Fähre nach Manhattan
Mein Jahr in Amerika

von Armin Thurnher

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019

Rezension aus FALTER 8/2019

„Ich hatte nie die Absicht, eine Zeitung zu gründen“

Armin Thurnher wird 70. Armin Wolf befragte den Falter-Herausgeber zu seiner Jugend, zum neuen Roman, zu Geschichte und Gegenwart des Falter, zur Lage des Journalismus und zu seiner Zukunft

Am 14. 2. wurde Armin Thurnhers autobiografischer Roman im Kasino am Schwarzenbergplatz präsentiert. Armin Wolf führte mit dem Autor ein Geburtstagsgespräch über sein Buch, seine Jugend in den USA, seine Geschichte als Wiener Publizist und überhaupt über den Falter. Die folgende Version des Gesprächs ist leicht geglättet und stark gekürzt. Das Original ist im Falter Radio nachzuhören.

Armin Wolf: Kurz vor der Abreise hast du dich als braver Vorarlberger Maturant noch einjährig freiwillig zum Bundesheer gemeldet. Nach Amerika bist du – so schreibst du es jedenfalls – als politisierter Hippie und als Linksradikaler in Österreich eingetroffen. Dazwischen war deine „private amerikanische Revolution“. Was ist da passiert?

Armin Thurnher: Ich meinte, dass die Amerikaner zu Recht die Führungsmacht des Westens sind. Vom Vietnamkrieg hatte man gehört, aber ich war der Meinung, die bekämpfen dort den Kommunismus und das ist in Ordnung. Schockiert hat mich, als ich in der Bowery in Manhattan Leute sah, die in Cardboard Boxes nächtigen. Dann die Rassendiskriminierung der Schwarzen. Diese zwei Dinge haben Risse in mein Weltbild gemacht. Ein Weltbild gibt man ja nicht so gerne auf. Ich hatte allerdings den Zimmergenossen Bruce, der ein Linker war, ein Sympathisant des amerikanischen SDS.

Was wäre passiert, wäre nicht Bruce in deinem Zimmer gewesen, sondern einer der „Football-Trolle“ am College?

Thurnher: Ja, das hätte schiefgehen können! Man ist verführbar in diesem Alter.

Es war 1967/68 und für dich haben Literatur und Musik eine große Rolle gespielt. Du schreibst, du hast daraus mehr über die Welt gelernt als aus den Tageszeitungen.

Thurnher: Im College gab es junge Dozenten. Einer hat mir gleich das Buch „In the American Grain“ von William Carlos Williams aufs Auge gedrückt. Ich fand es spannend, dass Literaturunterricht sich mit Fragen von Pioniergeist, Sklaverei, Puritanismus und Hexenjagden beschäftigen und so etwas wie nationale Selbstvergewisserung sein kann. Anstrengend, aber faszinierend.

In Europa gilt 68 ein Jahr des Aufbruchs. Das war in den USA anders. Dort war 68 eher ein depressives Jahr. Der Vietnamkrieg. Im April die Ermordung von Martin
Luther King. Im Juni die Ermordung von Robert Kennedy. Im Herbst dann die Wahl von Nixon. Ganz anders, als man sich das in Europa oft vorstellt. Wie hast du das erlebt?

Thurnher: Es stimmt, diese Morde haben deprimierend gewirkt. Seine Draft-Card, also den Einberufungsbefehl, zu verbrennen, konnte den Verweis vom College bedeuten. Ein Unterschied zur europäischen Linken lag in dieser existenziellen Betroffenheit. Bei uns beschäftigte man sich in der Linken mit heiligen Schriften – Marx, Engels, Lenin. Die amerikanischen Linken haben das verachtet. Die waren der Meinung, „we want the world and we want it now“. Und zwar, indem wir unser Bewusstsein verändern, zum Beispiel mit Marihuana oder LSD. Nur wenn wir anders denken, sagten die politisierten Hippies, die Yippies, sind wir außerhalb des Systems und können es aushebeln. Das war gar nicht depressiv. Die Yippies versuchten mit situationistischen Aktionen, eine Art kreative Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Die gab es bei uns am Anfang auch. Ich kann mich an sehr lustige Teach-ins auf der Wiener Uni erinnern. Aber die schöne Tradition des Mehlsackwerfens ist dann bald abgekommen. Einfach ein Kilo Mehl von der Galerie auf Honoratioren im Talar runterzuwerfen, das machte schon was her.

(Zum Publikum): Machen Sie das bitte nicht nach jetzt. Falls Sie Mehl mitgebracht haben, behalten Sie es für sich.

Thurnher: Und in den USA gab es Leute wie Abbie Hoffman, Paul Krassner, Jerry Rubin, Ed Sanders, die sich solche Aktionen ausheckten. Ein paar davon habe ich ja im Buch beschrieben. Etwa den Versuch, das Pentagon zu levitieren. Eine Menschenkette zu bilden und es dann mit beschwörenden Gesängen zu beschallen und dann abzuwarten, ob es sich in die Luft erhebt.

Dazu sollte man wissen, dass das Pentagon damals das größte Gebäude der Welt war.

Thurnher: Sie haben es umstellt, sich an den Händen gefasst und Ed Sanders hat mit den Fugs, einer sehr interessanten Popgruppe, von einem Lkw draußen den Exorzismus „Out, demons, out“ angestimmt. Der leider fruchtlos blieb!

Überraschenderweise ist das Pentagon trotzdem nicht geschwebt.

Thurnher: Ich habe den Bericht der New York Times durchsucht. Es wurde nicht erwähnt.

Du bist ja am Ende des legendären „summer of love“ von 1967 in Amerika angekommen. Im Buch steht allerdings gegen Ende der wunderbar lakonische Satz: „Meine sexuelle Befreiung drängt. Aber sie muss warten.“ Wie war das jetzt wirklich mit der freien Liebe?

Thurnher: Nicht so, dass die Damen die Arme ausgebreitet haben und mich willkommnet hätten. Es war zum Teil spießig auf diesen Studentenbuden. Es war zum Teil sehr ritualisiert. Man ging mit jemandem aus, dann gab es verschiedene Stufen, wie weit man dann kam bei diesem Date, beim Petting. Die richtige Befreiung musste etwas warten. Die kommt noch, in Band zwei gibt es mehr dazu!

Ein Entwicklungsroman!

Thurnher: Ich sage das nicht, um Auskünften zu entgehen. Um das Leben im Dormitory zu illustrieren, habe ich erwähnt, welche Form von Literatur dort kursierte, in hektografierter Form, nämlich ein Vorabdruck in der Partisan Review aus dem später berühmten Roman „Portnoy’s Complaint“ von Philip Roth. Die Passage hieß kurz und prägnant „Wacking Off“, also „Sich einen runterholen“. Das haben einander die Knaben mit leuchtenden Augen vorgelesen, das hat wirklich alle sehr amüsiert.

Ich als Nachgeborener habe mir das mit der freien Liebe etwas anders vorgestellt, aber gut. Das Buch liest sich ja sehr autobiografisch. Der 18-jährige Held auf Bildungsreise heißt auch Armin Thurnher. Irgendwo im Klappentext steht ganz klein etwas von „ernsthaftem und ironischem Roman“. Und du schreibst in der Einleitung: „Glauben Sie mir kein Wort.“ Was stimmt denn nun alles nicht?

Thurnher: Niemand kann eins zu eins sein Leben aufschreiben, sondern nur eine Vorstellung davon. Ich habe kein Tagebuch geführt. Es gab keine Handys, ich habe keine Fotos gemacht. Die wenigen Fotos, die ich hatte, habe ich durch einen unglücklichen Zufall eingebüßt. Man bemüht sich, die Erinnerung zu gestalten, zu formulieren und damit, hoffe ich, wird sie dann Literatur, auch wenn der Anlass jenes Jahr in meinem Leben bleibt, das ich für das interessanteste halte. Und das mich, wie du ja richtig erfasst hast, so verändert hat, dass ich, wenn ich es nicht erlebt hätte, ein ganz anderer geworden wäre.

Auf dem Buchcover steht „Fähre nach Manhattan“ und im Untertitel „Mein Jahr in Amerika“. Das ist ein bisschen gelogen, denn es sind nur vier Monate, von Ende August bis Weihnachten 67. Es endet mit: „Der Initiation erster Teil ist beendet. Nichts ist abgeschlossen, alles ist offen.“ Und du hast schon angedeutet: Da kommt noch was. Vier Monate von einem Jahr im ersten Buch legt eine Trilogie nahe. So was wie Winnetou I bis III?

Thurnher: So habe ich mir das vorgestellt.

Ich hoffe, nicht ganz, denn wie wir alle wissen, stirbt Winnetou in Band III. Aber du erinnerst in dem Buch ohnehin mehr an Old Shatterhand – der kann auch alles.

Thurnher: Den Jagdhieb kann ich nicht.

Das wundert mich, wenn man in dem Buch liest, was der junge Austauschstudent aus Vorarlberg alles kann: Er ist ein Tennis-Crack. Der beste Fußballspieler der College-Mannschaft ...

Thurnher: Was nicht so schwer war, Fußballspielen konnten die nicht so gut.

Schilehrer. Ein fabelhafter Pianist. Und das Einzige, das du verschweigst, sind deine legendären Kochkünste. Gut, vielleicht verschweigst du ja noch mehr ... Nun wusste ich, dass du ein fantastischer Schreiber bist, ein vielgelobter Koch und ein toller Pianist. Was ich aber erst aus dem Buch gelernt habe, ist, dass du so ein Sport-Ass warst. Ist das wahr?

Thurnher: Ich muss alles relativieren. Ich war tatsächlich im Finale der Vorarlberger Tennis-Jugendmeisterschaften, zuvor zwei Mal im Halbfinale. Allerdings waren die Vorarlberger Tennis-Jugendspieler die schlechtesten in ganz Österreich. Ich habe einmal bei der österreichischen Jugendmeisterschaft mitgespielt. In der ersten Runde habe ich 5:1 geführt, weil mein Gegner nur damit beschäftigt war, die Bremsen von seinem Körper zu verscheuchen. Ich habe die Zähne zusammengebissen. Dann kam sein Trainer: „Jetzt tua net so deppert!“ Daraufhin verlor ich 7:5, 6:0. Ich hatte keinen Trainer. Das war die Zeit der Peter Feigls. Da konnten wir Vorarlberger leider nicht mithalten.

Ein Zitat aus der College-Zeitung: „Armin Thurnher kommt aus Österreich, hier auf Austauschprogramm, der beste Allrounder im Team und ein echter Fußballexperte, ausgezeichneter Dribbler und Schütze und wirklich eine Inspiration für das Team.“ Roman oder Biografie?

Thurnher: Das ist von mir übersetzt, aber sonst korrekt.

Ich bin sehr beeindruckt.

Thurnher: Das darfst du nicht sein. Unser Soccer Coach war angeblich Olympia-Silbermedaillen-Gewinner, aber im Ringen. Er war mir dankbar, weil er gespürt hat, er könnte zum ersten Mal in seiner Karriere als Soccer Coach mehr Spiele gewinnen als verlieren. Der Dribbel-Künstler ist damit zu erklären, dass die amerikanischen Verteidiger in den Soccer-Mannschaften meistens die waren, die es nicht ins Football-Team geschafft haben. Sie waren groß, bullig, behäbig und relativ unvertraut mit einem kurzen Haken.

Du bist also als Einäugiger in eine Blindenmannschaft gegangen.

Thurnher: So kann man es sagen.

Auch wenn du es im Buch nobel verschweigst, möchte ich noch über ein ganz spezielles Souvenir aus Amerika sprechen, das deine spätere Karriere als österreichischer Reserveoffizier verhindert hat. Du hast einen Tripper mitgebracht.

Thurnher: Es war tatsächlich so, dass ich diese damals beliebte Geschlechtskrankheit aus den USA mitgebracht habe. Freunde, mit denen ich maturiert hatte, waren beim Bundesheer gewesen. Ich nahm Charakterveränderungen bei ihnen wahr, die mich davor warnten, diesem Verein beizutreten. Ich benzte meinen Vater an: „Tu was, du kennst doch den Kommandanten der Kaserne in Bregenz!“ Mein Vater, ein moralisch äußerst hochstehender, korrekter Staatsbürger, erwiderte: „Kommt nicht in Frage, dass ich für dich interveniere!“ Ich musste ihn erpressen und sagen: „Wäre es nicht sehr unangenehm, wenn bei einer allfälligen Stellung die Tatsache dieser peinlichen Erkrankung zur Sprache käme?“ Dann hat er ihn angerufen.

So entging dem Bundesheer ein Offizier. Im Herbst 68 übersiedelst du nach Wien, studierst und engagierst dich am Theater. 1977 kommt ein Studienkollege, Walter Martin Kienreich, mit der Idee, eine Zeitung zu gründen. Du lehnst zuerst ab. Nach ein paar Wochen bist du dann doch dabei. Warum dann doch eine Zeitung und nicht weiter Theater oder Musik oder die Diss?

Thurnher: Ich hatte nie die Idee, eine Zeitung zu machen. Es war eine Verführung durch Kienreich, der diese Idee hatte. Ich habe ihm einen Freund vermittelt, Christian Martin Fuchs. Nach ein paar Wochen haben die beiden gesagt, schau doch einmal vorbei. Dann bin ich natürlich dort geblieben.

Es wird immer wieder gesagt, die Village Voice, die du in deiner New Yorker Zeit kennengelernt hast, sei ein Vorbild für den Falter gewesen. Wie sehr war sie das?

Thurnher: Die Voice war für mich in New York wichtig, weil sie über Veranstaltungen informierte. Aber sie war eine relativ kommerzielle Zeitung, auch wenn sie politisch kritisch war und auch sehr interessante Demonstrationsberichte brachte. Andere Zeitungen gefielen mir besser. The Realist, eine total verrückte Satirezeitung. Das politisch korrekte Blatt war der East Village Other. Aber das größte Vorbild war die österreichische Presselandschaft, wie sie war. Im Negativen, natürlich. Und Karl Kraus.

Wie unterscheidet sich der Falter heute von dem Falter, den ihr damals gegründet habt?

Thurnher: Den Falter heute kann man ohne weiteres als Mainstreammedium bezeichnen.

Ist das gut oder schlecht?

Thurnher: Ich sage immer, im Unterschied zu allen anderen sind wir eine ganz normale Zeitung. Das unterscheidet uns vom damaligen Produkt. Damals gab es kein Halten, was Polemik und Satire, und auch, was Selbstdarstellung betrifft. Die bestehende Presse war ja sehr rigid. Das waren hauptsächlich entweder von Parteien oder von Institutionen abhängige Organe. Die hatten in ihrer Berichterstattung riesige blinde Flecken, politische, kulturelle. Den Ausgegrenzten wollten wir eine Plattform bieten. Plattform klingt heute etwas anders, aber der Falter war tatsächlich eine, wir hatten die Kategorie des Betroffenenberichts, wo Homosexuelleninitiativen, Frauengruppen, Anarchistengruppen oder auch Kulturinitiativen sich selbst vorstellen konnten. Das ist keine journalistische Form. Gleichzeitig haben wir recherchierte Geschichten über Orte in der Stadt gemacht. Das Semper Depot etwa war zugesperrt und gammelte vor sich hin. Wir kritisierten städtische Fehlentwicklungen wie den Umbau des Karlsplatzes. Medienkritik war ganz wichtig. Das war eine unverständliche Idee, die als unkollegial empfunden wurde. Unser Hauptwert war: unabhängiges Publizieren.

Die Zeitung wurde von einem Kollektiv produziert. Ihr habt die ersten paar Jahre gratis gearbeitet. Eigentümer waren die, die beim ersten Kredit gebürgt haben. Das ging so die ersten zehn Jahre. 1987 warst du dann Leiter des Verlages, solltest aber auf Wunsch der Eigentümer als Chefredakteur zurück in die Redaktion kommen. Du hast einen Redakteur gefragt, was er davon halten würde, wenn du zurückkämst. Und er hat daraufhin gesagt: Eher würde ich dich mit einem Telefonbuch erschlagen. Warst du so schlimm?

Thurnher: Es war ein Fraktionskampf. Die einen hatten die gute Idee, den Falter einer Gruppe von steirischen Bierbaronen zu verkaufen. Da gab es schon einen fertigen, unterschriftsreifen Vertrag. Da mussten ich und meine Freunde handeln. Wir haben gesagt, wir treiben Geld von unseren eigenen Gesellschaftern auf. Das waren Leute wie Christian und Ingrid Reder und Hannes Pflaum. Christian Reder hatte uns zuvor schon als Berater sehr geholfen. Die sagten, wenn wir das machen, fordern wir aber auch, dass Thurnher wieder als Chefredakteur zurückkehrt. Und so war es dann. Die unterlegene Gruppe ging im Streit, zum Teil zum Standard. Mischa Jäger hat dort über Jahre hinweg den „Kommentar der anderen“ mit Falter-Know-how und Falter-Autoren gestaltet und damit, glaube ich, wesentlich zum Erfolgs des Standard beigetragen.

Chefredakteur beim Standard war damals übrigens Gerfried Sperl, den die Bierbarone gerne als Chefredakteur des Falter gehabt hätten. Es ist anders ausgegangen. Trotzdem, meine Frage war ja: Warst du so schlimm? Oder anders: Hättest du dich selber gerne als Chefredakteur?

Thurnher: Ich bin absolut gutmütig und leicht zu handhaben. Pflegeleicht und viel zu wenig autoritär. Es gab sogar einmal eine Phase in den 90er-Jahren, wo Post-68er-Softies wie ich von der Redaktion zu hören bekamen: Jetzt diskutiere nicht immer herum, entscheide endlich mal was! Du bist der Chef, sei der Chef. Da habe ich verstanden, es sind andere Zeiten, und habe ein paar Dinge entschieden. Aber im Grunde bin ich der Meinung, man sollte die kulturellen Errungenschaften der 68er wie Teamwork und flache Hierarchien als Produktivkräfte nutzen. Ein Grundübel der österreichischen Medienlandschaft ist der Kommandojournalismus. Eine Zeitung ist nur so gut wie die Leute, die sie machen. Und nicht so gut wie der Chefredakteur, der sie macht.

Du hast zu 30 Jahren Falter einen sehr ausführlichen Rückblick geschrieben, da werden 25 Namen erwähnt, 23 Männer, aber nur zwei Frauen, nämlich Doris Knecht und Elisabeth Loibl. Warum ist das so? Bist du eher ein Männer-Mann?

Thurnher: Ich glaube, es ist der gesellschaftliche Wandel. Heute steht es ja fast 50:50 bei uns. Der Chefredakteur ist leider Florian Klenk. Ich kann es nicht ändern. Ein bisschen zählen auch Fähigkeiten. Ich sage nicht, dass es nicht Frauen gibt, die ebenfalls die Fähigkeiten von Florian Klenk haben, aber sie haben sich mir halt nicht aufgedrängt. Es gab eine Zeit, da war Doris Knecht meine Stellvertreterin. Als in einem Monat die gesamte Politikredaktion des Falter wegengagiert wurde, sagte ich zu meiner Frau: Es ist nicht das erste Mal, werden wir schon schaffen, wenigstens ist die Knecht noch da. Am Montag kommt die Knecht in mein Zimmer und sagt: Du, ich hab jetzt ein Angebot vom Profil. Es hätte ja sein können, dass Doris Knecht Chefredakteurin wird. Die hätte vielleicht den Klenk nie aufkommen lassen!

Der Falter war von Anfang an ein dezidiert kritisches Projekt, ein Gegenprojekt zur existierenden Medienlandschaft in Österreich. Herr Jeannée in der Krone, der nicht dein größter Fan ist, was auf Gegenseitigkeit beruht, nennt den Falter gern „das linke Bolschewikenblattl“. Wie links ist denn der Falter jetzt wirklich und was heißt das 2019 überhaupt noch?

Thurnher: „Bolschewiken“ war in den 1920er-Jahren die klassische Beschimpfung der Austrofaschisten für Sozialdemokraten. Da wird ein historischer Ton angeschlagen. Jeannée ist da nicht der Erste. Der hat das zwar auf seine unübertroffen elegante Art in die Formulierung „Bolschewikenblattl“ gebracht. Der legendäre Hans Dichand hat über mich den schönen Satz geprägt: „Er ist eh ein sehr guter Journalist, aber leider Kommunist.“

Erinnert mich an Andreas Kohl, der über Eva Glawischnig gesagt hat, sie wäre eine …

Thurnher: … „wunderschöne Marxistin“. Ja, das sind klassische Bannungsversuche, aber auch Verbannungsversuche; Leute wie mich muss man fernhalten von allem.

Armin Thurnher, ein wunderschöner Kommunist. Wie links ist der Falter heute noch?

Thurnher: Ich denke, dass in einer Gesellschaft, die so stark nach rechts gedriftet ist, auch ein im Grunde bürgerlich-kritisches Blatt, das nur versucht, professionelle Kriterien zu erfüllen, schon ziemlich links erscheint, weil nicht mehr im Mainstream befindlich.

Dass ihr links von Michael Jeannée seid, ist jetzt nicht so verwunderlich, rechts von ihm wäre ja verboten.

Thurnher: Erstens verfolgen wir nicht eine publizistische Linie. Unsere publizistische Linie ist, dass wir versuchen, die Arbeit ordentlich zu machen und in einer Sprache vorzutragen, die nicht jedem kommerziellen Diktat gehorcht. Es ist schwer, sich nicht dem Narzissmuswahn und dem quantitativen Druck zu beugen, der über die digitalen Medien kommt. Also Geschichten nicht nur so auszuwählen, dass sie klickbar sind, und das Echo schon vorauszuahnen.

Gut, das wisst ihr ja nicht, weil man am Falter praktisch nichts klicken kann. Eure Homepage schaut ja aus wie ein Museum.

Thurnher: Das mag sein. Aber wir bieten sehr wohl Geschichten in Social Media an. Es ist geradezu ein Akt des Widerstands, Geschichten nicht danach auszurichten, dass man möglichst viele Klicks bekommt. Die Kronen Zeitung und die FPÖ betreiben ein Doppelspiel, wo sie sich gegenseitig zum Teil mit Fake News versuchen aufzuschaukeln. Schon allein das zu verweigern, macht einen zu einer linken Zeitung. Wenn gegen Ungerechtigkeit, gegen ungerechte soziale Behandlung von Menschen, gegen Ungleichheit zu kämpfen links ist, dann sind wir links. Ich habe kein Problem damit, mich als Linker zu bekennen. Ich bin auch der Meinung, man muss als Linker nicht Antikapitalist sein. Ich weiß, dass es ein unauflöslicher Widerspruch ist, den guten Kapitalismus zu fordern, aber wir haben ja nichts anderes. Also muss es so etwas geben wie einen sich selbst begrenzenden Kapitalismus. Klingt zwar moralisch, aber der Falter hat nie darauf bestanden, Renditeziele zu formulieren, sondern wir haben uns immer damit begnügt, durchzukommen. Hätten wir es gemacht wie deutsche oder internationale Konzerne, hätten wir Leute entlassen müssen, hätten ganz anders investieren müssen, in eine Homepage, dann wären wir viel kommerzieller, dann wären wir viel weniger publizistisch geworden. Das haben wir aber nie gemacht. Alle Miteigentümer haben da immer mitgespielt und verdienen ein ganz dickes Lob, denn das hieß und heißt für sie auch, auf mögliches Geld zu verzichten. Deswegen ist der Falter natürlich links.

In deiner Bilanz zu 40 Jahre Falter hast du auch geschrieben: „Das Ziel von gutem Journalismus ist es, die Welt gerechter und lebenswerter zu machen.“ Letzte Woche gab Matthias Döpfner, der Chef des Springer Konzerns, der NZZ ein viel diskutiertes, großes Interview …

Thurnher: Schon wieder?

… wo er unter anderem sagte: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken. Hier ist eine ganz wichtige Grenze zu ziehen, es darf keinen intentionalen Journalismus geben, der darauf abzielt, die Welt nach dem eigenen Gusto zu verbessern.“ Es gibt ja allgemein jetzt so ein großes Lamento über den sogenannten Belehrjournalismus und über Journalisten, die sich mit Dingen gemein machen. Wie antwortest du darauf?

Thurnher: Ich antworte darauf, dass der Journalismus die Verpflichtung hat, Minderheitenrechte wahrzunehmen, und das heißt automatisch auch, der Mehrheit des Publikums kritisch gegenüberzustehen.

Hat er denn die Verpflichtung, Minderheitenrechte wahrzunehmen?

Thurnher: Ja.

Rudolf Augstein hat für den Spiegel das berühmte Motto ausgegeben: „Sagen, was ist“. Und nicht: Sagen, was sein soll.

Thurnher: „Sagen, was ist“ ist eine Phrase. Wichtiger als zu sagen, was ist, ist, dass man bei diesem Sagen seine eigene Position auch mit infrage stellt. Man muss im eigenen Bereich anfangen, eine bessere Zeitung anzubieten; eine Zeitung, die Dinge sagt, die andere vielleicht gar nicht angreifen, und sie auf eine Weise sagt, wie andere sie gar nicht zu sagen versuchen oder die sie als umständlich oder verschroben oder sonstwas ablehnen würden. Diese professionellen Deformationen, die in Spiegel-Jargon oder in Clickbaiting münden, die machen das Leben nicht lebenswert. Das Leben lebenswert macht der Versuch, den Journalismus so weit zu literarisieren, dass er sein eigenes Sprachgewissen weckt. Dass Berichte und Reportagen nicht als Phrasensumpf daherkommen, sondern als Anstrengung erkennbar werden, die Realität sichtbar zu machen. Das, würde ich sagen, verbessert dann die Welt. In der ersten Ausgabe des Falter habe ich geschrieben: Der Falter mag zwar kein Gewicht haben, aber er liegt auf der anderen Waagschale. Und vor allem muss man – ganz wichtig – darauf beharren, dass das in einer Gruppe geschieht. Wenn das auch kein Kollektiv ist, setzt man sich in einer Redaktion doch gegenseitig der Kritik aus. Das ist ja etwas, das in der Digitalisierung total bedroht wird, weil uns nun eingeredet wird, jeder Einzelne sei ein Publizist und komme ohne alle anderen aus.

Du hast mal im Profil, quasi dem Konkurrenzmedium, einen Text geschrieben mit dem Titel „Das Ende des Journalismus“, das war 1995. Kurz davor ist erstmals News erschienen. Du hast in dem Text unterschieden zwischen Medien, die sich an ein Publikum wenden, und solchen, die nur noch für die Werbewirtschaft erfunden werden. Wenn ich das jetzt auf heimische Medienmacher übertrage: Bist du so etwas wie der Anti-Fellner?

Thurnher: Dazu würde ich nicht Nein sagen. Ich habe zwar den Begriff des Fellnerismus erfunden, das war ja nicht so schwer, aber ich würde das auch auf die digitale Sphäre ausweiten. Es ist ja den meisten Leuten nicht ganz klar, dass genau diese Entscheidung für die Kommerzialisierung, alles das, was an öffentlichem Potential in dieser digitalen Sphäre da wäre, ruiniert. 2002 ist das Jahr, in dem Google sich für die kommerzielle Seite entschieden hat, für die Werbung und gegen die sogenannten User. Bis dahin hat Google ja das Programm verfolgt, wir bieten ein möglichst gutes Service, wir helfen euch, Dinge zu finden; wir vernetzen euch miteinander; alles, was wir an Daten sammeln und was wir an Algorithmen für euch aufbereiten, dient nur dazu, das Service für euch zu verbessern. 2002 haben die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin beschlossen – auch angestachelt durch das Konkurrenzmedium Overture –, dass sie dieses Paradigma ändern, weil sie mehr Daten gesammelt haben, als sie brauchen, um ihr Service zu verbessern. Das nennt man Verhaltensüberschuss, und den bieten sie der Werbung an. Ab jetzt sammeln und verwerten sie die Daten unter dem Gesichtspunkt, sie der Werbung umso besser anbieten zu können. Google weiß, was du in dieser Woche noch vorhast zu kaufen. Und Google verkauft dieses Wissen seinen Anzeigenkunden, die dich dann direkt ansprechen. Alles, was an Kommunikation in dieser Sphäre passiert, ist geprägt durch den Zweck, der Werbung möglichst optimale Informationen zu liefern. Das verändert die Kommunikationsszene völlig.

Ich würde gerne noch kurz beim Boulevardjournalismus bleiben, weil der in Österreich so eine riesige Rolle spielt. Man könnte ja sagen, der Falter ist so etwas wie die Antithese zum Boulevard. Du bist berühmt geworden mit deinem letzten Satz: „Im Übrigen bin ich der Meinung, die Mediaprint muss zerschlagen werden.“ Sozusagen eine Paraphrase auf Cato, das Pseudonym von Hans Dichand. Und in deiner Bilanz zu 40 Jahre Falter hast du geschrieben: „Seit der Jahrtausendwende hat die Kronen Zeitung ein Drittel ihrer Leser verloren und der Falter ein Drittel gewonnen.“ Ich hab das nachgerechnet: Wenn das so weitergeht, wird der Falter die Kronen Zeitung im Jahr 2080 auflagenmäßig überholen. Es dauert also noch ein bisschen …

Thurnher: Da habe ich bei dir aber schon gelesen, dass 2034 die letzte Tageszeitung erscheint. Also vielleicht geht es etwas schneller.

Eine Prognose eines deutschen Professors. Aber trotzdem: Auch wenn die bizarr hohe Auflage, die die Kronen Zeitung in Österreich jahrzehntelang hatte, langsam nachgibt, gemeinsam mit Heute und Österreich ist doch in Wahrheit der Boulevard in Österreich so einflussreich wie überhaupt noch nie. Oder irre ich mich?

Thurnher: Nein, das stimmt. Und er ist so einflussreich, weil die Politik an diesen Einfluss glaubt. Die Drohung, dort nicht vorzukommen, hat über Politikerschicksale entschieden. Diese Drohungen sind ja gern geäußert worden. Ich wollte immer gern die erpresserische Seite des österreichischen Boulevardjournalismus dingfest machen. Aber niemand ist bereit, vor Gericht solche Dinge zu bestätigen. Wir haben wir österreichische Politiker und Politikerinnen über ihre Erfahrungen befragt. Sie haben unter Zusicherung von Anonymität und ohne die Täter zu nennen bestätigt, dass sie erpresst werden. Also: So und so viele Anzeigenaufträge oder wir schreiben Sie nieder oder Sie kommen gar nicht mehr vor. Die Beziehung zwischen Politik und Boulevard ist mehrfach unsauber. Es ist es ein unsauberes Extraktionsgeschäft, bei dem ohne besondere Begründung Millionenbeträge Jahr für Jahr in diese Medien fließen, während man andere Medien – vom öffentlichen Rundfunk bis zu uns – schikaniert und versucht, ihnen den Geldhahn abzudrehen.

Wer ist der größte Bösewicht in der österreichischen Medienlandschaft?

Thurnher: Ich wollte, ich wäre es …

Ich fürchte, das geht maximal so
aus wie die Tennis-Jugendmeisterschaft 1967.

Thurnher: Ich komme nicht über die erste Runde! Naja. Franz Schuh hat die Kronen Zeitung als das Zentralorgan der Gegenaufklärung definiert. Sie wurde geprägt von Hans Dichand. Der wäre sicher ein Kandidat.

Der ist tot. Wer ist der größte lebende Bösewicht?

Thurnher: Eines ist sicher: Wolfgang Fellner hat eine gute Ausgangsposition.

Würdest du der These zustimmen, dass Wolfgang Fellner für den österreichischen Journalismus ungefähr das ist, was Jörg Haider für die österreichische Politik war?

Thurnher: Ich glaube, so etwas habe ich sogar einmal geschrieben, ja.

Als du den Flieger nach Amerika bestiegen hast, warst du 18. Jetzt – konkret am 21. Februar – wirst du 70. Vorab alles Gute zum Geburtstag! Im Falter hast du mal geschrieben: „Meine Stellvertreterin Doris Knecht ist nicht nur Österreichs witzigste Schreiberin. Sie weckt in mir den Gedanken an Frühpension. Nicht immer, aber immer öfter.“ Das war allerdings 1997. Das mit der Frühpension geht sich nicht mehr aus. Ich frage trotzdem: Wie ist der Plan?

Thurnher: Danke. Ich bin ein Mann ohne Plan. Der Falter und alles andere ist ohne Plan entstanden. Auch mein Amerika habe ich ohne Plan hinter mich gebracht.

Aber es gibt schon einen Plan für Band 2 und 3.

Thurnher: Richtig. Es gibt ein schönes Zitat von Goethe: „Alter ist das sich stufenweise Zurückziehen aus der Erscheinung.“ Ich versuche, würdevoll langsam zu verschwinden, um mehr Zeit für literarische Dinge und anderes zu haben. Ich habe einmal bei einer Klausur die anwesenden Falters anonym befragt, ob ich gehen oder bleiben soll. Alle dreißig schrieben, ich solle bleiben. Jetzt mache ich ein paar Jahre keine solche Umfrage mehr! Derweil bin ich froh, dass Florian Klenk das Blatt führt und ich es herausgeben und darin schreiben darf. Das habe ich noch ein Weilchen vor.

Armin Thurnher in FALTER 8/2019 vom 22.02.2019 (S. 19)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Seinesgleichen (Armin Thurnher)

Rezension aus FALTER 4/2019

Aufbruch in die Neue Welt

Falter-Herausgeber Armin Thurnher wird 70. In seinem neuen Buch „Fähre nach Manhattan“ beschreibt er eine prägende Reise: aus dem katholischen Vorarlberg in das New York der 68er. Ein Vorabdruck

Fotogalerie: Matinee mit Armin Thurnher

Der beige Schnürlsamtanzug ist das Schickste, was ich dem konservativen Geschmack der Eltern je abgetrotzt habe. Mutters Augen glänzen, so gut steht er mir. Jetzt geht es nach Amerika, da braucht es das Beste. Ich weiß zwar nicht genau, was ich werden will, aber irgendwie wird es mit mir aufwärts und vorwärts gehen. Ich habe das Gymnasium der Heimatkleinstadt absolviert, mit links absolviert, muss man sagen. Mit 14 habe ich das Lernen eingestellt, auch in den alten Sprachen, und es hat bis zur Matura gereicht. Gerade gereicht. Nur in Griechisch musste ich etwas nachfassen, bei Sophokles wurde es knapp.

Ich hatte mich als Einjährig-Freiwilliger zum Bundesheer gemeldet, das gehörte zu meiner vagen, aber entschlossenen Absicht, Karriere zu machen. Absicht ist zu viel gesagt. Es war nicht anders denkbar. Als kommender Reserveoffizier rechnet man sich zur Elite. Man ist katholisch, nicht von der muffigen Art der Kartellverbände, mehr von der weltoffeneren Fraktion, aber katholisch allemal. „Als Dank für deine Mitarbeit am Reich Gottes“, schreibt mir der freundliche Arbeiterpriester in ein Buchgeschenk.

Das Buch heißt „Zwischen Mensch und Gott“, es handelt vom richtigen Leben in Freiheit, aber eben nicht nur. Eine vage kosmische Faszination geht davon aus. Im Pfarrheim hing ein Bild von Teilhard de Chardin. Michel Quoist, Arbeiterpriester auch er, war eine Art Teilhard für Halbwüchsige. Unser Bregenzer Arbeiterpriester sorgte als Religionslehrer ganz im Sinn des Vatikanischen Konzils für geistige Nahrung und für Realitätsbezug. Die katholische Jugend verteilte vor Weihnachten Pakete an Arme. Dass es die ausreichend gab, war mir neu. Ich kam in Wohnungen, wo man zu viert in einem Zimmer hauste. Wo man kleine Dinge, die mir selbstverständlich schienen, mit großer Dankbarkeit und kleiner Beschämung entgegennahm. Ich merkte es mir. Die Beschämung war ganz auf meiner Seite.

Dass ich an ein protestantisches College unterwegs bin, gesponsert von der lutherischen Kirche, weiß ich nicht. Es wäre mir egal. Ich bin neugierig und kritikbereit, aber weltanschaulich gefestigt, wie man sagt.

Ich bin ein Erfolgsmodell. Ums Haar wäre ich Landesjugendmeister im Tennis geworden, hätte ich nicht vor und nach der Matura das Training schleifen lassen und mit Freunden zu viel gefeiert. Scheint da eine Spur von mangelndem Ehrgeiz auf? Ich nahm es hin, dass mich im Verein kaum einer richtig förderte, dass die Alten im Verein sich, das kann ich aus viel späterer Perspektive sagen, im Vergleich zu heutigen Talenten einen Dreck um mich und meine Freunde kümmerten. Vielleicht war es ohnehin besser, später sagen zu können, man sei ein Talent gewesen, als dieses Talent unerbittlich auszureizen.

So groß wäre es nicht gewesen, das Talent. Genau genommen habe ich überhaupt kein Talent, außer einem: mich zum Drill überwinden zu können. Das kann ich besser als andere, deswegen behielt ich die in den ersten vier Jahren Gymnasium eisern einstudierten lateinischen Vokabeln, Deklinationen und Konjugationen im Gedächtnis und lebte bis zur Matura davon. Zuhause trainierte ich mit dem Ball, gleich ob Tennis- oder Fußball, stundenlang allein an der Garagenwand. Was andere auf dem Klavier durch Begabung schafften, übte ich mir unermüdlich ein.

Die Familie interessierte sich nicht für meine sportlichen Erfolge. Nicht einmal zum Finale der Jugendmeisterschaften kamen sie. Dafür war ich dankbar. Dass ich im Auto des Vaters meines Gegners zum Finale anreisen musste, war mir weniger recht, aber was sollte ich machen. Es gab niemanden, der mich coachte oder betreute. Das hätte nichts geholfen. Im Match ließ ich mir sowieso nicht dreinreden. Im Finale führte ich 5:2 und 30:0, traf zweimal hintereinander mit einem möglichen Winner die Netzkante und verlor das Spiel 5:7, 1:6. Mein Gegner hatte wirklich Talent.

Mein Tennisspiel brachte mich wohl auch hierher auf dieses Rollfeld. Ein Professor des Colleges, zu dem ich unterwegs war, hatte zwei Töchter. Mit denen war ich befreundet, denen half ich ein wenig bei der Rückhand. Es waren zauberhafte Mädchen. Der Professor leitete das europäische Studienprogramm des Colleges in unserer Kleinstadt. Pro Jahr setzte das College einem jungen Vorarlberger ein Stipendium nach New York aus. Ich tat alles, um mir dieses Stipendium zu sichern. Den Töchtern des Programmleiters gab ich Tennisstunden; die amerikanischen Studentinnen und Studenten begleitete ich als Hilfsskilehrer beim Skikurs. Sogar einen Abendkurs in Russisch besuchte ich am College, weil ihn mein geliebter Englischlehrer hielt.

Als ich 16 war, platzte dieser Mann in das selbstgefällige Milieu des humanistischen Gymnasiums mit seinen bildungsfrohen Spießern, deren Bildung in ein paar lateinischen Zitaten und der Beherrschung unregelmäßiger griechischer Verben gipfelte. Alles andere galt neben diesen Sprachen wenig; Deutsch war ein verstaubtes Repetitorium von Schriftstellern, die weniger öd waren, als man sie den Schülern machte. Unsere Lehrer überzogen sie mit dem Mehltau jahrzehntelanger oberstudienrätlicher Routine: Jeremias Gotthelf, Conrad Ferdinand Meyer, Marie von Ebner-Eschenbach. Den Humanismus-Spießern verzieh ich am wenigsten, dass sie uns die Schönheit der antiken Poesie nicht nur verbargen, sondern regelrecht vermiesten.

Dieser Englischlehrer war anders. Jung, ungestüm und rotzig, bestand er darauf, dass man mit ihm nur englisch rede. Obwohl wir die Sprache bereits ein Jahr lang gelernt hatten, verstanden wir kein Wort. Wir liebten den Kerl dafür, dass er uns anbrüllte, er werde in dieser Stunde fortan kein deutsches Wort dulden. Sportler war er auch, hatte den Abfahrtslauf einer Studentenolympiade gewonnen. Da sein Vater, ein prominenter konservativer Politiker, ein Nazi-Opfer war, nahm er sich in der Stadt, in die er zurückkehrte, kein Blatt vor den Mund und grüßte Leute in der Stadt mit ihrem gewesenen NS-Rang: „D’Ehre, Herr Obersturmbannführer …“ Das berichteten die Knaben einander flüsternd, und es gefiel ihnen ungemein, da sie in anderen Fächern unter Knute und Schaftstiefel mehr als eines alten Nazis litten.

Der Englischlehrer hatte mich ins Herz geschlossen, und auch aus diesem Grund schien es klar, dass ich das vom College ausgeschriebene Stipendium erringen würde. Ich errang es auch. Jahrzehnte später erfuhr ich, dass dieser Lehrer, mein Lehrer, es zuerst einem anderen Knaben angetragen hatte, einem fleißigeren Schüler, der aber gar nicht wusste, was er in diesem Amerika sollte, und das Angebot ablehnte.

Die Passagiere rücken in Viererreihen auf dem Beton in Richtung Gangway vor. Die Gangway lehnt am Jet. Man fährt in Kloten nicht mit dem Bus zum Flieger, man geht zu Fuß. Das Wetter ist trocken, leicht windig und sonnig. Es ist Dienstag, der 22. August 1967.

Die DC-8 „Matterhorn“ schimmert in der Sonne, der Bauch stählern, der Rücken weiß, das Schweizerkreuz auf der roten Heckflosse. 1960 überquerte sie als erstes propellerloses Flugzeug der Swissair den Atlantik. Normalerweise fliegen Studenten Icelandic Airlines mit Zwischenlandung in Reykjavík, aber die Mutter bestand auf Swissair, der Sicherheit wegen. Obwohl 1963 eine Swissair-Caravelle bei Dürrenäsch brennend abstürzte und alle achtzig Insassen umkamen. Wenig später explodierten Bomben in Swissair-Flugzeugen, eine DC-8 wurde gekidnappt und auf einem Wüstenflughafen gesprengt. Aber Swissair war Swissair. Der Inbegriff von Solidität und Sicherheit. Während die Schweizer ihre österreichischen Nachbarn als eine Art Untermenschen verachten, schwören die Österreicher bedingungslos auf Schweizer Qualität und Solidität.

Im Flughafengebäude steht die Familie. Vater, Mutter und Schwester, die Zurückgebliebenen blicken durch die großen Glasfenster auf das Rollfeld. Ich bin schon weit weg, und obwohl ich mich noch umblicke und winke, sehe ich niemanden mehr, außer mich. Gut schaue ich aus in meinem beigen Schnürlsamtanzug.

Was tut diese Stewardess? Sie hält die Leute ab, die Gangway zu besteigen, durchmustert, eine Liste in der Hand, die Reihen der Passagiere, holt einzelne heraus, auch mich. Ich werde upgegradet. Ich darf in der ersten Klasse sitzen, obwohl meine Eltern nur für die zweite bezahlt haben. Der kleine König wird würdig in Amerika einschweben.

Der ältere Herr neben mir, joviales Gesicht, rotbackig, stellt sich als Englischprofessor Jacobson vor.

Ihr erster Flug?

Ja, gewiss.

Nervös?

Nein.

Sie haben keinen Grund. Im Gegenteil. Freuen Sie sich. Ich werde Ihnen zeigen, wie es geht. Wir fangen mit einem Manhattan an, da fliegen wir ja hin.

Ich bin dabei. Wir haben neun Stunden Zeit. Die Bordspeisekarte mit ihren knalligen Grafiken von Hummern, Spargeln, Tomaten und hartgekochten Eiern verspricht nur das Beste.

Dann nehmen wir den Malossol mit dem Mumm, der Lafitte kommt später.

Ich denke nicht daran zu widersprechen.

Da tun Sie gut daran, junger Mann. Wir werden uns für das Beef entscheiden, der Professor lacht.

Mit einem Steak nach New York, das halte ich für angemessen.

Sie müssen sagen, wie Sie es wollen.

Wie?

Na, blutig, medium oder durch. Ich würde medium empfehlen.

Während wir auf den zweiten Manhattan warten, fragt Professor Jacobson mich aus. Ob er das College kenne, frage ich zurück. Er habe davon gehört, ja, könne aber nichts Genaues sagen. Es werde schon in Ordnung sein, wenn auch nicht die berühmteste Schule der Welt. Ich vergesse, den Professor zu fragen, wo er unterrichtet.

Mir ist es gleich, sage ich, wo ich hinkomme, Hauptsache USA. Deswegen habe ich mir auch zwei Stipendien besorgt, eines vom American Field Service, das war leicht zu bekommen. Aber die schicken einen dann in irgendwelche Käffer, das musste nicht sein. Und eben jenes für das College.

Ja, sagt der Professor. Wahrscheinlich ist er gerade unterwegs in so ein Kaff. Obwohl die weltmännische Art, mit der er das Menü zusammenstellt, gegen diese Annahme spricht.

Gänseleber oder kalter Hummer?

Der Professor entscheidet sich für Hummer.

Gänseleber ist schon beim Steak dabei, haben Sie es nicht bemerkt? Was mussten Sie tun, um zu Ihrem Stipendium zu kommen?

Ich musste durch ein auf Englisch geführtes Gespräch mit dem Programmdirektor und dessen österreichischem Englischlehrer. Im Zentrum stand ein Test meiner politischen Ansichten. Wer beim Sechstagekrieg im Recht war, das gehörte zu den einfacheren Fragen. Ob Israel den Arabern nicht doch Unrecht getan habe. Was ich zum Vietnamkrieg zu sagen wisse. Ich wusste wenig und ergriff umso leidenschaftlicher Partei für Israel und die USA.

Die Mutter hamsterte kiloweise Zucker, als der Sechstagekrieg ausbrach, der Vater beruhigte wie immer. Es gebe keinen neuen Weltkrieg. Die Ruhe des Vaters hatte mir schon 1961 imponiert, als im Urlaubsort all die Wiener Professoren und Psychiater bei der Nachricht vom Mauerbau durcheinanderliefen wie die Hühner. Vater, der sich nie wichtigmachte, erwies sich als der Einzige, der zu einer vernünftigen politischen Einschätzung imstande war. Auf einmal kristallisierte sich der Kreis dieser Entertainer, Glanzmacher und Luftikusse um ihn, der sonst lieber ihnen zuhörte.

Den politischen Tauglichkeitstest bestand ich. Nach Wollköpfen und Krawallmachern in den europäischen Städten wurde ich nicht gefragt. Ich hätte auch nichts dazu sagen können, obwohl die Kommune 1 gerade Berlin auf den Kopf stellte und der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni dort von einem Polizisten erschossen worden war. Berlin schien mir Kleinstadt-Knaben weiter weg als New York. Wenn ich Unruhe stiften wollte, ließ ich es beim Biertrinken umgehen und lärmte nächtens mit meinen Freunden durchs Städtchen. Ich konnte mich wahrheitsgemäß als treuer Freund des Westens und als Mini-Atlantiker präsentieren, Alternativen waren mir bis dato nicht in den Sinn gekommen.

Zwischendurch, wenn die Stewardess gerade wieder etwas vom Professor bestelltes Feines bringt, denke ich, dass dies mein erster und einziger Flug sein könnte. Ich freue mich, wenn ich auf das Blau und den Glanz über der unendlichen grauweißgoldenen Wolkendecke schaue.

Das Filet de Bœuf Cordon Rouge kommt. Die Stewardess lüftet eine silberne Haube. Gegen den Château Smith Haut Lafitte vermag ich nicht einmal einzuwenden, dass die Jahrgangsbezeichnung fehlt. Zum Bœuf hat der Professor Haricots Verts, Kartoffelkroketten und gegrillte Tomaten gewählt.

Auch sonst musste man einiges beisammenhaben. Die Gesundheitsatteste zum Beispiel. Für das AFS-Stipendium hatte es eine Untersuchung beim Hausarzt und eine kleine Reise an die Uniklinik nach Innsbruck getan. Das College nahm sich wichtiger als das AFS, das sah man schon beim Gesundheitszeugnis. Das College schickte mich nach Zürich, zum Vertrauensarzt der amerikanischen Botschaft. Der residierte im Niederdorf, in einer kleinen, aber fein holzvertäfelten Ordination und sprach während der ganzen Untersuchung keine drei Worte, ohne dabei besonders unfreundlich zu wirken. Bei diesem verschwiegenen Besuch, zu dem ich mit dem Zug gereist war, wehte mich das Gefühl an, eine Nebenrolle in einem eleganten Kalter-Kriegs-Thriller zu spielen.

Den Professor amüsieren diese Geschichten fast noch mehr als die unglaubliche Völlerei, die er mit seinem Ticket zum Unterschied von mir ja selbst bezahlt hat. Er lässt mich aus mir herausgehen. Man könnte auch sagen, er holt mich aus.

Ich komme mir richtig wichtig vor, als ich mit dem Professor nach der Bayerischen Creme, dem Käse, dem Obst, dem Kaffee und den Pralinees – Professor Jacobson besteht auf Vollständigkeit – wieder zu Whiskey übergehe.

Armin Thurnher in FALTER 4/2019 vom 25.01.2019 (S. 30)


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