre, die in der ersten Hälfte von „Kriegslicht“ herrscht, auf den Punkt bringt. Diese erinnert ein wenig an Charles Laughtons singuläre cineastische Großtat „The Night of the Hunter“ und an Charles Dickens’ Meisterwerk „Große Erwartungen“, denn auch „Kriegslicht“ ist ein Themse-Roman: Die Fahrten auf Barken, die die unmittelbar am Fluss residierenden Geschwister mit dem Boxer von Pimlico unternehmen, führen sie bis in die Themse-Mündung – und dienen im Übrigen dem Schmuggel von Greyhounds, denn „Wetten auf Windhunde war schon damals eine sensationell erfolgreiche illegale Profession“.

Souverän und mit leichter Hand entwickelt Ondaatje eine Coming-of-Age-Story mit zauberhaften Figuren und Szenen, und doch wird spätestens ab dem Moment, in dem die Geschwister den Koffer, den ihre Mutter vor ihrer angeblichen Reise nach Singapur mit so ostentativem Aufwand gepackt hat, im Keller entdecken, klar, dass der Einbruch des Ernstes nicht ewig auf sich warten lassen wird: „waiting for the ,schwer‘“ nennt es die von Epilepsieanfällen heimgesuchte Rachel mit einem Ausdruck, den der Falter den Vortragsbezeichnungen von Gustav Mahler entlehnt hat. Denn Rose, die Mutter der Kinder, hat während des Blitz keineswegs bloß Dienste als „Feuerwache“ auf dem Dach des Grosvenor House Hotel versehen, sondern war unter dem Decknamen „Viola“ ganz handfest in den „stummen Krieg“ von Spionage und Gegenspionage, Sabotage und Subversion involviert, der nach dem offiziellen Kriegsende noch lange nicht vorbei ist.

Details darüber erfährt man im zweiten, etwas umfangreicheren und deutlich schwächeren Teil des Romans. Nicht dass dieser uninteressant oder unspannend wäre, aber in seinem Bemühen, die verschwiegenen Helden und Heldinnen im Schatten des Krieges zu würdigen, ist der Autor gezwungen, einen wenig überzeugenden Wechsel in der Erzählperspektive vorzunehmen. Er führt neue Figuren ein und hat ganz generell mehr in den Plot gepackt, als dieser zu tragen vermag.

In seiner vierseitigen Danksagung zitiert Ondaatje 15 Werke, die er für seine Recherchen herangezogen hat, und bedankt sich darüber hinaus bei ein paar Dutzend weiteren Menschen für deren Unterstützung. Es ist ja gewiss kurios, dass es einen „Roof-Climber’s Guide to Trinity“ gibt, aber die Passagen mit der College-Kraxelei hätte sich Ondaatje vielleicht doch besser für seinen nächsten Roman aufgehoben.

Klaus Nüchtern in FALTER 34/2018 vom 24.08.2018 (S. 27)


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