Traum der Literatur - Literatur des Traums
Münchner Poetik-Vorlesungen

von Barbara Frischmuth

€ 15,00
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Verlag: Sonderzahl
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2009


Rezension aus FALTER 15/2010

Tierisch geil: Toller Sex mit Ottern

Barbara Frischmuth erforscht in ihrem Bestiarium "Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber" das nackte Wesen der Sprache

Dass sich aus der eingehenden Betrachtung des Animalischen Interessantes auch über die menschliche Natur, vielleicht sogar über das Göttliche gewinnen ließe, ist ein alter Motor für die Produktion literarischer Texte, die auch tierisches Personal als Akteure versammeln. Die oft prachtvoll ausgestalteten mittelalterlichen Bestiarien etwa, die sich auf den "Physiologus" aus dem zweiten Jahrhundert zurückführen lassen, suchten tierische Wesensmerkmale mit christlicher Heilslehre kurzzuschließen, Märchen und Fabeln war es um moralische Erbauung zu tun. Mit einem Potenzial, das sich auch heute nicht bloß auf junge Leser erstreckt, wie jüngst Michael Köhlmeiers beinharte Tierparabel "Wie das Schwein zum Tanze ging" gezeigt hat. Durch das Schwein sagt es sich oft besser als durch die Blume.
In Barbara Frischmuths Werk hat die Fauna immer schon eine zentrale Rolle gespielt, Johanna Stabinger hat das einmal treffend mit Frischmuths Bekenntnis zu einer Literatur in Zusammenhang gebracht, die "Reales und Irreales, Erlebtes und Vorgestelltes, statistisch Erfaßtes und mythologisch Tradiertes ineinander übergehen" lassen solle. "Die Welt ist phantastisch", glaubt Frischmuth, und was sie damit meint, lässt sich auch gut in ihren Münchner Poetikvorlesungen aus 1990 vertiefen, die gerade wieder in einer erweiterten Ausgabe bei Sonderzahl erschienen sind.
Und so finden sich Tiere in einer ganzen Reihe von Frischmuth-Texten: für Erwachsene ebenso wie für Kinder, in traumhaften ("Herrin der Tiere", "Otter") wie in märchenhaften Erzählzusammenhängen ("Mörderische Märchen", "Machtnix"), ebenso in vielen von Frischmuths Romanen, dort oft in Form mythologischer Bezüge, oder schließlich als Beiträger von Anekdoten zu ihren Gartenbüchern ("Marder, Rose, Fink und Laus").

Pferd, Otter, Marder und mehr als zwei Dutzend weiterer Tiere spielen nun auch Haupt- oder kleinere Nebenrollen in "Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber" – einer eigenwilligen Sammlung 18 tierischer Texte samt dazupassender Grafiken des Niederländers Wouter Dolk. Mit dem Filmemacher Peter Greenaway, dem im Titel Referenz erwiesen wird, hat das Buch wenig zu tun, vielmehr kann man es als fröhlich-verspieltes Beispiel für Frischmuths poetisches und formal abwechslungsreiches Verweben von Wirklichkeiten lesen.
In der fantastischen Miniatur "Der Gedächtnistrainer" etwa, einer Parodie auf Patrick Süskinds "Parfum", fällt ein Elefant, Besitzer eines Porzellanladens, immer dann in Raserei, wenn ihm ein spezieller Duft in den Rüssel strömt. Von "Affenliebe" erzählt Frischmuth in Form von sieben E-Mails, die eine Makakenschauspielerin – ja, im "Affentheater" – ihrem fernen Geliebten schickt, und in "Spinnen spinnen" richtet ein Ich-Erzähler die Rede an eine – vermutlich tote – Spinne im Badezimmer.
Andere Texte wie "Katzenjammer" oder "Der Trampel" sind formal stärker an "bestiarische" Abhandlungen im klassischen Sinn angelehnt, die freilich weniger am Wesen der Gattung als an dem der Sprache interessiert sind und den Spuren nachgehen, die Tiere in Redensarten, Sprichwörtern oder Kalendersprüchen hinterlassen haben. Was am Ende ja auch einiges über den sprechenden Menschen aussagt. Keine Narration im strengen Sinn, schon gar keine Moral treibt diese Texte, sondern vielmehr die spielerische Energie, die in animalischen Metaphernwelten steckt. "Der Hund liegt dort begraben, wo der Schwanz mit einem anderen Hund wedelt", heißt es da zum Beispiel. In den Texten wimmelt es nur so von Bildungsunken, Busenschlangen, Krokodilstränen oder Pferdeärschen – jede Menge Doppelbödigkeiten, Fallstricke, Aberrationen und ein paar Gemeinplätze inklusive. "Die Sprache spielt ihre Spielchen nach eigenen Regeln", erklärt Frischmuth das Verfahren an einer Stelle gleich selbst.

Eine besonders erfreuliche Abweichung zu traditionellen Tiertexten, wo den Viechern in der Regel so gar kein Vergnügen gegönnt wird: In Barbara Frischmuths Bestiarium wird geschweinigelt und gevögelt, dass es nur so eine Freude ist. Im "Ottern-Dilemma" zum Beispiel: "Ist die Otter männlich und der Otter weiblich, kann es passieren (…), dass die Otter versucht, in den Otter einzudringen (…)." Wo steckt da bloß der Wurm drin?

Thomas Wolkinger in FALTER 15/2010 vom 16.04.2010 (S. 50)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Kuh, der Bock, seine Geiß und ihr Liebhaber (Barbara Frischmuth, Wouter Dolk)

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