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| ISBN | 9783518423172 |
|---|---|
| Erscheinungsdatum | 15.10.2012 |
| Genre | Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945) |
| Verlag | Suhrkamp |
| Lieferzeit | Lieferbar in 14 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Suhrkamp Verlag GmbH Torstr. 44 | DE-10119 Berlin info@suhrkamp.de |
1989 veröffentlichte Peter Handke den Versuch über die Müdigkeit, ein Jahr danach folgte der Versuch über die Jukebox. Den vorläufigen Abschluß dieser erzählerischen Umkreisungen des Alltags bildete der Versuch über den geglückten Tag. Zwanzig Jahre später legt er einen neuen Versuch vor: Versuch über den Stillen Ort.
„Lang lang ist es her, daß ich einen Roman des englischen Schriftstellers A.J. – ‚Archibald Joseph‘, wenn ich mich nicht irre – Cronin gelesen habe, in einer deutschen Übersetzung, mit dem Titel ‚Die Sterne blicken herab‘. Es war ein ziemlich dickes Buch, aber es liegt nicht an dem Autor und seiner Geschichte, die mich damals mitgenommen und begeistert hat, daß ich mich an kaum welche Einzelheiten erinnern kann. Was mir von dem Roman geblieben ist, neben den Sternen, die fortwährend herabblicken: Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: ‚wenn ich mich nicht irre‘). Viel später, angesichts des Films ‚Wie grün war mein Tal‘, von John Ford, gaukelten, im guten Sinn, die Bilder der Gesichter und Landschaften mir vor, daß es sich da, obwohl ich’s doch besser wußte, nicht etwa um eine Verfilmung von Richard Llewellyns ‚How Green My Valley was‘, vielmehr von Cronins ‚The Stars Are Looking Down‘ handelte. Dabei habe ich doch von dem Epos der herabblickenden Sterne eine einzige Einzelheit behalten. Aber diese geht mir bis zum heutigen Tag nach, und sie ist es auch, welche den Ausgangspunkt für mein nun fast schon lebenslanges Umkreisen und Einkreisen des Stillen Orts und der stillen Orte bildet, und mit der jetzt hier dementsprechend der Anfang des Versuchs darüber gemacht werden soll.“
| ISBN | 9783518423172 |
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| Erscheinungsdatum | 15.10.2012 |
| Genre | Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945) |
| Verlag | Suhrkamp |
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| Herstellerangaben | Anzeigen Suhrkamp Verlag GmbH Torstr. 44 | DE-10119 Berlin info@suhrkamp.de |

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2012 vom 24.10.2012 (S. 31)
Kurz vor seinem 70. Geburtstag am nächsten Nikolotag ein Buch übers Klo herauszubringen ist fast schon von dylanesker Lässigkeit. Denn der "Stille Ort", dem Peter Handke seinen nunmehr vierten "Versuch" widmet (nach solchen über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag), meint in der Tat das Häusl, die Toilette, den Abort.
Nun wäre Handke aber nicht Handke, wenn er – kicher, kicher – mit dem Tabuthema kokettieren würde. Statt den Begriff des stillen Ortes euphemistisch einzusetzen, versteht ihn der Autor wortwörtlich: als eine Enklave des Rückzugs und der Sammlung.
Vom Hauptwidmungszweck des Scheißhauses ist bei Handke so gut wie keine Rede, ohne dass man deswegen den Eindruck hätte, hier würde etwas verdrängt oder -schwiegen. Das Verhältnis des Erzählers zum stillen Ort ist vielmehr von sympathischer Ungeziertheit. Als der junge, damals staatenlose Handke aus dem heimatlichen Dorf gen Westen aufbricht, verbringt er eine Nacht auf der Bahnhofstoilette von Spittal an der Drau: "Ich habe mich umstandslos auf den gekachelten Boden gelegt, den Seesack als Nackenpolster."
Wie immer ist Peter Handke auch hier der poetischen Evokation singulärer Wahrnehmungen verpflichtet, die freilich nicht naiv beschworen, sondern auch im Modus skeptischer Selbstbefragung thematisiert werden. War es wirklich so? Ist so recht davon gesprochen? Geht es nicht auch anders?
Stilistisch bringt dieses Ethos des Schreibens ganz unterschiedliche syntaktische Gebilde hervor: Sätze von jubilierender Schlichtheit ("Was für ein Leichtsinn mir dazu beschert wurde! Ah, Sorglosigkeit und Leichtsinn, schöner"), aber auch 147 Worte lang wuchernde Hypotaxe voller Klammern und doppelter Doppelpunkte. Und wenn sich Handke in etymologischen Exkursen ins Altgriechische ergeht, gerät er gefährlich in die Nähe geschwätzigen Bildungsgeklingels.
Dafür wird man aber mehr als genug entschädigt: Wie sich der Internatszögling am ersten Tag im vollbesetzten Speisesaal in die neuen Hosen pinkelt, um sich erst dann auf die Toilette zu "retten", ist ebenso diskret wie präzise beschrieben. Weltliteratur!

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