Wir

von Judith Kohlenberger

€ 18,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2021


Rezension aus FALTER 14/2021

Wir und die anderen im ermüdenden Pathoskonzert

Das Wir gibt es nicht. Es existiert schlichtweg nicht“, schreibt Judith Kohlenberger gleich vorne in ihrem Essayband mit dem schlichten Titel „Wir“. In Gesellschaften leben Menschen unterschiedlicher Milieus, divergierender Lebenslagen, diverser Werte, Junge, Alte, Familien mit Kindern, Singles, Leute unterschiedlicher ethnisch-kultureller Identitäten. Alle irgendwie anders.

Und doch wird genauso oft ein „Wir“ beschworen wie das Fehlen eines „Wir“-Gefühls beklagt. Dass Menschen, die gemeinsam in einem – wie auch immer umgrenzten – Raum leben, zusammengehören, wird mal mehr, mal weniger stark empfunden, gelegentlich wird auch ein kuhwarmes „Wir-Gefühl“ ersehnt.

Solidarität etwa kommt ohne „Wir“-Gefühl schwer aus, und in der Praxis sind Solidaritätsgefühle dann stärker, wenn sich die Beteiligten als „Ähnliche“ empfinden, und es ist daher immer auch umkämpft, wer zur „In-Group“ oder der Solidargemeinschaft dazuzählt, oder wieder anders gesagt: zum Wir.

Deswegen ist das „Wir“ zugleich so wichtig und auch so gefährlich, denn es kommt ohne Abgrenzung schlecht aus: Wir und die Anderen. Nicht übersehen werden dürfe, „dass das inflationäre Wir nicht nur Einheit schaffen, sondern auch Spaltung erzeugen kann“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Kohlenberger, die an der Wirtschaftsuniversität lehrt und als Migrations- und Arbeitsmarktforscherin das „Wir“ von den Rändern her denkt, also der Frage nachgeht, wie Diskriminierte, Neuhinzukommende, sogenannte „Andere“ in das „Wir“ der Solidargemeinschaft hineinkommen.

War früher das „Wir“ mit starker Ähnlichkeit, mit Nation, relativer ethnischer Homogenität verbunden, so bewegen „*wir*“ uns langsam zu einem postnationalen „Wir“, und das geht nicht ohne Konflikte ab, oder, wie Kohlenberger das nennt, mit „Wachstumsschmerzen“.

Hinzu kommt, dass nicht nur Migration und Diversität eine Herausforderung für das „Wir“ sind, auch eine neoliberale Ego-Gesellschaft, Individualisierung und die kulturelle Ausdifferenzierung machen „Wir“-Ideen prekär.

Nicht nur Minderheiten haben das Problem, nicht Teil des „Wir“ zu sein, auch die angeblichen Mehrheiten fragen sich, wo denn das „Wir“ geblieben ist, das sie sich ersehnen.

Über all diese Fragen lässt sich entlang des luziden Essays von Judith Kohlenberger gut nachdenken. Dafür ist die feine Reihe „übermorgen“, in der der Essay erschien, auch gemacht. Jedes der Bücher trägt nur ein Wort im Titel.

„Pathos“ lautet der Band, den die Journalistin Solmaz Khorsand vorgelegt hat, und man kann diese beiden Bücher durchaus im Dialog lesen. Letztlich umkreist Khorsand nämlich gar nicht so unähnliche Themen. Unter „Pathos“ verstehen wir in der Alltagssprache nicht selten großspuriges Gerede, einen Sprechmodus, wie ihn Staatsmänner, Kardinäle oder auch Revolutionäre anschlagen können, die von Tribünen hinunter schmettern. Womöglich denken wir an „hohles Pathos“.

Aber Pathos ist viel mehr, es ist die Emotion, mit der wir unsere Argumente versehen. Pathos ist alles, was uns gefühlsmäßig „anfasst“. Pathos „bedeutet Macht“, schreibt Khorsand. „Erst wenn die eigene Bewegtheit andere bewegt, kommen die Dinge ins Rollen.“ Pathos quillt aber auch überall raus. „Es ist ermüdend, dem Pathoskonzert auf Dauer zuzuhören.“

Es ist eine komplizierte Sache mit dem Pathos, es kann der Gerechtigkeit dienen oder zu Genoziden aufstacheln. Und, so Khorsand, nicht allen wird das gleiche Recht auf Pathos zuerkannt. Das Pathos der einen wird sofort anerkannt, das Pathos anderer als „weinerlich“ und „übertriebenes Geheule“ abgetan. Klagt ein Mann ein Unrecht pathetisch an, ist er ein guter Redner, macht es eine Frau, gilt sie leicht als „hysterisch“.

Wir alle sollten die Lautstärke manchmal runterdrehen, meint Khorsand, aber ­diejenigen, die sowieso leicht Gehör finden, sollten damit, salopp gesagt, als Erste beginnen.

Robert Misik in FALTER 14/2021 vom 09.04.2021 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Pathos (Solmaz Khorsand)


Rezension aus FALTER 11/2021

Krisen machen Bruchstellen sichtbar

Steht ein System unter Druck, werden seine Schwachstellen deutlich sichtbar. Genau das geschah in der Corona-Krise. Zwei junge, politisch aktive Autorinnen interessieren sich in ihren Büchern für zwei besonders prägnante Bruchstellen unserer Gesellschaft: die Einsamkeit vereinzelter Individuen und das kleine „Wir“, das die anderen abwertet.

Diana Kinnert, 1991 geborene Tochter eines schlesischen Spätaussiedlers und einer philippinischen Migrantin, erlebte es am eigenen Leib: Psychosozialer Stress und Vereinzelung machen krank. „Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“, lautet der Titel ihres Buchs. Aus Umfragen und soziologischen Studien liefert sie erschreckende Zahlen für Deutschland und Europa. Das einsamste EU-Land scheint übrigens Bulgarien.

Globalisierung, Digitalisierung und ständigen Druck zur Selbstoptimierung macht sie als Ursachen für diese Schattenseite der Individualität aus. Die Corona-Krise sieht sie dabei nicht nur als Brennglas, sondern auch als „ziemlich entscheidendes Experiment“, bei dem es auch positive Ergebnisse zu verbuchen gebe: neue soziale Kanäle und Solidarität.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist auch in ihrem Beruf als Politikerin Thema. Als Nachwuchshoffnung der CDU berät Kinnert deutsche Landesregierungen sowie die britische Regierung zum Thema Kampf gegen die Einsamkeit. 2017 veröffentlichte sie ihr erstes Buch, „Für die Zukunft seh’ ich schwarz“, über zeitgemäßen Konservativismus. Ihr neues Buch verfasste sie zusammen mit dem Co-Autor Marc Bielefeld, einem erfahrenen Journalisten und Autor, der unter anderem für die Zeit und die Süddeutsche schreibt.

Und doch scheint’s manchmal, als hätte viel Text in wenig Zeit verarbeitet werden müssen: etwa wenn Hermann Melvilles legendäre Figur Bartleby, die sich ihrem Chef so subtil verweigert, um eine Nuance falsch zitiert wird. Oder wenn plakative Metaphern wie „das wundersame Aphrodisiakum der Krise“ dem Leser schrill entgegenleuchten. Doch gerade diese Dichte und Direktheit ohne allzu viel Feinschliff erzeugen auch den Sog des Buchs. Da schwimmt man mit im schnellen Strom von Kinnerts vielfältigen Wahrnehmungen und treffenden Wortkreationen wie „Fast-Food-Intimität“ und fühlt sich nahe bei der Autorin.

Kinnerts Therapievorschläge überraschen. Manches hätte man sich zumindest nicht aus dem konservativen Eck erwartet: „Gefragt sind emanzipierte Seelen, die dem Flexibilitätsregime Ungehorsam entgegensetzen.“ Bartleby lässt grüßen. Wie das geht, führt die offen lesbisch lebende Kinnert an konkreten Beispielen aus. „Digitale Mündigkeit“ gegenüber den allgegenwärtigen mobilen Einzelwelt-Spielzeugen ist eins davon. Kinnerts Beobachtungen und Analysen der gesellschaftlichen Vereinzelungsmechanismen lassen das wüste Land der Einsamkeit in erstaunlich vielen Farben erscheinen, die dort zu funkeln beginnen, wo die Autorin machbare Ideen für ein neues Miteinander präsentiert.

Selten sei so oft an dieses Personalpronomen appelliert worden wie in der Corona-Krise, meint Judith Kohlenberger, Jahrgang 1986. Deswegen hat sie ihr Buch schlicht „Wir“ genannt. Aber welches von den vielen „Wir“ meint sie? Kohlenberger zeigt, dass sich unsere anscheinend gestärkten Gemeinschaftsgefühle oft als exklusive Wir-Konstrukte darstellen. Am deutlichsten wird das dort, wo man sich darüber definiert, dass man nicht die anderen ist – also zum Beispiel in allen Nationalismen. Doch auch positiven Identifikationen und gemeinsamen Erfolgserlebnissen attestiert Kohlenberger nur ein „kuhwarmes Wir-Gefühl“, basierend auf unreflektierter Emotionalisierung.

Die Kulturwissenschaftlerin forscht am Institut für Sozialpolitik der WU Wien zu Fluchtmigration und Integration und engagiert sich unter anderem im FALTER-Think-Tank und im Expertenrat Migration.Integration.Teilhabe. Ihr gesellschaftlicher Befund unter der Lupe der Corona-Krise lautet „umfassende Ungleichheit“.

Nicht nur, wenn es um Homeoffice in der Dachterrassen- versus Souterrain-Wohnung geht, ziehen schwächere Gruppen den Kürzeren, sondern auch beim Gesundheitsschutz. Nach jüngsten medizinischen Erkenntnissen fuße der nicht nur auf einem funktionierenden Gesundheitssystem, sondern auch auf sozialer Gerechtigkeit, die Angst und Existenzsorgen vorbeuge.

Vor allem will die Autorin zeigen, dass ein anderes Wir möglich ist: „ein Wir, das nicht auf Ausgrenzung oder Abwertung beruht, sondern auf Miteinander und Füreinander“. „Auf Privilegien verzichten“, heißt einer ihrer sehr konkreten Vorschläge für Do-it-yourself-Maßnahmen. Als Beispiel bringt sie die Geschichte einer weißen Studentin, die darauf besteht, von dem Polizisten, der sie wegen Schnellfahrens angehalten hatte, auch ein Strafmandat zu bekommen. Der hätte glatt darauf verzichtet aus lauter Überraschung darüber, dass hinter den getönten Scheiben des laute Hip-Hop-Musik in die Luft blasenden getunten Wagens kein afroamerikanischer Mann aufgetaucht war, sondern eine weiße Frau.

Hinschauen lautet für Kohlenberger das Gebot der Stunde: Nicht so zu tun, als gäbe es keinen Unterschied zwischen Geschlecht, Herkunft oder Religion, sondern anzuerkennen, dass Menschen unterschiedlich sind – und nicht zu schweigen, wenn das dazu führt, dass sie unterschiedlich gewertet werden. Gerade mit ihren treffenden und wenig beschönigenden Analysen macht sie Mut, nicht den Glauben daran zu verlieren, dass echte Fortschritte in Sachen Diversität und Inklusion möglich sind, und öffnet die Augen dafür, dass sie schon stattfinden.

Andreas Kremla in FALTER 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die neue Einsamkeit - Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können (Diana Kinnert, Marc Bielefeld)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen