Oblomow

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wenn einer weiß, was nötig ist, und es trotzdem nicht tut, dann leidet er an Oblomowerei. Gontscharows Meisterwerk ist heute zeitgemäßer denn je: Mit der Figur des lebensuntüchtigen Oblomow, der lieber seine Tagträume pflegt, als Ordnung in seinem Leben zu schaffen, hat Gontscharow eine prophetische Figur der modernen Welt geschaffen. Nicht nur in Politik und Wirtschaft ist das sprichwörtlich gewordene Laster zur Krankheit unserer Gegenwart geworden. Die Neuübersetzung des Klassikers aus Russland schafft den Witz, die Originalität, aber auch die tragische Tiefe von Oblomows Schicksal neu und ist dabei provozierender als mancher Gegenwartsroman.

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FALTER-Rezension

Mann im Schlafrock

Quarantäne kennt keine Krawatte, das Home-Office keinen Dresscode. Eine kleine Phänomenologie stilvoller Selbstverwahrlosung

Du läufst im Morgenrock herum, ziehst dich zum Essen nicht mal um, dein Haar, da baumeln kreuz und quer die Lockenwickler hin und her …“. Charles Aznavours Desillusionschanson „Du lässt dich geh’n“ richtet sich an eine Frau, aber die beschriebenen Symptome schleichender Selbstverwahrlosung sind kein weibliches Privileg, eher im Gegenteil.

„Hod dea ka Oide, de wos auf eam schaud?“, lautet der Wienerische Mustersatz, der den Anblick meist schon etwas älterer Herren begleitet, die es mit der Körperpflege nicht mehr so genau nehmen und die Flecken auf Hemd und Hose – im schlimmsten Falle: vorsätzlich ­– ignorieren.

In Zeiten, in denen es keine Businessmeetings mehr gibt, liegen die Verlockungen vorsätzlicher vestimentärer Verwahrlosung im Home-Office nahe: Für die Videokonferenz mag man schnell in ein Hemd schlüpfen, die Pyjamahose aber behält man an, sieht ja keiner.

Selbstverwahrlosung ist kein Privileg des Alters. Die literarische Blaupause aller Männer, die sich gehen lassen, ist ein junger Herr, „ein Mann von zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren, mittelgroß und von angenehmem Äußeren“, wohnhaft in der Gorochowaja uliza, einer der belebtesten Hauptstraßen von Sankt Petersburg.

Die Rede ist von Ilja Iljitsch Oblomow, dem Protagonisten von Iwan Gontscharows 1859 erschienenem Roman gleichen Namens, der einer ganzen Lebensweise den Namen gab: der „Oblomowerei“.

Von Formen vorsätzlicher Faulenzerei unterscheidet sich diese durch den Umstand, dass sie alternativlos ist: „Das Liegen war für Ilja Iljitsch keine Notwendigkeit wie für einen Kranken oder wie für jemanden, der schlafen möchte, es war auch keine Zufälligkeit, wie für einen, der erschöpft ist, und kein Genuss wie für einen Faulpelz: Es war sein Normalzustand.“

60 Seiten braucht Oblomow, um aus dem Bett zu kommen – und damit ist aller Aufwand, zu dem er fähig ist, auch schon geleistet. Das wichtigste Accessoire dieser Existenzweise ist ein ursprünglich prächtiger, bestens mit Oblomows sanften Zügen und verzärteltem Körper harmonierender, im Verlauf der Jahre aber immer fadenscheiniger werdender Hausrock: „Er trug einen Chalat aus persischem Stoff, einen echt orientalischen Chalat, ohne das geringste Zugeständnis an Europa, ohne Troddeln, ohne Samt, ohne Taille, der so geräumig war, dass sich selbst Oblomow zweimal in ihn einwickeln konnte.“

Unter den Anti-Helden der Antriebslosigkeit findet sich auf der anderen Seite des Atlantiks Oblomows um sechs Jahre älterer Bruder im Geiste. Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ versieht seine Kopistendienste in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street und wehrt mit „sanftmütige[r] Unverschämtheit“ alle darüber hinausgehenden Tätigkeiten mit der sturheil wiederholten Phrase „I would prefer not to“ ab.

Der Erzähler, Bartlebys ehemaliger Chef, der diesen als „farblos ordentlich, mitleiderregend anständig, rettungslos verlassen“ beschreibt, schildert eine Zufallsbegegnung mit seinem Angestellten, als er vor dem sonntäglichen Kirchgang in die Kanzlei schauen will und dort zu seiner Bestürzung durch den Türspalt den „Geist Bartlebys“ gewahrt – „in Hemdsärmeln und sonst in einem merkwürdig zerlumpten Morgenrock“.

Während Oblomow in den eigenen vier Wänden versumpft, zieht Bartleby ins Büro seines Brötchengebers, der es nicht übers Herz bringt, ihn vor die Tür zu setzen. Was dann dessen Nachfolger besorgt; worauf Bartleby, der nun auch die Nahrungsaufnahme verweigert, in kurzer Zeit im Gefängnis zugrunde geht. In beiden Fällen veranschaulicht der traurige Zustand des Rocks auch den Verfall seines Trägers.

Retrospektiv lässt sich sagen, dass sowohl der Stubenhocker aus Sankt Petersburg als auch sein transatlantisches Pendant gegenüber allen kapitalistischen oder kollektivistischen Aufforderungen, die noch folgen sollten, resistent geblieben wäre. Als Heroen subversiver Verweigerung aber taugen beide nicht.

Oblomow würde heute schlicht als „depressiv“ diagnostiziert werden, und Bartleby ist weniger ein psychologisch definierter Charakter als eine Chiffre des Aus-dem-Leben-gefallen-Seins.

Er ist als Referenzfigur für „den lebenslangen Generalstreik“ denkbar ungeeignet – auch wenn genau diesen einige Künstler und Intellektuelle unter dem Kollektiv-Namen „Haus Bartleby“ vor einigen Jahren in einer Flugschrift gegen einen „kapitalistischen Wachstums- und Karrierefetisch“ ausriefen.

Wie sieht es eineinhalb Jahrhunderte später aus? Um die letzte Jahrtausendwende hatte der Mann im Schlafrock wieder Saison. In den Filmen „The Big Lebowski“ (1998) und „Wonder Boys“ (2000) indiziert dieses Kleidungsstück aber tatsächlich eine Form subversiven Trotzes, quasi: Verwahrlosung als Selbstermächtigung.

In der Eröffnungssequenz von „The Big Lebowski“ wird der Protagonist vom Erzähler als „Mann der Stunde“ – „he’s the man for his time and place, he fits right in ­there“ – eingeführt, während die Kamera auf ihn zoomt. Auf dem menschenleeren Gang eines Supermarkts steht der von Jeff Bridges verkörperte Titelheld vor dem Regal: Sonnenbrille, Bademantel, Schlabbershorts und Schlapfen. Das soeben von ihm geöffnete und beschnüffelte Tetra Pak enthält eine Mischung aus Milch und Schlagobers (Half & Half), unabkömmliche Ingredienz für die Herstellung jener Cocktails, die Jeffrey Lebowski, genannt „The Dude“, rund um die Uhr in sich und seinen Hotzenplotzbart gießt. Zu den anderen Teilen bestehen White Russians aus Wodka und mexikanischem Kaffeelikör (Kahlúa) und weisen exakt denselben schmutzigen Beige-Ton auf, in dem auch der Bademantel und die XXXL-Strickjacke gehalten sind, die The Dude die meiste Zeit über trägt.

Als „wahrscheinlich faulster Mann von Los Angeles County“ wird The Dude durch die Verwechslung mit einem Milliardär gleichen Namens als Philip Marlowe des Slackertums, der eigentlich nur eine ruhige Bowlingkugel schieben will, in einen grotesken Noir-Plot samt Porno-Produzent, feministischer Aktionskunst und einem Häuflein doofer Nazis verwickelt und erweist sich in seinen Very Baggy Pants als Pionier des Manspreading avant le lettre.

Mit „The Big Lebowski“ teilt „Wonder Boys“ (nach dem gleichnamigen, 1995 erschienenen Roman von Michael Chabon) leitmotivisch eingesetzte Bob-Dylan-Songs und den exzessiven Drogenkonsum des Protagonisten.

Darüber hinaus hat Grady Tripp (Michael Douglas) so viele Probleme am Hals, dass diese hier nur ansatzweise aufgezählt werden können: Der Creative-Writing-Professor ist seit geraumer Zeit den Nachfolger zu seinem Erfolgsroman „The Arsonist’s Daughter“ schuldig und hat ein Verhältnis mit Sara (Frances McDormand!), der Frau seines Uni-Rektors. Im Kofferraum seines Wagens befinden sich darüber hinaus des gehörnten Gatten Marilyn-Monroe-Memorabilia sowie dessen toter Hund, der von Tripps Lieblingsstudenten James (Toby McGuire) erschossen wurde.

Als sich die Ereignisse überstürzen und Tripp eines verregneten Morgens vor die Tür seines Hauses tritt, um Sara (Frances McDormand!!) gegenüberzutreten, tut er dies im rosafarbenen und reich ornamentierten Frotteebademantel seiner Ex.

Befänden wir uns in einer Screwball Comedy mit Cary Grant („Bringing Up Baby“), würden aus dieser Szene Funken des Drag-Humors geschlagen (entsprechende Neigungen Grants sind verbürgt).

Michael Douglas aber trotzt seinem Auftritt eine paradoxe Würde ab: Tripp verkörpert die Grandezza eines Mannes, der Haltung gerade dadurch gewinnt, dass er auf deren Zurschaustellung verzichtet – und den Zuseherinnen und Zusehern eine der kürzesten, aber schönsten Liebesszenen der jüngeren Filmgeschichte beschert (Frances McDormand!!!).

Wie die angeführten Beispiele belegen, kann es allerlei bedeuten, wenn Männer in Morgenmäntel schlüpfen. Und die Geschichte der maskulinen Aneignung dieses Kleidungsstückes ist ereignisoffen. In Zeiten von Home-Office und Quarantäne ist fix damit zu rechnen, dass uns The Dude und Professor Tripp demnächst auch bei Billa und Hofer begegnen.

Klaus Nüchtern in Falter 13/2020 vom 27.03.2020 (S. 45)


Unseliges Versinken

"Oblomow", Iwan Gontscharows erschütternde Diagnose eines Depressiven, liegt in neuer Übersetzung vor

In Hinblick auf den Nachruhm ist Kafka allem Anschein nach der perfekte Name, lässt sich aus ihm doch ein so schmuckes Adjektiv wie "kafkaesk" bilden. Andere, vorzugsweise zweisilbige und nicht auf Zischlaute endende Namen fügen sich gut ins gleiche Schema: "bernhardesk". Abseits davon aber wird's selbst für Autoren mit so schlichten Namen wie Dickens oder Doderer schwierig. Am allerblödesten sind russische Namen. "Dostojewskiesk"? "Tolstoioid"? Geht gar nicht.
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow hat das Problem antizipiert und sich um den Begriff, der seinen Nachruhm sichern helfen sollte, selbst gekümmert: Die "Oblomowerei" leitet sich von seinem berühmtesten Geschöpf, dem Protagonisten des 1859 in Erstfassung erschienenen Romans
"Oblomow", ab und bezeichnet die Krankheit, an der der Titelheld laboriert und letztendlich zugrunde geht. Der Leser begegnet Oblomow, einem Mann "von zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren, mittelgroß und von angenehmem Äußeren" sowie unbestimmter Gesichtsfarbe, gleich auf der ersten Seite in dessen natürlichem Habitat (Schlafzimmer) und bevorzugter Lage (horizontal): "Das Liegen war für Ilja Iljitsch keine Notwendigkeit wie für einen Kranken oder wie für jemanden, der schlafen möchte, es war auch keine Zufälligkeit, wie für einen, der erschöpft ist, und kein Genuss wie für einen Faulpelz: Es war sein Normalzustand."

Das Trägheitsgesetz besagt bekanntlich, dass ein in Ruhe befindlicher Körper so lange in Ruhe verharrt, bis eine Kraft von außen auf ihn einwirkt. Ilja Iljitsch Oblomow ist der Beweis dafür, dass das Trägheitsgesetz nicht nur in der Mechanik, sondern auch für belebte Materie Gültigkeit besitzt. Am ersten Tag des Romans erwacht Oblomow "sehr früh", nämlich bereits gegen acht Uhr, und fasst umgehend "den Entschluss, aufzustehen, sich zu waschen, Tee zu trinken, gründlich nachzudenken, sich etwas zu überlegen, es aufzuschreiben und überhaupt (…)."
Ein halbes Stündchen bleibt Oblomow aber doch noch liegen. Es folgt ein unerquicklicher Wortwechsel mit dem notorisch nachlässigen Diener Sachar, einer schlagenden Verkörperung des wienerischen Bonmots "Wie der Herr, so des Gscher". Beklagt Oblomow den deplorablen hygienischen Zustand seiner Wohnung, beteuert Sachar, dass er die Unsauberkeit, die Wanzen und die Mäuse nicht erfunden habe. Oblomow wiederum macht seinen Diener auch noch für die eigene Trägheit verantwortlich: "Was ist das nur? (…) Bald elf, und ich bin immer noch nicht aufgestanden und habe mich noch nicht gewaschen? Sachar, Sachar!"
In der Folge empfängt Oblomow eine Reihe von Besuchern: den jungen Wolkow, der ihm vorschlägt, doch einmal zu den Tjumenjews, den Mussinskis, den Sawinows, Maklaschins oder Wjasnikows mitzukommen; den umtriebigen Sudbinski, der soeben befördert worden ist und Berichte, Artikel, Buchbesprechungen und eine Erzählung schreiben muss; einen Mann unbestimmten Alters, Charakters und Namens ("Viele nannten ihn Iwan Iwanytsch, andere Iwan Wassiljitsch und wieder andere Iwan Michajlitsch"); den stets mürrischen und groben Michej Andrejewitsch Tarantjew, der Oblomows unfreiwillige Gastfreundschaft aufs Unverschämteste ausnützt und sich ständig selbst zum Essen einlädt.

Auf Seite 63 erhebt sich Oblomow "widerwillig vom Bett wie ein völlig erschöpfter Mensch" und wechselt in eine unbewegte Sitzposition. Auf Seite 146 sinkt er mit zufriedenem Schnarchen in den Schlummer. Der Roman, an dem Gontscharow insgesamt zehn Jahre schreiben und den er mehrfach überarbeiten sollte (die deutsche Übersetzung folgt der Letztfassung von 1887), ist nicht gerade das, was man einen "Tempobolzer" nennt. Das hat zum einen natürlich mit der viskos verrinnenden Vita des Prota­­gonisten, zum anderen aber auch mit der Akribie zu tun, die der Autor bei der Beschreibung dieses Lebens obwalten lässt. Zwischen raffenden Rückblicken, essayartigen Exkursen und ausführlichen Dialogen in Echtzeit wird die Existenz Oblomows in ihrem ganzen Elend auseinandergefaltet – und das kann durchaus mühselig sein.
Man möchte diesem Oblomow mitunter in den Hintern treten oder zumindest an den Schultern packen und ordentlich durchrütteln. Die Figur, die dies an Lesers statt übernimmt, heißt Andrej Iwanytsch Stolz und ist Oblomows einzig wahrer Freund, zugleich aber auch dessen absoluter Antipode. Er ist es auch, der den Begriff der "Oblomowerei" geprägt hat. Als Sohn einer Russin und eines Deutschen erfüllt er das offenbar schon damals wirkungsmächtige Klischee von deutscher Effektivität.
"Einem Russen wäre das nie im Leben eingefallen, weder dir noch mir! Diese Angelegenheit riecht nach Deutschland", schimpft Tarantjew, als Stolz Oblomows Güter in Pacht nimmt, um diesen davor zu bewahren, einmal mehr ausgenommen zu werden – eine verbreitete Praxis, an der sich auch der intrigante Tarantjew beteiligt, denn das ursprünglich nicht unbeträchtliche Hab und Gut des ebenso arg- wie tatenlosen und in wirtschaftlichen Angelegenheiten schlampigen Oblomow ist eine leichte Beute für Betrüger.
Slawische Gemütstiefe und deutsche Tatkraft werden in "Oblomow" allerdings weniger als clash of cultures denn als blend of cultures ausgewiesen, in dem die Gegensätze einander befruchten und zum Ideal eines mündigen, schöpferischen und empfindsamen Subjekts, eben Andrej Iwanytsch Stolz, verschmolzen werden: "Wie eine Tabelle auf steinerner Gesetzestafel war das Leben des alten Stolz für alle und jeden sichtbar verzeichnet, mehr dahinter zu vermuten war ausgeschlossen. Seine Mutter aber, mit ihren Liedern und dem zärtlichen Geflüster, dann das so ganz anders geartete Fürstenhaus, später die Universität, die Bücher und die Gesellschaft – all das hatte Andrej vom geradlinigen, von seinem Vater vorgezeichneten Gleis weggeführt; das russische Leben hatte seine unsichtbaren Ornamente hineingemalt und aus der farblosen Tabelle ein leuchtendes, breit angelegtes Gemälde entstehen lassen."
In der "naturwüchsigen Gesellschaft", heißt es bei Marx und Engels in "Die deutsche Ideologie", die in den Jahren 1845 bis 1847 verfasst wird – 1849 erscheint in der Literaturzeitschrift Sowremennik (Der Zeitgenosse) ein erstes Kapitel aus dem "Oblomow" –, "hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht herauskann". In der kommunistischen Gesellschaft hingegen werde es jedem möglich sein, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".
Es ist diese Freiheit, die Oblomow fürchtet. Er ist der geborene Modernisierungsverlierer, der jede Neuerung nur als Niedergang und zusätzliche Möglichkeit des Scheiterns wahrnimmt. In "Oblomows Traum", dem von seiner Entstehung her ältesten und in der Tat traumhaften Kapitel, entwirft Gontscharow so etwas wie eine kleine Sozialisationstheorie der Wohlstandsverwahrlosung: "Wenn andernorts der Leib der Menschen von der vulkanischen Arbeit eines inneren, seelischen Feuers schnell verzehrt wird, so versank die Seele bei den Bewohnern von Oblomowka friedlich und ungestört in ihrem weichen Körper." Das Vokabular mag heute archaisch anmuten, der Befund freilich ist erschütternd aktuell. Oblomow ist ein tragischer mehr noch als ein komischer Held, der sich selbst durchschaut und an sich selbst leidet, gerade weil er weiß, dass man einen wie ihn eigentlich keinem anderen zumuten kann – und erst recht keiner anderen: Seine zum Scheitern verurteilte Liebe zu Olga füllt einige der deprimierendsten Kapitel des Romans. Heute würde man einen wie Oblomow wohl "depressiv" nennen.

Dass sich die "Oblomowerei" zu Beginn des 21. Jahrhunderts als "die Krankheit unserer Gegenwart" darstellt, wie es im Begleittext des Verlages etwas vollmundig heißt, ist so nicht ganz richtig, aber auch nicht falsch. Sie ist eher das Symptom einer Gesellschaft, in der die Imperative zur Selbststeigerung und zum Selbstgenuss zu depressiver Überforderung führen. Oblomow ist kein Verweigerer, nur ein Gezeichneter. Seine Psychosomatik ist sein Schicksal, und nicht einmal sein Freund Stolz vermag ihn aus seiner nachgerade metaphysischen Müdigkeit zur Mündigkeit zu erlösen.
Am Ende sind wir wieder bei Oblomow, Sachar und den Wanzen angelangt, die Letzterer bekanntlich nicht erfunden hat. Der Kreis schlösse sich, wäre er nicht eine Spirale, die steil nach unten weist. "Leise und allmählich", so heißt es in diesem ebenso gnadenlosen wie zartfühlenden Roman über den Titelhelden, "versank er immer mehr im einfachen und geräumigen Sarge seiner Restexistenz, den er sich eigenhändig gezimmert hatte."
Der Zustand der Vorhänge und des Schlafrocks spiegeln die Seele dessen wider, der dahinter und darinnen haust: Verblichen sind sie und zerschlissen. Der Prognose seines Arztes gemäß stirbt der zur Selbstverflüssigung so unbegabte Oblomow am Schlagfluss, und dem Leser steht das Wasser in den Augen. Eine Träne für Oblomow, den traurigsten Helden der Welt.

Klaus Nüchtern in Falter 11/2012 vom 16.03.2012 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446238749
Erscheinungsdatum 27.02.2012
Umfang 840 Seiten
Genre Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Übersetzung Vera Bischitzky
Herausgegeben von Vera Bischitzky
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