Pathos

von Solmaz Khorsand

€ 18,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2021


Rezension aus FALTER 14/2021

Wir und die anderen im ermüdenden Pathoskonzert

Das Wir gibt es nicht. Es existiert schlichtweg nicht“, schreibt Judith Kohlenberger gleich vorne in ihrem Essayband mit dem schlichten Titel „Wir“. In Gesellschaften leben Menschen unterschiedlicher Milieus, divergierender Lebenslagen, diverser Werte, Junge, Alte, Familien mit Kindern, Singles, Leute unterschiedlicher ethnisch-kultureller Identitäten. Alle irgendwie anders.

Und doch wird genauso oft ein „Wir“ beschworen wie das Fehlen eines „Wir“-Gefühls beklagt. Dass Menschen, die gemeinsam in einem – wie auch immer umgrenzten – Raum leben, zusammengehören, wird mal mehr, mal weniger stark empfunden, gelegentlich wird auch ein kuhwarmes „Wir-Gefühl“ ersehnt.

Solidarität etwa kommt ohne „Wir“-Gefühl schwer aus, und in der Praxis sind Solidaritätsgefühle dann stärker, wenn sich die Beteiligten als „Ähnliche“ empfinden, und es ist daher immer auch umkämpft, wer zur „In-Group“ oder der Solidargemeinschaft dazuzählt, oder wieder anders gesagt: zum Wir.

Deswegen ist das „Wir“ zugleich so wichtig und auch so gefährlich, denn es kommt ohne Abgrenzung schlecht aus: Wir und die Anderen. Nicht übersehen werden dürfe, „dass das inflationäre Wir nicht nur Einheit schaffen, sondern auch Spaltung erzeugen kann“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Kohlenberger, die an der Wirtschaftsuniversität lehrt und als Migrations- und Arbeitsmarktforscherin das „Wir“ von den Rändern her denkt, also der Frage nachgeht, wie Diskriminierte, Neuhinzukommende, sogenannte „Andere“ in das „Wir“ der Solidargemeinschaft hineinkommen.

War früher das „Wir“ mit starker Ähnlichkeit, mit Nation, relativer ethnischer Homogenität verbunden, so bewegen „*wir*“ uns langsam zu einem postnationalen „Wir“, und das geht nicht ohne Konflikte ab, oder, wie Kohlenberger das nennt, mit „Wachstumsschmerzen“.

Hinzu kommt, dass nicht nur Migration und Diversität eine Herausforderung für das „Wir“ sind, auch eine neoliberale Ego-Gesellschaft, Individualisierung und die kulturelle Ausdifferenzierung machen „Wir“-Ideen prekär.

Nicht nur Minderheiten haben das Problem, nicht Teil des „Wir“ zu sein, auch die angeblichen Mehrheiten fragen sich, wo denn das „Wir“ geblieben ist, das sie sich ersehnen.

Über all diese Fragen lässt sich entlang des luziden Essays von Judith Kohlenberger gut nachdenken. Dafür ist die feine Reihe „übermorgen“, in der der Essay erschien, auch gemacht. Jedes der Bücher trägt nur ein Wort im Titel.

„Pathos“ lautet der Band, den die Journalistin Solmaz Khorsand vorgelegt hat, und man kann diese beiden Bücher durchaus im Dialog lesen. Letztlich umkreist Khorsand nämlich gar nicht so unähnliche Themen. Unter „Pathos“ verstehen wir in der Alltagssprache nicht selten großspuriges Gerede, einen Sprechmodus, wie ihn Staatsmänner, Kardinäle oder auch Revolutionäre anschlagen können, die von Tribünen hinunter schmettern. Womöglich denken wir an „hohles Pathos“.

Aber Pathos ist viel mehr, es ist die Emotion, mit der wir unsere Argumente versehen. Pathos ist alles, was uns gefühlsmäßig „anfasst“. Pathos „bedeutet Macht“, schreibt Khorsand. „Erst wenn die eigene Bewegtheit andere bewegt, kommen die Dinge ins Rollen.“ Pathos quillt aber auch überall raus. „Es ist ermüdend, dem Pathoskonzert auf Dauer zuzuhören.“

Es ist eine komplizierte Sache mit dem Pathos, es kann der Gerechtigkeit dienen oder zu Genoziden aufstacheln. Und, so Khorsand, nicht allen wird das gleiche Recht auf Pathos zuerkannt. Das Pathos der einen wird sofort anerkannt, das Pathos anderer als „weinerlich“ und „übertriebenes Geheule“ abgetan. Klagt ein Mann ein Unrecht pathetisch an, ist er ein guter Redner, macht es eine Frau, gilt sie leicht als „hysterisch“.

Wir alle sollten die Lautstärke manchmal runterdrehen, meint Khorsand, aber ­diejenigen, die sowieso leicht Gehör finden, sollten damit, salopp gesagt, als Erste beginnen.

Robert Misik in FALTER 14/2021 vom 09.04.2021 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wir (Judith Kohlenberger)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen