Der werfe den ersten Stein

Mythologisch-philosophische Verdammungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wahrheit – Schuld – Unterwerfung: Verführerische Verdammungen der zwei Bestsellerautoren im Dialog über menschliche Grundsatzfragen.
Verrat – Betrug – Intrige: Wer den schlimmsten Formen menschlicher Bosheit zum Opfer gefallen ist, dem bleibt als Befreiungsschlag oft nur die Verdammung des Gegners. Die Weltliteratur kennt viele Verdammungen, in der Bibel, auf der Bühne, in Märchen und Legenden. Michael Köhlmeier erzählt ein gutes Dutzend Beispiele, die Konrad Paul Liessmann philosophisch kommentiert: Geschichten wie die von Agamemnon und Achill, Jesus und der Ehebrecherin, Othello und Desdemona. Ein großer Erzähler und ein großer philosophischer Lehrer erkunden die dunkelsten Seiten unserer Existenz – ein brillanter Dialog vor einem weit gespannten Horizont der Ideen.

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FALTER-Rezension

Von der Verführung zur Verdammung

Philosophie: Das Duo Köhlmeier-Liessmann denkt über Betrug, Verrat, Kränkung, Intrige und Schuld nach

Teilnehmern des jährlichen Philosophicums Lech in Vorarlberg ist die Vorgehensweise bekannt: An den literarisch-philosophischen Vorabenden erzählt Michael Köhlmeier eine Geschichte, und Konrad Paul Liessmann reflektiert darüber. So gehen zwei Protagonisten der österreichischen Kulturszene auch, bereits zum zweiten Mal, in Buchform vor. „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen“ von 2016 folgt nun „Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammungen“.

Die Autoren haben sich vorab auf die großen Themen verständigt, quasi ein Sündenregister der Menschheit: Betrug und Verrat, Kränkung und Intrige bis zur Schuld allgemein. Köhl­meier schöpft aus dem Vollen des Mythenschatzes unterschiedlicher Kulturen: biblische Berichte sowie ihre apokryphen Ergänzungen und Umformungen, altorientalische Legenden, die homerischen Epen mit weiterführenden olympischen „Nachrichten“, das Nibelungenlied und Volkssagen.

Kurz: Alles, was je gesagt, gesungen oder geraunt wurde, dient als Stoff. Zuweilen greift der Erzähler selbst ein. Raffiniert dreht er so die Aussage einer Kärntner Kreuzfahrerlegende im Schlusssatz in ihr Gegenteil. Der etwas altväterliche Ton, in den der narrative Duktus manchmal verfällt, mag nicht jedermanns Geschmack treffen. Immer wieder blitzen aber Witz und Lebendigkeit in diesen „Märchen aus uralten Zeiten“ auf – kaum überraschend vor allem bei den (Un-)Taten der griechischen Götter und Helden und der Nibelungen. Und so sind es gerade diese Teile, die Lust auf die Originaltexte machen, wobei man so ganz nebenbei auf weitere Varianten des Themas stoßen kann.

Konrad Paul Liessmann klopft die Köhlmeier’schen Textversionen auf ihre philosophische Dimension ab. Ohne mit dem Zeigefinger auf „die Moral von der Geschicht“ zu verweisen und im Bewusstsein der Gefahr, dass Aktualisierungen schnell zu weit getrieben werden können, spürt er den inneren Widersprüchlichkeiten der zunächst eindeutig erscheinenden Darstellungen nach.

Karl Kraus’schen Sprachwitz erreicht das Kapitel über die Intrige in der Unterscheidung von List und Hinterlist. Erstere ist „ein Strategem in einem deklarierten Kampf“. Deswegen bleibt Ulysses mit seinem trojanischen Pferd, obwohl moralisch nicht ganz einwandfrei, ein Held. Die Hinterlist aber „eröffnet einen Kampf, von dem außer dem Intriganten niemand weiß“. Othellos Kontrahent Jago ist in diesem Sinne der absolut Böse. Wenn wir die Brücke zu (hinter-[?])listigen Aufdeckern neuerer Skandale schlagen, kommen Irritationen auf, da wir uns über unseren Beifall für sie befragen sollten – eine von vielen anschaulichen Illustrationen des Buchtitels.

Sparsam eingesetzt, dafür umso zielsicherer sind die Verweise auf Denkansätze der klassischen Tradition. In Fragen der Erkenntnistheorie und des moralischen Handelns wird dabei, fast notwendigerweise, auf Kant rekurriert. Aber auch Lieblingsphilosophen wie Nietzsche und Kierke­gaard liefern Denkanstöße. Brillant führt Liessmann in einer Geschichte von vertauschten Zwillingen und einer Notlüge in das Dilemma ein, in dem man das von Kant so absolut vorgetragene Verbot der Lüge theo­retisch anerkennt, gleichzeitig aber zum Wohle des im Einzelfall davon Betroffenen Ausflüchte daraus sucht.

„Eine saubere Lösung ist dabei wohl nicht zu finden, und manchmal werden im Leben Wahrheit und Lüge so vertauscht sein wie (…) Zwillinge.“ Bei diesen Gedanken finden sich schnell Anknüpfungspunkte zur modernen Medienwirklichkeit, ein Grundanliegen des Buches.

Was in einer Rezension des Vorgängerbuches mit der etwas flapsigen Wendung als „Senf und Kren des Philosophen“ bezeichnet wird, ist das Instrumentarium, das mehr Schärfe und Klarheit in Urteilsvermögen und Unterscheidungskraft bringen soll, um Trübungen des Zeitgeists aufzuklären.

Bei aller Kritik an Auswüchsen wie Kontrollmechanismen, Evaluierungswahn und Überempfindlichkeiten, die er unter dem Stichwort „Generation Schneeflocke“ abhandelt, vermeidet Liessmann (fast) immer, in konservativen Kulturpessimismus zu verfallen. Sollten die Autoren diesem Band noch einen folgen lassen, erwarten den Leser sicherlich weitere Vergnügungen. Und da die beiden begnadete Vortragende bzw. Vorleser sind, ist das gleichzeitig erschienene Hörbuch sicherlich eine ebenbürtige Alternative.

Thomas Leitner in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 42)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446264021
Erscheinungsdatum 19.08.2019
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Philosophie, Religion
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
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