In den Fängen des Dr. Gross
Das verpfuschte Leben des Friedrich Zawrel

von Oliver Lehmann, Traudl Schmidt

€ 18,00
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Verlag: Czernin
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.06.2001

Rezension aus FALTER 6/2016

Wie es KZ-Häftlingen nach der Befreiung in Österreich erging

Es ist eine weitere hässliche Episode in der Geschichte des rechtsextremistischen „Akademikerblattes“ Aula. Ein Autor hatte dort Mauthausen-Befreite als „Massenmörder“ bezeichnet, die nach ihrer Freilassung „raubend und plündernd, mordend und schändend“ durch „das unter der ‚Befreiung‘ leidende Land“ gezogen seien. Die Staatsanwaltschaft hat von der Verfolgung dieser Aussage abgesehen, die Begründung war skandalös: „Es ist nachvollziehbar“, schrieb die Behörde, „dass die Freilassung mehrerer tausend Menschen aus dem Konzentrationslager Mauthausen eine Belästigung für die betroffenen Gebiete Österreichs darstellte.“
Wer sich für die Zeit nach 1945 wirklich interessiert – zumal für das Schicksal von KZ-Häftlingen oder anderen Verfolgten –, dem seien drei Bücher ans Herz gelegt. Einen breiten historischen Überblick bietet Keith Lowe in seinem gefeierten Werk „Der wilde Kontinent“. Minutiös und anhand vieler Fakten und Zahlen beschreibt er, wie KZ-Häftlinge durch Deutschland irrten – ignoriert und verachtet von einer Bevölkerung, die in zerstörten Häusern lebte oder vermisste und gefallene Söhne zu betrauern hatte. Falter-Chefredakteur Armin Thurnher wiederum widmete dem Auschwitz-Überlebenden Leon Zelman, dem späteren Präsidenten des Jewish Welcome Service, eine Biografie.
Auch darin wird beschrieben, wie Zelman zurück nach Wien kam und wie gehässig er dort empfangen wurde. Die Journalisten Oliver Lehmann und Traudl Schmidt wiederum widmeten der Lebensgeschichte des Euthanasie-Überlebenden Fritz Zawrel ein äußerst beklemmendes und spannendes Buch.

Florian Klenk in FALTER 6/2016 vom 12.02.2016 (S. 17)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein Leben nach dem Überleben (Leon Zelman, Armin Thurnher)
Der wilde Kontinent (Keith Lowe, Stephan Gebauer, Thorsten Schmidt)

Rezension aus FALTER 43/2011

Was die Nazis unter "Kinderheim" verstanden: der Fall Friedrich Zawrel

Wurde in den 70er-Jahren in Wiener Heimen die Erziehungstradition des Dritten Reichs fortgesetzt? SPÖ-Stadtrat Christian Oxonitsch stellte diese These vergangene Woche in den Raum. Wenn dem so wäre, was hätte dies zu bedeuten? Von welcher Tradition spricht der Jugendstadtrat?
Es gibt ein ehemaliges Heimkind, das auf diese Fragen Antworten geben kann: Friedrich Zawrel, 82, Träger des Großen Ehrenzeichens der Stadt, das er aus Protest gegen die rote Ignoranz und Vertuschung lange Zeit abgelehnt hatte.
Friedrich Zawrel hat nicht nur die systematische Kinderquälerei in städtischen und ländlichen Kinderheimen, sondern sogar die Euthanasieanstalt am Spiegelgrund und ihren gefürchteten NS-Arzt Heinrich Gross überlebt. Zawrel hat den Massenmörder mithilfe des Arztes Werner Vogt in den 80er-Jahren schließlich überführt (doch die SPÖ, die rot regierte Stadt und das rote Broda-Justizministerium blieben fast 20 Jahre untätig, weil sie den treuen Genossen schützen wollten). Erst vor wenigen Jahren konnte sich die Stadt dazu aufraffen, eine Gedenkstätte am Spiegelgrund zu errichten. Zawrels Erinnerungen zeigen, wie der sozialistische Fürsorgegedanke des Roten Wien abrupt in einem autoritären und letztlich mörderischen Erziehungs- und Selektionswahn endete. Einem Wahn, der laut Oxonitsch sogar die 70er-Jahre geprägt habe.
Fritz Zawrel hat sein Leben einer Kinderschwester namens Rosa zu verdanken. Sie öffnete ihm im März 1944 am Spiegelgrund die Zellentüre und sagte: "Schau, dass du nie wieder herkommst." Und Zawrel rannte um sein Leben durch die Kleingärten des Steinhof.

Damit war seine von den Nazis geprägte Heimkarriere fürs Erste beendet. So hatte sie ausgesehen: Zawrel, dem die NS-Ärzte später seine "erbbiologisch minderwertige" Herkunft und seine "asoziale Sippe" vorwarfen, kam 1935 in die "Kinderübernahmestelle" in der Lustkandlgasse. Das Rote Wien war ein Jahr zuvor vom Austrofaschismus besiegt worden, aber es sollte noch einige Zeit dauern, bis dessen wohlfahrtsstaatliche Errungenschaften beseitigt wurden. Es habe "erstmals weiße Leintücher gegeben, Grießkoch mit Kakao" und Erzieherinnen, die ihn, den frechen Straßenbuben aus Kaisermühlen, wuschen und entlausten, ehe sie ihn an Pflegeeltern übergaben. "Den Sozialdemokraten", sagt Zawrel, "werde ich das nicht vergessen."
Er verlässt seine groben Pflegeeltern, landet in den Wiener Zentralkinderheimen in der späteren Semmelweisklinik und auf der Baumgartner Höhe, er kommt in Heime in Mödling, Ybbs und schließlich auf die "Klinik" am Spiegelgrund, wo er am Ende seines Leidensweges Karren mit ermordeten Kindern sehen wird.
Was hat Zawrel in den Heimen erlebt? Drei Viertel der Erzieher, sagt er, seien Sadisten gewesen. Als Hitler die Macht in Wien übernahm, "wollten sie aus uns richtige SSler machen". An Wochenenden seien die Kleinen zum Bettenbau oder Froschhüpfen kommandiert worden. Bis auf die Unterhose mussten sie sich ausziehen, um auf dem nassen Terrazzoboden zu springen. Es gab Schläge mit dem Lineal, mit Haselnusszweigen, mit der Faust.

Am Spiegelgrund, wo NS-Ärzte "erbbiologisch minderwertige" Kinder heimlich mit Luminal vergifteten (und ihre Hirne in Alkohol einlegten, wo diese bis in die 90er-Jahre zu Forschungszwecken verwendet wurden), wurde Zawrel nicht nur mit "Speibinjektionen" gequält, man steckte ihn auch in eiskaltes Wasser, stellte ihn nackt vor sadistische Schwestern und überließ ihn tagelang in einer Zelle sich selbst. Der Spiegelgrund, so musste Zawrel erkennen, war nicht mehr auf Erziehung oder Drill, sondern auf Ermordung angelegt.
Friedrich Zawrel musste Jahrzehnte kämpfen, bis ihn die Zweite Republik rehabilitierte. Er musste hinnehmen, dass sein Peiniger Gross später als Gerichtsgutachter in einem Prozess, der Zawrel betraf, erneut seine Macht ausüben und ihn für gefährlich erklären durfte. Erst eine Gruppe kritischer Mediziner rund um Werner Vogt half Zawrel zurück in ein normales Leben.
Heute spricht der humorvolle und versöhnliche Zawrel vor Schülern und Richterinnen, vor Krankenpflegeschülern und Historikerinnen. Er wurde von Stadträten geehrt, sein Leben wurde verfilmt und literarisch festgehalten (siehe links).
Auch er verfolgt die Debatte um die Zustände am Wilhelminenberg, die vom Kurier veröffentlichten Vorwürfe der "Serienvergewaltigung" und des "Tottretens von Kindern" durch Erzieherinnen. Ob er diese brutalen Verbrechen für möglich hält? Zawrel sagt kurz und bündig: "Nein." Solche Zustände, sagt er, wären nicht einmal in den Heimen seiner Kindheit Jahre lang unentdeckt geblieben.

Florian Klenk in FALTER 43/2011 vom 28.10.2011 (S. 12)


Rezension aus FALTER 26/2001

Zwei neue Veröffentlichungen von zwei ehemaligen "Falter"-Redakteuren: Patrik Volf zeigt Wege zur Integration von Ausländern auf und Oliver Lehmann, gemeinsam mit der Historikerin Traudl Schmidt, die braunen Flecken der SPÖ im Fall Dr.Heinrich Gross.

Waren Sie schon einmal beim Psychiater, abgesehen davon, was Sie mir erzählt haben?" - "Für einen Akademiker haben Sie aber ein schlechtes Gedächtnis. Können Sie sich nicht erinnern, Herr Doktor?" - "An was soll ich mich erinnern können?" - "Sie werden doch nicht den Spiegelgrund vergessen haben, den 15er- und 17er-Pavillon?" - Ein Dialog aus dem Jahr 1975 zwischen Dr. Heinrich Gross und seinem Patienten Friedrich Zawrel, nachzulesen im neuesten Buch des Czernin-Verlages.

Darin erzählen der ehemalige Falter-Redakteur und heutige Universum-Magazin-Chef Oliver Lehmann und die Historikerin Traudl Schmidt gleich zwei Geschichten. Einerseits die tragische Lebensgeschichte des Wieners Friedrich Zawrel, der nicht nur als Kind in der "Fürsorgeanstalt Am Spiegelgrund" in die Fänge des NS-Psychiaters Heinrich Gross geriet, sondern dank dem späteren Gerichtsgutachter und SPÖ-Parteimitglied Gross auch noch 13 Jahre Gefängnishaft wegen eines Einbruches ausfasste. Andererseits dokumentiert das Buch die Chronologie jener Verstrickungen und Abhängigkeiten, die Gross nach 1945 vor Enthüllungen über seine Vergangenheit als Euthanasie-Arzt im Dritten Reich schützte: Parteikollegen und Mitglieder des Bundes Sozialistischer Akademiker, in den Gross nach dem Krieg eingetreten war, sowie Justiz- und Wissenschaftsbeamte halfen dem nunmehrigen Gerichtspsychiater immer wieder weiter.

Das Buch birgt für die SPÖ aber auch durchaus aktuelle Brisanz: So verweigerte der Wiener Vizebürgermeister und BSA-Präsident Sepp Rieder etwa den Autoren Zugang zu relevanten Dokumenten des Akademiker-Archives. Zum anderen ist die parteiinterne Historikerkommission, die SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer anlässlich seiner "Braunen Flecken"-Rede vor über einem Jahr angekündigt hatte, noch immer nicht eingerichtet. Auf Anfrage der Autoren hieß es in der Löwelstraße, dass das Geld für diese Arbeitsgruppe noch nicht aufgestellt sei.

Nina Weissensteiner in FALTER 26/2001 vom 29.06.2001 (S. 16)


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