Über Menschen
Roman

von Juli Zeh

€ 22,70
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Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.03.2021


Rezension aus FALTER 14/2021

Horst Wessel und Hortensien

Felder, Wälder, kaum Autos und noch weniger Menschen: Bestsellerautorin Juli Zeh, 46, lebt in einem winzigen Ort in Brandenburg. Die Einschicht hat sich für ihre in Deutschland breit diskutierten Romane als produktiv erwiesen. „Unterleuten“ (2016) etwa handelte davon, wie der geplante Bau eines Windparks ein Dorf in Aufruhr versetzt.

„Über Menschen“ schließt nicht nur im Titel daran an. Wieder führt Zeh in eine abgelegene Gegend mit schlechter Infrastruktur. Diesmal geht es um die Frage, warum die Menschen dort so zornig auf die Politik in Berlin sind, dass sie anstatt eines Namensschilds einen AfD-Aufkleber auf den Postkasten picken.

Die Autorin schickt ihre Romanheldin Dora aus, um hinter die Mauern zu blicken und mit Rechten zu reden. Die Mittdreißigerin flieht im Frühjahr 2020 mit Hund und Laptop aus der Hauptstadt sowie aus der Beziehung mit einem übergescheiten Journalisten und Lockdown-Hardliner in die Provinz. Der vage Plan der Werbetexterin: Ein wenig Ruhe finden. Daraus wird natürlich nichts.

Die Figur, die als Vermittlerin zwischen den Welten fungiert, bekommt ordentlich zu tun. Zunächst geht ihr auf, dass der Garten zu groß, die Arbeit ohne passende Geräte so mühsam wie zeitraubend und der öffentliche Verkehr in ihrer neuen Hood praktisch tot ist. Der nächste Dämpfer: Das Nachbargrundstück ist nur auf den ersten Blick unbewohnt. Hier residiert ein Mann namens Gote, der sich bei Dora mit „Angenehm. Ich bin hier der Dorf-Nazi“ vorstellt.

Sie reagiert mit Schockstarre. Gote erweist sich jedoch schnell als a) erfreulich wortkarg, b) patenter Tischler und c) talentierter Sänger, zumindest, wenn er sich beim Repertoire auf Kinderlieder beschränkt. Bei anderer Gelegenheit sitzt er mit Nazikumpels am Gartentisch beisammen und grölt besoffen das Horst-Wessel-Lied. Das findet Dora dann nicht so schön und möchte ihr Haus gern gegen ein anderes tauschen.

Achtung, Plot-Twist: Sie verwirft die Idee umgehend wieder, als Gote ihr tags darauf eine Mitfahrgelegenheit zum Gartencenter bietet. Eben noch war Dora seine Nähe unerträglich, nun lässt sie sich von dem amtsbekannten Rechtsradikalen mit ­Restalkohol und entsprechenden Ausdünstungen chauffieren und erstaunlich einfühlsam beim Pflanzenkauf beraten.

„Über Menschen“ will vermitteln, dass sich Gut und Böse nicht sauber trennen lassen. Mit Gote kann Dora, die ihren Medienkonsum im Dorf zurückfährt und von Corona kaum etwas mitkriegt, zwar nicht gut reden, aber umso besser schweigen und rauchen. Okay, der Typ ist ein übler, mehrfach gewalttätig gewordener Rassist, aber solange er nüchtern bleibt, kriegt seine Umgebung nichts davon mit. Irgendwie ist Gote dann sogar ein guter Kerl und die Nachbarschaftshilfe in Person.

Der Clash der Kulturen bleibt aus, Zeh ist um Verständnis und Ausgleich bemüht. Ihre Gedanken hängt sie dabei wenig elegant der Hauptfigur um, die ständig innere Monologe im Stil von Reportagen aus strukturschwachen Regionen führen muss.

„Als blickte sie auf die geheime Unterseite der Nation“, heißt es da etwa. „Kaum zu glauben, dass sich ein stinkreiches Land Regionen leistet, in denen es nichts gibt. Keine Ärzte, keine Apotheken, keine Sportvereine, keine Busse, keine Kneipen, keine Kindergärten oder Schulen. […] Regionen, in denen Rentner nicht von der Rente leben können und junge Frauen Tag und Nacht arbeiten müssen, um ihre Kinder zu versorgen. […] Wer aufbegehrt, wird verunglimpft, als dummer Bauer, als Irgendwas-Leugner oder gleich als Demokratiefeind. Irgendwie, denkt Dora, hat Deutschland die AfD beim Universum bestellt und bekommen.“ Ja, eh.

Um Juli Zeh nicht Unrecht zu tun: „Über Menschen“ ist ein hochaktueller Zeit- und Gesellschaftsroman. Die Autorin beherrscht ihr Handwerk: Nichts soll vom Thema ablenken; die Sprache ist dementsprechend Nebensache, sie schnurrt unauffällig und verlässlich dahin wie ein deutsches Mittelklasseauto mit Verbrennungsmotor.

Man liest das interessiert, teils auch amüsiert und fühlt sich bisweilen ertappt, wenn Dora einem eigene Vorurteile vor Augen führt. Aber über 400 Seiten fehlt es entschieden an Reibung und Tiefgang. Als Minimal-Botschaft und moralischer Auftrag bleibt: Auch in Nazis können gute Menschen schlummern. Wenn man sie nur nett genug behandelt, werden sie in Zukunft weniger randalieren und wahrscheinlich nie wieder jemanden abstechen. Wer bekommt da nicht gleich Landlust?

Sebastian Fasthuber in FALTER 14/2021 vom 09.04.2021 (S. 33)


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