Die Märchen

Illustriert von Nikolaus Heidelbach
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Vorzugsausgabe des großen Märchenbuchs: Mit einem von Nikolaus Heidelbach signierten und nummerierten Druck, sowie einer Signatur von Michael Köhlmeier
Michael Köhlmeier schreibt die Märchen unserer Zeit. Nikolaus Heidelbach ergänzt diese limitierte Ausgabe mit einer herausnehmbaren Original-Illustration. Die Märchen sind keine Nacherzählungen bekannter Stoffe, sondern eigene Erfindungen, verstörende, unheimliche Geschichten. Von der traurigen Frau und dem neidischen Arzt, von Schneeblume und Kasgsichtl. Zu jeder einzelnen schaut uns ein geheimnisvolles Bild von Nikolaus Heidelbach an. Und immer erklingt die alte Frage aus dem „geheimsten aller geheimen Märchen“: Was ist aus den ersten Menschen geworden, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben wurden? Da sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch, verrät Michael Köhlmeier. Ein unvergleichliches Hausbuch, das mit Leineneinband, Buchschleife und Lesebändchen besonders schön ausgestattet ist.

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FALTER-Rezension

„Jedes Märchen kreist um Angst“

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier und der Literaturwissenschaftler Michael Maar sprechen über die Macht der Märchen, über Kafka und Kannibalismus

Es ist über 800 Seiten dick und wiegt 1,7 Kilo. Ziegelroter Leineneinband, blaues Lesebändchen. Zwischen den Buchdeckeln des voluminösen, nicht ganz unbescheiden mit „Die Märchen“ betitelten Bandes befinden sich 151 Märchen, die Michael Köhlmeier nach-, neu- oder zum ersten Mal erzählt hat. Und jedes davon ist von Nikolaus Heidelbach haarfein, detailfroh und liebevoll sowie sehr, sehr gruselig illustriert worden.

Es ist definitiv kein Buch für ungeschickte und pickige Kinderhände, und es sind auch keine Geschichten, die die Kindergartentante an ihrem Arbeitsplatz vorlesen würde. Dennoch darf man davon ausgehen, dass der prächtige und auch nicht ganz billige Band heuer einer der Renner unterm Weihnachtsbaum sein wird. Wie das folgende Gespräch beweist, können sich auch Erwachsene für Märchen begeistern.

Michael Köhlmeier ist vor „Die Märchen“ als Hörbuchmärchenonkel, Verfasser eines Märchen-Dekamerones und zuletzt des Buches „Von den Märchen“ (Haymon, 2018) in Erscheinung getreten. Der Germanist Michael Maar hat als Literaturdetektiv die Spuren verfolgt, die Motive und Figuren des dänischen Märchenerzählers Hans Christian Andersen im Werk Thomas Manns hinterlassen haben, und er hat 2012 in dem schmalen Band „Hexengewisper“ unter anderem die historischen Wurzeln von „Hänsel und Gretel“ freigelegt.

Der Falter bat die beiden Michaels zu einem moderierten Märchenmeeting nach Wien. Maar war eigens aus Berlin angereist, Köhlmeier hatte kurzfristig seinen Vorarlberger mit seinem Wiener Wohnsitz an der Wienzeile getauscht, wo das folgende Gespräch auch stattfand.

Falter: Wie sah denn Ihre Märchensozialisation aus? Ganz klassisch: Die Mama liest vor?

Michael Maar: Nein, gar nicht. Ich habe mich mit Märchen erst gründlich zu befassen begonnen, als mich derselbe Maler, der jetzt Köhlmeiers Buch illustriert hat, quasi darauf geschubst hat. Nikolaus Heidelbach hat Grimms Märchen illustriert, und da habe ich die aus Freundschaft und Verbundenheit mit ihm vom ersten bis zum letzten gelesen.

Und, wie ist es Ihnen damit gegangen?

Maar: Ich habe mich gefragt, was die uns überhaupt erzählen wollen.

Was würden Sie darauf antworten?

Maar: Ich würde zunächst einmal Michael Köhlmeier zitieren wollen, von dem der schöne Satz stammt: „Märchen sind die Primzahlen der Literatur.“ Man kann aus ihnen nichts ableiten, das macht auch den Reiz von Märchen aus, die oft ganz unlogisch sind. Was sind das für Eltern, die ausgerechnet an jenem Tag spazieren gehen, an dem – wie sie wissen! – ihrem Kind, nämlich Dornröschen, Gefahr droht?

Michael Köhlmeier: Also ich bin sehr früh mit Märchen konfrontiert worden. Meine Großmutter hatte mir Grimms Märchen aber nicht vorgelesen, sondern erzählt. Ich wusste gar nicht, dass die auch in schriftlicher Form vorliegen. Sie hat aber nicht nur vom Herrn Korbes, sondern auch vom Fräulein Montag erzählt, wobei ich angenommen habe, dass Herr Korbes tatsächlich existiert und Fräulein Montag erfunden ist. Wer heißt schon so? Es war aber genau umgekehrt: Fräulein Montag war eine Bekannte meiner Großmutter aus Kindertagen. Mein Vater hat es übrigens nicht gerne gesehen, wenn meine Großmutter mir diese Geschichten erzählt hat.

Wieso?

Köhlmeier: Weil er Historiker und ein aufgeklärter Mensch war, für den Märchen etwas Irrationales hatten.

Märchen wären doch auch aus historischer Perspektive interessant?

Köhlmeier: Aber wenn man dem nachgeht, wie das Johannes Bolte und Jírí Polívka getan haben, beantwortet das die Frage, warum der gestiefelte Kater Stiefel trägt, auch nicht. Das wird in dem Märchen nicht begründet und hat überhaupt keine Bedeutung.

Maar: Ich denke, dass der Stiefel in der Zeit, in der das Märchen entstanden ist, ein unfassbarer Luxusgegenstand war. Es könnte ein Hinweis auf den Reichtum des Katers sein, aber im Vordergrund steht natürlich das Bild.

Köhlmeier: Ich habe manchmal den Verdacht, dass am Anfang aller Märchen eine Art Traumbild steht, das sich jeder Deutung entzieht, und dass die Deutung dann das Märchen selber ist.

Maar: Das entspricht exakt dem literarischen Verfahren von Kafka. Dessen Texte unterliegen auch einer Traumlogik.

Köhlmeier: Ja, bei Kafka ist das ganz deutlich. In der Erzählung „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“ wird der Titelheld von zwei beständig auf und ab springenden Tischtennisbällen begleitet. Woher kommt so ein Bild?

Maar: Es gibt die sehr kluge Bemerkung des Kafka-Biografen Reiner Stach, der in einer Fußnote anmerkt, dass Kafka seine Werke nicht interpretieren wollte, dass es aber fraglich ist, ob er es überhaupt gekonnt hätte. Wobei es bei Kafka eben persönliche Traumbilder sind, die er verdichtet, wohingegen es beim Märchen um einen kollektiven Bestand geht.

Köhlmeier: Und sowohl bei Kafka als auch beim Märchen lässt sich eine Affinität zu Tieren feststellen.

Was macht ein Märchen eigentlich aus? Wodurch unterscheidet es sich von verwandten Genres wie Legenden, Sagen oder Fabeln?

Köhlmeier: Ich habe das jedenfalls beim Schreiben meines Buches für eine akademische Frage gehalten und mich darum nicht gekümmert, ob das jetzt „echte“ Märchen sind.

Aber Sie haben bekannte Märchen neu erzählt, quasi einen Remix gemacht?

Köhlmeier: Es gibt ein einziges Märchen, bei dem ich die ersten vier oder fünf Zeilen wortwörtlich übernommen habe: „Schneeblume“. Das ist ein Fragment der Grimms, mehr gibt’s da nicht, und ich habe das sozusagen fertiggestellt. Aber in der Regel habe ich einfach Geschichten genommen, die mir gut gefallen haben, habe vom Plot 80 oder auch nur 20 Prozent übernommen und sie neu erzählt.

Und dann gibt es ein paar Märchen, die vollkommen neu erfunden sind.

Zum Beispiel?

Köhlmeier: „Sebastian Inwendig“.

Der leidet ja eigentlich am Locked-in-Syndrom.

Maar: Das hatte ich mir auch notiert! Und an einer Depression. Eine der grausamsten Geschichten in dem Buch.

Köhlmeier: Die ist mir bei einem Spaziergang eingefallen. Man sagt ja manchmal so: „Ich würde dies und jenes dafür geben, wenn das nicht passiert.“ Und Sebastian Inwendig gibt im Laufe der Geschichte alle seine Sinne auf.

Das erinnert ein bisschen an das Duell in Monty Python’s „Ritter der Kokosnuss“, wo dem einem Ritter alle Gliedmaßen abgeschlagen werden …

Köhlmeier: … worauf der seinem Gegner zuruft: „Und jetzt haust ab.“ Entsetzlich!

Was ist mit „Die Traurige“? Das ist die Geschichte einer Frau, die alle ins Unglück stürzt.

Köhlmeier: Die ist auch vollständig auf meinen Mist gewachsen. Ich wüsste jedenfalls kein Vorbild.

Maar: Da ist Köhlmeiers Zugriff viel radikaler als jener der Gebrüder Grimm. Es gibt kaum Happy Ends, wenig Versöhnliches und was bleibt, ist das nackte Böse. Wobei das Böse oft in Form des Mobs oder der Dorfgemeinschaft auftritt. Es sind „die Leute“, wie es oft heißt, die dem schönen Mädchen Eitelkeit vorwerfen und erst durch diese Zuschreibungen die Konflikte schaffen.

Es ist schon angesprochen worden, dass Märchen etwas mit dem Kollektiv, vielleicht auch mit dem kollektiven Unbewussten zu tun haben. Was leisten Märchen in diesem Zusammenhang?

Köhlmeier: Ich habe den Eindruck, dass jedes Märchen eigentlich um Angst kreist. Ich spreche jetzt von den Grimms. Wobei immer so getan wird, als hätten die keinerlei Eingriffe vorgenommen.

Was aber nicht stimmt? Haben sie die Märchen zensuriert?

Maar: Teils, teils.

Köhlmeier: Sie haben die Märchen entsexualisert, zugleich aber brutaler gemacht.

Maar: Völlig richtig: Beim Sex haben sie entschärft, und bei der Gewalt eher noch zwei Schaufeln draufgelegt. Allerdings haben sie die bösen Mütter aus dem Original doch zu Stiefmüttern abgemildert.

Köhlmeier: Und wenn der Teufel vorkommt, steckt in Wirklichkeit oft der Vater dahinter.

Maar: In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass sich die Forschung nicht darüber einig ist, ob Märchen eher von den Frauen oder von den Männern überliefert wurden. Es gibt die Theorie, dass die von fahrenden Gesellen in den Schenken erzählt wurden, und es gibt die Theorie, dass die Näherinnen zusammengesessen sind und getratscht haben. Wenn man sich das Männerbild der Märchen näher ansieht, in denen die Männer nicht so gut wegkommen und oft als große Tölpel dargestellt werden, spricht das eher für die Verbreitung durch die Frauen.

Sie, Herr Maar, haben sich ja eingehend mit „Hänsel und Gretel“ beschäftigt.

Maar: Ja, und dieses Märchen scheint mir auch ein Beleg dafür zu sein, dass neben der Angst auch Not eine große Rolle spielt. Meines Erachtens wird da an ein Menschheitstabu gerührt. Die Frage, die sich stellt, ist doch folgende: Im Hexenhaus herrscht nun wirklich kein Nahrungsmittelmangel. Die hat ihr Lebkuchenhaus, es gibt dort Fischgräten, und Fisch war ein Luxusgut. Warum also mästet sie den armen Buben?

Und, was haben Sie herausgefunden?

Maar: Wenn man genauer liest, merkt man, dass die Hexe wortwörtlich dieselben Ausdrücke verwendet wie die Mutter. Es ist also eine verschobene Geschichte. Was dem Kind im Märchen droht und im Dreißigjährigen Krieg tatsächlich vielen Kindern drohte, ist, dass sie aufgrund der entsetzlichen Hungersnot geschlachtet werden. Das war damals nicht ganz unüblich, aber man konnte nicht davon sprechen. Dieser Tabubruch ist so schrecklich, dass er in eine Geschichte gefasst werden muss, in der die Tat auf die böse Hexe geschoben wird. Ich nenne das den „Glutkern“. Und das Märchen ist gewissermaßen die Asbestschicht drum herum, damit man das überhaupt anfassen kann. Im Übrigen heißt es in dem Moment, in dem die Kinder nach Hause zurückkehren, nur lakonisch: „Die Mutter war aber gestorben“ – nämlich in demselben Moment, in dem die Hexe in den Ofen geschoben wurde.

Köhlmeier: Es ist die Aufspaltung einer Figur.

Maar: Genau. Das ist aber nur im Falle von „Hänsel und Gretel“ so schön nachzuweisen. Andere Märchen rühren wieder an andere Tabus und Nöte.

Köhlmeier: Weil Sie gerade den Dreißigjährigen Krieg erwähnt haben: Es gibt bei den Grimms ein Märchen, das „Des Teufels rußiger Bruder“ heißt. Das ist eines der wenigen oder vielleicht sogar das einzige Märchen, in dem der Teufel nicht nur als Guter, sondern als einzig Gütiger vorkommt. Der Soldat kehrt aus dem Krieg heim und niemand will auch nur irgendwas mit ihm zu tun haben, nur der Teufel sagt: Komm zu mir, brauchst nur sieben Jahre ein bissl zusammenkehren und darfst dich nicht waschen. Als die sieben Jahre um sind, sagt der Soldat: „Was, ich muss jetzt gehen?“ Der Teufel sagt: „Ja, musst du. Und als Lohn kriegst du das Zusammengekehrte.“ Der Soldat denkt sich: „Na gut, trag ich halt den Müll raus.“ Als er im Wald ankommt, merkt er aber, dass es Gold ist. Das wird ihm dann von einem Wirt gestohlen, aber der Teufel sorgt auch dafür, dass der Soldat es wieder zurückbekommt.

Und die Moral von der Geschicht’?

Köhlmeier: Lautet, dass der Krieg die Leute so bös macht, dass im Vergleich dazu sogar der Teufel ein Guter ist.

Weiß man, wie tief die historischen Wurzeln der Grimm’schen Märchen reichen?

Köhlmeier: Ich sage nur: Bolte/Polívka! (Johannes Bolte und Jiří Polívka verfassten zwischen 1913 und 1932 einen fünfbändigen Kommentar zu den Märchen der Grimms, Red.) Bei denen steht alles drin. Ein Antiquariat in der Wollzeile hat eine Ausgabe seit 30 Jahren im Angebot, ich glaube zu 600 Euro pro Band. Und ich habe mich immer gefragt: Brauch ich das wirklich? Vor drei Jahren geh ich auf den Flohmarkt und seh zwischen irgendwelchem Kram auch eine vierbändige Taschenbuchausgabe. Ich frage ganz cool: „Was ist mit dem da?“ Und der Verkäufer, entschuldigend: „15 Euro?“ Für alle! Und ich: „Naja, gut.“

Haben Sie sich je mit Wladimir Propp befasst? (1895–1970; russischer Folklorist und Verfasser von Standardwerken zum Zaubermärchen)

Köhlmeier: Natürlich, das ist der Klassiker. Den Aarne-Thompson-Index gibt’s auch noch, wo die Märchen nach Typen klassifiziert werden. Aber das alles lässt mich irgendwie unbefriedigt: Das ist so, als wollte man im Restaurant die Speisekarte analysieren, anstatt was zu bestellen. Davon wird man nicht satt!

Gibt’s denn in Ihrem Buch eine Systematik? Warum sind es grad 151 Märchen?

Köhlmeier: Weil es sonst zu dick geworden wäre. Und, nein, da steckt kein System dahinter. Es gibt auch ganz untypische Märchen.

Maar: Zum Beispiel „Das große Klatschen“ – das ja auf einem realen Ereignis beruht. Ich kenne das aus Martin Amis’ Stalin-Buch „Koba the Dread“, wo erzählt wird, dass sich die Genossen auf dem Parteitag tatsächlich nicht trauten, mit dem Klatschen aufzuhören. Und meiner Erinnerung nach ist derjenige, der wirklich nicht mehr konnte, am nächsten Tag abgeholt worden.

Köhlmeier: Genau so ist es.

Maar: Köhlmeier macht da ein sehr interessantes Märchen daraus, indem er diese ganzen Nebenfiguren einführt, die scheinbar unwichtig sind, das Ganze aber erst lebendig machen. Allerdings fügt er hin und wieder Brüche ein, die die Geschichten als gegenwärtig ausweisen: Da fliegt jemand auf die Malediven oder der Erzähler meldet sich zu Wort und kommentiert den eigenen Sprachgebrauch. Das wäre bei den Grimms nicht möglich gewesen.

Wie sind Sie denn beim Schreiben vorgegangen?

Köhlmeier: Ich schäme mich fast, es zu sagen, aber in Wirklichkeit habe ich einfach drauflosgeschrieben. Bei vielen Sachen – und es waren dann nicht die schlechtesten – haben ich in der Bewegung der Finger zur Tastatur noch nicht genau gewusst, was das wird. Und viele Märchen, die ich schon im Kopf hatte, habe ich wieder abgebrochen. Man kommt sehr schnell ins Moralisieren, und das ist immer ein Verrat an dem Bild, das am Anfang da war.

Maar: Diese Moral ist aber auch bei den Grimm’schen Märchen immer angepappt.

Der Klassiker wäre „Frau Holle“.

Köhlmeier: Wobei die Strafen immer unverhältnismäßig sind, finden Sie nicht?

Maar: Doch. Der Erfindungsreichtum in dem, was man heute als „Folter“ bezeichnen würde, ist schwer zu überbieten. Eine böse Königin wird zum Beispiel in ein Fass mit siedend heißem Öl gesteckt und den Abhang hinuntergerollt. Und in diesem Fass befinden sich auch noch Giftschlangen, die als frittierte dann wohl nicht mehr ganz so gefährlich waren – unglaublich!

Liegt vielleicht gerade darin der spezielle Reiz von Märchen? Dass die grausam, unlogisch und absurd sein dürfen?

Köhlmeier: Schon auch. Merkwürdigerweise tendiert man, wenn man sich im Schreiben diesen Bildern überlässt, eher zum Grausamen als zum Guten. Vorm Guten hat man ja auch keine Angst, und es geht, wie gesagt, wohl darum, die Angst zu bannen.

Was an Märchen auffällt, ist ein archaisches, fast antizivilisatorisches Moment: Die Natur rebelliert oder schlägt sich auf die Seite der Außenseiter.

Köhlmeier: Oder es verbünden sich sogar die Dinge mit den Tieren wie in dem schrecklichen Märchen vom Herrn Korbes, der von allen gepeinigt und am Schluss vom Mühlstein erschlagen wird, der sich selbst auf den Türstock gewuchtet hat.

Maar: Eine Art tödliches Mobbing.

Köhlmeier: Und wir wissen nicht, warum! Das hat Wilhelm Grimm letztendlich nicht ausgehalten, sodass er in einer späten Fassung noch den Satz angefügt hat, dass der Herr Korbes ein sehr böser Mann gewesen sein muss. Ja, dann!

Wissen Sie noch, welches das erste Märchen war, das Sie geschrieben haben?

Köhlmeier: Nein. Und zwar deswegen nicht, weil sich diese Arbeit sicher über 15 Jahre hingezogen hat und weil ich alte Texte überarbeitet habe, damit ein halbwegs einheitlicher Sound entsteht. Die allerersten Sachen waren eher satirisch angehaucht, und das habe ich extrem gehasst. Märchen und Satire vertragen sich nicht.

Maar: Es wird manchmal versucht, aber dann geht es in die Hosen.

Köhlmeier: Märchen werden für so viel in den Dienst genommen und geradezu missbraucht. Dieser Spruch von Bruno Bettelheim zum Beispiel: „Kinder brauchen Märchen.“ Warum? Wozu?

Das Märchen lebt ja eigentlich sehr vom Gestus der Mündlichkeit – lesen Sie sich Ihre Sachen laut vor?

Köhlmeier: Immer. Und die gesprochene Sprache hatte ich natürlich stets im Hinterkopf, weswegen dann auch in der Regel im Perfekt erzählt wird, denn im Dialekt gibt’s ja kein Präteritum.

Maar: Genau dieser knorrige Ton und die Redundanzen machen aber den Reiz aus und die Märchen farbig und anschaulich. Im Vergleich zu den eleganten, aber auch etwas polierten Kunstmärchen von Andersen geht Köhlmeier zwei Stufen zurück zu den Wurzeln des mündlichen Erzählers.

Köhlmeier: Wobei dieser Gegensatz – hier die Grimms, die alles nur aufgezeichnet haben; dort Andersen, der alles erfunden hat – nicht stimmt. Die meisten Andersen-Märchen haben auch ihre folkloristischen Wurzeln, und die Grimms haben ordentlich eingegriffen. In der frühesten Fassung von „Rumpelstilzchen“ springt das einfach aus dem Fenster und rennt davon. Dass es das eine Bein knietief in die Erde rammt und sich dann mitten entzweireißt, hat der Wilhelm erfunden und damit eine Ikone des Jähzorns geschaffen. Im Kino wär das ein unglaubliches Splatter-Movie!

Maar: Es geht in „Rumpelstilzchen“ aber auch um die bannende Macht des Namens: Ohne den Namen wirst du des Trägers nicht mächtig, aber sobald du den Namen weißt, hast du ihn.

Was hat es mit der Schönheit auf sich? Die spielt in Ihren Märchen eine auffällige Rolle.

Köhlmeier: Tatsächlich? Das war mir nicht bewusst. Es gibt aber eine bestimmte Lust, Schönheit zu zerstören. Das ist auch was Böses.

Ich finde es wahnsinnig ärgerlich, wenn irgendwelche bekifften Sprayer frisch verputzte Fassaden mit ihren ambitionslosen Krakeln verunzieren.

Köhlmeier: Vor etwa zehn Jahren haben sie ja den Theseustempel im Volksgarten renoviert – in strahlendem Weiß und unfassbar schön. Die Sabine Haag (Direktorin des Kunsthistorischen Museums, Red.) hat mir erzählt, dass sie Wetten darüber abgeschlossen haben, wie lange es dauert, bis der verunstaltet wird. Da ging’s aber nicht um Wochen, sondern um Tage. Bis heute ist nichts geschehen. Der Tempel ist offenbar so schön, dass sich das niemand traut. Ich habe ein T-Shirt, auf dem steht: „Schönheit genügt“. Das sollte jedenfalls so sein und über jeder Kunstproduktion stehen.

Aber in Ihren Märchen geht’s nicht um die Bauwerke oder um Kunst, sondern um menschliche Schönheit.

Köhlmeier: Da genügt Schönheit nicht. Die wird als Privileg empfunden, und das können wir offenbar nicht akzeptieren.

Klaus Nüchtern in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 4)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783446264656
Erscheinungsdatum 23.09.2019
Umfang 816 Seiten
Genre Belletristik/Märchen, Sagen, Legenden
Format Hardcover
Verlag Hanser, Carl
Illustrationen Nikolaus Heidelbach
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