Tyll

von Daniel Kehlmann

€ 23,60
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Verlag: Rowohlt
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.10.2017


Rezension aus FALTER 41/2017

Von einem, der auszog, niemals zu sterben

In „Tyll“ erstattet Daniel Kehlmann dem bekannten Narren etwas von dessen ursprünglicher Ambivalenz zurück und arbeitet mehrere Diplomarbeiten ein

Das Ypsilon war nach Fritz von Herzmanovsky-Orlando („Youghiogheny“) ein bisschen vernachlässigt in der österreichischen Literatur. Aber dann kam Marlene Streeruwitz mit „Yseut“, und jetzt zieht also auch Daniel Kehlmann nach. „Tyll“ heißt sein jüngster Roman mit der idiosynkratischen Schreibweise jener Figur, die als Till Eulenspiegel (oder auch Dil Ulenspiegel) in die Literaturgeschichte eingegangen ist.
Wie schon in seinem Millionenseller „Die Vermessung der Welt“ (2005) bedient Kehlmann auch hier das Genre des historischen Romans, in dem verbürgte Personen an der Seite fiktiver Charaktere auftauchen, und erstattet darüber hinaus seinem Protagonisten einige der sinistren Züge zurück, die der fortschreitenden Verharmlosung der erstmals für 1515 in der Literatur nachgewiesenen Gestalt im Laufe der Zeit zum Opfer gefallen sind. Bezeichnenderweise zählt die Episode, in der Tyll zu seinen Insignien, der Kappe mit den Eselsohren kommt, zu den schaurigsten Szenen eines Romans, dem es an Grausam- und Grauslichkeiten wahrlich nicht mangelt.

Kehlmann beamt den Eulenspiegel, der mittelalterliche Wurzeln und Vorbilder hat, in den Dreißigjährigen Krieg, dessen barbarischer Furor bei allen Folter- und Splatterdetails, die der Roman auch liefert, am pointiertesten im lakonischen Bericht eines Söldners zum Ausdruck gelangt, der mehrfach die Fronten gewechselt hat. Gemeinsam mit Tyll erlebt dieser Korff als Mineur „Im Schacht“ (so der Titel des Kapitels) den Beschuss der Festung Brünn durch die Schweden und erinnert sich an die Einnahme von Magdeburg durch die Truppen der Katholischen Liga: „Als die Stadt gefallen ist, haben wir alles genommen, alles verbrannt, alles getötet. Macht, was ihr wollt, hat der General gesagt. Man schafft das nicht gleich, weißt du, muss sich erst dran gewöhnen, dass man das wirklich darf. Dass das geht. Mit Menschen machen, was man will.“
Den historischen Hintergrund teilt „Tyll“ mit Grimmelshausens „Simplicissimus“, die beide auch Erwähnung finden. Das ist dort interessant, wo das Genre des Schelmenromans eher unterlaufen als bedient wird. Tyll ist zwar ein Faxenmacher und Entertainer, wirklich komische Auftritte hat er aber eigentlich keine. Die sind, wenn auch kaum freiwillig, den hohen Herrschaften vorbehalten – wodurch der Roman durchaus an die anarchische und karnevaleske Kraft der pikaresken Tradition anzuknüpfen trachtet.

Da ist zum Beispiel der Jesuit Athanasius Kircher, der in der Realität als die wissenschaftliche Speerspitze des Vatikans fungierte und in der Romanfiktion bei der peinlichen Befragung von Tylls Vater, der schließlich als Hexer zum Tode verurteilt wird, eine führende Rolle spielt. Kirchers Universalgelehrtentum – „im Wesentlichen weiß er inzwischen, woher die Dinge kommen, wie die Welt entstanden ist und warum alles so ist, wie es ist“ – wird von Kehlmann als krudes Amalgam aus wissenschaftlicher Anstrengung und schierem Obskurantismus, Kircher selbst als aufgeblasener und eitler Selbstvermarkter entlarvt.
Subtiler und liebevoller fällt die Charakterisierung von Elisabeth Stuart aus, der Gattin von Friedrich V. von der Pfalz, der wegen seiner nur ein Jahr währenden Regentschaft über Böhmen den Spottnamen „Winterkönig“ verpasst bekam, der dann auch picken blieb. Liz, wie sie genannt wird, ist eigentlich ohnmächtig und doch eine von jenen sympathischen, „starken“ Frauen des Romans, die ihren Männern gerne Watschen androhen und verabreichen – die heimliche Heldin von „Tyll“.
Der hat allerdings beträchtlich darunter zu leiden, dass Kehlmann als ewiger Klassenbester mit seinem Wissen über die Familienverhältnisse und machtpolitischen Ambitionen diverser Herrscherhäuser, der diplomatischen Feinmechanik des Westfälischen Friedens und der Hydraulik eines hierarchiehysterischen Hofzeremoniells nicht hinterm Berg halten kann. Es wird freilich nicht nur in leidlich lustige Slapstickszenen umgesetzt, sondern auch in ebenso unglaubwürdige wie unelegante Dialoge oder innere Monologe verpackt: „Da sitze ich, dachte sie, Königin von Böhmen, Kurfürstin der Pfalz, Tochter des Königs von England, Nichte des Königs von Dänemark, Großnichte der jungfräulichen Elisabeth, Enkelin der Maria von Schottland, und kann mir kein Feuerholz leisten.“ Die Endmoräne, zu der sich der angehäufte realienkundliche Schotter addiert, bremst das Tempo dieses ohnedies von zahlreichen Rückblenden verlangsamten Romans noch beträchtlich.

Neben eindringlichen Szenen – etwa jener, in der Tylls Vater bei bestem Appetit einen Nachschlag der Henkersmahlzeit verlangt und bemerkt, dass „dieses Gefühl des Ungenügens“, das ihn ein ganzes Leben lang begleitet hat, einfach nur Hunger war –, gibt es aber auch solche, die ermüdend sind, weil das Außergewöhnliche, das darin beschworen wird, eine bloße Behauptung bleibt – das sogenannte „Schlafes Bruder“-Syndrom.

So kommt es, dass das Konzept, das dem Roman zugrunde liegt, spannender ist als dieser selbst. In ihrer Ausführung kommt die Geschichte vom ebenso kühl wie risikofreudig kalkulierenden Opportunisten, der sich das Motto der Bremer Stadtmusikanten – „etwas Besseres als den Tod findest du überall“ – zur Überlebensmaxime gemacht hat, nämlich oft reichlich betulich und behäbig daher: „Der Junge bückt sich, hebt einen Stein auf, wirft ihn hoch, fängt ihn wieder, ohne hinzusehen, und wirft ihn wieder hoch. Während der Stein in der Luft ist, hebt er einen zweiten auf und wirft ihn, fängt den ersten, wirft ihn, hebt blitzartig einen dritten auf, fängt den zweiten, wirft ihn wieder, wirft ihm den dritten nach, fängt und wirft den ersten und (…)“ – usw., usf.
Mein Gott, der Bub jongliert halt, das kann man zur Not doch auch einfach mal so hinschreiben!

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 35)


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