Der wilde Kontinent
Europa in den Jahren der Anarchie 1943 - 1950

von Keith Lowe

€ 27,80
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Übersetzung: Stephan Gebauer
Übersetzung: Thorsten Schmidt
Verlag: Klett-Cotta
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 526 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.05.2015


Rezension aus FALTER 6/2016

Wie es KZ-Häftlingen nach der Befreiung in Österreich erging

Es ist eine weitere hässliche Episode in der Geschichte des rechtsextremistischen „Akademikerblattes“ Aula. Ein Autor hatte dort Mauthausen-Befreite als „Massenmörder“ bezeichnet, die nach ihrer Freilassung „raubend und plündernd, mordend und schändend“ durch „das unter der ‚Befreiung‘ leidende Land“ gezogen seien. Die Staatsanwaltschaft hat von der Verfolgung dieser Aussage abgesehen, die Begründung war skandalös: „Es ist nachvollziehbar“, schrieb die Behörde, „dass die Freilassung mehrerer tausend Menschen aus dem Konzentrationslager Mauthausen eine Belästigung für die betroffenen Gebiete Österreichs darstellte.“
Wer sich für die Zeit nach 1945 wirklich interessiert – zumal für das Schicksal von KZ-Häftlingen oder anderen Verfolgten –, dem seien drei Bücher ans Herz gelegt. Einen breiten historischen Überblick bietet Keith Lowe in seinem gefeierten Werk „Der wilde Kontinent“. Minutiös und anhand vieler Fakten und Zahlen beschreibt er, wie KZ-Häftlinge durch Deutschland irrten – ignoriert und verachtet von einer Bevölkerung, die in zerstörten Häusern lebte oder vermisste und gefallene Söhne zu betrauern hatte. Falter-Chefredakteur Armin Thurnher wiederum widmete dem Auschwitz-Überlebenden Leon Zelman, dem späteren Präsidenten des Jewish Welcome Service, eine Biografie.
Auch darin wird beschrieben, wie Zelman zurück nach Wien kam und wie gehässig er dort empfangen wurde. Die Journalisten Oliver Lehmann und Traudl Schmidt wiederum widmeten der Lebensgeschichte des Euthanasie-Überlebenden Fritz Zawrel ein äußerst beklemmendes und spannendes Buch.

Florian Klenk in FALTER 6/2016 vom 12.02.2016 (S. 17)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein Leben nach dem Überleben - Aufgezeichnet von Armin Thurnher (Leon Zelman)
In den Fängen des Dr. Gross - Das verpfuschte Leben des Friedrich Zawrel (Oliver Lehmann, Traudl Schmidt)


Rezension aus FALTER 18/2015

Der Jubel kam zu früh

Die Jubelfeiern anlässlich des Kriegsendes in Europa im Mai 1945 verdrängen eine wichtige historische Wahrheit: Es gab kein Happy End, es gab nicht einmal ein „Ende“ im klassischen Sinne. Im Gegenteil, es gab eine Menge offener Rechnungen

Am 8. Mai feiert Österreich am Wiener Heldenplatz das „Fest der Freude“. Es ist nur eine der vielen Feierlichkeiten, in denen wir weltweit des Endes des Zweiten Weltkrieges gedenken. Der Mythos besagt, dass vor 70 Jahren das Böse besiegt und unsere Gesellschaft aus Schutt und Asche wiederauferstanden ist.
Die Konzerte, Festreden und Feuerwerke werden uns unweigerlich an die historischen Bilder des Mai 1945 erinnern: Die Fotos von damals zeigen tanzende Menschen auf den Straßen von London, Paris und auch Wien, wo ab Ende April 1945 täglich eine russische Militärkapelle am Rathausplatz Strauß spielte. In Moskau explodierten derweil Feuerwerke über dem Kreml und in New York küssten Matrosen die Krankenschwestern am Times Square.
Das Kriegsende, so suggerieren diese Bilder, muss eine unfassbare Erleichterung für Soldaten und Zivilbevölkerung gewesen sein. Auch in Österreich sehnten sich so viele danach, die Vergangenheit zu vergessen, um mit einer unschuldigen „Stunde null“ neu beginnen zu können.
Bis heute entfalten diese glücklichen Bilder des Kriegsendes eine starke, emotionale Kraft. Sie sind wie das Happy End in Hollywood-Filmen, die uns für den Horror davor entschädigen. Aber geben sie auch die damalige Realität korrekt wieder? War das Kriegsende wirklich ein „Fest der Freude“, eine Chance auf Neuanfang und Wiedergeburt?
Natürlich behalten Gesellschaften in ihrem kollektiven Gedächtnis den Zweiten Weltkrieg lieber so in Erinnerung, es fühlt sich nicht nur besser an, sondern scheint dem ganzen Gräuel auch einen Sinn zu geben. Wenn wir uns heute so stark auf das Happy End des Krieges konzentrieren, blenden wir aber aus, in welch erschreckendem Zustand sich Europa damals befand. Der Kontinent war dermaßen zerstört, mancherorts sogar komplett devastiert, dass es heute kaum noch vorstellbar ist.

Der italienische Auschwitz-Überlebende Primo Levi war so schockiert von den Ruinen, die er nach seiner Befreiung in ganz Europa, vor allem auch in Wien, sah, dass er in seinen Büchern den Zerstörungsgeist des Krieges mit jenem von Auschwitz verglich. Nicht nur Europas Landschaften und Städte waren ausgelöscht, sondern natürlich auch Millionen von Menschenleben.
35 bis 40 Millionen Menschen wurden ermordet, weitere 40 Millionen waren „displaced“, also vertrieben, 13 Millionen Kinder waren zu Waisen geworden. Europa war ein trauernder Kontinent, jeder kannte jemanden, der im Krieg getötet worden war, viele haben ihre Familien, ja sogar ihre ganze Gemeinschaft verloren.
Wir erinnern uns heute besonders an das Schicksal der Juden, weil wir wissen, dass ihr Volk komplett ausgelöscht hätte werden sollen. Es gab viele weitere Massaker, sie fanden oft in kleinen Ortschaften statt, die komplett vernichtet wurden, wie etwa Marzabotto in Italien, Lidice in der damaligen Tschechoslowakei, Distomo in Griechenland, Oradour-sur-Glane in Frankreich und viele andere mehr.
Das Singuläre am Holocaust war deshalb auch für viele Menschen nach dem Krieg schwer zu begreifen, weil es so viele andere Beispiele für Gräueltaten und Tod gab, überall. Eine andere Form der Zer­störung ist heute nur mehr schwer greifbar und noch schwerer vorstellbar, weil sie sich in den Herzen und Köpfen der Menschen abspielte. Gewalt, extreme, rohe Gewalt wurde Teil ihres Alltags. Betrügereien, Diebstähle, Schwarzmarkt, Prostitution – all das war Teil der Normalität. Für viele war es der einzige Weg, den Krieg zu überleben.
Manches wurde durch das Kriegsende sogar noch schlimmer. Der Lebensmittelmarkt brach zusammen, Behörden, Justiz und Polizei kollabierten. Der Hunger war nach 1945 ein ständiger Begleiter. Kriminalität, Ausbeutung und Erniedrigungen kamen dazu.
Der britische Reiseschriftsteller Norman Lewis etwa beschreibt eindrücklich, wie ihm Männer in Neapel nach dem Krieg völlig selbstverständlich ihre Frauen und Töchter angetragen hätten, nur um ein warmes Essen zu bekommen. Aus Griechenland sind Berichte von Ärzten dokumentiert, die neunjährige Mädchen verarzten mussten, weil sie sich für Mahlzeiten prostituiert hatten. In Wien wurde im Müll nach Abfällen gesucht, nachdem die Essensrationen auf 800 Kalorien pro Tag herabgesetzt worden waren.

Wenn wir das Kriegsende also als Happy End erinnern, ignorieren wir, dass das Leben für die Menschen in Europa nach 1945 in Wahrheit desperat war. Hier wurde nicht getanzt und gelacht, sondern getrauert, weiter zerstört, ausgebeutet und ums Überleben gekämpft – mit sprichwörtlich allen Mitteln.
Das Kriegsende im Mai 1945 war also kein Happy End, es war nicht einmal ein „Ende“ im klassischen Sinne. Im Gegenteil, es gab eine Menge offener Rechnungen. Es gab Kriegsverbrecher, die gefangen, Kollaborateure, die ausgeforscht und bestraft werden mussten, gewaltiges Unrecht, das gerächt werden wollte. Europa war hoffnungsvoll, aber gleichzeitig auch hasserfüllt.
Der Reporter der New York Times Cyrus Sulzberger schrieb damals: „Europa befindet sich in einem Zustand, den kein Amerikaner auch nur verstehen könnte. Wirklich jeder alter Konflikt wurde neu aufgeladen. Franzosen, Italiener, Russen, Polen, Tschechen, Serben, Griechen, Belgier, Niederländer, Rumänen – jeder von ihnen hat, aus unterschiedlichen, sehr persönlichen Gründen, einen fanatischen Hass auf die Deutschen. Schlimmer noch ist der neu aufgeflammte Hass zwischen den Nationen, der durch den Endkampf gegen die Nazis nur vorübergehend verdrängt worden war. Griechen gegen Bulgaren, Serben gegen Kroaten, Rumänen gegen Ungarn, Franzosen gegen Italiener, Polen gegen Russen. Am schlimmsten aber ist der Hass der Griechen, Franzosen und Polen unter- und aufeinander, weil sie unterschiedliche gesellschaftspolitische Ansätze haben, die durch den Krieg und das Chaos nur noch verstärkt werden.“
Dieser ganze Hass wurde in den Jahren nach 1945 abgearbeitet. Fast jeder wollte Rache an Deutschland nehmen. Deutsche Soldaten wurden in russische Gulags gesteckt, sie wurden aber auch in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern misshandelt. Auch wer deutsch und nicht im Krieg war, wurde gehasst. 14 bis 16 Millionen Angehörige der deutschen Minderheiten wurden aus der Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und Rumänien vertrieben.
Aber es wurden, wie Sulzberger festhielt, nicht nur Deutsche gehasst. Es gab auch andere, regionale Aggressionen, etwa zwischen Polen und Ukrainern. Im Osten Polens gab es vor und nach dem Krieg eine große ukrainische Minderheit. 1942 rekrutierten die Nazis die besonders nationalistisch gesinnten Ukrainer, damit sie ihnen bei der Vertreibung und Ermordung der Juden halfen. Ihnen fiel das nicht schwer, weil sie ohnehin von einer ethnisch gesäuberten Heimat träumten. Warum also nur die Juden vertreiben? Kurz darauf nutzten die gleichen ukrainischen Nationalisten, die von den Nazis gelernt hatten, wie man Juden deportiert, ihr Wissen und Können, um die Polen zu massakrieren. Die Polen schlugen zurück. Die ethnischen Säuberungen eskalierten zwischen 1946 und 1947 und endeten mit der völligen Vertreibung der ukrainischen Bevölkerung aus den polnischen Grenzregionen.
Das ist nur eines von vielen Beispielen für ethnische Konflikte in Grenzgebieten, die durch den Zweiten Weltkrieg angefeuert wurden und in manchen Fällen bis heute weiter nachglühen.
Hier kommen wir zum nächsten Punkt, der uns stutzig machen sollte, wenn wir über das Klischee eines „Happy Ends“ des Zwei­ten Weltkrieges nachdenken. Es ist nämlich ein Klischee, das vor allem den ein­ge­engten Blick der Alliierten wiedergibt:
Aus Sicht der Alliierten war der Zweite Weltkrieg ein simpler, bipolarer Konflikt zwischen ihnen und den Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan. Aber darunter spielten sich viele kleinere Bürgerkriege ab. Was kümmerte es die Polen und Ukrainer, dass die Deutschen im Mai 1945 in die Knie gingen? Es beendete ja nicht ihren Krieg. Ukrainische Partisanen waren im Krieg mit der Sowjetunion, ebenso wie litauische, lettische und estnische Partisanen. Für sie ging das Morden bis in die 1950er-Jahre weiter.
Als Griechenland von den Nazis okkupiert war, bekämpften kommunistische Partisanen nationalistische Kollaborateure und umgekehrt. Als die Nazis weg waren, ging der griechische Bürgerkrieg weiter, bis 1949. Den Zweiten Weltkrieg im Mai 1945 als beendet zu erklären heißt, all das auszublenden und sehr einseitig zu sein.
Ein Beispiel aus Italien zeigt besonders gut, wie kompliziert und vielschichtig der Zweite Weltkrieg wirklich war. Im Herbst 1943 versteckte sich eine kommunistische Partisanengruppe auf der nördlichen Seite der italienischen Alpen. Sie kämpften nicht nur gegen deutsche Nazis, sondern auch gegen italienische Faschisten, die das Gebiet immer noch in Griff hatten. Als sie eines Tages auf drei deutsche Wehrmachtssoldaten stießen, die gerade im Wald spazierten, nahmen sie sie fest. Sie sollten erschossen werden. Niemand wollte die Aufgabe übernehmen, auch der Versuch, die Entscheidung per Los herbeizuführen, endete mit erneutem Streit. Währenddessen stellte sich heraus, dass die drei Deutschen Arbeiter waren wie sie selber und in die Wehrmacht eingezogen worden waren. Sollten sie, als Kommunisten, ihresgleichen hinrichten, selbst wenn es Deutsche waren? Waren sie nicht Opfer kapitalistischer Streitkräfte, entgegen ihrem Willen zum Kämpfen verdammt? Letztlich entschieden die kommunistischen Partisanen, sie wieder freizulassen.

Was passierte? Die drei Deutschen be­richteten ihrem Offizier. Drei Tage später rückte die deutsche Armee ins Partisanengebiet vor und zwang sie zur Flucht um ihr Leben. Die Italiener hatten mit ihrer guten Tat nicht der kommunistischen Sache in der Welt gedient, sondern sich selbst in Gefahr gebracht. Von diesem Tag an wurde jeder Gefangene sofort hingerichtet.
Unser Bild eines „Happy End“ des Zweiten Weltkrieges ist ein sehr westlich geprägtes. Wir vergessen, dass die andere, die östliche Hälfte des Kontinents nicht vom Totalitarismus befreit wurde, sondern eher den Übergang von einem totalitären System in ein anderes erlebte.
Rumänen, Polen und die baltischen Staaten verbinden mit dem Kriegsende keine Feierlichkeiten, sie erinnern sich an keine Bilder von Menschenmassen, die die Alliierten bejubeln. Im Grunde ist das eine Schande, denn es gab damals sehr wohl Feste und es gab auch Menschen, die die sowjetischen Soldaten begrüßten. Aber man erinnert sich heute nicht mehr daran, weil gleich danach etwas völlig anderes passierte.

Keith Lowe in FALTER 18/2015 vom 01.05.2015 (S. 10)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Krieg in Österreich 1945 (Manfried Rauchensteiner)

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