Winters Garten
Roman

von Valerie Fritsch

€ 17,50
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Verlag: Suhrkamp
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 154 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.03.2015


Rezension aus FALTER 19/2015

Mit dem Untergang kam der Aufstieg

Mit ihrem Endzeitroman „Winters Garten“ ist die junge Grazerin Valerie Fritsch zum Shootingstar der heimischen Literatur avanciert

Valerie Fritsch liegt auf dem Sofa ihrer Wohnung, die sich in der Nähe des Grazer Hilmteichs befindet. Die Wohnung ist nicht allzu groß, liegt aber ausgezeichnet, ist eine von mehreren in einer prächtigen Villa. „Es gibt hier massenhaft Eichhörnchen. Sie sind das Erste, was man sieht, wenn man in der Früh aus dem Fenster blickt“, erzählt Fritsch. Die junge Literatin hängt an einer Infusion. Die Flasche hat sie an einem grauen Regenschirm angebracht, den Schirm in den Spalt zwischen der Rückseite des Sofas und der Wand gesteckt, die Lösung fließt in ihre Vene. Sie wirkt erschöpft und wartet auf die Fragen. Seit ihr Roman „Winters Garten“ erschienen ist und ein fulminanter Erfolg wurde, muss sie ständig viele Fragen beantworten.
Erst vor einigen Tagen ist Fritsch von einer mehrwöchigen Reise aus Asien zurückgekommen, gab umgehend in der Alten Schmiede in Wien eine „postburmesische Jetlaglesung“, anschließend standen zahlreiche Interviews an. Danach suchte sie ein Schmerzanfall heim – Fritsch leidet unter Endometriose, einer chronischen Erkrankung der Gebärmutter, ihren Uterus bezeichnet sie als „rebellisch“. Und nein, es sei ihr nicht zu intim, wenn das so in der Zeitung steht, sie „nehme an Krankheiten keinen Anstoß“.

Valerie Fritsch wird in den kommenden Tagen 26 Jahre alt. Vor rund sechs Jahren hat sie sich dafür entschieden, von der Literatur leben zu wollen. Das ist ihr auch gelungen, wie sie zufrieden feststellt. Zahlreiche Preise und Stipendien gingen in den letzten Jahren auf ihr Konto. „Ich bin damit ausgekommen, ohne dass ich zusätzlich arbeiten musste.“ Ihr Jus- wie auch das Germanistikstudium hat sie hingeschmissen. Zuletzt erhielt sie Anfang des Jahres den mit 10.000 Euro dotierten steirischen Peter-Rosegger-Literaturpreis.
Auf ihrer Visitenkarte steht: „Schriftstellerin. Liebhaberin des Doppelpunkts. Photokünstlerin.“ Der Doppelpunkt war bis vor einiger Zeit so etwas wie ihr Markenzeichen, in ihrem ersten, 2011 erschienenen Roman „Die Verkörperungen“ (Leykam-Verlag) setzte sie ihn geradezu inflationär ein. Das Buch erzählt von einer Edelhure, die schließlich Ärztin wird und auf einer Palliativstation arbeitet. Dafür hat Fritsch vor allem in Paris, wo der Roman spielt, an einschlägigen Orten recherchiert.
Seit der Matura ist Fritsch ständig auf Reisen. Im Schnitt war sie stets sechs Monate pro Jahr im Ausland. Manchmal allein, oft mit ihrem in Wien lebenden Reisepartner, den sie nur dann sieht, wenn ein Trip ansteht. Der einzige Kontinent, den sie bislang noch nicht besucht hat, ist Australien. Sie ist laut Eigendefinition auch eine „Reisende“. Das hat sie auf der Visitenkarte vergessen, nicht aber auf ihrer Homepage. Die Eindrücke, die sie dabei sammelt, fließen natürlich in ihre Literatur ein, ihre zentralen Werke leben davon. Nicht nur „Die Verkörperungen“, sondern vor allem „Die Welt ist meine Innerei“ (2012, Septime-Verlag) – in Form literarischer Reisebriefe erzählt sie von Peru, Bangladesch oder Malaysia. Und auch von Äthiopien, wo sie nach der Matura als Freiwillige zwei Monate lang in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Im Buch sind auch zahlreiche Fotos aus diesen Ländern abgebildet – Fritsch hat eine Ausbildung an der Grazer Akademie für angewandte Fotografie absolviert, möchte sich in diesem Bereich allerdings nicht „etablieren“. Zuletzt wurde auch in „Winters Garten“ spürbar, wenn auch nicht so eindeutig zuordenbar, dass Fritsch von dieser Welt schon viel gesehen hat.
„Winters Garten“ also heißt das Buch, das der Grund dafür ist, dass die Grazerin im Moment sehr gefragt ist. In acht Kapiteln schlägt eine anfängliche Idylle plötzlich in ihr Gegenteil um – die Welt und vor allem die zentrale Figur des Romans Anton Winter steuern auf den Untergang zu. Dieses Szenario beschreibt Fritsch in „sprachgewandten, lebendigen und satten Bildern“, wie im Bücher-Frühling des Falter bereits zu lesen war.
Bei den Kritikern in Österreich und Deutschland ist ihr zweiter Roman hervorragend angekommen. Von einem „überwältigenden, sensationellen, poetischen wie harten Roman“ war die Rede, Fritschs Sprache sei von „einer betörenden Schönheit, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur lange schon nicht mehr vorgefunden hat“. Und die renommierte FAZ schloss eine fast ganzseitige Rezension mit der Feststellung, dass es dem Leser „alle Sinne und Körpersäfte auf wundersam heilsame Weise“ durcheinanderwirbelt, wenn Fritsch aus dem „Versiegen alles Vitalen in einem fort Energie schlägt“. Eine österreichische Tageszeitung behauptete gar: „Dieses Buch ist ein kleines Wunder.“

Klaus Kastberger, der neue Leiter des Grazer Literaturhauses, hat den Roman für die Presse rezensiert. In Vorbereitung auf seine neue Funktion ist der Literaturwissenschaftler auf Fritsch aufmerksam geworden, auch er war von dem Buch angetan. „Mir fällt spontan Bettina Galvagni ein, das war eine ähnliche Situation, wo die Schwermut einer jungen Autorin außerhalb des Erwartbaren lag. Dass sich Fritsch mit dem Weltuntergang befasst, ist für eine 25-Jährige doch einigermaßen ungewöhnlich.“ Beinahe 20 Jahre ist es her, dass Galvagni ihren Roman „Melancholia“ veröffentlichte, sie galt als literarisches Wunderkind. „Allerdings sind alle ihre Versuche gescheitert, an diesen Erfolg anzuschließen.“ Könnte es Fritsch ähnlich ergehen? „Stilistisch ist ‚Winters Garten‘ geradezu antikisierend, sehr pathetisch und getragen. Für meine Begriffe passt das sehr gut zum Weltuntergang.“ Aber: „Es wird sich erst herausstellen, ob sie in der Lage ist, auch eine andere literarische Tonlage zu finden.“
Beim Suhrkamp Verlag ist man natürlich davon überzeugt, dass von Fritsch noch einiges zu erwarten ist. Es war Doris Plöschberger, gebürtige Steirerin, lange Zeit Assistentin an der Grazer Germanistik und seit mehreren Jahren Lektorin bei Suhrkamp, die Fritsch zum Verlag gebracht hat. Plöschberger war es auch, die schon vor Jahren den Grazer Autor Clemens Setz für Suhrkamp entdeckte. Und Setz wiederum war es, der die beiden Frauen bei einer der letzten Frankfurter Buchmessen einander vorstellte – Fritsch erzählte der Lektorin, dass sie gerade an einem Roman arbeite. Plöschberger forderte sie auf, ihr das Manuskript zu schicken, wenn es fertig sei. Anfang März war es dann so weit, „Winters Garten“ kam auf den Markt, derzeit geht der Roman gerade in die zweite Auflage.
Plöschberger wurde schon vor mehreren Jahren erstmals auf Fritsch aufmerksam, als sie in einer Jury saß und beeindruckt war, „dass eine so junge Frau einen sprachlich so elaborierten und avancierten Text“ einreicht. Wie erklärt sie es sich, dass „Winters Garten“ so eingeschlagen hat? „Ich glaube, es ist eine Mischung – Fritsch ist nach wie vor sehr jung, außerdem tritt sie öffentlich gut auf. Eine Rolle spielt sicher auch der Wechsel zu Suhrkamp, nachdem sie zuvor in kleinen Verlagen veröffentlicht hat. Und natürlich das Buch selbst, das so ganz anders ist als das, was man sonst von jungen Autoren zu lesen bekommt.“ Und sie beteuert: „Wir hatten bei der Vermarktung des Buches keine spezielle, auf den österreichischen Markt zugeschnittene Strategie. Wir haben es gemacht wie bei unseren anderen Autorinnen und Autoren auch.“

Setz und Fritsch haben sich über die sogenannte plattform kennengelernt, eine lose Gruppierung junger Grazer Literaten, die seit zehn Jahren existiert, der sich ständig neue Talente anschließen, die dann im Grazer Literaturhaus ihre Texte präsentieren dürfen. Als Fritsch zur plattform gestoßen ist, wurde nicht nur Setz, der schon länger dabei war, auf sie aufmerksam. „Wir haben uns vor allem immer wieder einzelne Sätze von ihr angeschaut und gedacht: Schau an, was für ein schönes Bild, wie wunderbar die Metapher funktioniert. Ich mag es, wenn Literatur starke Bilder erzeugt – und das kann Valerie wirklich wahnsinnig gut“, meint er. Dass sie eines Tages bei Suhrkamp landen wird, das war natürlich nicht abzusehen, da spielen schon auch „Glück und Zufälle“ eine Rolle, wie Setz glaubt. „Aber eines habe ich mir immer gedacht: Sie wird ihren Weg gehen. Das hatte allein schon mit ihrem Auftreten zu tun. Sie war einer dieser Menschen, die man kennenlernt und bei denen man sich denkt: Ja, das ist der Typ von Mensch, der wird Erfolg haben. Vor allem habe ich den Eindruck, dass sie nicht so von Angst und Zweifel befallen ist wie viele andere Literaten, wie auch ich selbst.“

Mit dem Erfolg von „Winters Garten“ würde Fritsch nun sozusagen die Welt offenstehen. Ihren festen Wohnsitz in Graz möchte sie aber keinesfalls aufgeben. Wenn man aus dem Fenster ihrer Wohnung blickt, dann sieht man gegenüber ein Mehrparteienhaus. „Das Fenster dort ganz oben rechts, das ist jenes meiner Großmutter“, sagt sie. Diese sei schon seit vielen Jahren schwer krank und könne die Wohnung nicht mehr verlassen. Wenn Fritsch sie nicht ohnehin besucht, dann kommunizieren die beiden mitunter über die Fenster. Auch für Anton Winter in „Winters Garten“ spielt die Großmutter eine wichtige Rolle. Diese Großmutter sei klarerweise fiktiv und nicht an ihre eigene angelehnt, so Fritsch. Aber sie habe ein sehr enges Verhältnis zu ihren Großeltern und habe mit ihrer Oma sehr viel Zeit verbracht und Geschichten ausgetauscht.
Die Liebe zur Literatur, die hätte ihre Mutter entfacht, mit „viel Begeisterung und tausenden Kinderbüchern“, erinnert sie sich. Tragischerweise ist das nicht der einzige Grund, warum Fritsch parallel zu „Winters Garten“ den Gedichtband „kinder der unschärferelation“ (Leykam-Verlag) mit ihrer Mutter Gudrun herausgebracht hat. Sie ist unlängst schwer erkrankt, deshalb wollte die 25-Jährige das Lyrikbüchlein so schnell wie möglich fertigstellen.
Aber nicht nur aufgrund der Erkrankung ihrer Mutter wird Fritsch künftig etwas weniger die Welt bereisen. „Winters Garten“ hatte nämlich auch zur Folge, dass ihr Terminkalender bis Dezember voll ist. Ob ihr der ganze Wirbel mitunter zu viel ist? „Dass sich die Sache so entwickelt hat, war absolut wünschenswert.“ Und dass in Zukunft, gerade in diesem Jahr, noch so einiges auf sie zukommen wird? „Ich nehme es mit fröhlicher Gelassenheit.“

Tiz Schaffer in FALTER 19/2015 vom 08.05.2015 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Welt ist meine Innerei - Reisebriefe und Bilder (Valerie Katrin G. Fritsch)
kinder der unschärferelation - gedichte (Valerie Katrin G. Fritsch, Gudrun Fritsch)
Die VerkörperungEN - Roman (Valerie Fritsch)


Rezension aus FALTER 11/2015

Der ewige Kreislauf von Leben und Tod

In "Winters Garten" von Valerie Fritsch steht der Untergang bevor. Trotzdem ist es ein sehnsüchtiger Roman

Die beiden Orte existierten wie ­parallele Universen, eines, in dem es nichts als Erde und Berge gab, die man in den kantigen Gesichtern seiner Einwohner wiederfand, und eines, in dem die Gezeiten eben diese Kanten und Falten davonwuschen."
Die beiden Orte – das sind eine Gartenkolonie am Land, "halb Bauerngehöft, halb Gutshof", und eine anonyme Stadt am Meer. In der Kolonie, in der alles prächtig gedeiht, wächst Anton Winter auf. Das Kind beobachtet mit großen Augen und leisem Erstaunen den Lauf der Dinge und die Menschen bei der Arbeit. Vor allem seinen Vater, einen Geigenbauer, der seine Instrumente mehr liebt als ihn und seinen Bruder.
In der Natur erkennt Anton bald einen Kreislauf, der von Leben und Tod erzählt. Der Garten, "ein Gleichnis aus Gedeih und Verderb".

Eine besondere Nähe empfindet Anton zu seiner Großmutter. In der Speisekammer hat sie, sorgsam beschriftet, ihre Fehlgeburten in Gläsern mit Formalin eingelegt. Zahllose Stunden verbringt der Junge mit dem Betrachten der toten Wesen: "Anton gewöhnte sich schnell an die Veränderungen, die das Leben mit sich brachte.
Dass die Natur alles auflöste, was sie gebar, in einem Wasserglas, in einem Sturm, in einem Winter, fand er aufregend."
Schon in ihren früheren Werken gab sich Valerie Fritsch nur mit den existenziellen Themen zufrieden, mit dem Leben und der Liebe in Nachbarschaft zum Tod. In ihrem ersten Roman "Die Verkörperungen" erzählte sie die Geschichte einer Edelprostituierten, die auf einer Kinderkrebsstation arbeitet. In "Die Welt ist meine Innerei" berichtete sie von Sterbehäusern in Äthiopien. Selbst wenn in dem Buch das Pathos noch ein wenig überspannt war: Fritschs Sprache, die sie auch in die dunklen Ritzen unsere Daseins kriechen ließ, wusste da schon zu beeindrucken.
Kürzlich publizierte sie eine Kurzgeschichte, in der die sterblichen Überreste eines Religionslehrers auf der Sezierplatte seines Freundes landen. Sie ist in dem Band "Volume 1. Zehn Jahre Plattform" erschienen. Die Plattform ist jener Verbund junger Grazer Literaten, dem auch Clemens Setz entwachsen ist.
"Winters Garten" umfasst acht Kapitel. Anfänglich wähnt man sich fast in einem Märchen, einem von Otfried Preußler vielleicht. Doch die Idylle wird brüchig, bis sie letztlich in eine Dystopie kippt. Im zweiten Kapitel liegt die Kindheit von Anton schon lange zurück. Er lebt als einsamer, melancholischer und wortkarger Mann am Dach eines Hochhauses in der Stadt und züchtet Vögel.
Das Szenario, das Fritsch in sprachgewandten, lebendigen und satten Bildern beschreibt, wird dunkler. Bald wird klar, dass die Welt auf ihren Untergang wartet: "Auch in den Kirchen drängten sich Tag und Nacht die Menschenmassen, die im Gedröhne der Glocken wahnsinnig vor Angst um Gnade flehten."

Der Reiz, den dieses Buch entfaltet, erwächst aber nicht aus der unspektakulären Handlung, die behutsam ausgebreitet wird. Anton wird sich zum ersten Mal verlieben, schon klar, er wird auch wieder auf seinen Bruder treffen und so etwas wie eine neue Familie finden. Und er wird noch einmal den längst verlassenen Garten wiedersehen.
Wird "Winters Garten" eines der Bücher des Jahres? Zumindest weist der Buzz, den es schon im Vorfeld in Kritikerkreisen erzeugt hat, darauf hin. Sogar der ORF verkündete bereits vor der Veröffentlichung in einer Mittags-"ZiB" die Einschätzung, Fritsch sei "eine der interessantesten jungen deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart". Das kann wohl kaum allein dem Umstand geschuldet sein, dass die 25-jährige Grazerin für ihren zweiten Roman vom kleinen Wiener Septime Verlag zum großen deutschen Suhrkamp Verlag gewechselt ist.
Was das Buch besonders macht, ist die mit Finesse ausgeführte Beschreibung eines Zustands. Die in sich ruhende Erzählweise, die auf die direkte Rede – mit Ausnahme eines dialogischen Kapitels – weitgehend verzichtet. Und die Sprache, die wie ein schwerer Barolo berauscht und sich auch an sich selber berauscht. Aus einer unbestimmten Vergangenheit hat sie sich ins Heute verirrt.

Es geht in "Winters Garten" schließlich nicht nur um den bevorstehenden Tod, es geht auch um den Verlust der Kindheit und das Sehnen nach einer Zeit, die verlorengegangen ist. Fritsch beschreibt das in Bildern, als würden diese auf einer Leinwand vorüberziehen.
Vergleiche mit Lars von Triers Film "Melancholia" werden nicht ausbleiben. Und wenn Fritsch ihren Weg weitergeht, wird sich eine heranreifende Dichtergeneration vielleicht eines Tages mit ihr vergleichen müssen.

Tiz Schaffer in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 14)


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